Auktionen der Zeitgenossen - London

Der Markt wächst

Viele neue Sammler beleben die Auktionen der Zeitgenossen in London.

Ein treffendes Bild: Hinter den wie Tauben auf einer Stange aufgereihten Mitarbeitern von Sotheby's, Telefon am Ohr, hing eines von Andy Warhols Dollar-Zeichen, schwarz auf gelbem Grund.

Es geht um Geld, um viel Geld, und der Hammerpreis von 3,5 Millionen Pfund (4,3 Millionen Euro) für das 1981 entstandene Werk des Popkünstlers war verglichen mit dem Toplos des Abends eine fast lächerliche Summe. Francis Bacons relativ kleines Triptychon "Three Studies for a Portrait of George Dyer" (1964), geschätzt auf 15 bis 20 Millionen Pfund, erzielte 26,6 Millionen Pfund (33,2 Millionen Euro). Vier Telefonbieter rissen sich um Bacons Porträtstudie seines Liebhabers, schließlich waren es nur noch zwei, einer von ihnen aus Asien, der aber schließlich den Kürzeren zog.

Doch das Los, das die Gemüter am meisten erregte, kam am folgenden Abend bei Christie's unter den Hammer: Tracey Emins "My Bed" (1998). Supersammler Charles Saatchi hatte im Jahr 2000 für die auf dem Boden liegende Matratze, mit zerwühltem Bettzeug, Zigarettenkippen, schmutziger Unterwäsche und Kondomen 150 000 Pfund bezahlt, jetzt sollte das Werk 800 000 bis 1,2 Millionen Pfund erbringen, mehr als doppelt soviel wie der bisherige Rekordpreis für ein Werk des Entfant terrible der Young British Artists. Mehrere Bieter schaukelten sich gegenseitig hoch, und der Hammer fiel dann bei 2,2 Millionen Pfund (2,7 Millionen Euro). Der glückliche neue Besitzer ist, man höre und staune, Emins Galerist Jay Jopling. Was geht da vor? Ein Geburtstagsgeschenk für seine Künstlerin, mit der er viel Geld verdient hat? Oder will er das Werk etwa einem Museum schenken? Vielleicht der Tate, wie Emin es sich immer gewünscht hat? Francis Outred von Christie's deutete auf der Pressekonferenz nach der Auktion so etwas an: "Noch kann ich nichts sagen, aber das 'Bett' wird ein gutes Zuhause bekommen."

Christie's hatte mit 99,4 Millionen Pfund (124 Millionen Euro) Gesamterlös gegenüber den 93,1 Millionen Pfund (116 Millionen Euro) bei Sotheby's wieder einmal die Nase vorn. Und die Rekorde purzelten: Neben Emins "Bett" erzielten auch Werke von Jean Dubuffet und Michelangelo Pistoletto Rekorde, ebenso wie "Frühstück now (Self-Portrait)" (1984) von Albert Oehlen, das für mehr als eine Million Pfund (1,3 Millionen Euro) den Besitzer wechselte.

Ein Rekord bei Christie's dürfte die Mitarbeiter des Konkurrenten Sotheby's besonders geärgert haben: Das zweitteuerste Werk bei Sotheby's war "Country-rock (wing mirror)" von Peter Doig. Das 1999 entstandene großformatige Gemälde des 1959 geborenen britischen Künstlers ist der Blick aus einem fahrenden Auto auf eine mysteriöse Traumlandschaft, mit einem in den Farben des Regenbogens bemalten Tunneleingang. Das Auktionshaus hatte das Gemälde auf etwa neun Millionen Pfund geschätzt, fast zwei Millionen Pfund über dem bisherigen Rekordpreis für den Künstler, und verkaufte es für 8,5 Millionen Pfund (10,6 Millionen Euro) inklusive Käuferprämie. Christie's machte es auch hier besser: Doigs Gemälde "Gasthof" (2002/04), eines der ganz wenigen Selbstporträts des Malers, ging für 9,9 Millionen Pfund (12,4 Millionen Euro) weg. Der Käufer: Großgalerist Larry Gagosian. "Doig hat uns einen Tag lang verlassen, ist aber sofort wieder zurückgekehrt", freute sich Francis Outred.

Einig waren sich beide Häuser, dass der Markt für die Nachkriegskunst überaus gesund ist, solange es ihnen gelingt, erstklassige und frische Ware einzuliefern. Die Zahl der Käufer aus Asien wächst ständig, und immer mehr neue, junge Käufer kommen dazu. Zehn Prozent der verkauften Lose bei Sotheby's etwa gingen an neue Sammler, die zum ersten Mal mitboten. Vielleicht ein Zeichen dafür, dass die Auktionshäuser recht haben, wenn sie auf die Zukunft des Marktes vertrauen.

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