Christie's und Sotheby's - New York

Ein abgekartetes Spiel

Spekulanten machten bei den diesjährigen Auktionen von Christie's und Sotheby's mit Erfolg Kunst zur Ware. Kunsthändler aus Asien entpuppten sich dabei als die Käufer des Abends.

745 Millionen Dollar an nur einem Abend. Christie's schlug in New York ein neues Kapitel in der Auktionsgeschichte auf.

Es hagelte Rekorde für Künstler wie Frank Stella, Lucas Samaras, Joseph Cornell, Alexander Calder, Robert Gober, Barnett Newman, Martin Puryear, Robert Mangold und Joan Mitchell, die mit einem Gemälde von 1960 für 11,9 Millionen Dollar den neuen Auktionsrekord für Künstlerinnen setzte.

Das ist natürlich nichts im Vergleich zu dem Top-Los des Abends: Barnett Newmans "Black Fire I" erzielte 84,1 Millionen Dollar. Oder Francis Bacons Triptychon "Three Studies for a Portrait of John Edwards" von Bacons Geliebtem, den der 1992 gestorbene Künstler als seinen Alleinerben eingesetzt hatte und das für 71 Millionen Dollar an einen Privatsammler in Asien ging. Ein eher enttäuschendes Ergebnis, "Three Studies of Lucian Freud" hatte bei der letzten Herbstauktion mit 142,4 Millionen Dollar als teuerstes Werk, das jemals versteigert wurde, neue Maßstäbe gesetzt.

Ein Mobile in Form eines Fisches von Alexander Calder ("Poisson volant, Flying Fish") brachte mit 25,9 Millionen Dollar einen neuen Rekord. Es ging ebenfalls nach Asien, wo der Fisch als Symbol für Glück und Reichtum gilt. Gerhard Richters "Abstraktes Bild" von 1990 wurde für 29,2 Millionen versteigert. Warhol ist gleich zweimal unter den Top-Ten-Losen vertreten. Die "White Marilyn" von 1962 verkaufte sich für 41 Millionen Dollar. Das vierteilige Werk "Race Riot, 1964" über die Rassenunruhen in Birmingham, Alabama, ging weit über dem Schätzpreis von 45 Millionen Dollar für 62,8 Millionen Dollar an Kunsthändler Larry Gagosian.

Aufregend war der Abend dennoch nicht. Auktionator Jussi Pylkkanen wirkte zwischenzeitig wie der Statist in einem Spiel, das im Vorwege geschrieben worden war. Mehr als die Hälfte – 39 von 72 der angebotenen Arbeiten hatten Garantien – die Deals waren also im Vorwege gemacht worden. Man sei beeindruckt von der Bietaktivität aus China gewesen, hieß es auf der anschließenden Pressekonferenz, was zeigt, wo das Geld sitzt. Ein Kunsthändler aus LA verglich die Sammler aus Asien mit Staubsaugern, die alles aufsaugen, was ihnen in die Quere kommt. Rechnet man die zusätzliche Auktion, die unter der Leitung des erst 33-jährigen Christie's-Mitarbeiters Loic Gouzer am Vorabend unter dem Motto "If I Live I'll See You Tuesday" gelaufen war, fuhr Christie's an zwei Abenden insgesamt 879,5 Millionen Dollar ein.

Da konnte Jeff Koons "Popeye" noch so siegessicher die Faust emporstrecken, bei Sotheby's am nächsten Abend reichte es nur für ein Gesamtergebnis von 364,3 Millionen Dollar. Von 79 Losen blieben 10 unverkauft. Neun Rekorde wurde erzielt. Sotheby's hatte auf seiner Website zwei Toplose mit Filmbeiträgen vorgestellt, ein Bild aus Richard Diebenkorns "Ocean Park”-Serie und Koons kitschige, mehr als 900 Kilo schwere Popeye-Figur. Um die neuen Kunden zu bedienen, sind die Filme mit chinesischen Untertiteln ausgestattet. Popeye ging für 28,1 Millionen Dollar an Las-Vegas-König Steve Wynn, der die bunte Comicfigur in seinem Casino ausstellen wird. Diebenkorns Farbkomposition erzielte 10,2 Millionen Dollar. Die beiden Werke wurden nur noch von Warhols "Six Self Portraits" (für 30,1 Millionen Dollar) und Gerhard Richters "Blau" von 1988 für 28,7 Millionen Dollar übertrumpft.

Eine Arbeit aus Richard Prince' Cowboy-Serie brachte drei Millionen Dollar. Ein Strickbild von Rosemarie Trockel mit Playboy-Häschen-Motiv den Rekord von 4,9 Millionen Dollar, drei von Urs Fischers Kerzen-Skulpturen in Form einer blonden, brünetten und rothaarigen Nackten 3,5 Millionen Dollar, das Bild von zwei Herren in einer deutschen Einkaufspassage von Martin Kippenberger 5,5 Millionen Dollar und ein Foto von Cindy Sherman von 1981 3,8 Millionen Dollar. Ein Bild ("Two Guys and a Girl") des erst 1989 geborenen New Yorker Künstlers Lucien Smith ging für 230 000 Dollar unter den Hammer. Alle Arbeiten stammen aus der Sammlung des 45-jährigen New Yorker Hedgefondsmanagers Adam Sender. Einer der ersten aus der Finanzhai-Branche, der ernsthaft sammelte. Nachdem er sein Unternehmen geschlossen hat und weil eine teure Scheidung von seiner langjährigen Ehefrau ansteht, trennt er sich im Laufe der nächsten Monate von insgesamt von 400 Werken von 139 Künstlern.

Wie schon bei Christie's war auch bei Sotheby's eine Flammen-Arbeit von Wade Guyton (von 2006), der wohl aus Protest gegen die Christie's-Auktion sein Atelier mit weiteren Kopien seiner Arbeit überflutet hatte, auf dem Auktionsblock gelandet. Sie wurde über dem oberen Schätzwert von 4,5 Millionen für einen Rekord von 5,9 Millionen Dollar verkauft. "Die Spekulanten haben endlich mit Erfolg die Kunst zur Ware gemacht", hatte Frances Beatty von Feigen & Co "Art in America" nach der Christie's-Auktion erklärt. "Was ein Triumph für sie ist, aber ein Desaster für die Künstler und für die Kultur, weil es die Spekulanten und nicht die Künstler zu den Anführern macht."

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