Art Basel Miami Beach - Kunstmesse

Und ewig lockt der Künstler

Weniger VIP-Karten und weniger Gedränge: Bei der Art Basel Miami Beach sind die ganzen fetten Jahre vorbei, berichtet Claudia Bodin von der Kunstmesse in Florida.
"Zu wenig mitgebracht":Trotz Finanzkrise läuft das Geschäft auf der Messe

Kein Messestand ohne Handyfotos: Besucher fotografieren ihr Spiegelbild auf Anish Kapoors Arbeit aus glänzendem Stahl

Mit 680 Anwärtern hatten sich für die Teilnahme an der Art Basel Miami Beach so viele Galerien beworben wie nie zuvor seit der ersten Messe 2002.

257 wurden ausgewählt. Eine Rekordzahl von 25 Satelliten-Messen, darunter Neuzugänge wie ”Untitled" in einem Zelt am Strand und ”Miami Project", hängten sich an die Veranstaltung. Doch trotz all der Rekorde und der Rekord-Ergebnisse bei den Herbstauktionen in New York scheinen die fetten Jahre vorbei zu sein. Die Sammler ließen sich mit ihren Einkäufen Zeit. Die Zahl der VIP-Karten war drastisch reduziert worden, so dass ich niemand durch Gänge und Kojen schieben musste. Die Geschäfte liefen bei manchen hervorragend, bei anderen enttäuschend schleppend.

Zu den Erfolgsmeldungen der ersten Stunden zählten Fernand Légers ”Les deux femmes a l'oiseau", das für 1,6 Millionen Dollar bei der Galerie Thomas aus München verkauft wurde. Zwei von Mark Grotjahns Schmetterlingen für je 100 000 Dollar bei Blum and Poe. Zwei Strickbilder von Rosemarie Trockel in der Gladstone Gallery für je 220 000 Euro. Andreas Gurskys ”Bangkok VI" für 400 000 Euro, das bei Sprüth Magers an einen Sammler ging, der aus Europa angereist war. Und ein frühes Damien-Hirst-Gemälde für 7400 00 Euro und eine Arbeit von Georg Baselitz für 500 000 Dollar, die bei bei White Cube aus London verkauft wurden. Hauser & Wirth hatte auch zu dieser Messe wieder Roni Horns frostig schöne Glasblöcke mitgebracht und verkaufte ein Exemplar für 850 000 Dollar. Die Berliner Kollegen von Contemporary Fine Arts hatten Chris Ofilis "Golden Angel Three” für 225 000 Euro, Arbeiten von Gert und Uwe Tobias zu Preisen von 32 000 Euro und mehrere Bilder von dem jungen österreichischen Maler Markus Bacher (für je 11 000 Euro) verkauft. ”Wenn es hier so gut läuft, brauchen wir nicht auf die Messen in New York zu kommen", sagte Bruno Brunnet.

Auch Johann König stand gegen Nachmittag auf einem mehr oder weniger ausverkauften Stand. Nur das farbbeschmierte Sofa von Katharina Grosse war zu noch zu haben. ”Wir hatten zu wenig mitgebracht", so Koenig. "Doch schließlich soll auch der Stand gut aussehen." Der New Yorker Kunsthändler Friedrich Petzel, dessen alte Galerie auf der 22nd Street in Chelsea durch Sandy verheerend beschädigt wurde, hatte in den ersten Stunden gut die Hälfte seines Inventars verkauft. Darunter eine Arbeit von Wade Guyton (für 750 000 Dollar), der gerade eine gefeierte Ausstellung im Whitney Museum hat. ”Nach Miami kommen nicht nur Sammler aus Südamerika, sondern aus aller Welt. Viele von ihnen besitzen Apartments in der Stadt", sagte Petzel. ”Außerdem treffen viele Museen ihre Entscheidungen für Ankäufe auf dieser Messe." Wie Petzel waren alle New Yorker Kunsthändler, die mehr als 20 Prozent der Teilnehmer ausmachen, trotz der Sturmschäden in ihren Galerien in Miami angereist.

Bei Andrea Rosen wurde eisern verhandelt. Ein französischer Sammler interessierte sich für eine Skulptur von David Altmejd für 100 000 Dollar und versuchte, den Steueraufschlag und Frachtkosten zu umgehen. ”Es lief versprechend an, aber wir müssen hart weiterarbeiten", meint Augusto Arbizo von ”Eleven Rivington" in New York, der zum ersten Mal in Miami und mit einer kleinen Koje in der Art Nova Sektion dabei war. Die New Yorker Kunsthändlerin Mary Boone schüttelte eine Sammlerin ab, die sich mit Einkäufen aus der Vergangenheit brüstete: ”Ich mag den Namen meines Sohnes vergessen, aber keine Verkäufe." Um den letzten Tropfen Blut aus den Sammlern zu saugen hatte LA-Kunst-Star Sterling Ruby Vampir-Münder (für 35 000 Dolar) aus Stoff bei Xavier Hufkens aus Brüssel im Angebot.

