Art Basel 2013 – das Fazit

Immer größer, immer mehr

Wer geglaubt hatte, der Kunstmarkt stößt an eine Grenze, wurde in Basel eines besseren belehrt. Die 44. Auflage der wichtigsten Messe für die Kunst seit der Moderne überraschte durch ein gediegenes Angebot und Rekordumsätze. Ans Rheinknie zu fahren, war für viele eine lohnende Reise.

Knapp vier Meter ragt eine Wand aus schwarzen Balken in die Höhe, über sieben Meter ist sie lang. In einer Ecke sind im dicken Wachs die Sterne des Star Sprangled Banner zu erkennen.

Robert Longo hat die massive US-Flagge 1990 gebaut, als die USA 1986 per Gesetz verboten, die Nationalfahnen zu verbrennen. "Über 20 Jahre hatte ich das Werk eingelagert", erzählt Hans Mayer. Jetzt steht es diagonal in seinem Stand und zieht die Blicke der Besucher auch dann noch auf sich, wenn die verkauften vier Riesentafeln einer Zeichnung "Say Goodbye to Hollywood" weggeräumt sind. 950 000 Dollar will der Düsseldorfer Händler für den Kraftakt haben.

Longos Schwergewicht war nicht nur einer der Eyecatcher der 44. Art Basel, er stand auch für die ungebrochene Lust auf Größe und Expansion, welche die wichtigste Messe für die Kunst seit der Moderne machtvoll demonstrierte. Verzagtheit, Zukunftsangst, alltägliches Kleinklein sehen anders aus. Hier spielte die Musik auf einem anderen Planeten. Die Messe Basel hat sich mit der neuen Halle von Herzog & de Meuron ein Tool der Extraklasse zugelegt, die Art Basel nutzte es, um Händler und Künstler zu noch größeren Dimensionen zu ermutigen.

Nicht nur, dass eine Maximalzahl von 304 Galerien aus knapp 1000 Bewerbern ausgewählt wurden, dass sie aus 39 Ländern kommen und Werke von 4000 Künstlern an die Sammler bringen wollen und dass eine Rekordanzahl von 70 000 Besuchern kam. Die Messe lagerte die Statements, die kuratierte Förder-Sektion für ganz junge Kunst, Empfang, Buchladen, Zeitschriften in den Neubau aus und stellte die gläserne Halle eins ganz der Abteilung Art Unlimited zur Verfügung. Hier zeigten die Händler mit 79 Projekten so viele wie noch nie. Die Show stahl allen ein knallgelbes Gemälde aus 70 Panels auf insgesamt 22 mal 7 Metern Fläche von Matt Mullican, das die Galerie Mai 36 montieren ließ. Der Amerikaner war mit seinem Auftritt bei der Biennale Venedig einer der Stars auch in Basel. Obwohl seine Diagramme zur visuellen Ordnung unserer Welt nicht gerade einfach zu verstehen sind, begegnete er auch bei Galerien wieder, die bisher kein Faible für ihn erkennen ließen.

Die Installationen, Projektionen und Skulpturen der Art Unlimited sind noch größer geworden. Allerdings zeigte sich auch, dass nicht alle Künstler damit umgehen können. Manchmal ging es einfach um Macho-Gesten, um das kindliche Haben-Haben-Wollen oder um schieren Unverstand: Beispielhaft dafür war Thomas Demand. Vielleicht dadurch ermuntert, dass er bei der Prada-Foundation in Venedig das Remake der Szeemann-Ausstellung "When Attitudes Become Form" mitkuratieren konnte, reservierte er sich die größte Videokoje. War seine Leistung in Venedig bereits unterirdisch, so gefiel er sich in Basel in Leere: Der Bastler von Pappe-Welten, die abfotografiert ein bisschen so aussehen, als wären sie wirklich, setzte in einem Innenraum Tische und Stühle in Bewegung. Sie rutschten von links nach rechts und von rechts nach links. Die Projektion füllte bei weitem nicht die breite Wand, der leere Raum davor hatte einem nichts zu sagen. Die Pappe-Einrichtung wäre auch bei halber Größe nicht anders gerutscht.

