Armory - New York

Wie beim Pferderennen

Die New Yorker Armory Show hat eine lange Tradition – und entwickelte sich in den Boomjahren zu einer von vielen Kunsthändlern und Besuchern ungeliebten Großverkaufsshow. Seit 2011 ist die Armory unter neuer Leitung. Mit der 16. Ausgabe wurde die Messe weiter entrümpelt und verbessert. Die Geschäfte liefen gut. Und doch bleibt die Frage, ob sich die Armory gegen die Konkurrenz aus London durchsetzen und überleben kann.
Digitaler Wettbewerb:Künstler-Charts per Twitter und Instagram

Das Werk "Floating 2013" des Künstlers Minjun Yue wird am auf der Kunstmesse "The Armory Show" in New York von einer Besucherin fotografiert

Wer mit dem Taxi von Downtown zu den Piers am Hudson River fährt, wo die Armory Show mit der 16. Ausgabe steigt, bekommt vorgeführt, welche Stunde in New York geschlagen hat: Die Stadt boomt.

Im Galerienviertel Chelsea und im benachbarten Midtown entstehen auf jedem freien Flecken neue Gebäude mit Luxusapartments, die schon bald mit Kunst gefüllt werden sollen. Um dem vorzusorgen, reisten diesen März 203 Galerien aus 29 Ländern zur traditionsreichen Armory an. Die Messe kämpft, seitdem die Londoner Frieze-Mannschaft 2012 ihre beliebte New Yorker Ausgabe auf der anderen Seite der Stadt am East River auf Randall´s Island startete, um ihre Stellung als wichtigste Verkaufsshow in der Metropole des Kunsthandels.

Gut besucht war die Armory bereits am ersten Tag. MoMA-Direktor Glenn Lowry, und seine Chefkuratorin Ann Temkin zählten ebenso zu den Gästen wie der Künstler Maurizio Cattelan und Massimiliano Gioni vom New Museum. Kunstsammler Don Rubell lief die Kojen ab und verwies bei jedem überaktivem Galeristen, der sich auf den Sammler aus Miami stürzte, auf seine Frau Mera, ohne die er anscheinend keinen Kauf tätigen wollte. Kunstberater Josh Baer hatte den früheren Tennisprofi und kurzweiligen Galeristen John McEnroe im Schlepptau. David Byrne ließ es sich in der voll besetzten VIP-Lounge gutgehen und beklagte, dass er sich bei den heutigen Preisen keine Kunst mehr leisten kann.

Für all diejenigen, die bei den mehr als 3000 Arbeiten die Orientierung verloren, standen digitale Tafeln bereit. Sie zeigten die beliebesten Messestände, angeführt von Bruce Wolkowitz, Figge von Rosen und Susanne Vielmetter und die gefragtesten Künstler an. ”Das ist ja wie beim Pferderennen", kommentierte ein französischer Galerist entsetzt. Besucher wurden aufgefordert, über Twitter oder Instagram ihre Lieblingswerke zu posten. Bei all dem technischen Schnickschnack hat Messechef Noah Horowitz die Verkaufsshow ansonsten weiter entrümpelt. Von mehr als 270 Galerien zu Hochzeiten in 2011 wurde die Show nochmals verschlankt. Mit exklusiven Lounges und Snackstationen schuf das Armory-Team Inseln im Messebetrieb. Der Plan funktionierte. Die als strapazenreich verschriene Show auf den Piers ist endlich besucherfreundlicher. Und sogar die Sandwiches sind genießbar, die süßen Backwaren vorzüglich. Das war dem Armory-Team in all den Jahren nicht gelungen.

Was nichts daran änderte, dass sich bis auf David Zwirner, Marianne Boesky, Lehmann Maupin und einigen weiteren Galerien die meisten New Yorker von der Armory verabschiedet haben. Auch der neue Bürgermeister Bill de Blasio hielt es im Gegensatz zu seinem Vorgänger Michael Bloomberg, der das Geschäft mit dem Luxus schätzte, nicht für nötig, eine Rede zur Messe-Eröffnung zu halten. Zwar gab es mit der Galerie Thaddaeus Ropac unter den großen Namen einen internationalen Neuzugang. Sprüth Magers und Eva Presenhuber sind wieder dabei, aber ansonsten fehlen die wichtigen Spieler der Branche. Dass die Art Basel Hongkong im nächsten Jahr von Mai auf Mitte März verlegt wird, wurde von einigen als Todesstoß für die Armory angesehen. ”Damit wird vielen die Entscheidung gegen die Armory und für Frieze abgenommen”, so ein Galerist. ”Entweder stirbt die Armory oder sie überlebt als Show für drittrangige Galerien, die es nicht nach Hongkong oder auf die Frieze schaffen.”

