Gallery Weekend – Highlights 2010

Berliner Buletten – XXL

Unsere "Berliner Buletten" haben schon Tradition: Beobachtungen zum Berliner Gallery Weekend, aufgeschrieben von art-Redakteuren und -Korrespondenten. So groß wie diesmal war der Bericht aber noch nie: Hier kommt das Protokoll eines prallen Berliner Kunstwochenendes – samt eines Hinweises darauf, dass diese Rubrik vielleicht "Berliner Currywürste" heißen müsste.
Berliner Bouletten – XXL:Gallery Weekend Berlin

Anselm Reyles Installation "Arise" im Ausstellungsraum "Céline und Heiner Bastian"

Donnerstag Abend, Charlottenburg

Manchmal ist die Ortsangabe "Charlottenburg" ganz schön irreführend. Denn die zu Ausstellungsräumen hergerichtete Lagerhalle von "Vittorio Manalese & Fils", dem neuen Nebenprojekt der Berliner Großgalerie "Contemporary Fine Arts" (CFA) hat so gar nichts mit den feinen Adressen um den Savignyplatz oder Ku’damm zu tun. Auf einem Gewerbehof nördlich vom Ernst-Reuter-Platz gelegen, scheint hier alles eher der proletarischen Moabiter Turmstraße entgegenzustreben.

Er habe "Bock auf Frischfleisch", verkündete Galerist Bruno Brunnet im Vorfeld, den Namen des neuen Tochterunternehmens lieh er sich aus einem Mafiafilm, der Titel der Eröffnungsausstellung "Ein Fest für Boris" zitiert einen Dreiakter von Thomas Bernhard. Zur Eröffnung gab es keine bekannten Namen, sondern Werke von Künstlern der Jahrgänge zwischen 1973 und 1981, kuratiert von der Künstlerin Aurelia Sellin.

Da gab es ein wenig bemüht wirkende obszöne Gemälde und bemalte Sandsteinfiguren von Stefan Rinck, auf Großformat gezogene Landschaftsansichten aus der Zeichentrickserie "Simpsons" von Gitte Jabs oder die akrobatische Deckeninstallation "Spydermanstudio" von Max Frisinger. Fazit: Viel nette Kunst – eine wirkliche Entdeckung war jedoch nicht darunter.

Freitag Nachmittag, Potsdamer Straße, Schöneberg

Er ist der Jürgen Fliege der Berliner Galeristenszene: Matthias Arndt. Eigentlich hat er das Herz an der richtigen Stelle, er lebt, liebt und leidet für die Kunst. Doch wegen seiner hemmungslosen Bekenntnisse ist er den Kollegen manchmal peinlich. So hat er offen ausgesprochen, was die anderen gern verheimlichen wollen, nämlich dass er sich in den Boomzeiten finanziell übernommen hat und letztes Jahr kürzer treten musste, sprich weniger Messeteilnahmen und Umzug in günstigere Räume. Unter dem Titel "Changing the World" präsentierte er nun sein neues Galeriekonzept. Und zeigte seinen Kritikern damit symbolisch den Mittelfinger. Arndt residiert von nun an in einer prächtigen 400-Quadratmeter-Beletage über dem "Wintergarten Varieté" an der Potsdamer Straße ganz in der Nähe der Kollegen Klosterfelde, Nourbakhsch, Sommer & Kohl, Bartolozzi und Trülzsch. In den großzügigen Zimmerfluchten zeigte er ein Best-of seiner Galeriekünstler: protzige Skulpturen von Keith Tyson und Wim Delvoye, filigrane Zeichnungen von Netko Solakov, poppige Gemälde von Erik Bulatov und Anton Henning, eine clowneske Videoinstallation von Jon Kessler und Nordpolreise-Impressionen von Sophie Calle. Im fünf Meter hohen Ballsaal, der zu dem großbürgerlichen Wohnensemble gehört, wurden Hirschgulasch und Wachteleier serviert, über allen thronte der "High Subjecter", eine neue Skulptur von Thomas Hirschhorn. Bescheidenheit sieht anders aus.

