Kunstmesse ARCO - Madrid

Wer sofort bezahlt, bekommt einen Rabatt

Schleppende Verkäufe und wenig spektakuläre Kunst: Die 28. Internationale Messe für Zeitgenössische Kunst (ARCO) in Madrid liefert den Beweis, dass auch für die großen Kunstmessen jetzt harte Zeiten anbrechen. Die Frage, die Galeristen am häufigsten zu hören bekamen, war: "Was ist der Rezessionspreis?"
"Wer sofort zahlt, bekommt Rabatte":Das Fazit zur Kunstmesse ARCO in Madrid

Au revoir, Damien: Eugenio Merino: "4 the love of go(l)d", 2009 – bei der ADN Galería

Noch vor kurzem galten Kunstmessen als Inbegriff kosmopolitischer Sexiness. Nichts schien aufreizender, als auf dem Messegelände einer angesagten Stadt die Kojen internationaler Kunsthändler abzuschreiten, das eine oder andere Werk für einen sechsstelligen Betrag zu erwerben und dann abends auf den VIP-Events Champagner zu schlürfen und sich über den neusten Klatsch an der Kunstfront auszutauschen. Dieser Trend hat sich inzwischen offenbar totgelaufen, einerseits weil krisenbedingt das Geld für Kunstkäufe und Net-Jet-Flüge knapper wird, aber auch, weil Messen durch ihre wachsende Popularität automatisch an Exklusivität verlieren und deshalb für die wahren Kunsteliten irgendwann unattraktiv werden.

Messeveranstalter versuchen diesem schleichenden Verdruss mit ständigen Programmerweiterungen, Sonderausstellungen und Schwerpunktsetzungen entgegen zu wirken. Auf der Arco, Spaniens großer Messe für moderne und zeitgenössische Kunst, die gerade zum 28. Mal in Madrid stattfindet, hat man sich diesmal "Indien" als besonderes Lockmittel ausgedacht. 13 indische Galerien wurden eingeladen und ein indischer Kurator, Bose Krishnamachari, verdingt, um den Fokus auf indische Gegenwartskunst zu richten – eine trendbewusste Entscheidung, werden junge Künstler des asiatischen Subkontinents wie Subodh Gupta oder Bharti Kher doch seit geraumer Zeit als neue global vermarktbare Entdeckungen gefeiert.

In der Realität erweist sich der Blick auf Indien auf der Arco dann aber doch als eine Art Ghetto-Veranstaltung. Die indischen Galerien sind in der Halle für Sonderausstellungen untergebracht, dichtgedrängt und in eher kleinen Kojen. Auffallend ist, dass viele indische Künstler die eine oder andere Form von Recycling betreiben: entweder buchstäblich, indem sie Alltagsgegenstände wie Töpfe, Lichterketten oder Getränkedosen als Material benutzen, oder indem sie Ideen aus dem modernen Kunstkontext wiederverwerten. Manchmal auch beides zusammen. Etwa wenn Shilpa Gupta eine Textmessage à la Jenny Holzer, allerdings nicht mit LCD-Screen, sondern mit einer gewöhnlichen Lichterkette, an die Wand schreibt: "Everyday I wake up to find the world change while I sleep". Ein sinniges Orakel für die ausstellende Galerie Bodhi Art aus Neu Delhi, die im Zuge des Indien-Hypes Filialen in New York, London und Berlin eröffnet hat, die sie im Zuge der Finanzkrise nun alle wieder schließen muss.

Alles eine ziemlich spanische Angelegenheit

Schwerpunkt Indien hin oder her, die Arco, mit über 200 000 Besuchern die publikumsstärkste Kunstmesse überhaupt, bleibt eine ziemlich spanische Angelegenheit. Das merkt man schon bei der Pressekonferenz am Eröffnungstag, wo die Reden der Messevertreter, der Sponsoren und der neuen Direktorin Lourdes Fernandez ausschließlich in Spanisch gehalten werden – egal wie viele ausländische Journalisten und Sammler man nun mit gesponsorten Reisen hat einfliegen lassen. Von den 238 teilnehmenden Galerien kommt in diesem Jahr ein knappes Drittel aus Spanien, darunter alte Hasen wie die legendäre Madrider Galeristin und Sammlerin Helga de Alvear, aber auch junge Galerien wie Travesio Quarto, die erst vor vier Jahren in der spanischen Hauptstadt aufgemacht haben.