Maxi-Size war auch die Begeisterung des Marktes. Als läge Basel nicht am Ende eines Marathons aus Messen und Auktionen rund um den Erdball, brachten die Händler viel frische Ware mit, und die Sammler schienen über endlos tiefe Taschen zu verfügen. "An Geld gibt es keinen Mangel", war an mehreren Ständen zu hören. "Müdigkeit? Haben wir nicht bemerkt", sagte die junge New Yorkerin Casey Kaplan. David Zwirner verkaufte Gemälde des Belgiers Luc Tuymans aus der ersten Hälfte der neunziger Jahre für zwischen 900 000 und 1,4 Millionen US-Dollar. Sprüth Magers testeten erfolgreich den Markt für den Schwerenöter Reinhard Mucha und brachten die Installation "Oberbilk" aus dem laufenden Jahr für 360 000 Euro an einen Sammler. Und Contemporary Fine Arts aus Berlin setzten einen Holzschnitt der Brüder Gert & Uwe Tobias für 65 000 Euro ab. Fast schon ein Schnäppchen, wenn man an die sechs Millionen Dollar denkt, die ein Sammler für ein Gemälde von Joan Mitchell bei Cheim & Read bewilligte. Während man früher gerne diskret auftrat, wissen die Galeristen heute, dass sie in die Medien kommen, wenn sie Erfolge mitteilen, und die Agenturen meldeten vom ersten Tag an laufend Verkäufe.

Beigetragen zum Erfolg hat neben dem perfekten Messemanagement, das eine Newcomerin wie Dirimart aus Istanbul lobte, sicherlich auch die neue Zulassungsbegrenzung. Erstmals waren der Dienstag und der halbe Mittwoch den VIPs reserviert. "Ich war dagegen, weil ich befürchtete, dass die Stadt dadurch ausgeschlossen wird, aber die Erfahrung während dieser Tage hat mich überzeugt", sagte Judy Lybke von Eigen + Art. Und sein Zürcher Kollege von Hauser & Wirth, Florian Berktold, doppelte nach: "Das gab uns und den Sammlern Zeit für professionelle Gespräche und hat die Situation sehr entspannt." Wenngleich der Direktor der Zürcher Dependance des Unternehmens betonte, dass jeden Tag bis zum Sonntag Geschäfte gemacht wurden, weil viele Sammler unter der Woche ohnehin arbeiten müssten, ließ er doch auch durchblicken, dass die Heavy Hitters mit Bereitschaft zum Hochpreisigen während der beiden Preview-Tage nach Basel kamen.

Zu denen zählten notorisch das Power-Couple Abramowitsch-Schukowa und Leonordo DiCaprio. Wer den Hollywood-Star sehen wollte, durfte allerdings nicht am Stand von Christa Löhrl aus Mönchengladbach Halt machen. Die Galeristin warnte bei der VIP-Preview am Dienstag gleich: "Wenn Sie DiCaprio sehen wollen, müssen Sie weiter nach vorne gehen!" Dabei wusste sie genau, dass sie mit ihrer Einzelpräsentation des Fluxus-Künstlers Terry Fox einen der spannendsten Stände der Messe hatte. Und preisgünstig obendrein. "Bei mir kostet der ganze Stand weniger als der Carl André gegenüber", meinte sie trocken. Die Straße aus Kupferplatten lag bei dem rheinischen Kollegen Fischer und sollte 800 000 Dollar einbringen.

Das Angebot, das die Sammler diesmal in Basel antrafen, zeichnete sich durch Vielfalt aus. Trends im engeren Sinn ließen sich nicht ausmachen. Signifikant war dagegen, dass alles möglich ist. Die Art Basel versteht sich als Plattform für die Kunst in ihrer ganzen Breite, vorausgesetzt, sie wird anständig inszeniert. Für Trash war in diesen Tagen des verstärkten Wettbewerbs um den Zugang zur Messe kein Platz. Was die Händler mitbrachten, bildete die Gegenwart ab, und diese ist nun einmal höchst pluralistisch. Das zeigte sich bereits bei den Installationen der Art Unlimited. Da setzte sich Johan Grimonprez mit dem Zynismus des globalen Waffenhandels auseinander und nahm also just einen Teil desjenigen Publikums aufs Korn, das das schmutzige Geld gerne mit Kunst adelt. Ein paar Kojen weiter konnte man – "adults only" – in die privaten Körperphantasien eintauchen, welche Dara Friedman den Besuchern vorträumte.

