Interview Hans Knoll - Schwerpunkt: Russland

Es wird immer stärker international gekauft

Das Interesse an Gegenwartskunst ist in Russland enorm gewachsen – ein Umstand, der von zahlreichen Zensurskandalen um provokative Kunstwerke oder von der politischen Instrumentalisierung von Kulturpolitik bisweilen überschattet wird. Dabei gibt es nicht nur eine vitale Szene von international erfolgreichen Künstlern und die Tendenz, ehemalige Kombinate wie Winzawod, Art Strelka oder Fabrika in Kunstfabriken umzuwandeln, sondern auch einen starken Andrang von jungen russischen Kunstsammlern auf Gegenwartskunst. Auf diesen Trend antworten der Wiener Galerist Hans Knoll und sein Berliner Kollege Volker Diehl jetzt mit der Eröffnung ihrer Filialen in Moskau. Im ersten Teil unseres Russland-Dossiers sprach art-Korrespondentin Susanne Altmann mit Hans Knoll über seine Pläne und das Moskauer Kunstklima. Nächste Woche werden wir den Kunstpreis des russischen Geheimdienstes FSB kommentieren – und es folgt ein weiteres Interview mit dem Berliner Galeristen Volker Diehl.

art: Sie haben bereits 1988, vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, eine Filiale in Budapest eröffnet und gelten als Osteuropa-Insider. Wann begann Ihre Russland-Leidenschaft?

Hans Knoll: In den frühen neunziger Jahren bin ich die ersten Male nach Moskau gereist, um mir die Szene dort anzuschauen. Dieses Interesse hing mit der Positionierung meiner Galerien in Sachen Kunst aus den exkommunistischen Ländern zusammen. Kurz darauf habe ich begonnen, auf der Art Moscow auszustellen – an der ich seit 1996 ohne Unterbrechung teilnehme – und Kunstreisen nach Moskau zu organisieren.

Dort nehmen Sie, ähnlich wie Ihr Berliner Kollege Volker Diehl, eine besondere Funktion wahr.

Ich wurde sehr früh in den Expertenbeirat der Messe aufgenommen. Anfangs war ich die einzige internationale Galerie auf der Messe. Das war oft eine etwas skurrile Situation – die Leute sind mit den unglaublichsten Vorschlägen zu mir gekommen. Doch das war ich ja von Ungarn her schon gewohnt.

Wie hat sich die Messe im Verlauf der Jahre verändert?

Anfangs waren nur etwa zwanzig Galerien vertreten. Ich selbst habe beispielsweise die Arbeiten von Alexander Brener und Barbara Schurz gezeigt.

… zwei umstrittene Kunstanarchisten …

Ja, deshalb ist der Moskauer Bürgermeister auch damals nicht auf der Messe erschienen. Das Profil der Messe musste sich ja erst herausbilden und mit großen internationalen Messen ist sie zwar noch nicht ganz vergleichbar, aber der Anteil von internationalen Teilnehmern ist stark gestiegen. Das ist eine beachtliche Entwicklung. In die internen russischen Angelegenheiten habe ich mich nicht eingemischt, sondern habe die Internationalisierung vorangetrieben. Dazu habe ich auch im nichtkommerziellen Teil der Art Moscow Beiträge für das internationale Programm geliefert.

Was waren das für Projekte?

Jahrelang habe ich jeweils eine internationale Ausstellung gemacht, anfangs verstärkt mit Ost-West-Themen. Dafür habe ich dort die Räume bekommen, aber kein Geld.

Wie war die Resonanz?

Das Interesse war groß, denn die Szene hat sich damals viel zu langsam internationalisiert. Wer von außerhalb anreiste, bekam nur sehr schwer Kontakt und Informationen. Das begann damit, dass alles nur auf Kyrillisch geschrieben war. Ich habe meine Aufgabe darin gesehen, den Austausch zu verbessern und auch einen Transfer von Sammlern zu beginnen. So kam auch meine erste Kunstreise zustande. Anfangs waren überwiegend Kunstexperten dabei, für die Moskau etwas völlig Neues war. Inzwischen ist der Anteil von Sammlern gestiegen.

Wie sieht es mit dem Kaufverhalten dieser Klientel aus?

Immer ergeben sich Verkäufe, allerdings war es Mitte bis Ende der neunziger Jahre noch extrem schwierig, die Kunstwerke auszuführen, beziehungsweise Papiere dafür zu bekommen. Die Szene und der Zoll in Moskau sind noch immer nicht sehr gut auf internationalen Austausch vorbereitet und auch die Transporte sind sehr teuer.

"Es geht um einen langfristigen Aufbau"

Sie sind ja auch außerhalb der Messe in Russland aktiv, so haben Sie etwa 2006 eine große Ausstellung von Tony Cragg organisiert!