Freitag Nachmittag, Martin-Gropius-Bau

Vor dem Eingang des Gropius-Baus hat sich eine Schlange gebildet. Erinnerungen an große Berliner Ausstellungsschlager wie "Das MoMA in Berlin" und "Goya" werden wach. Nun ist allerdings die Frage: Stehen die Leute alle für Frida Kahlo an, deren große Retrospektive hier läuft? Oder verirren sich auch ein paar Besucher zu Olafur Eliasson, dem Ingenieur der Naturerfahrung, der in dieser Schau die Stadt Berlin ins Museum hineinzulassen versprochen hat?
Die Frage ist schnell beantwortet: Bei Eliasson ist es rappelvoll, dicke Besuchertrauben hängen an den Objekten, Installationen und Wandprojektionen. Der Ansturm festigt Eliassons Ruf als neuer Christo: Keiner macht Kunst so populär wie er. Allerdings hielten sich bei früheren Ausstellungen Komplexes und Eingängiges die Waage. In dieser Schau kommt man sich manchmal vor wie in einem Workshop für Eventarchitektur: Pro Raum gibt es meist nur ein Werk, Besucher können ihre Schatten vervielfältigt sehen oder geometrischen Lichtspielen an der Wand zuschauen. Man geht durch eingenebelte Räume und kann auf einem riesigen Tisch Objekte aus Eliassons Atelier betrachten – aber wie banal und jahrmarktshaft wirkt das! Der Berlinbezug wird durch Berliner Gehwegplatten hergestellt, die man ins Museum geschafft hat – ach Gott. Einziger Lichtblick – im wörtlichen Sinne – ist das sehr schöne und beeindruckende Spiegelkabinett im Innenhof.

Freitag Abend, Rosa-Luxemburg-Platz

Was da genau passieren würde, wussten die wenigsten, als sich die Räume der Galerie Christian Nagel langsam aber stetig füllten. Wie im Modegeschäft hatte der Wiener Künstler Heimo Zobernig für die Eröffnung seiner Ausstellung "Alte Sachen" entlang der Fensterfront einen Laufsteg aufgebaut, vor dem sich nun die Neugierigen drängelten. Plötzlich setzte der Beat ein, und die Models erschienen auf dem Catwalk: Das Kunstvolk klatschte und johlte. Isabelle Graw, die Herausgeberin des Berliner Kunstmagazins "Texte zur Kunst", der mächtige Museumsmann Kasper König, Michael Neff, der Organisator des Gallery Weekend, und natürlich der Galerist Nagel selbst ließen es sich nicht nehmen, geschminkt mit zerfetzt wirkenden Kostümen über den Steg zu wandeln. Die Botschaft war klar: Was soll der Quatsch mit den VIP-Limousinen und dem Gästelisten-Gehechel? So sieht wahrer Glamour aus: Mut, Überraschung und keine Häppchen.

Freitag Abend, Wedding

Seit Max Hetzler seinen Galerieraum in der Zimmerstraße aufgegeben hat, ist es ein bisschen beschwerlicher geworden, die neuesten Arbeiten seiner Künstler anzuschauen. Doch wer den Weg in die Osramhöfe im Wedding auf sich nahm, wurde mit einer großartigen Ausstellung von Monica Bonvicini entschädigt: Neben den für sie typischen Bondage-Konstruktionen aus Ketten, Gerüststangen und Lederriemen gab es eine riesige, schwebende Lichtskulptur aus gebündelten Neonröhren und beeindruckende Zeichnungen von zerstörten Häusern nach der Flutkatastrophe in New Orleans. Absolutes Highlight war Bonvicinis neues achtminütiges Video "No Head Man". Drei coole Typen in dunklen Anzügen spazieren gelangweilt in einem White Cube umher, belaueren und ignorieren sich solange, bis einer von ihnen ganz beiläufig anfängt zu masturbieren. Da gehen die Männer plötzlich mit dem Kopf durch die Wand. Was das bedeuten soll? Das kann jeder Gallery-Weekend-Flaneur für sich selbst entscheiden.

Freitag Abend, Auguststraße

Woran denkt man, wenn das Museum eines Privatsammlers "me" heißt? An die Worte "moving energy", die angeblich gemeint sind? Oder vielleicht doch eher an "me" – ich? Kann man den Namen des Museums von Thomas Olbricht also mit "Ich" übersetzen“? Es gehört schon Mumm dazu, sich hier in der Auguststraße so zu präsentieren: Der Düsseldorfer Sammler setzt ein nicht gerade bescheiden proportioniertes Museum direkt neben die "Kunst-Werke" (KW) und gibt schon durch den Namen bekannt, dass es hier vor allem um ihn und seine persönlichen Obsessionen geht. "Thomas Olbrichts Wunderkammer" nennt er die Sammlung – und warum soll man solche Exzentrik nicht begrüßen? Sammlungen, in denen pflichtschuldig Bilder von Richter und Polke angehäuft werden, gibt es schon genug – warum also nicht das Risiko eines durchgeknallten, obsessiv-sinnlichen Museums eingehen?
Leider löst Olbricht, von dessen Sammlung Kenner schwärmen, diesen Anspruch nicht ein. Zu viel in diesem Museum wurde nur gewollt und nicht gekonnt. Das beginnt bei der Architektur, die wirkt, als habe man einen Neubau für eine Versicherung auf halbem Wege in ein Museum umgeplant. Die "Wunderkammer" mit ihrem Schrumpfköpfen, Totenschädeln und anatomischen Modellen ist fein säuberlich in Wandvitrinen präsentiert – zu klinisch wirkt das, zu wenig erinnert es an das planmäßige Chaos der fürstlichen Wunderkammern. Die Kunstwerke schließlich sind vor allem groß, bunt und grell – viel nackte Haut ist zu sehen, "Sinnlichkeit" ist überall gemeint, aber heraus kommt nur erotisch aufgeladene Wohnzimmerkunst. Vor allem bei Kritikern war große Enttäuschung zu spüren an diesem Abend – die Frage, ob der Kunstbezirk Mitte dieses Museum überlebt, ist allerdings doch leicht dramatisiert.

