Fotogaleristen - Deutschland

Lichtbilder und Leidenschaft

Fotografie gilt auf dem Kunstmarkt immer noch als zweitklassiges Medium – trotz der Erfolge von Demand, Gursky und Co. Doch einige Experten arbeiten leidenschaftlich daran, dieses Image zu verändern. Zu Besuch bei Deutschlands wichtigsten Fotogaleristen.
Lichtbilder und Leidenschaft:Zu Besuch bei Deutschlands Fotogaleristen

Galerist Hendrik A., Berinson mit Werken von ­Marianne Breslauer, Hannah Höch, Paul Citroen, Kurt Schwitters, Hein Gorny, Hugo Erfurth, Christian Schad, László ­Moholy-Nagy (zweimal), Walter Peterhans, Albert Renger-Patzsch, Raoul Hausmann, Wols, László Moholy-Nagy, August Sander – von links oben nach rechts unten

Die Spezialistin: Priska Pasquer, Köln

Am Anfang stand eigentlich nur der Wunsch, Menschen zu beraten, die sich ernsthaft für Fotografie interessieren: ihnen Sammlungskonzepte vorzuschlagen, Betrachtern die Möglichkeit eröffnen, auch Besitzer zu werden. Kunstgeschichte hatte die Kölner Galeristin Priska Pasquer ursprünglich studiert und währenddessen in der Galerie von Rudolf Kicken gearbeitet.

In der dritten Etage einer alten Villa im Kölner Nordwesten machte sie sich 1996 schließlich selbständig – und überraschte gleich mit einem eigenständigen Profil: Die Galerie Pasquer steht für Fotokünstler, die eine ungewöhnliche Sicht auf die Welt und höchstes ästhetisches Niveau kennzeichnen. Dass der russische Maler, Architekt und Typograf El Lissitzky auch ein kleines fotografisches Œuvre hinterließ, wurde in Deutschland bekannt, seit Pasquer seinen Nachlass vertrat. Neben der russischen wandte sie sich schnell auch der japanischen Fotografie zu, für die in der Galerie heute Pasquers Kollege Ferdinand Brüggemann verantwortlich zeichnet. Ausstellungen von in Deutschland bereits bekannteren Fotografen wie Daido Moriyama oder Asako Narahashi wechseln ab mit denen jüngerer Kollegen wie Ikko Narahara oder des 79-jährigen Shomei Tomatsu.

Der Vermittler: Thomas Zander, Köln

Dass ausgerechnet Köln, die Geburtsstadt des europäischen Fotomarktes, kein eigenes Museum für diese Kunstgattung hat, ist nach wie vor absurd. Seit aber vor sechs Jahren Thomas Zander mit seiner 1996 gegründeten Galerie in die Schönhauser Straße im Süden der Stadt umgezogen ist, fällt dieses Manko kaum noch ins Gewicht. In musealen Räumen zeigt der 47-Jährige dort, was eigentlich ins echte Museum gehört: Fotokunst von internationalem Rang – von Stars, die er nicht nur verkauft, sondern professionell vertritt: Larry Sultan und Mitch Epstein, Henry Wessel und Lee Friedlander, Joel Meyerowitz und Lewis Baltz, Garry Winogrand und Victor Burgin. "Ich muss so hohe Standards setzen, damit die Sammler für unsere Ausstellungen nach Köln kommen", sagt Zander. "Und ich lasse sie nicht ­allein mit der Fotografie. Die Vermittlung ist für mich so wichtig wie die Präsentation."

Seine Messestände – in Paris und Madrid, Basel und Brüssel – sind kuratierte Ausstellungen. Modefotografie und inszenierten Glamour findet man in Zanders strahlend weißen Galerieräumen nicht. Er konzentriert sich auf konzeptuelle Serien, die aus der Idee der Street Photography heraus entstanden sind: an öffentlichen Orten, die mehr hergeben als bloße Stadtbilder oder Landschaften. "Manchmal", sagt Zander und zieht einen Archivkarton mit großartigen Kontakt­abzügen von Helen Levitt aus einem Regal, "wissen die Leute gar nicht, dass viele Fotografien in einer Galerie deutlich preiswerter sind als auf einer Auktion. Vielleicht sollten wir Fotogaleristen auf den Kunstmessen etwas selbstbewusster auftreten."

