Herbstauktionen - New York

Der Boden ist noch nicht erreicht

Die Herbstauktionen in New York endeten ohne den erwarteten dramatischen Einbruch. Dennoch blieben viele Kunstwerke unter ihrem Schätzwert, manche fanden sogar gar keinen Käufer. Der Rubel rollt also – noch.

Jean-Michel Basquiats Boxer, den der Künstler auf der Höhe seines Erfolges als Selbstporträt gemalt hatte, schien sich bedrohlich hinter Christie's' Expertenteam aufgebaut zu haben. Die Fäuste zum Kampf erhoben, als ob er die Finanzkrise persönlich niederschlagen wollte.

Das Gemälde von 1982 aus der Sammlung von Lars Ulrich, Drummer der Heavy-Metal-Band Metallica, ging bei der Versteigerung von Post-War und Contemporary Art für 12 Millionen Dollar unter den Hammer. Immerhin der zweithöchste Preis, der bislang auf einer Auktion für den Künstler erzielt wurde. Der Käufer: der New Yorker Sammler Jose Mugrabi.

Viele hatten erwartet, dass sich die New Yorker Herbstauktionen, die in den letzten Jahren rauschenden Festen glichen, in einen Trauerzug verwandeln würden. Die Deals wurden noch in den guten alten Zeiten vor dem Börsenkollaps ausgehandelt, als die Dollars locker saßen und mit Aktien, Immobilien oder der Kunst ebenso locker noch mehr Geld gemacht wurde. Als dann noch eines der Highlights, Picassos "Harlekin" (1909), mit einem Schätzpreis von 30 Millionen Dollar in letzter Minute vom Verkauf bei Sotheby's zurückgezogen wurde, witterten so manche den dramatischen Einbruch.

"Die Schätzpreise stammen aus einer früheren Zeit"

Zwar ging ein Großteil der Arbeiten bei dem zweiwöchigen Auktionsmarathon deutlich unter dem unteren Schätzpreis weg, und streckenweise sah es trostlos aus. Bei den Abendversteigerungen von Nachkriegs- und zeitgenössischer Kunst gab es bei beiden Auktionshäusern für an die 20 Arbeiten keine Interessenten. Sotheby's Ergebnis lag mit 125,1 Millionen deutlich unter den im unteren Bereich mit 202,4 Millionen angepeilten Einnahmen, Christie's stand mit 113,6 Millionen auch nicht besser da. Aber viele Kunstmarktexperten hatten bei den überteuerten "alten" Preisen weitaus Schlimmeres erwartet. Insgesamt kann man sagen, dass die Auktionshäuser noch einmal gut davongekommen sind. Wenn auch mit deutlichen Blessuren.

Den Auftakt gestalteten wie immer die Verkäufe von Impressionisten und Moderner Kunst. Hier wollten Sotheby's und Christie's eine Gesamtsumme von fast 700 Millionen Dollar einfahren – beide Häuser gemeinsam brachten es nur auf rund 420 Millionen. Doch immerhin schafften es sieben Arbeiten über die magische Grenze von zehn Millionen Dollar. Dazu zählen Werke wie Edvard Munchs blutsaugender "Vampir" von 1894 für 34 Millionen. Das Bild war 1902 zum ersten Mal Berlin ausgestellt worden und hatte damals für Sensationen gesorgt. 70 Jahre befand es sich in den Händen eines Privatsammlers. Edgar Degas Balletttänzerin "Danseuse au repos" brachte stolze 33 Millionen, Kasimir Malewitschs "Suprematist Composition" 53,5 Millionen und Juan Gris "Book, Pipe and Glasses" von 1915 knappe 21 Millionen. In allen vier Fällen wurde ein Auktionsrekord für die Künstler erzielt. Christie's hatte im Sommer den Nachlass von zwei New Yorker Sammler-Familien an Land gezogen und einen zusätzlichen Verkauf angesetzt, mit denen das Haus mit 47 Millionen Dollar weniger als halb so viel wie geplant verdiente. "Die Schätzpreise stammen aus einer früheren Zeit, der Markt hat sich verändert", erklärte Auktionator Christopher Burge.

