Index 09 - Hamburg

Ich habe mit meinem Dogma gebrochen

Zum neunten Mal öffnet die Verkaufsausstellung Index vom 26. bis 29. November in Hamburg ihre Türen. Eigentlich wollte die Kuratorin und Leiterin Elena Winkel wie immer die junge Kunstszene der Stadt fördern. Doch dieses Mal hatte sie Mühe, genügend Künstler zu finden. art sprach mit Winkel über ihr Konzept, Erfolgsgaranten und die Probleme für junge Künstler in Hamburg.
"Ich trenne nicht zwischen Markt und Qualität":Das Interview zur Index 09

"Index ist kein Kunstbasar": Elena Winkel, die Kuratorin und Gründerin von "Index" – vor der Fotografie von Berndt Jasper "Ohne Titel", 2007

Frau Winkel, wie oft haben Sie bei der Künstlerauswahl den Satz gehört: "Bitte nehmen Sie meine Werke, damit ich die hohe Miete für mein Atelier zahlen kann"?

Elena Winkel: Gar nicht zum Glück. Index hat nichts mit Mietezahlen zu tun. Es geht um Anerkennung, um Kommunikation mit dem Publikum und mit anderen Künstlern.

Ist eine Kunstmesse die zeitgemäßere Ausstellung?

Zeitgemäß ist eine Verkaufsaustellung immer. Aber darum geht es mir nicht. Die Auseinandersetzung mit der Kunst ist einfach eine andere, als wenn ich ins Museum gehe. Wenn ich die Arbeit nicht nur betrachte, sondern auch erwerbe.

Wie viel muss der Messebesucher für ein Kunstwerk zahlen?

Das geht bei 150 Euro los und endet bei 5000 Euro.

Für Kunst ist das ein Schnäppchen.

Eigentlich schon. Ich achte darauf, dass es nicht zu teuer wird. Künstlern, die noch nie etwas verkauft haben, fällt es auch schwer einen Preis für ihre Arbeiten zu nennen. Ich berate sie dann. Für sie ist diese Ausstellung auch eine gute Gelegenheit, sich mit dem Wort Marktwert auseinanderzusetzen.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Werke dieses Mal ausgewählt?

Ich versuche zu erkennen, ob es gegenwärtig Schwerpunkte bei den jungen Künstlern gibt. Dieses Mal ist es die konzeptionelle Auseinandersetzung mit der Malerei, zum Beispiel bei dem Estländer Eriks Apalais. Er reduziert seine Werke auf absolute Grundlagen, was zu sehr leeren Bildern führt. Dieser Ansatz fällt mir auch bei anderen auf. Und dass sich die Künstler mit Erzählstrukturen befassen, mit Brüchen in Bildräumen wie diese merkwürdigen, nach Collage aussehenden Bilder von Katrin Bahrs, die aber glatte Computerausdrucke sind. Sie sehen nach Moderne aus, sind geometrisch, mit Faltungen. Zwischen den Objekten entwickelt sich eine Dynamik, obwohl sie für sich allein keine Geschichte erzählen.

Sie haben für dieses Jahr Malerei, Zeichnungen und Fotografien ausgesucht. Ist das der Trend in der jungen Kunstszene oder das, was sich im Moment am besten verkauft?

Der Verkaufsaspekt ist natürlich wichtig. Zu meiner Ehrenrettung muss ich aber sagen, dass ich schon Künstler drei Jahre hintereinander ausgestellt habe, die über Index nichts verkauft haben. Ich trenne nicht zwischen Markt und Qualität. Das geht beides einher.

Es dürfen nicht nur diejenigen wiederkommen, deren Werke sich gut verkauft haben?

Ich lade Künstler wieder ein, wenn ich eine Entwicklung in ihrer Arbeit sehe, nicht weil das gut gegangen ist. Und natürlich gibt es auch Erfolgsgaranten für die Messe. Es wäre verrückt, wenn ich nicht so denken würde.

Warum gibt es auf der Ausstellung keine verstörende Kunst?

Das liegt an meinem persönlichen Geschmack. Ich mag lieber, wenn es subtil ist. Deshalb finden Sie hier keine ausdrückliche raue, politische Kunst, ein bisschen Sex oder Gewalt. Kann man heute überhaupt noch kritisch mit Kunst brechen? Die Medien sind so brachial, dass der Künstler im Grunde vermutlich nur noch niedlich werden kann. Politisches Pathos und Moral wird in der Kunst schnell zu Kitsch und dadurch doch wieder harmlos. Ich bekomme lieber den Tritt von hinten als angeschrieen zu werden. Danach suche ich die Werke aus. Und wenn Sie genau hinsehen, werden Sie in dieser Ausstellung Isolation, Verirrung, Ängste, Dunkelheit und sehr viele Fragen erkennen.

Vor acht Jahren sind Sie mit dem Anspruch angetreten, zu zeigen, wie spannend und hochwertig die Kunstszene Hamburgs ist. Jetzt ziehen viele Künstler weg, wandern nach Berlin ab. Fällt es Ihnen schwer, hier noch Künstler zu finden?