Was allerdings nicht heißt, das diese Galerien nur spanische Künstler zeigen. Helga de Alvear hat auch eine Farbkugelskulptur von Katharina Grosse im Angebot (41 400 Euro), und Flugzeugfotos von Jane und Louise Wilson (20 000 Euro). Verkauft hat sie am ersten Tag noch nicht besonders viel. Eine Reservierung auf eine kleine Thomas Demand-Arbeit (26 000 Euro). "Es ist schwieriger geworden", sagt die deutschstämmige Kunsthändlerin, deren Sammlung derzeit in Hamburg zu bewundern ist. "Wer bei mir jetzt sofort bezahlt, kann sogar mit einem Rabatt von 20 Prozent rechnen." Wegen der Finanzkrise haben über 20 Galerien gleich ganz auf ihre Teilnahme verzichtet. Besonders die großen Namen aus den USA vermisst man. Die Lücken bemerkt man bei der großzügigen Hallengestaltung, wo immer wieder gähnend weite, mit Sitzbänken bestückte Leerräume auffallen.

Wenig Skulpturen, viel Fotografie und Malerei

"Was ist der Rezessionspreis?", fragt ein amerikanisches Ehepaar bei der spanischen Galerie Raquel Ponce an – eine Frage, die sich die Aussteller in diesem Jahr häufiger stellen lassen müssen. Potenzielle Käufer nutzen den schwächelnden Markt als Hebel, um den Preis von Kunstwerken zu drücken. Und Marktbeobachter versuchten mit der vagen Anfrage, Trends für die nächste Zeit herauszufinden. Der Galerist zückt den Taschenrechner und flüstert den Rabattpreis: 38 000 Euro für eine neunteilige Skulpturengruppe von lebensgroßen Kindersoldaten mit Wrestlermasken von Jorge Pimeda – ein Schnäppchen. Doch bis zum Abend klebt daneben immer noch kein roter Punkt.

Neben spanischen sind deutsche Galerien mit 31 Kojen am stärksten vertreten. Die Berliner Galeristen Carlier/Gebauer sind schon zum achten Mal dabei und lassen sich durch das langsame Anfangsgeschäft nicht aus der Ruhe bringen. "Hier geht es immer ein bisschen langsamer los." Dennoch verzeichnen sie großes Interesse für die Bilder des jungen polnischen Malers Tomasz Kowalski (ab 3500 Euro) und die Video-Sound-Installationen von Rosa Barba. Insgesamt fällt auf, dass die Galerien eher niedrig- und mittelpreisige Ware mitbringen, wenig Skulpturen, viel Fotografie und Malerei.

Am Stand der Londoner Galerie Imago Art sitzen die Assistenten derweil etwas gelangweilt unter einem sattgrünen Fontana-Schlitzbild, das 2,5 Millionen Pfund kosten soll – bisher gab es kaum Interesse. Bei den Kollegen von der ADN Galería drängen sich derweil die Besucher vor einer Glasvitrine, in der eine lebensgroße Wachsfigur mit Damien Hirsts blutverschmiertem Gesicht gerade die Pistole zum Selbstmord an die Schläfe setzt. "For the Love of Gold" heißt das provozierende Schockkunstwerk von Eugenio Marino. Und für gerade mal 32 000 Euro kostet es nur einen Bruchteil von den Werken des Brit-Art-Stars.

Freuen durfte sich auch der kanadische Künstler Philip Beesley, Gewinner des mit 80 000 Euro dotierten VIDA-Kunstpreises, den die Kulturstiftung der spanischen Telefongesellschaft Telefónica für zukunftsweisende Kunstwerke vergibt, die „von digitaler Technik und synthetischen Lebensformen beeinflusst“ sind. Die Preisverleihung fand diesmal nicht im nüchternen Messeambiente statt, sondern im Matadero, Madrids neuen, hippen Kulturzentrum auf dem alten Schlachthofgelände. Ob Beesleys zauberhafte Installation „Hylozoic Soil“, ein kristalliner Dschungel aus motorisierten Kunststoffgewächsen, die dem Betrachter mit gefiederten Tentakeln zuwinken, als Modell für technologischen Fortschritt taugt, ist fraglich. Aber sie ist originell. Und das ist mehr, als man über viele Arbeiten auf der Arco sagen kann.

"Arco Madrid 2009"

Termin: bis 16. Februar, Infoifema, Madrid
http://www.ifema.es/ferias/arco/default.html