Art Week - Berlin

Everything but Collectors

Nach dem Ende der Kunstmesse Art Forum, steht die Galerienszene in Berlin unter Zugzwang. Jetzt antwortet sie mit einer gemeinsam koordinierten Kunstwoche, die in diesem Jahr die Herbstsaison einläutet. art schickt vier Autoren auf einen Kunstmarathon durch die Berliner Artweek.

Sonntag, 9. September, 19 Uhr, Kotti Kreuzberg

Auf dem Balkon des Zentrum Kreuzberg herrscht Gedränge. Der Grund: Doppeleröffnung der Galerie Kai Hoelzner und des Ausstellungsraums Studio. So sieht es also aus – zwei Räume, ein Thema: Bei Studio dreht sich alles um traurige Clowns und Exit-Strategien aus dem Kunstbetrieb.

Nebenan, in der Hoelzner Galerie wird in der Ausstellungsinfo der "Pornosommer 2012" verabschiedet: "Von "Shades of Grey" bis zum "Haus der Löcher" hatten wir uns durchgelesen und waren nun bereit, selbst durch irgend solch ein Loch in einer Leinwand zu verschwinden." Fluchtfantasien angesichts des nahenden Kunstherbstes? Verführerischer Gedanke, aber nicht zu realisieren. Also wird dem Künstler Burk Koller, seinem Kurator John Beeson und dem ganzen Tross in das nahegelegene Lokal Chez Michel in der Adalbertstraße gefolgt. Man muss erleben, wie dort in der offenen Küche das große Essen vorbereitet wird. An den Wänden hängt Endart-Kunst von Klaus Theuerkauf und auch ein Auflagenblatt von Wolfgang Müller. Wie kommt die Kunst an diese Wand? Vielleicht so: Chez Michel ist das Kreuzberger Pendant zur Charlottenburger Paris Bar. (kn)

Dienstag, 11. September, 19 Uhr, Galerie Johnen

Johnen bietet in seinen Räumen eine der auch intellektuell kostbarsten Galerieausstellungen des diesjährigen Kunstherbstes. Nicht nur, dass Turner-Preisträger Martin Creed den Eingang mit Blattgold veredelt und von der vormaligen Höllenpforte Kusmirowskis in ein wahres Himmelsterrain verwandelt hat. Auf zwei Stockwerken gibt der kanadische Künstler Rodney Graham den in Leuchtkästen ansichtigen Transvestiten schrullig gescheiterter Lebensentwürfe. Herrlich, wie er sich als gealterter, abgewrackter Punk in Nieten-Lederjacke und blau umrandeten Lidern über eines der letzten verbliebenen Münztelefone in der Stadt hermacht. Und für den unter einer Birke im Gras sitzenden und rauchenden Koch rollt er das perfekte Setting einer englischen Parklandschaft auf. Da sitzt auch konzeptuell jeder Grashalm. Ironie und Melancholie halten sich subtil die Waage. Und wenn man dann Graham selbst schön ergraut durch die Ausstellung streifen sieht, wähnt man irrtümlich den ewigen Doppelgänger seiner Kunstfiguren vor sich. (bs)

Dienstag, 11. September, 20 Uhr, Galerie Mehdi Chouakri

Auch Sylvie Fleury, die Queen der konzeptuell und feministisch gegen den Strich gebürsteten Minimal-Art war in town, verließ die Stadt aber zusammen mit ihrem Papa bereits vor dem Start der abc. Bei Mehdi Chouakri ist eine nahezu retrospektiv aufbereitete Ausstellung der Genfer Künstlerin zu sehen. Angefangen von ihrem "Crash-Test" von 2001 bis hin zu einer weißen Neon-Farbstudie mit Blau reicht das Spektrum in "Do Not Think Of The Colour Blue For Thirty Seconds". Ein Gaze-Vorhang schlingert von einer Windmaschine angetrieben durch den Raum. Im Zentrum thront ein Albino-Pfau wie ein Widerspruch in sich und spreizt seine weißen Federn. "Danken Sie nicht mir, danken Sie der Natur", kontert Fleury süffisant Komplimente über das sensitiv überhöhte Farblaboratorium. (bs)