Der Grandseigneur: Rudolf Kicken, Berlin

Der Urknall des europäischen Fotouniversums fand in einem Kinderzimmer in der Nähe des Aachener Doms statt. Hier gründete Rudolf Kicken 1974 gemeinsam mit seinem Freund Wilhelm Schürmann seine erste Fotogalerie. Eigentlich sollte der Unternehmersohn das Geschäft mit den Baustoffen lernen. Während seines Wirtschaftsstudiums in Bonn fuhr er dann aber heimlich mit dem Auto des Vaters nach Essen, um sich bei Otto Steinert an der legendären Folkwangschule zu bewerben – und wurde angenommen: "1973 merkte ich dann aber, dass ich vielleicht ein guter Fotograf, aber kein guter Künstler werden würde", erinnert sich der heute 62-Jährige. Das Medium Fotografie aber ließ ihn nicht mehr los. Nach einem Vortrag sprach Kicken deshalb einfach Harold Jones, den Direktor der berühmten New Yorker "Light Gallery", an und teilte ihm mit, er würde dessen Künstler gern in Deutschland vertreten – die Aachener Galerie Lichttropfen war geboren. "Fotografie war Subkultur", erinnert sich Kicken heute, "und ich wollte davon leben. Ich hatte sie nicht alle."

Ein Foto von Harry Callahan für 400 Dollar war der erste Verkauf, der auf dem 15-Quadratmeter-Stand auf der Art Basel Geld in die Kasse spülte. 30 Jahre später, nach Umzügen nach Köln und dann, der Liebe wegen, 2000 nach Berlin, ist Rudolf ­Kicken der Grandseigneur der europäischen Fotoszene. Einen Abzug, den man bei Kicken nicht bekommen
kann, scheint es nicht zu geben: Umbo und Werner Mantz, ­Jaromir Funke, Rudolf Koppitz und František Drtikol, Paul Strand und Ansel Adams, Diane Arbus, William ­Eggleston, Dieter Appelt und Heinrich Riebesehl. Zehn Jahre lang habe er einmal versucht, einen Abzug von Alexander Rodtschenkos "Frau mit Leica" zu bekommen, erinnert sich Kicken. Als das Bild dann endlich in seinem Büro hing, sah es dort ein Sammler – und kaufte es: "Das ist das Schicksal eines Galeristen."

Der Entdecker: Hendrik A. Berinson, Berlin

Gehandelt, sagt Hendrik A. Berinson, habe er erst, als er kein Geld mehr hatte, um sich selbst Fotografien zu kaufen. Als Jugendlicher bekam er einen August-Sander-Bildband geschenkt. Zum 18. Geburtstag wünschte er sich dann von seinen Eltern einen Originalabzug: "Ich hatte gespürt, dass Fotografie etwas ganz anderes leisten kann als Familienporträt und Schnappschuss. Und ich wollte selbst so etwas besitzen." Hugo Erfurth und Edmund Kesting, László Moholy-Nagy und Oskar Nerlinger, Franz Roh und Arthur "Weegee" Fellig – einen europäischen Markt für diese Fotografen, mit deren Handabzügen der 49-Jährige seit 1987 von Berlin aus handelt, gab es noch nicht, als Berinson irgendwann mit Originalabzügen im Koffer in die USA reiste und jene Fotogalerien abklapperte, deren Adressen er sich aus einem Buch herausgeschrieben hatte. Ein enormes Fachwissen, vor allem aber eine ausgeprägte visu­elle Intelligenz ließ ihn im Laufe der Jahre zu einem der wichtigsten deutschen Fotogaleristen werden. Berinson ist der Forscher und Entdecker auf einem kleinen Markt, auf dem nur scheinbar jeder immer weiß, was zur Verfügung steht. In diesem Herbst überraschte er mit 88 Vintage Prints von Helmar Lerski aus einer Dresdner Privatsammlung. Nicht alles, was er in Berlin zeigt, verkauft Berinson allerdings auch wieder. Manches bleibt im eigenen Besitz. Abzüge von Albert Renger-Patzsch etwa, für Berinson der bedeutendste deutsche Fotograf des beginnenden 20. Jahrhunderts, sammelt der Galerist selbst seit Jahren, um irgendwann eine grundlegende Retrospektive zeigen zu können.