Ladenhüter statt Hitgaranten

Zumindest einer nutzte die Gunst der Stunde: Der kalifornische Kunstförderer Eli Broad ging bei Sotheby's Versteigerungen von zeitgenössischer Kunst auf Shopping-Tour. "Alles wurde zum halben Preis angeboten", erklärte der 75-jährige Milliardär der New York Times, nachdem er für mehr als acht Millionen Dollar zugeschlagen und Arbeiten von Künstlern wie Robert Rauschenberg, Donald Judd und Jeff Koons gekauft hatte. Mit dieser Einstellung war Broad eher die Ausnahme. Auch wenn das Auktionshaus seine Verkäufer offensichtlich bekniet hatte, die Erwartungen für die Preise zu senken, gingen die Gebote eher spärlich ein. Vieles wie die von Broad gekaufte Koons-Arbeit (der vergoldete Spiegel "Wishing Well") lag mit 1,8 Millionen Dollar unter dem unterem Schätzwert von 2,5 Millionen. Und so mancher Gast im Auktionssaal dachte sehnsüchtig an das vergangene Jahr, als die Bieter die Preise in die Höhe schaukelten.

Die Preise würden sich wieder auf dem Niveau von 2006 bewegen, meinte Tobias Meyer, Chefauktionator von Sotheby's. Insgesamt wird es ein teurer Abend für sein Unternehmen gewesen sein. Denn wie auch die Konkurrenz Christie's hatten beide Häuser, vom Erfolg verwöhnt, ihren Kunden hohe Garantiesummen geboten. So fand eine Arbeit von Roy Lichtenstein ("Half Face With Collar" von 1963) keinen Interessenten. Die Garantie, die Sotheby's dem Verkäufer zahlen muss, soll jedoch bei 15 Millionen Dollar gelegen haben.

Der überraschende Sieger: John Currin

Gerhard Richters "Abstraktes Bild (Blau)" mit einem hoch angesetzten Startpreis von 4,5 Millionen Dollar fand ebenso wenig einen Käufer wie sein Porträt von "Alfons Strawalski". Bei Christie's hingegen zählte Richter mit 13,2 Millionen Dollar für "Abstraktes Bild (710)" von 1989 zu den Zugpferden. Die Gebote für Francis Bacons "Study for Self-Porträt" (1964) blieben bei 27 Millionen Dollar stecken – das Bild wanderte als unverkauft in Christie's' Lagerbestand. Dieses Schicksal traf auch "Ein Grüner" von Georg Baselitz. Der frühere Verkaufschlager Andy Warhol entpuppte sich wegen der hohen Preise auf einmal als Ladenhüter, sogar das ikonenhafte Werk "Mao" fand keinen Abnehmer. Zu den allerdings weniger hart getroffenen "Auktions-Opfern" zählt auch Richard Prince. Noch im Sommer erzielte eines seiner Nurse-Paintings eine Rekordsumme von 8,4 Millionen Dollar. Bei Sotheby's brachte seine "Everglade Nurse" von 2003 gerade mal drei Millionen. Bei Christie's ging die "Lake Resort Nurse" für nur zwei Millionen weg. Modemacher Valentino schnappte sich einen von Prince Marlboro-Cowboys für 1,25 Millionen Dollar.

Doch es gab auch überraschende Sieger wie John Currin. Seine beiden nackten Renaissance-Damen in "Nice ’n’ Easy" von 1999 gingen für einen Rekord von 5,4 Millionen Dollar unter den Hammer. Die japanische Künstlerin Yayoi Kusama erzielte mit ihrem monochromen Werk "No. 2" für 5,1 Millionen Dollar einen beachtlichen Rekord.

"Jetzt können wir uns über Konzepte unterhalten"

Eine Verkäuferin wird im Anschluss an die Christie's-Auktion aufgeatmet haben: Kathy Fuld, die Ehefrau von Richard Fuld, der die Investment-Bank Lehman Brothers in die Pleite geritten und die Bankenkrise angeheizt hat. Vier Tage nach der Bankrotterklärung hatte Christie's den Verkauf von Zeichnungen von Künstlern wie Willem de Kooning, Barnett Newman und Agnes Martin angekündigt, die aus Kathy Fulds Sammlung stammen sollen. 80 Prozent der Arbeiten wurden, wenn auch längst nicht zu Höchstpreisen, verkauft.

"Ich glaube nicht, dass wir bereits den Boden erreicht haben", meinte Sammler Broad. Er hatte im vergangenen Jahr wiederholt prophezeit, dass die Kunstblase platzen würde. Tobias Meyer sprach von einer "neuen Welt", die jedoch nach wie vor Kunst braucht. Und Japans Marketing-Künstler Takashi Murakami, der bei beiden Auktionshäusern ein unverkauftes Werk hinterließ, konnte der Pleite trotzdem etwas Positives abgewinnen. "Es steckt zu viel Geld im zeitgenössischen Kunstmarkt", so der Künstler. "Vielleicht können wir uns jetzt über Konzepte unterhalten."

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