Dienstag, 11. September, 23 Uhr, Times Bar St. Agnes

Der letzte Sommerabend dieses Jahres, noch einmal ist es warm, noch einmal draußen vor der Tür warmes Bier im Stehen trinken. Wir tun das im Hof der St. Agnes-Kirche, einem brutalistischen Betonklotz aus den 1960er Jahren, den der Galerist Johann König jüngst für 100 Jahre von der katholischen Kirche gepachtet hat. Bevor der neue Berliner Stararchitekt Arno Brandlhuber die denkmalgeschützte Kirche durch den Einzug einer Zwischendecke ("der Tisch") in eine Galerie verwandelt, hat sich König die Kellerkinder der jüngst geschlossenen Times Bar aus Neukölln eingeladen, um für ihn das publikumswirksame House-Warming zu übernehmen. Doch irgendwie mag der Transfer der superhippen, internationalen und extrem internetaffinen Szene – manche nennen sie "Post-Internet" – aus ihrem stickigen, unrenovierten Keller in den riesigen Gemeindesaal nicht so recht gelingen. Der Hardstyle von Dju Dju B versendet sich im leeren Hallraum der düsteren Nachkriegsarchitektur und ist trotzdem laut genug, um schon kurz nach Mitternacht die Polizei auf den Plan zu rufen. Noch bevor die Musik abgedreht wird, machen wir uns mit dem Bier in der Hand auf den Weg Richtung Herbst. (kn)

Mittwoch, 12. September, 19.30 Uhr, Schinkel-Pavillon

Gerade noch rechtzeitig treffen wir im Schinkelpavillon an der Oberwallstraße ein. Seit die Künstlerin Nina Pohl hier in der Nachbarschaft der Staatsoper das Ausstellungsprogramm kuratiert, sind an den Eröffnungen die Besucherzahlen explodiert. Für heute ist mit extrem hohen Andrang zu rechnen: Natürlich will jeder wissen, was sich Cyprien Gaillard, der Bobo-Badboy und letztjährige Nationalgalerie-Preisträger für den Schinkelpavillon ausgedacht hat. "What it does to your city" heißt die Ausstellung, die die Zähne von Baggerschaufeln wie wertvolle archäologische Artefakte in einer Reihe von Vitrinen präsentiert. Kurz nach acht findet draußen in der Baugrube, dort wo Münchner Projektentwickler gerade die Luxus-Wohnanlage Kronprinzengärten aus der Erde stampfen, noch eine Performance statt. Zu Steve-Reich-Musik lässt der Franzose drei Bagger mit Bengalischem Feuerwerk tanzen. Nicht jeden überzeugt das. "Von Tanz kann nicht die Rede sein!", entrüstet sich ein Architekt. Später am Abend werden die Nominierten für den nächsten Nationalgalerie-Preis bei einer Autohaus-Party am Ku-Damm verkündet. Der Schock: Das Preisgeld ist gestrichen. Gerüchteweise war es beim letzten Mal nur nach mehreren Anläufen gelungen, 25 000 Euro an den siegreichen Gaillard zu überweisen – der hatte es offenbar nicht so nötig. Cyprien, what did you do to your city? (kn)

Donnerstag, 14. September, 13 Uhr, Art Berlin Contemporary (abc)

