Unpainted - München

Kunstgemeinde mit Smartphone auf dem Vormarsch

Die erste Ausgabe der Medienkunst-Messe "Unpainted" in München findet ihr Publikum und auch einige Käufer. Unsere Autorin macht zwischen App Art, Plotterkunst, interaktiven Installationen und CAD-Skulpturen einige Entdeckungen.

Das große, am Ende immer lästige Flimmern bleibt aus. Während einem vor Jahren nach einem längeren Besuch etwa der Ars Electronica noch der Kopf vor lauter Pixelkunst, technoider Kinkerlitzchen und zirpender Monitore der Kopf schwirrte, verlässt man die neu gestartete Messe zur New Media Art in München eher geläutert.

"Unpainted" heißt die erste ernst zu nehmende Messe über Medienkunst. Anders als es sich vielleicht vermuten ließe, wurde nicht nur zweidimensional auf Bildschirmen auftauchende digitale Kunst offeriert, sondern das Spektrum reichte von frühen Plotterzeichnungen, Netzkunstarbeiten, über computergenerierte Fotografie, App Art, via CAD-Programmen hergestellte Skulpturen sowie interaktive Installationen bis hin zu einer auf Berührung ängstlich quietschenden, realen Pflanze. Mit rund 50 Ausstellern war diese von Annette Doms geleitete Messe überschaubar, auch halbwegs international. Und sie hatte, bei allem sich noch vortastenden Pioniergeist, doch einen schmissigen Zugriff, gerade weil sich Aufklärung und Entertainment, Talks und Performances (etwa Chicks on Speed), kommerzielle Interessen und Experimentelles die Waage hielten. Im äußeren Kojenkreis der Architekturrotunde im Münchner Postpalast kam im von Li Zhenhua kuratierten Lab 03 der internationale Nachwuchs zum Zug. Vor allem die jungen chinesischen Digitalritter haben mächtig an der Produktion alltagstauglicher Medienkunst zugelegt.

Philippe Riss, der Besitzer der Pariser Galerie xpo, bringt es auf den Punkt: "Wir haben in den letzten drei Jahren beobachtet, dass eine Community mit ihren Smartphones auf dem Vormarsch zur Kunst ist." Riss bewies mit seiner schönen Mischkonstellation von sowohl 2D- als auch 3D-Tools einsetzenden Künstlern wie Phil Thompson und Evan Roth qualitativen Anspruch, schloss vom Swarovski-Dekor bis zum Hacker-Angriff einen auch thematischen Facettenreichtum ein und konnte schließlich drei kapitalere Arbeiten verkaufen. Vergleichsweise spannend war ebenso der Stand der Louise Alexander Galerie aus Porto Cervo komponiert: Die wie verwest wirkende Video-Figur eines gestrichelten "Saint François" auf einem Plasma Screen fand dort zum Preis von 24 000 Euro ihren Abnehmer. Mit im Programm der sardischen Galerie ist Miguel Chevalier, der mit einer im Auftrag von Hermès entwickelten Rauminstallation aus interaktiven, auf Bewegung reagierenden und flottierenden Pattern das absolute Publikumshighlight der Messe lieferte. Nicht, dass verkaufsmäßig auf dieser Messe der Bär gesteppt hätte, aber es gab doch im kleineren bis mittleren Segment Positives zu bilanzieren. Von Rafaël Rozendaal, einem der profiliertesten Multimediakünstler der jüngeren Generation, konnte Steve Turner Gallery aus Los Angeles drei "Lenticular Paintings" à 6000 Euro veräußern.

