Yves Saint Laurent - Auktion

Weltrekord für eine Privatsammlung

Die Sammlung des verstorbenen Modeschöpfers Yves Saint Laurent und seines Lebensgefährten Pierre Bergé sorgt für spektakuläre Umsätze: Mit mehr als 206,15 Millionen Euro hat die Versteigerung bereits am ersten Abend einen Weltrekord für eine Privatsammlung erzielt. Und am späten Dienstagabend kletterte der Umsatz weiter auf rund 306 Millionen Euro.

Rekorde für Malerei des 19. Jahrhunderts und ein sagenhafter Preis von 21,9 Millionen für einen "Drachensessel" der irischen Designerin Eileen Gray – Triumphgeschrei in Paris, das sich trotz schlechter Zeiten dank internationaler Finanzkrise und dem Zusammenbruch des Kunstmarktes fünf Tage lang wieder als Zentrum der Kunstwelt fühlen darf.

Nachdem die als Jahrhundertereignis angekündigte Versteigerung der Privatsammlung des 2008 verstorbenen Modeschöpfers Yves Saint Laurent und seines Lebensgefährten und Geschäftspartners Pierre Bergé schon am ersten Tag alle Erwartungen übertroffen hatte, gab es auch am zweiten Tag wieder zahlreiche Rekorde, aber auch unerwartete, die Professionalität der Bieter beweisende Reinfälle.

So gingen am Dienstag ein Gemälde von Frans Hals für 3,5 Millionen, eines von Jean-Auguste-Dominique Ingres für zwei Millionen und das "Porträt von Alfred und Elisabeth Dedreux" aus der besten Periode von Théodore Géricault zum Rekordpreis von neun Millionen Euro weg, vier weitere Werke Géricaults jedoch blieben unter Schätzpreis und wurden kassiert. Eileen Grays "Drachensessel", auf 2 bis 3 Millionen Euro geschätzt, wurde in einem Bieterkrimi zum teuersten Möbelstück des 20. Jahrhunderts, und eine ganze Reihe kostbarer Goldschmiedearbeiten erlöste insgesamt 20 Millionen Euro.

Der Mythos des sammelnden Modegenies YSL traf auf den Mythos Paris. Schon am Wochenende hatten tausende Schaulustiger aus ganz Frankreich bis Mitternacht Schlange gestanden, um Saint Laurent, dem letzten großen Modezaren der französischen Haute Couture, die Reverenz zu erweisen und die insgesamt 733 im Grand Palais ausgestellten Werke der beiden Wohnungen des Paares in Saint-Germain-des-Près ein erstes und letztes Mal zu bewundern. Am ersten von drei Auktionstagen war dann bereits am Montag abend die Schallgrenze von 200 Millionen Euro für eine Privatsammlung durchbrochen. Innerhalb von nur drei Stunden wurden 206,15 Millionen Euro für Bilder der klassischen Moderne erzielt, darunter Rekordpreise für Henri Matisse, Piet Mondrian und Constantin Brancusi. Und auch am zweiten Tag lagen die Erlöse für Alte Meister und Kunstgewerbe deutlich über den Erwartungen – durchschnittlich erzielten beispielsweise die Goldschmiedearbeiten das Dreifache ihrer Schätzpreise.

Das Centre Pompidou erwarb für elf Millionen einen De Chirico

Atmosphäre und Verlauf der mit viel Aufwand betriebenen Auktion – allein die Herrichtung des Grand Palais durch eine Mitarbeiterin von Architekt Jean Nouvel kostete eine Million Euro – erinnerten an den Glanz vergangener Pariser Tage: Zur Einstimmung sang die Callas vor eingeladenem Publikum aus der Tonkonserve, Pierre Bergé verfolgte "das Begräbnis unserer Sammlung" aus einer entfernten Ecke, und alle 1200 Plätze unter der Glaskuppel des Grand Palais waren schnell besetzt. Kaum Stars und neureiche Schickeria am ersten Tag, dafür viel alter Adel und hochprofessionelle Spezialisten aus aller Welt, vom New Yorker Galeristen Larry Gagosian, der in Begleitung des russischen Milliardärs Roman Abramowitsch auftauchte, wobei beide bisher kein einziges Mal mitboten, bis zum Besitzer von Christie’s, François Pinault. Am zweiten Tag blieben dann einige Sitze leer, es gab mehr Schaulustige als Bieter, und das Publikum war deutlich jünger, doch die Feststimmung war die gleiche.

Besonders prominente Stücke der Sammlung waren vorab von Christie’s in London und New York ausgewählten Interessenten vorgeführt worden. Die bewiesen ihre Sachkenntnis, indem sie das angeblich teuerste Stück, einen zweitklassigen Picasso aus der kubistischen Periode, geschätzt auf 25 bis 30 Millionen Euro, ohne Angebot zurückgehen ließen. Dafür trieb ein anonymer telefonischer Bieter den Preis für das Stillleben "Les coucous, tapis bleu et rose" von Henri Matisse von 1911 bis auf 32 Millionen (zusätzlich Kosten), Weltrekord für Matisse und mehr als das Doppelte des Schätzpreises. Auch die Holzskulptur "Madame L.R." von Brancusi mit 28,1 Millionen und "Komposition mit Blau, Rot, Gelb und Schwarz" von Piet Mondrian mit 19,2 Millionen erzielten Rekordpreise.

Das Centre Pompidou, vertreten durch Museumsdirektor Alfred Paquement, machte von seinem staatlichen Vorkaufsrecht Gebrauch und erwarb für elf Millionen Euro ein Gemälde von Giorgio de Chirico von 1918. Auch Werke der klassischen Moderne von James Ensor und Marcel Duchamp erzielten Rekordpreise. Am dritten und letzten Tag wird heute vor allem außereuropäische Kunst angeboten. Zum Beispiel auch die beiden Bronzetierköpfe aus der Qing-Dynastie, die 1860 während des Zweiten Opiumkriegs von französischen Truppen aus dem Sommerpalast in Peking geraubt worden waren. Der Hasen- und der Rattenkopf, jeweils auf zehn Millionen Euro geschätzt, waren nach Einsprüchen der chinesischen Regierung und der Einstweiligen Verfügung eines schnell gegründeten Vereins zum Schutz chinesischer Raubkunst erst in der vergangenen Woche von einem Pariser Gericht in Rekordzeit zum Verkauf freigegeben worden – zur Entrüstung Chinas und zur Genugtuung nicht nur von Christie’s. Auch die französische Regierung zeigte sich befriedigt und liess dem Verein APACE zusätzlich eine Geldstrafe aufbrummen – die Beschwörung der guten alten Pariser Zeiten sollte auch in schlechten Zeiten durch nichts getrübt werden.

"Yves Saint Laurent & Pierre Bergé: Die Sammlung"

Das Buch zur Auktion von Robert Murphy; Collection Rolf Heyne, 280 Seiten, 75 Euro
http://www.collection-rolf-heyne.de/