Es kostet sonst anfangs immer etwas Überwindungskraft, bei Kunstmessen mental die erste Bresche in das Dickicht von Verkaufsständen zu schlagen. Ganz anders bei der abc – der "art berlin contemporary". Man fängt gleich Feuer für die in den ehemaligen Postbahnhof am Gleisdreieck gestemmte Verkaufsschau. Beschwingt durch Manuels Raeders luftige Ausstellungsarchitektur aus Stellagen mit ihrem von einem Bookshop flankierten Eingang, lassen sich die Offerten in den drei Hallen wie im Flug erobern. Die gute Stimmung in der sogenannten "Station" ist ansteckend, unter den Besucher ebenso wie unter den Galeristen. Aus Berlin einschlägig bekannte Sammler wie Barbara und Axel Haubrock kreuzen den Weg. Und es wirkt sich durchaus positiv aus, dass diesmal kein Kurator eingesetzt wurde, sondern jeder Galerist pointiert sein offen gehaltenes Kompartiment bestellte, wie es etwa der demonstrativ bei Esther Schipper platzierte Hippie-VW-Expeditionsbus von Christoph Keller mit seinem an die Windschutzscheibe projizierten Ethno-Filmprogramm überzeugend beweist. Ein Witz macht die Runde: "The abc has everything but collectors!" Stimmt schon, es sind kaum internationale Sammler gesichtet worden, und in der Folge klagen auch einige Galeristen über zu schleppendes Kaufinteresse. Punktuell aber laufen die Geschäfte erstaunlich gut: Michael Zink verkaufte gleich in den ersten Stunden ein große fotorealistische Zeichnung von Rinus van de Velde, Barbara Weiss konnte drei von Suses Webers aus zeichenhaften Modulen zusammengesteckte Arbeiten à 10 000 Euro veräußern, bei Tanja Pol gingen die mit pudriger Note verzaubernden Malereien von Christina Chirulescu wie geschnitten Brot. Und Wentrup fand für Florian Meisenbergs kurios an einem Gerüst aufgetürmte, krude minimalistisch bemalte Leinwände gleich mehrere Käufer. abc hat jedenfalls das Format, um den durch die lange herumdümpelnde Messe Artforum beschädigten Ruf von Berlin als ambitioniertem Handelsplatz für zeitgenössische Kunst wiederherzustellen.

Keine Frage, man wird noch hart an der internationalen Zugkraft von abc arbeiten müssen. Und das Galeristen-Aufgebot ist eindeutig zu berlinlastig. Aber so herausfordernd anders und couragiert war bis auf die New Yorker Independent schon lange kein Messe-Hybrid mehr. Sogar die BZ widmete der abc eine Schlagzeile: "Dieses Foto ist zurzeit das interessanteste Kunstwerk in Berlin". Es handelt sich um Jeff Walls ikonografisch anspielungsreiche Porträtaufnahme des aus Vancouver stammenden Kostüm-Sammlers Claus Jahnke bei Johnen Galerie. Jahnke ist ein profunder Kenner der von den Nazis zerstörten Berliner Modehäuser, wie sie etwa auf hohem Couturier-Niveau durch das jüdische Kaufhaus Nathan Israel in den 1920er-Jahren repräsentiert waren. Der von originalen Modellkleidern aus der Jahnke-Kollektion gesäumte Auftritt Jeff Walls hätte die Siegestrophäe der diesjährigen abc verdient, wenn es sie denn gäbe ...

Freitag, 7. September, 18 Uhr, Galerie Ester Schipper

Von wegen Messer wetzen! Thomas Demand setzt ein Zeichen, dass man als Künstlerstar durchaus in zwei Berliner Galerien vertreten sein kann, ohne dass sich diese um das Stück des dicksten Kuchens befehden müssen. Sympathetisch stellen die Galerien Esther Schipper und Sprüth Magers derzeit zwei Stränge des international berühmten Foto-Sehfallenbauers aus. Während Demand bei Schipper Modelle des kalifornischen Villenarchitekten John Lautner wie Landschaftsversatzstücke fokussiert, sind bei Sprüth Magers eher klassische Bildexemplare sowie ein aufwendig animierter Film zu der Havarie eines Kreuzfahrtschiffs zu sehen. Unser Favorit dort ist das in der für ihn typischen Modellbaumanier nachgebaute Schlecker-Drogeriemarktregal, wie es sich doppelt entleert in Demands großformatiger Fotografie "Filiale" spiegelt (ein Interview mit dem Künstler folgt in den nächsten Tagen auf dieser Seite). (bs)