Im Zentralen Haus der Künstler, wo auch die Art Moscow stattfindet, habe ich eine offizielle Funktion, und zwar die eines Kurators für internationale Ausstellungen. Die Tony-Cragg-Schau war dort die erste große internationale Ausstellung seit zwölf Jahren. Aus Geldmangel kamen keine Projekte dieser Dimension mehr zustande und andere Institutionen in der Stadt sind räumlich dafür nicht geeignet. Cragg selbst hat darauf bestanden, 1900 Quadratmeter zu bespielen. Die Besucher waren überwältigt, auch von der Materialität.

Traditionell war die Herangehensweise an Bildhauerei in der Sowjetunion ja eine ganz andere. Man sieht das deutlich in dem Skulpturenpark, der das Haus der Künstler und die Neue Tretjakow-Galerie umgibt.

Dass Bildhauerei sehr stark ideologisch instrumentalisiert war, klingt heute noch nach. Insofern war Cragg etwas unerhört Neues. Ich hatte den Eindruck, dass die Leute da irgendwie strahlend durch die Ausstellung geschwebt sind. Es gab auch überwältigende Presseresonanz.

Was planen Sie für die Zukunft?

Im Sommer kommt eine Erwin-Wurm-Ausstellung auf meine Vermittlung hin zustande, und 2009, parallel zur nächsten Moskau-Biennale, planen wir einen großen Auftritt von Peter Fischli und David Weiss.

Vom Haus der Künstler kommt dafür nie genügend Geld, so dass Sie immer mitfinanzieren müssen. Wie zahlen sich diese Anstrengungen eigentlich für Sie selbst aus?

Irgendwann lohnt es sich auch finanziell. Die Stadt ist groß, das Land ist groß und es gibt auch Sammler. Bislang haben die Russen zwar überwiegend russisch gekauft, aber das Interesse, international zu kaufen, wächst rasant.

Auf dieser Basis und mit all Ihren gewachsenen Kontakten haben Sie jetzt beschlossen, eine Dependance in Moskau zu eröffnen. Wo genau siedeln Sie sich an?

Ich habe mich für den Standort Winzawod entschieden, das frühere Fabrikgelände einer Spirituosenfabrik, wo bereits im März 2007 die wichtigsten Moskauer Galerien ihre neuen Räume eröffnet haben. Dort werde ich etwa 350 Quadratmeter inklusive Lager mieten. Die Anlage hat sich großartig etabliert – mit 400 bis 700 Besuchern an einem normalen Samstag!

Die neuen Ausstellungsräume von Marat Guelman, von Aidan, XL oder Regina sind tatsächlich sehr imposant. Wer besucht diese Galerien?

Das ist auch eine neue, jüngere, bürgerliche Schicht, die dort ein ganz neues Lebensgefühl findet. In ein, zwei Jahren wird das eine tolle Location sein – nicht nur mit Galerien, inzwischen sind auch Geschäfte dorthin gezogen.

Im Sinne globaler Parallelen wie New York oder London kann eine solche Gentrifizierung mit Kunstschaffenden als Trendscouts ja auch schnell das Aus für die Boheme bedeuten.

Moskau ist eine sehr schnelle Stadt. Es kann durchaus sein, dass das passiert, aber sicherlich nicht sofort. Mit mehr als zehn Jahren rechne ich nicht – aber es ist großartig, jetzt dabei zu sein und das mitzugestalten.

Wie wird Ihr Moskauer Programm aussehen?

Auf alle Fälle werde ich nur einige ausgewählte russische Künstler dabei haben. Russische Positionen, die ich in Wien ausstelle, wie etwa die Künstlergruppe AES+F oder die Blue Noses Group, sind hier ja an andere Partner gebunden. Ich werde Teile unseres Programms aus Wien und Budapest zeigen, wie etwa Akos Birkas, natürlich auch Tony Cragg, den ich schon viele Jahre in Osteuropa repräsentiere. Mit anderen internationalen Künstlern, die ich dann in Moskau vertrete, verhandle ich derzeit noch.

Wie helfen Ihnen Ihre Budapester Erfahrungen in Moskau?

Ich habe dort gelernt, dass eine gute Galerie für Künstler und Publikum viele verschiedene Funktionen erfüllen muss, besonders im Hinblick auf Kommunikation und auf die Internationalisierung der Szene. Ein Beispiel: 1991 habe ich elf ungarische Sammler auf die Art Cologne gebracht, davon haben jetzt die ersten ihre privaten Museen in Ungarn! Es geht um einen langfristigen Aufbau. Durch unsere Kunstreisen sind jetzt bereits mehr als 400 Leute aus dem Westen nach Moskau gekommen, und es werden mehr werden.

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