Die Geschäfte liefen trotzdem. Und damit es weiter gut läuft, wurden in der kostenlosen Messezeitung Tipps für Jet-Set-Sammler geliefert, wie sie Steuern umgehen können. Marianne Boesky gab dem südafrikanischen Künstler Serge Alain Nitegeka seinen ersten internationalen Aufritt. Nitegeka, der für die Messe aus Johannesburg angereist war, entschied sich dazu, den Eingang zum Messestand mit einer Installation zu verbarrikadieren. Wer über die Holzplanken kletterte, gelangte zu fünf Malerarbeiten auf Sperrholz, die mit Preisen von 10 000 bis 25 000 verkauft waren. ”Wir haben gute Vorarbeit geleistet, für uns läuft es wunderbar”, meint Galerie-Direktor Adrian M. Turner. Der Salzburger Kunsthändler Thaddaeus Ropac, der einige Jahre mit der Armory ausgesetzt hatte, verkaufte den Star der Messe, Tony Craggs glänzende Stahlskulptur ”Distant Cousin”, für eine Million Dollar. ”Die Messe hat neue Energie”, befindet der Galerist.

Bei der New Yorker Jack Shainman Gallery verkauften sich Richard Mosses mit Infrarrot-Film geschossene Bilder aus dem Kongo mit Preisen von bis zu 65 000 Dollar für eine großformatige Arbeit. Bei James Cohan hängt eine aus Metalldosen geschlagene, mit Stoffen und Fotos besetzte Scheibe von Michelle Grabner wie einriesiger Talisman von der Decke – Grabner ist eine der drei Kuratoren der diesjährigen Biennale im Whitney Museum.

Mit der Ausnahme der 59-jährigen chinesischen Künstlerin Chen Haiyan, die seit den achtziger Jahren ihre Träume malt, war in der Sonder-Sektion, die dieses Jahr China gewidmet wurde, nicht viel zu entdecken, was man nicht auch bei Künstlern aus anderen Teilen der Welt finden kann. Darunter das Kollektiv Double Fly Art Center, das eine Art Rummelplatz-Bude aufbaute und Videos von einer Truppe von Jungs zeigte, die mit den in Calvin-Klein-Unterhosen steckenden Hinterteilen wackeln und sexuelle Spielchen miteinander anstellen. Die Arbeit der Boy-Group (Motto: "No Play, No Art, No Money”) wirkt wieder der harmlose Vorschulkinder-Abklatsch des US-Video-Künstlers Ryan Trecartin. Der Hongkonger Künstler Nadim Abbas geht mit dem automatischen Staubsauger-Ufo auf die an Bakterien erinnernde Kugeln auf dem mausgrauen Teppich los. Davon, dass die Arbeit ein Kommentar zur politischen Situation in China sein könnte, nimmt die Galeristin von Gallery Exit aus Hongkong jedoch Abstand: ”Es soll lediglich den Dialog eröffnen.”

Politisch ist sowieso kaum einer der Künstler auf der Armory. Fotografien und Installationskunst, die eine zeitlang so populären Spiegel-Arbeiten wurden von dekorativen, monochromen Farbflächen, rauhen Leinwänden oder Stoffen, die grob mit Farbe bearbeitet werden und großflächigen Abstraktionen abgelöst. Ein Trend, der sich auch auf der einen Tag später eröffnenden Independent Messe in Chelsea fortsetzte. Der afrikanische Künstler Romuald Hazoumè aus Benin in Westafrika ist eine der wenigen wohltuenden Ausnahmen: Hazoumè, gekleidet in ein traditionelles afrikanisches Gewand, unterstützte seine Londoner Galerie October, indem er unermüdlich die Geschichte seiner Fotos, den aus alten Plastikflaschen gerfertigten afrikanischen Masken und die seines Motorscooters erzählte. Zwei an den bauchigen Scooter montierte Arme halten Glasflaschen, in denen seine Landsleute Benzin von Nigeria nach Benin schmuggeln, um sich wie fahrende Bomben ihren Lebensunterhalt zu verdienen. ”Kunst ist für die Gemeinschaft und um ihr zu helfen”, meint Romuald Hazoumè. "Und nicht dazu da, dass jemand wie ich sein Heimatland verlässt, um nach New York zu ziehen und dort Künstler zu spielen.”

New Yorks Topdealer versammelten sich auch dieses Jahr bei der 26. Ausgabe der von der Art Dealers Association of America veranstalteten Art Show. Unter den 72 Teilnehmern sind Galerien wie Michael Werner, Metro Pictures, Marian Goodman, Matthew Marks oder Sean Kelly, der hyperkitschige Porträts von Kehinde Wiley mit Preisen von 75 000 Dollar bestens verkaufte, oder Friedrich Petzel, der Kohlezeichnungen von Dana Schutz (ausverkauft) zeigte. Wie schon in den Vorjahren brachten die Kunsthändler verstärkt zeitgenössische Kunst mit.

Zu den Neuenteckungen zählt der junge Madrider Maler Jeronimo Elespe mit seinen zarten Traum-Bildern (3500 bis 10 000) bei Eleven Rivington, die ebenfalls ausverkauft waren. Bei der Carl Solway Gallery aus Ohio baute Ann Hamilton eine Fotobox auf, in der sie die Messebesucher wie unter Wasser hinter einem milchigen Vorhang fotografiert. Und bei PPOW war mit Martha Wilson eine der Pionierinnnen der feministischen Kunst zu Gast. Die schrille ältere Dame posierte mit jungen weiblichen Fans für Fotos vor den Bildern von ihren Rollenspielen und intimen Studien. ”Es tut mir sehr leid, dass ich immer noch junge Frauen inspiriere. Ich dachte, wir wären inzwischen um einiges weiter”, meinte die 1947 geborene Wilson. ”Es ist eine Schande.”

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