Überraschend war vielleicht höchstens die Selbstverständlichkeit, mit der dieses Jahr das Unterschiedlichste gemischt wurde. Positionen scheinen sich aufzulösen. Die Werke der letzten 100 Jahre befinden sich auf einer großen Benutzeroberfläche, von der man sie einfach herunterladen und frei kombinieren kann: So zeigte die Pace Gallery einen kleinen Rothko mit schwarzen und blauen Feldern auf dunkelrotem Grund neben einem knallbunten Rundbild des Kaschmir-Inders Raqib Shaw, das auch Strasssteine einsetzte, und einer schwarzen Skulptur von Yoshitomo Nara, der für seine Manga-Figuren bekannt ist. Da ist jeder eingeladen, selbst Bezüge herzustellen und über die Deko-Qualitäten der Moderne nachzudenken. Kunst hat zweifellos auch das Potenzial zum Besser-Wohnen. Dass es anders auch geht, zeigte der findige Jocelyn Wolff aus Paris. Er kombinierte konzeptuelle Werke aus den frühen sechziger Jahren des bildkritischen Franz Erhard Walther mit glühend albtraumhaften Bildern der Malerin Miriam Cahn. Ein fulminantes Rencontre!

Diese Lust auf den neuen Blick hatte sicherlich auch damit zu tun, dass die Klassische Moderne und ihre Nachkriegsschüler auch in Basel immer weniger präsent sind. Was an Top-Werken auf den Markt kommt, wird in der Regel an Auktionen eingeliefert und privaten Händlern übergeben. Umso mehr freute es das Auge, wenn es auf herausragende Einzelwerke traf. Dazu zählte bei der diesjährigen Art zweifellos das Porträt, das Edvard Munch von der scheu dreinblickenden Inger Barth angefertigt hat. Es suchte bei Thomas aus München für fünf Millionen Euro einen Käufer. Viele Händler behalfen sich mit Arbeiten auf Papier. Und wenn man beim Expressionismus ist, lohnte es sich, bei Maas vorbeizuschauen.

Dass der Markt für Klassiker durchaus Potenzial haben könnte, zeigten ausgerechnet zwei Player, die in der letzten Zeit weniger glücklich agiert hatten. Die Galerie Helly Nahmad griff tief in die Schatztruhe ihre Genfer Depots und verwandelte ihre Koje in eine Machtdemonstration. Da schwebten über einem schwarzen Velourteppich ein paar wunderbare Miros. Ein Bacon schaute gelassen zu, ganz egal ob jemand die 20 Millionen Dollar locker machen würde, die er kosten sollte. Und als wäre das alles noch nicht eindrucksvoll genug, dekorierte man ein halb verstecktes Kabinett ganz in Weiß, um darauf eine Suite weißer Concetti Spaziali von Lucio Fontana zu präsentieren. Die Damen, die da zum vertrauten Kaufgespräch saßen, sahen gleich noch viel fabelhafter aus. Und als gelte es, auch auf der persönlichen Ebene Geschlossenheit zu demonstrieren, war die ganze Familie am Stand versammelt, außer Helly Nahmad. Der junge New Yorker Händler sieht sich mit einer umfangreichen Klage wegen Verstrickungen in Gambling- und Geldwäscherei-Aktivitäten konfrontiert, die bis zur russischen Maffia reichen sollen. Er befindet sich auf freiem Fuß, musste als Kaution aber sein Apartment im Trump Tower einsetzen. Bis zu einem Urteil gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung, aber einige Museen sagten immerhin für eine geplante Ausstellung ihre Leihgaben fürs erste ab. Die Familie stellte sich rührend vor ihn, auch wenn Papa David vom Freizeitverhalten seines Sohnes kaum begeistert sein dürfte.

Nicht ganz so dramatisch sind die Umstände, die zu einem anderen Qualitätswettbewerb zugunsten der Messebesucher führten: getrennte Wege zu gehen, genügt bisweilen, um Adrenalin freizusetzen. Dominique Lévy und Robert Mnuchin hatten viele Jahre lang den gemeinsamen Stand L&M bestritten. Nach einer privaten Trennung traten die beiden nun getrennt an und gockelten, dass sie auch alleine genug Power haben, um in Basel mitspielen zu können. Dabei ließen sich Rollenklischees nicht ganz vermeiden: Während er den riesigen Shaped Canvas "Hollis Frampton" zeigte, den Frank Stella 1963 in seiner damals typischen Streifenmanier gefertigt hatte, begnügte sie sich artig mit dem kleineren Format und bot die Serie "Six Benjamin Moore Paintings" an. Das Großformat bei Mnuchin war natürlich reserviert, aber allenfalls für einen anständigen achtstelligen Betrag doch noch zu haben, die Sechser-Serie kostete "zwischen sechs und sieben Millionen Dollar", war laut Galerie am Donnerstag aber bereits verkauft. Eins zu Null für die Lady.

Die 44. Art Basel brachte für viele trotz einem Wechsel aus Regen und Sonne durchaus glückliche Tage. Da stand man auch den Stress gerne durch. Hans Mayer sagte lakonisch: "Die Sommerpause kommt bestimmt."