Freitag, 7. September, 19 Uhr, Galerie Kornfeld

Die Gegend um die Fasanenstraße wird ja immer mal wieder als cooler Standort für zeitgenössische Galerien ausgerufen. Jetzt hat sich im alten Westen, wo einst Berlins berühmteste Kunsthändler residierten, ein vielversprechender Neuling angesiedelt. Die Galerie Kornfeld – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Schweizer Auktionshaus, zu dem es keine Verbindung gibt – präsentiert in großzügigen Räumen ein ambitioniertes Programm mit junger Kunst und etablierteren Positionen. Den Einstand feierten die Galeriegründer Freddy Kornfeld, Mamuka Bliadze und Anne Langmann im Juni mit einer museumsreifen Ausstellung der georgischen Malerin Natela Iankosshvili. Für die zweite Ausstellung haben sie ihre Galerie jetzt in eine Black Box verwandelt. Gleich am Eingang wird man von einem riesigen Auge angestarrt – eine Videoarbeit des britischen Künstlers Sonny Sanjay Vadgama. Im Raum verteilt laufen weitere Videos, aufwendig als Rückprojektionen präsentiert: Feuerwerkskörper, Häuser, die durch eine Sprengung zusammenstürzen, rotleuchtende Wolkenwirbel. Vadgamas digital manipulierte Videoloops scheinen formal zunächst einfach, faszinieren aber durch ihre inhaltliche Ambivalenz. Sind das nun Neujahrsraketen, die ihre gleißenden Muster in den Nachthimmel schneiden oder die Zeichen nächtlicher Bombardements in einem Kriegsgebiet? Der Künstler, Jahrgang 1981 und am Londoner Central St. Martins College ausgebildet, lässt diese Fragen offen. Nur so viel verrät er: Es geht um den "space between", den Raum zwischen Ordnung und Chaos, Krieg und Frieden, Kreation und Zerstörung. Und ein bisschen vielleicht auch um ein neues Erwachen in Charlottenburg. (ut)

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wo die Kunstgeschichte zu Hause war, wo die abc-Crew zum Tête à tête geladen hatte und wer für die coolste Hose der Artweek bewundert wurde.

Freitag, 14. September, 20 Uhr, Galerie Neugerriemschneider

Unglaublich selbst für Berliner Verhältnisse: Seit Ende des Zweiten Weltkriegs schlummert und rottet das Hinterhaus in der Gartenstraße 6 völlig unangetastet vor sich hin. Und jetzt hat der britische Künstler Mike Nelson den ehemaligen Ballsaal in Mitte unter der Patronage der Galerie Neugerriemschneider für den selbsterfahrungsbereiten Besucher geöffnet. Gutes Schuhwerk vorausgesetzt, hangelt man sich über die vom Staub der Geschichte dick belegten Holzstiegen durch enge, düstere Treppenschächte. An einem Ende der von Nelson vergleichsweise minimalistisch bestellten, narrativen Rauminterventionen wartet ein geradezu überirdischer, milchiger Lichtkanal à la James Turrell, oder wie der Künstler ihn wegen der ruinösen Oberflächen nennt, einen "dirty Turrell". Und im zweiten Begehungspart des Gebäudes finden wir uns als Hauptdarsteller auf der vermoderten Ballsaalbühne wieder, gleißend angestrahlt von einem Scheinwerferkegel und mit Blick auf den längst verwaisten Zuschauerraum. "Space that Saw" ist das performativ-kühne und vergangenheitserträumte Highlight dieses Ausstellungsherbstes. Absolut empfehlenswert auch die zweite Ausstellung von Neugerriemschneider in den Galerieräumen in der Linienstraße 155: Turner-Preisträger Simon Starling zeigt zwei neuere Filmproduktionen mit naturwissenschaftlichem Background. Man sollte allerdings etwas Zeit mitbringen, sonst erschließen sich die filmisch und skulptural extrem ineinander verschränkten Erzählungen Starlings höchstens annäherungsweise. (bs)

Freitag, 14. September, 20.30 Uhr, Galerie Feldbuschwiesner

Vorbei an Kickens Schaukästen, noch vor Neugerriemschneiders hippem Hinterhof begab man sich bei der Galerie Feldbuschwiesner in Mitte in einen schier unendlichen Fundus an archiviertem Unrat. "Grand Duc im Säuls" hieß die Ausstellung des Hamburger Künstlers Thorsten Brinkmann und der dadaistisch anmutende Titel war Programm: Raumhohe Plüschtiersäulen mit Nachttischlampen und waghalsig übereinander geschichtete Möbelfragmente wuchsen zu hübschen Sperrmüllkombinaten heran und drohten jeden Moment umzukippen und das Mitte-Publikum unter sich zu begraben. Die nicht mehr ganz junge Crowd drängte sich mit Prosecco-Flöte durch die gemütlichen Räume in der Linienstraße und blickte irritiert nach oben. Nebenan und zwischendrin thronten fotografierte Herrscherfiguren, die mindestens ebenso viele Requisiten beinhalteten wie die Skulpturen. Aus Spazierstöcken, Plüschsesseln und Tischbeinen setzten sich die Porträtierten zusammen. Mal mehr, mal weniger eindeutig ließ sich die Pose der oder des Dargestellten bestimmen, oft erst auf den zweiten Blick. Brinkmanns altmeisterlich inspirierte Kompositionen vermochten es, einen in ihrer Personifizierung der "objects trouvées" zugleich zu amüsieren als auch zu verstören und in jedem Fall einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. (ld)