Ja. Deshalb werde ich ab 2010 nicht mehr nur in Hamburg suchen. Die Arbeitsbedingungen für Künstler werden in Hamburg zunehmend schwieriger. Deshalb habe ich mit meinem Dogma gebrochen und lasse auch Künstler aus anderen Städten teilnehmen, weil es sonst so etwas Lokalpatriotisches bekäme.

Ihrem Ziel, Hamburgs Künstler zu fördern, bleiben Sie dann aber nicht treu.

Der Schwerpunkt auf Hamburg wird bleiben. Ich engagiere mich seit Jahren in dieser Stadt und werde jetzt nicht damit aufhören. Ich bin auch hier im Gespräch mit anderen Initiativen. Für Künstler ist die schwierigste Situation nach dem Studium, wenn sie in die freie Wildbahn kommen. Das ist der Moment, in dem sich viele von ihnen entscheiden, nach Berlin zu gehen, weil die Lebensumstände dort besser scheinen. An dieser Stelle müssen wir uns sehr schnell etwas einfallen lassen, um die Künstler zu halten.

Wie könnte das aussehen?

Vor zwei Jahren zum Beispiel haben mich zwei junge Kunstförderer angesprochen. Sie wollten sich gern engagieren, wussten aber nicht wie. Daraus ist ein Atelierstipendium geworden: zwei Künstler, zwei Jahre, mit Materialgeld und Katalog. Und das wird bis heute fortgesetzt. Aber so großartig private Initiativen sind, auch die Politik der Stadt Hamburg muss sich hier nachhaltig verantwortlich fühlen.

Seit der ersten Index 2001 haben rund 180 junge Künstler ausgestellt. Hat jemand von ihnen Karriere gemacht?

Ja, einige. Der Zeichner und Fotograf Peter Piller zum Beispiel hat bei mir 2001 ausgestellt, heute ist er Professor an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Dennis Scholl ist hier mit seinen Zeichnungen entdeckt worden. Seine Werke wurden danach direkt in der Hamburger Kunsthalle gezeigt. Einmal hat ein Sammler ein Bild von Hennig Kles gekauft. Auf die Bezahlung warte ich seit sechs Jahren. Der Mann hatte mir seine Visitenkarte gegeben, und ich habe sie verloren. Deshalb konnte ich ihm nie eine Rechnung schreiben. Es war der letzte Tag der Ausstellung, wir waren alle überarbeitet. Damals war das nicht schlimm, das waren ein paar hundert Euro. Aber heute ist das Bild zwanzigmal so viel wert. Ich hoffe, dieser Sammler weiß, was er da hat. Für manche Künstler kann es aber auch schwierig sein, zu schnell in einem großen Rahmen präsentiert zu werden.

Was meinen Sie damit?

Im Unterschied zu früher stelle ich heute nicht mehr Arbeiten von Stundenten aus dem ersten, zweiten oder dritten Semester aus. Ich will eine Kunst zeigen, die einen Standpunkt formuliert, und nicht ein beliebiges schönes Bild.

Weil dann auch Ihre Ausstellung beliebig aussieht?

Die Index ist kein Kunstbasar. Ich fange ein Jahr vorher an zu suchen, mache zwei Atelierbesuche pro Künstler, gehe auf Ausstellungen, schaue mir viel an und treffe eine lange überlegte Auswahl. Ich habe meine Meinung über Arbeiten, die mir zuerst gefielen, auch schon geändert.

Warum?

Ein Beispiel: Ich sehe eine Arbeit in einer Gruppenausstellung, die mich überzeugt. Dann melde ich mich bei dem Künstler, wir treffen uns, und ich stelle fest: Der Künstler ist noch nicht so weit, das war ein Zufallstreffer. Was ich in seinem Werk sehe, passiert noch unbewusst. Dann warte ich lieber und schaue mir seine Arbeiten zu einem späteren Zeitpunkt noch mal an.

Haben Sie schon eine Ahnung, welches Werk sich dieses Mal schnell verkaufen wird?

Ja, und ich habe auch überlegt, ob ich es sauteuer mache... aber das wäre natürlich total unseriös.

Von welchem sprechen Sie?

Ich habe Angst um die Bilder von Tim Burchardt. Das ist eine Ästhetik, die man auch falsch verstehen kann. Das hat so was Harmloses, Poetisch-nettes. Aber diese Bilder sind total dunkel, verschroben und beängstigend. Am liebsten würde ich selbst bestimmen, wer ein Bild von ihm kaufen darf. Ich will nicht, dass die Künstler verschachert werden gerade bei so kleinen Formaten.

Haben Sie auf Ihrer Ausstellung selbst schon einmal eingekauft?

Ich reiße mich zusammen und erlaube mir, am letzten Tag der Ausstellung etwas auszusuchen. Sonst bringe ich eine Wertung rein, und das wäre dem Künstler gegenüber nicht fair.

Und was hängt bei Ihnen zu Hause?

Sehr, sehr viele Arbeiten.

"Index 09"

Termin: 26. bis 29. November 2009, Kunsthaus Hamburg
http://www.index-hamburg.de/