Sammlung Jägers - Urteile

Ein Verfahren von Gewicht

Im Kunstfälscherprozess wurden die Urteile gesprochen: sechs Jahre Haft für Wolfgang Beltracchi, vier Jahre für seine Ehefrau Helene, fünf Jahre für Otto Schulte-Kellinghaus sowie ein Jahr und neun Monate auf Bewährung für Jeannette S. Damit folgte das Gericht weitgehend den Anträgen der Anklage. Bis zum Haftantritt bleiben die Hauptschuldigen unter strengen Auflagen auf freiem Fuß.

Es sollte der größte Kunstfälscherprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte mit 168 Zeugen werden, doch dann war alles ganz schnell zu Ende. Anklage und Verteidigung einigten sich früh auf einen "Deal", in dem sich die Angeklagten zu umfassenden Geständnissen bereit erklärten und im Gegenzug deutlich mildere Strafen als die möglichen zehn Jahre Haft in Aussicht gestellt bekamen.

In der Urteilsbegründung verteidigte der Vorsitzende Richter Wilhelm Kremer dieses Verfahren und nahm die "sorgfältige Staatsanwaltschaft" (Kremer) gegen den gelegentlich geäußerten Vorwurf in Schutz, nicht alles zur Erhellung des Falls getan zu haben. Es sei nicht Sinn der Sache, so Kremer, einzelne Zeugen vorzuführen, sondern über eine der Schuld der Beklagten angemessene Strafe zu befinden. Dabei wog das Gericht die "Geständnisse von Gewicht" gegen die erhebliche kriminelle Energie der Angeklagten auf und kam zu Urteilen, die das im Rahmen des Handels mögliche Strafmaß voll ausschöpfen. Den Eheleuten Beltracchi und ihren Anwälten war anzusehen, dass sie insgeheim auf eine etwas mildere Strafkammer gehofft hatten.

Zu Beginn der Urteilsbegründung entschuldigte sich Kremer beinahe bei den erneut zahlreich erschienenen Besuchern, dass er nach den flammenden Schlussplädoyers der Verteidigung nur "trockene Juristerei" zu bieten habe. Er führte überzeugend und auch für Laien nachvollziehbar aus, warum das Gericht in den drei Hauptbeschuldigten eine gewerbsmäßige Bande erkannte, warum es die Geständnisse für glaubwürdig erachtete und warum welche Teile des ergaunerten Vermögens in "dinglichen Arrest" genommen wurden. Auch das Gericht staunte über die fehlende Sorgfalt des geschädigten Kunsthandels und entließ Wolfgang Beltracchi am Ende eines nicht alltäglichen Verfahrens mit der Mahnung: "Lenken Sie ihre Talente in legale Bahnen." Doch welche Talente sollten das wohl sein?

Der Betrug um die Sammlung Jägers mag in mancherlei Hinsicht einzigartig und selbst in der schillernden Geschichte der Kunstfälscherei außergewöhnlich erscheinen. Psychologisch unterscheidet sich der Fall Beltracchi hingegen kaum von den ähnlich berühmten Fällen Elmyr de Hory und Tom Keating. Stets entdeckt ein gescheiterter Künstler sein Fälschertalent und münzt seine Rachegelüste gegen den ihn ignorierenden Kunstmarkt in den eigenen monetären Vorteil um. Die heimliche Tragik Beltracchis liegt gerade darin, dass sich sein malerisches Talent nicht in legale Bahnen lenken lässt. Er ist nicht originell, sondern ein begnadeter Epigone, einer, der es hätte besser machen können, wenn es ihm nur als Erster eingefallen wäre.

Am sinnvollsten nutzt Wolfgang Beltracchi wohl seine Haftzeit, indem er seine Memoiren schreibt. Längst sind nicht alle dunklen Ecken der Sammlung Jägers ausgeleuchtet, wobei pikante Details darüber, wie Werner Spies oder Henrik Hanstein nun genau genarrt wurden, nicht unbedingt das Interessanteste sind. Im Anhang müsste eine detaillierte Werkliste stehen, die Auskunft über den angerichteten Schaden gibt. Schließlich wurden lediglich 14 der 53 polizeilich ermittelten "Nachschöpfungen" für den Prozess öffentlich identifiziert. Eine unbekannte Zahl von Fällen ist bereits verjährt, die Spur führt bis in die mittleren achtziger Jahre zurück. In seinem Geständnis gab Beltracchi an, er habe mal eine Ausstellung zu Studienzwecken besucht und sei dabei auf eine seiner eigenen Fälschungen gestoßen. Er erweckte dabei den Anschein, ihm habe das damals in der Seele wehgetan. Liebt er die Kunst wirklich so sehr, wie er behauptet, kann er sie vor sich selbst und seinem unrühmlichen Erbe retten.