Art Karlsruhe - Kunstmesse

Die Normalität im Blick

In diesem Jahr rechnen die Veranstalter der Art Karlsruhe mit 50 000 Zuschauern. Und die Händler fühlen sich ohnehin wohl auf der Messe, die lang unterschätzt wurde.

Es menschelt gewaltig. Überall sieht man sie – junge Leute mit Handy in der Hand und schicken Sonnenbrillen auf den Nasen, mit teuren Jeans und modischen Shirts.

Leute wie du und ich, die über die Straße gehen, einen Drink im Straßencafé schlürfen oder einfach nur von A nach B laufen. Zum elften Mal finden die ART Karlsruhe statt – und vieles von dem, was in den vier Messehallen ausgestellt wird, kennt man. Denn das Lieblingsmotiv gerade der jüngerer Malergeneration ist der hundsgewöhnliche Mensch, wie er uns tagtäglich begegnet.

Selten sah man so viele Alltagsgestalten auf der Leinwand: Sabine Liebchen malt Leute von hinten – und zeigt die aus dem Kontext herausgeschälten Figuren auf grauem Nichts. Auch Alireza Varzandeh interessiert sich für menschliche Rückseiten und skizziert mit grobem Strich Menschen am Strand und auf der Straße. Rückenansichten auch von Kirsten van den Bogaards bei der Art Galerie 7 aus Köln. Sie malt mit Acryl auf Dibond Passanten auf der Straße, die telefonieren, fotografieren, filmen – der Mensch in Zeiten von Smartphone & Co.

Dominanz der Malerei

Aber das Angebot auf der Karlsruher Messe ist alles andere als repräsentativ für das aktuelle Kunstgeschehen. Die traditionelle Malerei dominiert in Karlsruhe, auch wenn dem Kurator und geistigen Kopf der Messe, Ewald Karl Schrade, gerade die Bildhauerei besonders am Herzen liegt und auch in diesem Jahr großzügige Skulpturenplätze die Ausstellung auflockern. Das Gesamtbild der Messe wird aber bestimmt von junger, meist gegenständlicher Malerei. Schroffe Positionen oder sperrigen Installationen fehlen ebenso wie Neue Medien.

Nur das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) Karlsruhe ist als einsamer Kämpfer vor Ort und erinnert daran, dass Kunst im 21. Jahrhundert mehr Mittel einsetzt als Farbe und Leinwand. Die Künstlergruppe Scenocosme hat Zimmerpflanzen mitgebracht, die von der Decke baumeln. Berühren ist nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht: Denn betastet man die Blätter, werden elektrische Impulse übertragen, die in den Wurzeln von Sensoren abgetastet werden – und über einen Computer in Geräusche übersetzt werden, so dass es munter zwitschert und klingelt, gongt und rauscht. Weil derzeit 3-D-Scanner schwer in Mode sind, können die Besucher am Stand des ZKM auch ihren Körper scannen lassen. Nur wenige Minuten dauert die Prozedur, bei der man auf einer Scheibe steht und langsam gedreht wird, während der Ausdruck des rund fünf Zentimeter großen plastischen Abbilds des Selbst drei Stunden benötigt. Deshalb wird pro Tag auch nur ein Ausdruck verlost.

Solide Umsätze

Solche technischen Spielereien hätten auf der ART Karlsruhe aber ohnehin wenig Chancen, einen Käufer zu finden. Die Klassische Moderne ist zwar gut vertreten mit Galeristen wie Schlichtenmaier oder Henze & Ketterer aus der Schweiz. Es gibt zum Beispiel E.L. Kirchner Holzschnitts "Kopf Ludwig Schames" (1918) zu 150 000 Euro oder eine Aktzeichnung von Georg Grosz zu 29 000 Euro – und auch vereinzelte Werke im sechsstelligen Bereich.

Aber die Art Karlsruhe bestätigt erneut ihren Ruf als solide und bodenständige Messe, wo das Gros der Arbeiten zwischen 2000 und 10 000 Euro kostet. Schließlich hat man weiterhin den Anspruch, auch neue Sammler anzusprechen.

So wird auf der Art Karlsruhe zwar nicht immer das große Geld verdient, es sind aber solide Umsätze zu machen. Michael Schultz aus Berlin hat in den vergangenen drei Jahren zwar nichts verkauft – trotzdem ist er wiedergekommen. Es hat sich gelohnt, noch vor der offiziellen Eröffnung konnte er auf Anhieb drei Arbeiten verkaufen, darunter ein Bild von Norbert Bisky für 55 000 Euro.

Niemand lacht mehr über Karlsruhe

Die Zeiten, als auf Karlsruhe herabgeschaut wurde, sind also definitiv vorbei. Das vielsprachige Stimmengewirr beweist, dass längst nicht nur die potenten Sammler aus Baden-Württemberg kommen, sondern auch aus den Nachbarländern. Und auch für Galeristen aus dem Ausland ist Karlsruhe inzwischen eine gute Adresse, um sich auf dem deutschen Markt zu platzieren. Von den 38 Galeristen, die in diesem Jahr zum ersten Mal dabei sind, kommt die Hälfte aus dem Ausland.

Abwechslungsreiche Ergänzungen

Die Bodenhaftung verliert man in Karlsruhe dennoch nicht und weiß, dass man sich nicht auf den Erfolg verlassen kann. Während man in den vergangenen Jahren zunehmend den Eindruck hatte, dass einige Galeristen die immergleichen Künstler präsentieren, ist das Angebot in diesem Jahr wieder abwechslungsreicher und haben einige Galeristen auch den Standort gewechselt, um nicht allzu sehr in der Routine zu erstarren.

Bewährt haben sich auch die Sonderausstellungen – etwa mit der Sammlung Henri Nannen mit russischer Malerei aus der Zeit der Perestroika sowie der Preisträgerin des Hans Platschek Preises für Kunst und Schrift: Sandra Boeschenstein. Sie ist eine eigenwillige Zeichnerin, die sehr zart und präzise Szenen aus einer geheimnisvollen Welt erschafft – mit schwebenden Hosen, halbierten Leibern und Bauarbeitern bei eigenwilligen Verrichtungen.