Artissima - Turin

Funken im Nebel

Mit dem Umzug in größere Hallen und glänzenden Geschäften trotzte die Kunstmesse "Artissima" der Krise. Der Titel des Messehighlights war nur konsequent: "Back to Future". Ein Bericht aus Turin
Funken im Nebel:Kunstmesse in Turin

Blick in das "Oval" in Turin: die 17. Artissima

Turin funkt im Nebel. Die Stadt hat es geschafft, trotz Krise ihre führende Stellung in der italienischen Kunstszene weiter auszubauen. Mit 2,5 Millionen Euro unterstützten die Region Piemont, die Stadt, zwei Banken und eine Reihe privater Sponsoren die Kunstmesse "Artissima", die soeben erfolgreich zuende ging.

Der neue Messeleiter, Francesco Manacorda (36), Neapolitaner und international agierender Kunstkritiker, zog mit der Messe, die zum 17. Mal stattfand, in ein größeres Gebäude nahe dem Lingotto um. In dem 20 000 Quadratmeter großen "Oval", einer Struktur aus Glas und Stahl, die 2006 für die Winterolympiade errichtet worden war und seitdem leer stand, konnte so zum ersten Mal neben den Kojen auch das aufwendige Rahmenprogramm untergebracht werden. Die Anarchitekten vom Berliner "Raum-Labor" bauten für Tanz-und Filmvorführungen einen höhlenartigen Unterschlupf aus Würfeln von komprimiertem Abfall.

152 Galerien nahmen an der Messe teil, die Hälfte davon aus dem Ausland. "Artissima" hat sich internationalisiert und rückt mit einer Besucherzahl von 48 000 (im vergangenen Jahr 45 000) an das Bologna-Level. In den Kojen herrschte aufgeräumte Stimmung. Der Turiner Galerist Tucci Russo verkaufte eine Bronzeskulptur von Giuseppe Penone für 400 000 Euro und "36 white and black pigment prints" von Robin Rhode für 63 000 Euro, neben der Papierarbeit "Sole metafisico" von Gianni Caravaggio für 12 000 Euro. Neben der "Main Section" konsolidierter Galerien und den "New Entries" gab es diesmal noch die Abteilung "Back to Future", in der Künstler vorgestellt wurden, die zu Unrecht in den vergangenen Jahrzehnten vernachlässigt wurden. Die 24 Soloschauen waren die Highlights der Messe.

Die Galerie "A Palazzo" (Brescia) rückte die Engländerin Cosey Funni Tutti als pornografische Performerin ins Licht. Cosey und ihr Mann Chris gelten als Pioniere der elektronischen Popmusik. Dass die 1952 geborene Künstlerin auf eine lange Karriere als Pornodarstellerin zurückblicken kann, war bisher kaum bekannt. Die Galerie bot Mappen mit 28 Fotos an, die unterteilt in jeweils vier Posen für 9 000 Euro schnell Käufer fanden.

Mit einer Installation von 104 Polaroidaufnahmen von Birgit Jürgenssen brachte die Wiener Galerie Hubert Winter eine Vertreterin der feministischen Avantgarde der siebziger Jahre in Erinnerung. Hier hielt die Furcht vor einem eventuellen raschen Materialverfall der Polaroids die Käufer zurück (Preis pro Fotografie: 8 000 Euro). Rasch verkauft waren dagegen die Collagen (4 5000 bis 8 000 Euro) von Nanni Balestrini (geb. 1935), dem von DADA beeinflussten Gründer der italienischen Schriftsstellergruppe 63. Zwölf Collagen sicherte sich schon am ersten Tag die Turiner Sparkasse (Galleria Guidi & MG Art, Rom).

Die Galerie "401contemporary" (Berlin, London) besorgte mit einer Koje voller Linsen, Lupen und Spiegeln von Adolf Luther (1912 bis 1990) die längst fällige Aufwertung des Krefelder Licht-und Objektkünstlers. Dank der Berliner Galerie "Isabella Bortolozzi" kam auch die in den Bergen Sardiniens lebende 90-jährige Maria Lai zu späten Ehren. Die Galerie Massimo Minini (Brescia) baute einen der grossen "Käfige" auf, die Paolo Icaro in den sechziger Jahren konzipierte (200 000 Euro).

Auch eine Reihe von Galerien, die nicht zur Sektion "Back to Future" gehörten, suchte das Neue in der Vergangenheit.
So hat die vor zwei Jahren gegründete Mailänder Galerie "Cardi Black Box" einen Exklusivvertrag mit Gianni Piacentino (geb. 1945) abgeschlossen. Sie wird künftig Projekte dieses Turiner Künstlers finanzieren und den Generalkatalog herausgeben. Im Messestand waren Arbeiten aus den sechziger Jahren zu sehen. Daneben hing ein vier Meter langer Plastikmantel von Thomas Bayrle (75 000 Euro). Kleinere und tragbare Modelle legt die Galerie in Serie auf. Die Galerie Cardi Black Box und ihre Besitzer Barbara Berlusconi, Martina Mondadori und Nicola Cardi waren vor zwei Jahren angetreten, um neue Talente, wie Scott Short und Shirana Shabazi zu fördern. Gleichzeitig wollen sie nun auch dem Vintage frönen. Auf der Messe verkauften sie schon am ersten Tag der Turiner Sparkassenstiftung die Installation "Lost in Wilderness" (2001) von Tom Sachs für 70 000 Euro.

Die Kunststiftung der Turiner Sparkasse hat in den letzten zehn Jahren 613 Werke für eine Gesamtsumme von 30 Millionen Euro gekauft und damit die Sammlungen von Rivoli und des Städtischen Museums bereichert. Für die diesjährige "Artissima" war das Ankaufsbudget auf 350 000 Euro erhöht worden.

Barbara Berlusconi ging mit ihrer etwas gequält lächelnden Mutter durch die Messe und zeigte sich begeistert von der Abteilung "Back to Future". Die "New Entries" hatten in der Tat wenig zu bieten. Eher als eine Verlegenheitslösung erschien der "Premio Carbone" für den besten Messestand junger Galerien, den in diesem Jahr die Galerie "Raebervonstenglin" aus Zürich erhielt. Karsten Födinger hatte die Koje mit einem Gerüst zugebaut. Sonst herrschte in den jungen Galerien die Kleinkunst vor. Die "Galleria Fluxia" hatte am letzten Tag alle Objekte verkauft, darunter einen bronzenen Schildkrötenpanzer von Lupo Borgonovo für 9 000 Euro.

Der Illy-Preis ging an Melanie Gilligan, vertreten durch die Turiner Galerie "Franco Soffiantino". Zur Messe gehörte auch eine Design-Ausstellung im Palazzo Birago. Das Wiener Designer-Duo Mischer/Traxler zeigten Objekte, die sie mit ihrer selbstgebastelten Maschine "The idea of a tree" herstellen: Tröpfelnde Farbe und Fäden werden mittels Sonnenenergie um eine Form gewickelt.

Zwei Ausstellungen in der Städtischen Galerie ergänzten das "Back to Future"-Erlebnis der Messe perfekt. Zum ersten Mal gab es eine Gesamtschau des poetischen Surrealisten Osvaldo Licini (1894 bis 1956) zu sehen und eine umfassende Ausstellung der amerikanischen Fotokünstlerin Martha Rosler (geb. 1943) machte noch einmal klar, wie sehr die feministische Avantgarde der siebziger Jahre die zeitgenössische Kunstproduktion beeinflusst hat.

Artissima 17

Termin: 5. bis 7. November 2010 in Turin
http://www.artissima.it/