Freitag, 14. September, 21 Uhr, Galerie Mathew

Statt aufs ABC-Dinner in Mitte verschlägt es uns wider Erwarten in den alten Westen, nach Charlottenburg. Der Abend beginnt in der Schaperstraße, wo die Galerie Mathew lange verschollene "Major Works on Paper" von Robin Bruch, der New Yorker Exfreundin von Blinky Palermo, zeigt. Es ist eine bewegende Ausstellung, mit sichtbar gealterten Bildern, still und stilvoll. Das ist Kunstgeschichte! Wir sind hin und weg. Später dann in der Galerie Buchholz sehen wir zwischen den hüfthoch präsentierten Skulpturen von Vincent Fecteau die schönste Hose der gesamten Berlin Art Week vorbeihuschen: Der ehemalige Sänger der 90er-Jahre Pop-House-Band "Whirlpool Productions" Eric D. Clark trägt zu Baskenmütze und breitschultrigem Grace-Jones-Jackett eine hautenge Paillettenleggins. "Vintage!", wie er uns später freudig strahlend gesteht. Wir ahnen: So toll wie es in Köln war, kann es in Berlin nie werden. Das Glück über so viel Extravaganz zaubert ein kurzes Hoch an diesem trüben Abend: Draußen vor der Tür überfällt uns die bleierne Müdigkeit einer langen Woche. "Schlafen können, bitte einmal nur schlafen können", fleht die innere Stimme. Doch auch ein sehnsüchtiger Blick ins Schaufenster des Deluxe-Bettenherstellers Hästens, zwei Häuser neben der Galerie, hält uns nicht auf. Also weiter, erst in die Paris- und dann die Panoramabar, wo Mathew-Galerist und Dial Records-Labelbetreiber David Lieske inzwischen dezent ballernde Housemusik auflegt. Auch bei hohen Temperaturen legt Lieske seine Barbour-Steppjacke nicht ab. In Beatgewittern, aber glücklich schlafen wir um fünf Uhr morgens am plastikbeschichteten Tresen ein. (kn)

Freitag, 14. September, 21 Uhr, Restaurant Katz Orange

Ebenfalls am Freitagabend empfängt die abc-Crew zum Tête à tête unter Galeristen und Kunstfreunden im Restaurant Katz Orange. Es sollte nicht mit dem überbordenden Dinner des Gallery Weekends konkurriert werden, so ist die Location und Gästeliste vergleichsweise intim gehalten. Promigast des Abends ist die Münchner Sammlerin Ingvild Goetz, die bestens gelaunt mit der Wiener Galeristin Rosemarie Schwarzwälder als Tischnachbarin plauscht. Die Küche kommt nicht ganz hinter dem Essensbedarf her und am Ende serviert man zur Stillung des erhöhten Kohlehydratbedarfs Fish & Chips in Fast-Food-Verpackung. Trotz kühler Regeneinlage sammelt sich der Kern der Gesellschaft unter Schirmen im Hof. Und hier haben die Macher der abc durchaus auch für Verbesserungsvorschläge ein offenes Ohr. (bs)

Freitag, 14. September, 22.00 Uhr, Akademie der Künste

Bellevue, das war an diesem Abend ganz wörtlich zu nehmen. Die Akademie der Künste leuchtete oasenhaft den Pfad durch die Dunkelheit am etwas abgelegenen Standort Hanseatenweg. Douglas Gordon erhielt den Käthe-Kollwitz-Preis, den vor ihm schon Martin Kippenberger und zuletzt Janet Cardiff entgegennehmen durften. Als Verteter der jüngeren Mediengeneration wurde der 1966 geborene Schotte in der Pressemitteilung bezeichnet. Etwa so jung wie die auf Bierkästen befestigten Fernsehapparate war auch das Ausstellungskonzept im Obergeschoss der Akademie. Nichtsdestotrotz oder gerade deswegen übte die raumfüllende Installation mit Flimmerkästen, die verstörende Szenen zeigen, eine besondere Faszination aus. Kletternde Riesenkröten, blutunterlaufene Hände, blinzende Augen – zwischendurch angsterfülltes Geschrei und Wortfetzen. Die dunklen Scheiben des Fünfziger-Jahre-Baus reflektierten die flimmernde Zusammenstellung und vervollständigen den surrealen Eindruck der aufgetürmten Elektrogeräte.