Drei Künstlerinnen zählen zu den Entdeckungen von Miami: Andrea Bowers aus LA zeigte bei Andrew Kreps ihre Aktivisten-Schaukeln und bei Susanne Vielmetter Buntstiftzeichnungen von Demonstranten und ein Flugblatt der Arbeiterbewegung von 1910 auf einer riesigen Wand aus Altpappen. An der Arbeit mit einem Preis von 45 000 Dollar waren am ersten Tag drei US-Museen interessiert. Die junge, aus Syrien stammende Bildhauerin Diana Al-Hadid hatte erst vor wenigen Wochen ihre erste Einzelshow bei Marianne Boesky, drei neue Arbeiten waren bereits am ersten Tag verkauft. Die Berlinerin Jorinde Voigt führte sowohl bei David Nolan als auch bei der Galerie Klosterfelde aus Berlin ihre poetischen Studien und Goldblatt-Arbeiten vor. Gold-, Kupfer, oder Silberflächen, alles was glitzerte, schimmerte oder reflektierte, schien in auffällig vielen Kojen die Sammler verführen zu wollen: ob Arbeiten von Pat Steir, Danh Vo, Rudolf Stingel, Rob Pruitt, Willem de Rooij oder die Spiegelflächen, auf die Douglas Gordon ein gesichtsloses Porträt von James Dean montiert hatte.

Während eine ältere Dame im Gewimmel des Messestandes von Larry Gagosian in aller Seelenruhe ihren tragbaren Klappstuhl aufstellte, um sich niederzulassen, huschte der ebenfalls in die Jahre gekommene Calvin Klein über die Messe. Sean Combs, alias Puff Daddy, lief gelangweilt mit Entourage auf und schien sich nicht viel Zeit für die Kunst zu nehmen. Bis er bei Paul Kasmin eine Spiegel-Skulptur von Iván Navarro mit dem Wort ”Scream" für 65 000 Dollar einkaufte. LA-Patron Eli Broad wirkte erstaunlich zerbrechlich. Hollywoodstar Owen Wilson lungerte mit dem New Yorker Immobilien-Tycoon Aby Rosen und Sammler Alberto Mugrabi bei der Galerie Van De Weghe herum, die Trophäen von Jean-Michel Basquiat, Gerhard Richter und Andys Warhols ”Somebody Wants to Buy Your Apartment Building" für 1,5 Millionen Dollar im Angebot hatte. Ganz Miami-Style waren für einen VIP-Empfang ungewöhnlich viele Damen und Herren in Jogginghosen unterwegs. Das neueste Trend-Accessoire: ein altmodischer Telefonhörer, den die Damen an ihr iPhone anschließen.

Viele Galeristen waren mit iPads bewaffnet, mit denen sie blitzschnell wie durch einen Shopping-Katalog blätterten, um Arbeiten zu präsentieren. ”Messen sind der Einzelhandel der Kunst geworden. Letztlich ist eine wie die andere. Man muss als Galerie aktiv dabei sein", meinte Robert Mnuchin von L & M Arts in Los Angeles, der heimische Künstler wie Mark Grotjahn und Barbara Kruger präsentierte – und Krugers ”Greedy Schmuck" (”Gieriger Idiot") in den ersten Stunden verkauft hatte. Mary Boone merkte wie so viele an, dass das Alternativ-Programm in Miami dermaßen Überhand genommen hat, dass die Verkaufsshow als ein Event von vielen untergehen könnte. ”Die letzten Jahre war der Rummel zu groß. Dieses Jahr sind die Sammler und Kunstberater wieder da", befand Liz Mulholland von der Andrew Kreps Gallery. Hinter vorgehaltener Hand sprachen so manche davon, dass sie im kommenden Jahr Bilanz ziehen wollen und überlegen, mit Miami, der New Yorker Armory und Frieze in New York ein oder zwei der kostspieligen US-Messe-Aufritte aus dem Programm zu streichen.

Sieben Berliner Kunsthändler stellten sich im Rahmen der Aktion ”Art from Berlin" vom Landesverband Berliner Galerien in der Sektion ”Context” der Nebenmesse ”Art Miami” vor. Sie bekamen Hilfe bei der Finanzierung des Messestandes, , der sie 10 000 statt 25 000 Dollar kostete. Die Galerien brachten viel Fotografie, Nashörner aus Altgummi von der Berliner Künstlerin Christiane Klatt, (Galerie cubus-m), Zeichnungen von Levke Leiss (Morgen Contemporary) und Fabelwesen aus Keramik von Susanne Ring (Kit Schulte Contemporary Art) mit. ”Es handelt sich um einen repräsentativen Querschnitt aus Berlin mit vielen jungen Galerien", sagte Anemone Vostell vom Landesverband. ”Haus am Waldsee" zeigte passend zum Messegeschehen Filme von Erik Schmidt. In ”Gatecrasher" lockt, verführt und bezirzt der Künstler die Oberschicht, in die er so absolut nicht passen will.

Einnahmen von 500 Millionen Dollar bringt die Art Miami Basel der Stadt Jahr für Jahr. Also setzt die Stadt weiter auf Zuwachs und boomende Zeiten. Hotelier Ian Schrager errichtet ein neues Hotel mit dem britischen Architekten John Pawson, Rem Koolhaas baut ein Luxushotel auf der Collins Avenue aus. Miami-Bauherr Craig Robins stellte neue Pläne für die Shoppingmeile im Design District vor. Die Messe hat Miami verwandelt, wie die Bürgermeisterin der Stadt immer wieder betonte. ”Es ist der Treffpunkt für die Hauptakteure der Welt" meinte Messe-Chef Marc Spiegler bei der Eröffnung. Das Interesse an Selbstreflektion scheint in dieser Welt nicht allzu groß zu sein. Yayoi Kusamas polierte Stahlkugeln ”Narcissus Garden" bei der Robert Miller Gallery, in denen man sich in all seiner Eitelkeit spiegeln kann, waren mit dem stolzen Preis von 750 000 Dollar noch zu haben.

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