Formalistische Projektionen und inhaltliche Zuspitzungen

Bei den Einzelpositionen, respektive Soloschauen, überzeugte neben der bekannte Größe Yves Netzhammer (bei Christinger de Mayo aus Zürich) insbesondere Jakub Nepras (Arthobler Gallery, Zürich). Dem jungen Tschechen Nepras gelingt, was in vielen Fällen der immer noch auf grafische Wirkung und eine spielerische poppige Ästhetik abgestellte Medienkunst oft abgeht: die Balance zwischen formalistischen Projektionen und inhaltlichen Zuspitzungen. Gerade in Nepras videoanimiertem Tondo scheint die durch ein Rondell dargestellte Welt der Globalisierung wie in einem übergeschnappten Mantra zu implodieren. Wolf Lieser aus Berlin, der auch eine kleine historische Schau zur Medienkunst kuratierte, angefangen von den Plotterzeichnungen eines Manfred Mohr oder einer Vera Molnar, zeigte in der Koje seiner DAM Gallery die großartig changierenden, softwaregesteuerten Op-Art-Visualisierungen von Casey Reas aus Los Angeles.
Punktuell fühlte man sich aber von der medial vorgegaukelten Flamboyanz abgestoßen – so etwa von den goldverbrämten Totenköpfen in holographischen Stereogrammen (Art & Space, München) oder figurativ überbordenden Tapisserien aus überlagerten Digitalbildern der Massenmedien (Galerie Carolyn Heinz, Hamburg). Unverständlich war auch der vollkommen farblose Außenauftritt der Messe: Weder sahen sich die Organisatoren veranlasst, das Messeereignis im Stadtraum zu plakatieren, noch war der Zugang zur Messe im Vorfeld einigermaßen markant beschildert. Um so verwunderlicher dann das gerade am Wochenende dichte Besucheraufkommen, in dem unter anderen potenzielle wie eingefleischte Mediensammler oder -kuratoren (Sabine Himmelsbach, Andreas Beitin) gesichtet wurden.

Schöner Mix von Arbeiten

Steven Sacks war mit seiner Bitforms Gallery aus New York angereist und verzichtete in der Solo-Präsentation des britischen Multimediakünstlers Quayola bewusst auf feste Stellwände. Auf drei hohen Sockeln sind digital erzeugte Figuren namens "Captives" aus Kunststoff aufgebaut, die sich wie antike Heroen aus einem michelangelesk nur halb behauenen Stein zu schälen scheinen. "Wir wollten grundsätzlich zeigen, wie sich die jüngste Entwicklung von Quayolas Arbeiten hin zur Skulptur vollzogen hat – er arbeitete nie zuvor skulptural." 48 000 Euro ist für das dreidimensionale Werk veranschlagt, während das in einer dreier-Edition erhältliche, dazugehörige Video-Diptychon der in metamorphotischer Bewegung begriffenen "Captives" für 24 000 Euro zu haben ist. Bei mindestens einem von beiden Arbeiten stehe er kurz vor dem Verkaufsabschluss, sagt Sacks. Er, der mit seiner Reise über den Ozean natürlich ein größeres Risiko auf sich genommen hat, resümiert: "Bislang war die Reaktion der Sammler sehr gut. Allgemein braucht es wie bei jeder Messe, die neu startet, etwas Zeit, bis die Dinge angenommen werden. Ich finde, dass diese Messe einen guten Umfang hat, sie ist nicht zu groß. Und es gibt einen schönen Mix von Arbeiten. Ich glaube an die Spannbreite der Medien, dass New Media nicht zwangsläufig auf dem Screen aufscheinen muss. Dies findet sich hier ziemlich gut repräsentiert."

Und selbst diejenigen Galeristen, die noch keine Verkäufe zu vermelden hatten, wirkten erstaunlich gelassen. Es scheint, dass tatsächlich ein neuer, noch nicht klar definierbarer junger Markt für Medienkunst am Keimen ist. Rüdiger Schöttle, der mit digitaler Fotografie von Thomas Ruff und David Claerbouts traumverlorener 3D-Video-Reanimation tanzender Paare im Oklahoma der späten dreißiger Jahre angetreten war, hatte trotz brillanten Auftritts bis kurz vor Ende der Ausstellung nichts verkauft. Er rieb sich dennoch vor Freude die Hände über das frisch dazugewonnene Terrain an Klienten: "Die Messe ist sehr angenehm, bisher waren viele interessierte Sammler am Stand. Wir sind sehr zufrieden und hoffen, dass es nächstes Jahr weitergeht."

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