Auch gegenüber wirkte sich die westberliner Dunkelheit günstig auf die bunten Konstruktionen von Hannes Kater aus. Seine Rauminstallation kombinierte grafische Projektionen mit Styroporelementen und wirkte wie ein überdimenionales, begehbares Comicheft. Der gute alte Overheadprojektor, kam hier, ebenso wie bei Douglas Gordon, sowohl als Medium als auch als installationsimmanentes Objekt zum Einsatz. Im Erdgeschoss traffen sich Westberliner Eingesessene und Mitte-Galeristen an der Bar und im hell erleuchteten Garten der Akademie. (ld)

Samstag, 15. September, 21 Uhr, Archiv der Künstlergruppe Spur

Kürzlich sprach eine Bekannte über das Fomo-Syndrom, dass besonders unter Nutzern von Social-Network-Diensten wie Facebook grassiert. Es handelt sich um "fear of missing out", also die Angst, etwas zu verpassen, befeuert durch ständige Realzeit-Status-Updates auf dem Smartphone. Wir testen uns im analogen Selbstversuch. Im Schritttempo fahren wir mit dem Auto so langsam die Reinhardtstraße hinunter, dass wir einzelne Gäste in der Schlange vor dem Bunker-Museum von Christian und Karen Boros identifizieren können. Hinter Stahlbetonmauern tobt eins der wichtigsten gesellschaftlichen Ereignisse der Woche, doch unser Fomo brennt nur schwach. Dann geben wir Gas und verlassen Mitte Richtung Steglitz. Dort werden wir im Archiv der Künstlergruppe Spur bereits zum Apéro erwartet: Was wir hier sehen, ist die verrückteste Installation der ganzen Kunstwoche. Umringt von einer Horde Holzskulpturen des Künstlers und Ex-Situationisten HP Zimmer trinken wir Wein und feiern das Ende der Kunstwoche. (kn)

Samstag, 15. September, 21 Uhr, Sammlung Boros

Christian und Karen Boros haben umdekoriert. Und wie sich das für Sammler ihres Formats gehört, wurden da nicht nur mal zwei, drei Bild getauscht oder eine Skulptur verrückt. Der gesamte Bunker wurde ausgeräumt, um Platz zu machen für neue Arbeiten. In den wuchtigen Betonzellen findet man jetzt ein maßgeschneidertes Spinnennetz von Tomás Saraceno, Dan Vo zeigt ein Fragment der in China maßstabsgetreu nachgebauten Freiheitsstatue und Thomas Zipp beschallt die Räume mit einer ohrenbetäubenden Soundinstallation. Alicia Kwade verstärkt mit Mikrofonen das Brummen der Leuchtstoffröhren und in einem der Bunkerräume wirkt Ai Weiweis Baum aus Treibholz wie eingekerkert. Insgesamt sind 130 Werke von 22 Künstlern perfekt in Szene gesetzt. Zur Vernissage luden die Sammler dann wieder in ihr James-Bond-Apartment auf dem Dach des Bunkers – die perfekte Location, um mit Champagner auf ein gelungenes Berlin Art Weekend anzustoßen. (ut)