Freitag Abend, Torstraße, Mitte

Wilhelm Pieck würde sich wahrscheinlich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, was über seinem Büro heute so getrieben wird: Wilde Champagner-Partys, Orgien im Schwimmingpool, Frauen mit megakurzen Röcken, Superhighheels und Federn im Haar spülen Currywurst mit Manhattan-Cocktails runter, werfen sich Superstarkünstlern und Supergaleristen an den Hals oder gleich in den Pool ... So dekadent ging es Freitag Nacht auf der Haunch-of-Venison-Party zu Ehren Damien Hirsts und Michael Joos zu. Die Feier fand im "Soho House" statt, einem neuen Ableger des erfolgreichen Londoner Gentlemen-Clubs im frisch renovierten "Pieck-Haus" an der Torstraße 1, einem ehemaligen Warenhaus und nach 1945 Sitz des Parteivorstands der SED. Jetzt soll sich dort das internationale Business- und Glamourjetset vergnügen. Die Hirst-Party war so etwas wie die Housewarming Party für den schicken Privatclub mit angeschlossenem Hotel und Fitnessstudio – und gemessen an den vielen zufriedenen Designer-Sonnenbrillenträgern, die am nächsten Tag mit seligem Lächeln ihr Hangover pflegten, muss der Abend wohl als Erfolg gebucht werden.

Samstag Vormittag, Potsdam

Man kann sich mit etwas Fantasie noch vorstellen, wie die Amerikaner und Russen sich von ihrer jeweiligen Seite her auf die Brücke bewegt haben, zögerlich, skeptisch, immer darauf vorbereitet, dass die Gegenseite den eigenen Top-Agenten doch noch erschießt. Die Glienicker Brücke war berühmt für den Agentenaustausch im Kalten Krieg, heute ist sie einfach nur – eine Brücke. Von der Villa Schönigen hat man einen sehr schönen Blick auf das Bauwerk, die Geschichte des Hauses ist nicht weniger bewegt: Die Villa im italienischen Stil wurde 1843 errichtet. Hier lebte ein jüdischer Mitbegründer der Deutschen Bank, später benutzten die Nazis und die Sowjets das Haus für ihre Zwecke, zur DDR-Zeiten war es ein Kindergarten. Nun haben Matthias Döpfner, Chef des Springer-Verlags, und der Finanzinvestor Leonard Fischer das Haus gekauft, saniert, und als "deutsch-deutsches Museum" für das Publikum geöffnet. Eine Dokumentation zur Glienicker Brücke erwartet den Besucher im Innern; draußen im Garten sind Skulpturen meist junger Künstler zu sehen.
Zur Eröffnung des Skulpturengartens am Vormittag traf das Kunstvolk in müde-gelöster Stimmung ein. Vielen waren die Exzesse der Gallery-Weekend-Nacht noch ins Gesicht geschrieben. Der Frankfurter Museumsgeneral Max Hollein sprach blass ein paar Worte ins Mikro, ansonsten flanierten die Besucher zwischen den Skulpturen umher. Die Auswahl ist sozusagen künstlerisch korrekt: Von Anselm Reyle und Jonathan Meese bis Stella Hamberg und Franz West sind die relevanten Namen zeitgenössischer Plastik vertreten. Auch Drastisches wurde nicht gescheut: Man sieht allerlei Ungeheuer und einmal sogar eine Figur beim Stuhlgang; fast schien es, als ei ein kleiner Monsterpark geplant gewesen. Dennoch wirkt das alles merkwürdig ziellos: Es gibt keine Idee, die irgendwas mit dem Ort zu tun hätte, die Arbeiten wirken wie abgestellt, zusammengesucht auf einer Messe. So bleibt als Fazit: schöner Garten, ja, und Skulpturen gibt es auch.