Fotografien sammeln lohnt sich!

Die große Frage, über die noch in den siebziger Jahre Kunsthistoriker auf der ganzen Welt hitzig debattierten, ist geklärt: Natürlich ist die Fotografie kein Medium, das nur reproduziert. Sie hat Kunstwerke von höchster Qualität hervorgebracht, und auch diese Kunst gehört ganz selbstverständlich ins Museum. Bei den privaten Sammlern scheint diese Nachricht aber noch immer nicht angekommen zu sein. "Machen wir uns doch nichts vor", sagt der Berliner Fotogalerist Hendrik A. Berinson: "Der Fotomarkt war immer sehr klein, und er ist es nach wie vor geblieben."

Und seine Kölner Kollegin Priska Pasquer ergänzt: "Mir ist es in all den Jahren nicht ein einziges Mal gelungen, einen großartigen Vintage-Print von August Sander an Sammler zu vermitteln, die Malerei der Neuen Sachlichkeit besitzen. Sobald es um das Medium der Fotografie geht, fällt da eine Klappe runter." Akzeptiert sei die Fotografie durchaus, bewertet Thomas Zander aus Köln: "Aber verstanden noch nicht. Und das liegt auch daran, dass dieses Medium zu wenig vermittelt wird.

Die Wiege des deutschen und später des europäischen Marktes für Fotografie stand im Rheinland. Hier holte ab 1950 der Journalist L. Fritz Gruber mit der Messe "photokina" die internationale Fotografie nach Deutschland und trug die deutsche Fotografie hinaus in die Welt. Hier gründeten Pioniere wie Ann und Jürgen Wilde oder Rudolf Kicken und Wilhelm Schürmann die ersten Fotogalerien – und konnten sich nur auf wenige Kuratoren in deutschen Museen verlassen, die dem Medium dieselbe Leidenschaft entgegenbrachten wie sie. Bis heute hat sich daran nicht viel geändert, sind die hervorragenden Fotosammlungen, die Ute Eskildsen im Essener Museum Folkwang, Janos Frecot in der Berlinischen Galerie, Theo Immisch im Museum Stiftung Moritzburg in Halle, Bodo von Dewitz im Kölner Museum Ludwig oder Thomas Weski im Sprengel-Museum Hannover zusammengetragen haben, Solitäre.

Mit wenig Geld eine gute Sammlung zusammentragen

Schon deshalb waren die Fotogalerien so etwas wie die ersten Global Players am internationalen Kunstmarkt. "Ohne Amerika hätte ich nicht überlebt", weiß der Doyen der Szene, der heute in Berlin lebende Galerist Rudolf Kicken.
Durch die internationalen Verbindungen ist aber die globale Finanzkrise an den deutschen Fotogalerien nicht spurlos vorbeigegangen. Den Trend hin zu den billigen Angeboten des Berliner Fotoversandhandels Lumas mit Ladengeschäften in zahlreichen Großstädten gab es schon vorher. Nun aber lasse sich nur noch Spitzenware verkaufen, bestätigen alle deutschen Fotogaleristen. "Ich höre im Augenblick häufig die Frage, ob ein bestimmter Abzug eines bestimmten Motives denn auch wertbeständig ist", sagt der Kölner Galerist Thomas Zander. Doch Priska Pasquer stellt auch fest, die alten Sammler und die Museen kommen zurück: "Und in den vergangenen beiden Jahren gab es ganz viele junge Käufer im Alter zwischen 25 und 40 Jahren, die bei mir ihre erste Fotografie erworben haben."

Im Bereich der Fotografie, weiß Hendrik Berinson, ist es möglich, auch mit vergleichsweise wenig Geld noch eine gute Sammlung zusammenzutragen. Meisterwerke sind durchaus noch zu finden – auch in der Klassischen Moderne. Das berühmte "Bäumchen" von Albert Renger-Patzsch etwa verkörpert für Berinson die Quintessenz im Schaffen des in Deutschland spät entdeckten Neusachlichen. Vier Abzüge des Bildes von 1929 verkaufte der Galerist im Laufe der Jahre selbst: "Noch vor einem Jahr ist ein solcher Print für wenig mehr als 10 000 Euro angeboten worden – viel zu niedrig für eine solche Ikone der Moderne."