Sonntag, 16. September, 13 Uhr, Preview Berlin

Lichtdurchflutete Gänge, helle Farben, Grüner Tee und Reishäppchen: die Preview hat sich den Platz als Entspannteste der Berliner Messen gesichert. Was sie darüber hinaus als Beitrag zur lokalen Kunstszene leisten kann, war in den letzten Jahren nicht immer klar. Einen kleinen Neuanfang stellte daher die achte Ausgabe der Satellitenschau dar, die das Profil des "Emerging Art Fair" schärfen sollte. Gezeigt wurden neben aufstrebenden Galerien und Einzelkünstlern nun auch etabliertere Institutionen wie NBGK sowie vermehrt Kunsthochschüler und Absolventen im Rahmen der "Focus Academy". Das war nicht neu, aber als feste Rubrik eine bemerkenswerte Erweiterung des bisherigen Vermarktungskonzepts, das sich auch auf das Publikum auswirkte: Am Eingang hatte sich eine Schlange bis nach draußen gebildet, die Kojen waren gut besucht. Besonders anziehend erschien die bunte Kabine von Scotty Enterprises, in der ein pinker Neon-Schriftzug mit "Bla Bla" von Annette Sonnewend und Fotografien mit phallischen Porzellan-Konstruktionen von Silke Koch die Blicke auf sich zogen. Etwa die Hälfte der Arbeiten war hier am letzten Messetag verkauft. Bei Martin Mertens gab es grelle Kleinformate des Szene-Pärchens Eva und Adele zu sehen, die die poetischen Collagen von Hannah Dougherty aber nicht in den Schatten stellen konnten. Widmer + Theodoridis zeigte ein nahezu hübsches Arrangement absonderlicher Kombinationenen von bestickten Röntenaufnahmen mit Kindermotiven und beim Grimmmuseum ließen sich großformatige Farbzeichnungen des Szene-Künstlers Christopher Kline, besser bekannt als Electro-Größe "Hush Hush" und Initiator des Berliner Projektraums "Kinderhook & Caracas" bewundern. Der Bezug zum hauptstädtischen Standort zeichnet das Erfolgsrezept der Preview aus: Die Eröffnungsparty fand im jungen Kreuzberger Club "Prince Charles" statt. (ld)

Sonntag, 16. September, 15 Uhr, Berliner Liste

"Buy Art" – "Kauf Kunst" steht vor einem Ausrufezeichen auf dem Plakat zur Satellitenmesse "Berliner Liste", die nicht offiziell Teil der Berlin Art Week ist, sich aber als größte und älteste Kunstmesse der Hauptstadt rühmt. Das dürfte im gerade mal zweiten Jahr der abc mit dem einzigen Konkurrenten ums Bestehen, der Preview, nicht sonderlich außergewöhnlich sein, erscheint im Hinblick auf das wesentlich unbeständigere Angebot aber tatsächlich verwunderlich. Die große Industriehalle des MUMA – Kraftwerk Berlin in der Köpenicker Straße bot ein weiteres Mal Platz für alles, was das mehr oder weniger kunstaffine Publikum interessieren könnte, vor allem aber eine vielfältige Ansammlung von Kleinkunstkitsch und dramatischen Farbexplosionen. "Wir sind hier zum ersten Mal und haben uns beim Aufbau unseres Standes ziemlich erschreckt, was hier sonst noch so angeboten wird", erklärten zwei französische Aussteller im oberen Stockwerk der Halle. Ein paar sehenswerte Arbeiten fanden sich dennoch zwischen den süßen Ködern auf den Tischen der Galeristen und unzähligen Blumenarrangements in riesigen Vasen: Die fotografierten Straßenszenen von Manuel Schroeder im Erdgeschoss brachten die Anonymität im Alltag vor den kargen Wänden des ehemaligen Heizkraftwerks besonders drastisch zum Vorschein, während Claude Roegiers verschleierte Malerein dem kargen Industriecharme der Betonwände eine romantische Note verliehen. Besonders gekonnt machte sich die Galerie Isis die Vorgaben des MUMA zu Nutze: Sie kombinierten die rote Kacheln an den Wänden ihres Standes mit reduzierten Drucken und humorvollen Collagen.

Dass es bei dieser Kunstmesse, wie bei allen anderen ums Verkaufen ging, wurde bei der Liste besonders deutlich: Preisschilder fanden sich direkt unter einer Vielzahl von ausgestellten Arbeiten. "Don’t sell your shadow!" – "Verkauf nicht deinen Schatten", stand neben einer Klebefigur aus Plastikfolie an der Wand eines Ausstellers. Keiner weiß, ob sich dieser gekritzelte Hinweis an die hofierenden Künstler oder das allzu vermarktungsaffine Messekonzept richten sollte. Passen könnte er für beide. (ld)