Samstag Mittag, Kurfürstenstraße, Schöneberg

Gallery Weekend in der Kurfürstenstraße: Das heißt die schwarzen Limousinen sind nicht wegen der käuflichen Damen da, sondern wegen der Kunst. Bei Giti Nourbakhsch hat Matias Faldbakken schwarze Zeitungsständer zusammengepfercht und mit einem Gurt verschnürt, sie wirken wie gefesselt. Der lange, kunstvoll drapierte Gürtel wirkt so auch mehr wie Schmuck, wie zierendes Beiwerk denn wie ein Folterinstrument. In einer anderen Arbeit sind die geschundenen Ständer zum Schmetterling verschnürt: Der norwegische Künstler verwischt frech die Grenzen zwischen Vandalismus und Witz, Gewalt und Fragilität. Im oberen Stockwerk Tüten. Weiße Plastiktüten mit braunem Klebeband (das einem sonst nur beim Umzugskistenpacken unter die Finger kommt, weil es für andere Zwecke einfach zu hässlich ist) an die Wand geklebt. Auf den Tüten die Aufschrift "THE ZZZZZ", mehr nicht. Manche der Tüten hat Feldbakken in Bilderrahmen gesperrt und dann mit Edding die Glasscheibe beschmiert. Plastiktüten als Sinnbild für Konsum und Sinnlosigkeit – und doch bleiben sie durch die Edding-Tags und das simple Klebeband, was sie sind, nämlich Plastiktüten. Mit allereinfachsten Mitteln karikiert Faldbakken das Maßlose, den Hype am Kunstmarkt – und setzt damit unweigerlich einen Kontrapunkt zu Damien Hirst, der diesmal nicht Formaldehyd mit Kalb, Kuh oder Hai im Gepäck hatte, sondern Formaldehyd mit Zebra.

Samstag Nachmittag, Kreuzberg

"I am no longer an abstract artist", verkündete Jo Baer bereits 1983 in einem Essay in ‚Art in America’. Doch ihr verzweifelter Aufschrei verhallte wirkungslos. Denn zu diesem Zeitpunkt war die amerikanische Malerin als bedeutende Protagonistin des Hard-Edge-Minimalismus bereits zu fest in den Kunstkanon eingeschrieben. Es spricht für ihre Willensstärke und Unabhängigkeit, dass sie sich von der Ignoranz des Kunstbetriebs nicht beirren ließ und einfach weiter an ihren figurativen Bildern malte, die kaum jemand zur Kenntnis nehmen wollte. Nun hat Barbara Thumm die abtrünnige Grande Dame des Minimalismus nach Berlin geholt. Ihre anspielungsreichen, erotisch aufgeladenen Leinwände haben Witz und Sexapeal, die Palette ist mal geisterhaft blass, mal farbsatt durchgemalt. Bei der Eröffnung strahlte die 81-jährige mit ihrem weißen Haar elfenhaft. Aber Achtung: Diese Elfe kann beißen. Der Titel eines Bilds, das ein Urinal und die schematische Darstellung des männlichen Geschlechts zeigt, klingt wie der ultimative Fluch auf alle Stehpinkler: "Schrine of Piggies (The Pigs Hog it all and Defacate and Piss on Where From They Get it and With Whom They Will Not Share)".

Samstag Nachmittag, Spittelmarkt

Tim Neuger und Burkhard Riemenschneider hatten sich für die Präsentation neuer Bilder von Elizabeth Peyton etwas besonderes einfallen lassen: Statt im White Cube zeigten sie Porträts und Blumenbilder der angesagten amerikanischen Malerin im romantisch-ruinösen Ambiente einer ehemaligen Tuchhandlung am Spittelmarkt. Dort hingen die gerade mal DIN-A4-Blatt-großen Gemälde im Halbdunkel an Backsteinwänden, von denen der Putz bröckelte. Eine Aura des Geheimnisvollen und Vergänglichen durchflutete den Raum und lud Peytons Werke mit Bedeutung auf. Fragt sich nur, ob die kleinen Bilder, etwa eine Porträtstudie des Galeristen Larry Gagosian, für die die Galerie stolze 300 000 Euro veranschlagt, zu Hause an der Wohnzimmerwand noch dieselbe Magie ausstrahlen.

