Nicole Klagsbrun - Interview

Sammler wollen Marken

Viele engagierte Galeristen wie zuletzt Martin Klosterfeld und Lena Kiessler in Berlin ziehen sich vom Markt zurück. Auch die New Yorker Galeristin Nicole Klagsbrun hat genug und erklärt art, warum sie ausssteigt
Das Niveau sinkt:Warum die New Yorker Galeristin Klagsbrun aussteigt

Galeristin Nicole Klagsbrun

Nach 30 Jahren schließt die erfolgreiche New Yorker Kunsthändlerin Nicole Klagsbrun ihre Galerie in Chelsea. Die gebürtige Belgierin machte sich einen Namen mit ihrem Gespür für frische Talente wie Mika Rottenberg, Sarah Morris oder Rashid Johnson. Klagsbrun, die ihren Showroom behält und weiter als Kuratorin arbeiten will, erklärt im art-Interview, warum sie keine Lust mehr auf das Galeriensystem habe:

Warum steigen Sie aus?

Kunden fragen mich, ob ein Künstler eine gute Investition ist. Sicher, ich habe in der Vergangenheit ein Gespür für Entdeckungen gehabt und die Leute verdienten viel Geld mit den Künstlern. Eine solche Frage kann ich aber nicht beantworten. Wenn es nur um Geld geht, interessiert es mich nicht mehr. Das System, in dem wir uns bewegen, wird immer stärker und verlangt immer mehr ab.

Das System?

Ja, die Messen, die Biennalen, die Macht der Auktionen, die Mentalität der Sammler. Die Tatsache, dass Kunst als Event präsentiert wird. Das Tempo, in dem wir uns bewegen, bedeutet, dass die Zeit für Reflektion fehlt und dass die Karriere eines Künstlers nicht strategisch geplant werden kann. Das Niveau in der Kunst geht runter. Aber es gibt trotzdem immer Käufer.

Sie haben heute mit anderen Sammlern zu tun als früher?

Es scheint, dass sie unsicherer sind. Anstatt eine Galerie zu besuchen und sich eine Arbeit im Kontext anderer Werke anzugucken, besuchen die Leute heute lieber Messen. Dort hängt eine Arbeit neben tausenden von anderen Werken. Dabei geht es bei der Kunst doch um eine Erfahrung und darum, die Ansichten eines anderen Menschen zu verstehen. Aber immer weniger Leute besuchen Galerien. Alte Sammler ziehen sich zurück, weil sie sich von dem System überwältigt fühlen. Neue Sammler sprechen gern über Preise.

Welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auf die Künstler?

Sie begreifen schon, dass es nicht nur um das schnelle Geld geht. Doch viele Künstler wurden von ihren Galeristen in eine Ecke gedrängt. Wie sollen sie denn die Qualität hochhalten, wenn zehn Sammler auf neue Werke warten? Die Künstler müssen alle zwei Jahre eine neue Ausstellung liefern. Selbst, wenn sie nicht dafür bereit sind. Der Markt ist dermaßen groß, dass sie nicht in Vergessenheit geraten dürfen.

Gab es einen bestimmten Moment, an dem Sie begriffen, dass Sie aussteigen wollen?

Letztes Jahr auf der Art Basel blickte ich mich um: Auf den Ständen ging es um Präsentation. Alles sah groß und glänzend aus. Die Kunsthändler wirkten wie Bankiers. Der Austausch über die Kunst war ein anderer. Dabei dürfen wir doch nicht vergessen, dass wir keine Möbel verkaufen. Künstler stecken ihr Leben, ihre Seele in ihre Arbeiten. Aber für viele Leute ist Kunst heute nur Teil des Livestyles. Ich habe niemals mit einer PR-Firma gearbeitet, weil ich immer dachte, dass gute Arbeit für sich spricht. Aber die Sammler wollen nicht nur eine Galerie, sondern eine Marke.