Herbstauktion - London

Mit Luft nach oben

Über die Abende hinweg war das Interesse an Werken von Glenn Brown in jedem der drei Auktionshäuser besonders groß. Sein Werk "Ornamental Dispair" wurde für 3,5 Millionen Pfund versteigert. Ihm auf den Fersen war nur noch Gerhard Richters "Weiß" mit 2,4 Millionen Pfund.
Junge Künstler, hoch gehandelt:Respektable Auktionen ohne wirkliche Höhepunkte

Martin Kippenbergers "Nieder mit der Bourgeoisie" von 1983, Öl auf Leinwand, wird im Auktionshaus Christie's versteigert

Es ist eigentlich immer so, doch in diesem Jahr fiel es besonders ins Auge: Die Londoner Auktionen zeitgenössischer Kunst während der Frieze-Woche sind eine Art Kostprobe für das, was auf die Kunstwelt im November in New York zukommt, etwa Francis Bacons Porträt-Triptychon seines Freundes und Kollegen Lucien Freud, das bei Christie's 85 Millionen Dollar einbringen soll, oder ein "Silver Car Crash" von Andy Warhol, den Sotheby's für 60 Millionen Dollar im Angebot hat. Gegen solche Zahlen konnte London nicht anstinken.

Auch die Zeit war in diesem Jahr für die Kunstfreunde besonders knapp. Kaum war am späten Nachmittag am Donnerstag bei Christie's der Hammer für das letzte Los einer Auktion von 50 dem Supersammler Charles Saatchi gehörenden Großskulpturen gefallen, mussten die Käufer schon bei Sotheby's für die Abendauktion Platz nehmen. Und um bei dieser Hektik auch noch zu so vielen Partys wie möglich gehen zu können, bedurfte es minutiöser Vorausplanung.

Der kleine Bruder Phillips eröffnete den Reigen und schnitt mit einem Gesamterlös von knapp 13 Millionen Pfund (15 Millionen Euro) für die 38 Lose gar nicht so schlecht ab. Toplos war Gerhard Richters abstraktes Bild "Weiß" (1988), das für 2,4 Millionen Pfund (2,9 Millionen Euro) an den jungen New Yorker Händler Vito Schnabel, Sohn des Malers Julian Schnabel, ging. Die Bodenarbeit "Floß" (1982/83) von Fischli und Weiss erzielte mit 602 000 Pfund (712 000 Euro) einen Rekord für das Schweizer Duo.

Sotheby's hatte am folgenden Abend ähnliche junge Künstler im Angebot wie Phillips, etwa den neuen Star Wade Guyton, dessen Arbeit "Untitled" (2008) als Los Nummer eins mit 626 000 Pfund (739 000 Euro) seinen unteren Schätzwert mehr als verdoppelte. Star des Abends war ein großformatiges Gemälde von Glenn Brown, dessen spektakuläre Kopierkunst auch weiterhin hohe Preise erzielt. ""Ornamental Despair" (1994) ging nach einem scharfen Bietergefecht für 3,5 Millionen Pfund (4,2 Millionen Euro) an einen Telefonbieter. Auch Andreas Gursky enttäuschte nicht. "Paris, Montparnasse" (1993), eines der ersten mit digitalen Mitteln bearbeiteten Fotos, erzielte 1,48 Millionen Pfund (1,7 Millionen Euro). Einlieferer war die Deutsche Bank, die nach eigenen Angaben den Erlös für eine Umschichtung ihrer Sammlung in Richtung Südosteuropa und Türkei verwenden will. Der Gesamterlös von 21,4 Millionen Pfund 25,3 Millionen Euro) war respektabel, kam aber auch nicht entfernt an die 44 Millionen Pfund des Vorjahres heran - es fehlte ein Werk von Gerhard Richter, das damals 34 Millionen einbrachte.

Unmittelbar vor dieser Abendauktion ging beim Konkurrenten Christie's "Thinking Big" über die Bühne - die Versteigerung von 50 Großplastiken aus der Sammlung von Charles Saatchi. Ein Novum: Auf ausdrücklichen Wunsch des Sammlers wurde sowohl auf Schätzwerte als auch auf Reservepreise verzichtet. So ist es schwer zu beurteilen, wie erfolgreich die Auktion war. Sie brachte 3,1 Millionen Pfund (3,6 Millionen Euro) ein. Es gab 23 Rekorde, darunter für ein Werk von Tracey Emin. Ihre Installation "To Meet My Past" (2002), ein mit bestickter Decke belegtes Himmelbett, ging für 481 000 Pfund (567 000 Euro) an einen europäischen Bieter im Auktionssaal. Emins Galerie White Cube bot ebenfalls mit. Saatchi möchte, so sagte er, den Erlös dafür verwenden, dass sein Privatmuseum auch weiter keinen Eintritt kostet.

Die Hauptauktion bei Christie's am Freitagabend verlief ähnlich wie zuvor die bei Sotheby's: respektabel, aber ohne wirkliche Höhepunkte. Knapp 28 Millionen Pfund (33 Millionen Euro) war der Gesamterlös. Auch hier rangierte ein Werk von Glenn Brown ganz oben: "Böcklin's Tomb" (1998) wechselte für 2,3 Millionen Pfund (2,7 Millionen Euro) den Besitzer. Martin Kippenbergers großformatiges und ironisches Selbstporträt "Nieder mit der Bourgeoisie" (1983) ging für 1,8 Millionen Pfund (2,1 Millionen Euro) weg.

Wie sehr sich der Auktionsmarkt in den letzten zehn Jahren verändert hat, zeigt das bei Sotheby's versteigerte Werk von Glenn Brown. Sein letzter Auftritt auf einer Auktion war im Februar 2002, wo das Bild bei Christie's in London 33 000 Pfund erzielte - das ist ein Anstieg von mehr als 100 Prozent. Glücklich der Einlieferer, der einen solchen Gewinn verzeichnen kann.