Samstag Nachmittag, Markgrafenstraße, Mitte

Mark Wallinger stellt bei bei Carlier | Gebauer aus, und es liegen Steine auf dem Boden, 1000 an der Zahl, sie sind nummeriert. An der Wand hängen aus dem Internet zusammengeklaubte, pixelig vergrößerte Schnappschüsse von schlafenden Menschen, eingenickt im Zug oder U-Bahnwagon, die Gesichtszüge entglitten, den Mund offen sind sie bar der Kontrolle über Mimik und Außenwirkung. "Word": zusammengefügt zu einem einzigen Wort (oder einer endlos langen Klage) hat Wallinger hier das gesamte "Oxford Book of Englisch Verse 1250–1918" -- 700 Jahre Poesie zusammengequirlt zur Buchstabenkette. Dahinter Stühle, 100 Stück, jeder ein Einzelstück, gestellt in Reihen à 10 x 10 und miteinander verbunden durch weiße Fäden, die sich sammeln, zulaufen auf einen Fluchtpunkt. Jede Rückenlehne trägt die Aufschrift "Mark". — Humorvolle Arbeiten sind das, doch so recht will sich keiner der Galeriegänger freuen. Stattdessen ernsthafte Geschäftigkeit. Vielleicht liegt’s daran, dass sich der Galeriebesucher eingestehen muss: Auch bei mir läuft der Sabber im Schlaf. Das ist "das Menschliche" bei Wallinger, und das mag tröstlich sein. Oder bedrohlich. "Word" verdeutlicht das: Die kondensierten Gedichte sind als Poesie für den Betrachter absolut inkommensurabel. "Word" ist einfach nicht zu bewältigen. Vielleicht sind deswegen alle so ernst bei Carlier | Gebauer (obwohl doch draußen die Sonne scheint).

Samstag Nachmittag, Kupfergraben Mitte

Die Malerei von Cecily Brown bei Contemporary Fine Arts, ist wie ein Stoppschild: zunächst Kleckse, riesige Formationen von Farbstreifen und Klecksen. Orange, Apricot, Zartrosa, Hellbraun die vorherrschenden Töne, manchmal Türkis. Beim zweiten Blick erkennt man die Frau auf dem Rücken liegen, die Augen aufgerissenen, verzerrter Mund, sie schleicht sich ein in fast jedes Bild, immer bleibt sie geheimnisvoll. Denn Browns Arbeiten verschließen sich. Weisen jedes Fragen von sich und zwar rigoros. Wie engmaschige Gitterzäune tun sie sich vor dem Betrachter auf. Als gälte es etwas zu bewahren, als ginge es darum, ein Innerstes zu verstecken. Access denied. Das Galerienhaus am Kupfergraben ist auch sperrig. Ins Obergeschoss darf man seine Tasche nicht mitnehmen, der Gang zur Toilette ist verboten, Anselm Reyles in den dritten Stock verfrachtete Neonröhren anzuschauen kostet drei Euro, Spende. Vor der Galerie warten die schweren Limousinen. Mit verdunkelten Scheiben.

Samstag Nachmittag, Schröderstraße, Mitte

Schicke Privatsammlungen eröffnen in Berlin ja mittlerweile fast im Wochentakt. Die überraschendste Neueröffnung fand jedoch ohne Pauken und Trompeten in der Schröderstraße 1 statt, einem kleinen Ladenlokal in Laufnähe zum Rosenthaler Platz. Auf graubrauner Stoffbespannung hängen hier Ikonen der Moderne, Picasso, Kandinsky, Feininger, Balla, Kirchner, Marc, Malewitsch und Duchamp, ein unglaubliches Kunstkabinett komplett mit Mobiliar im Bauhaus-Stil und afrikanischen Masken an der Wand. Der Raum ist eine Art Gesamtkunstwerk des Berliner Künstlers H. N. Semjon, der sich seit Jahren mit Prozessen des Sammelns, der Wahrnehmung und Rezeption beschäftigt. Er hat den Sammler Dr. Grouwet samt elaborierter Biografie und Familienstammbaum erfunden und alle Ausstellungsstücke, die als Repräsentationen moderner Meisterwerke leicht erkennbar sind, selbst hergestellt. Statt täuschend echter Fakes hat er die Objekte jedoch mit einer milchigen Schicht Wachs überzogen. Die Installation ist eine augenzwinkernde Lektion in Sachen "Konstruktion der Moderne" und ein schöner Kommentar auf die egomanische Inszenierung der Sammlertypen von heute.

Sonntag, zurück in Hamburg

Im Nachhinein fällt auf, dass mittlerweile kaum ein Event ohne Currywurst auskommt. Bei den meisten Partys und Empfängen gibt es sie, aber meist in verfremdeter Form: in kleinen Hütchen, versetzt mit diversen Saucen, und meist ohne Pommes. Die Karriere der Currywurst als großes Konsensgericht der Republik hat wohl gerade erst begonnen.

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