Tefaf Maastricht - Kunstmesse

Wie lange werden Strichmännchen noch zu perversen Preisen verkauft?

Börsenkrise hin, schwacher Dollar her: Auf der European Fine Art Fair (Tefaf), die vom 7. bis 16. März in Maastricht stattfand, ließ sich davon niemand groß beeindrucken. Egal ob Museumsleute, Sammler oder Experten: Alles, was Rang und Namen hatte (und das nötige Kleingeld), rückte an – und griff zu. Mehr als 220 Privatjets machten sich auf dem kleinen Flughafen Maastricht-Aachen den Platz streitig. Insgesamt kamen 73 245 Besucher, 3,3 Prozent mehr als beim letzten Mal – und schlürften unter anderem 17 000 Gläser Champagner und 6 000 Austern.
Der Trend geht in Richtung Alte Meister:Maastrichter Messe wieder voller Erfolg

Während andere Messen mit sinkenden Besucherzahlen kämpfen, hat Maastricht bereits im letzten Jahr die Eintrittspreise erhöht, um Besucher abzuschrecken und den exklusiven Charakter der Messe zu wahren.

"Die finanzielle Marktlage hat niemanden abgeschreckt", stellt "Tefaf"-Vorsitzender Ben Janssens fest. Ganz im Gegenteil: "Wenn die Börse boomt, investieren die Leute auch lieber dort. Wenn nicht, sind sie eher geneigt, in Kunst zu investieren", sagt der Münchner Kunsthändler Konrad Bernheimer. Außerdem, so Bernheimer: "Wirklich vermögende Leute trifft die Börsenkrise nicht!"

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Strecken Teaser

Und genau darum handelt es sich bei den "Tefaf"-Kunstkäufern: Die inzwischen 21 Jahre alte Messe gilt als feinste und teuerste der Welt – und dementsprechend erlesen und reich ist auch das Publikum. Der Trend wird durch die jüngste "Tefaf"-Untersuchung bestätigt, in der jedes Jahr ein Aspekt des Kunstmarktes analysiert wird. Fazit 2008: Mit Kunst kann man Geschäfte machen. Der Umsatz auf dem internationalen Kunstmarkt hat sich demnach innerhalb von fünf Jahren bis 2006 nahezu verdoppelt. In diesem letzten Untersuchungsjahr wurden weltweit Werke im Wert von 43,3 Milliarden Euro gehandelt. Dominiert wird der Markt von den Amerikanern, sowie von den Briten, die mit 60 Prozent Marktanteil in Europa Spitzenreiter sind. Deutschland ist mit gerade mal drei Prozent am Umsatz des internationalen Kunsthandels beteiligt. Weltweiter Trend: Der Osten ist im Kommen. So hat sich China auf den vierten Platz vorgearbeitet. Und das war auch auf der "Tefaf" spürbar. "Erstmals kamen zwei Delegationen mit Sammlern vom chinesischen Festland, insgesamt 20 Personen", erzählt Janssens.

Auch für Museumsexperten war Maastricht wieder "the place to be": Aus 16 Ländern rückten sie an, unter anderem aus der Eremitage in St. Petersburg, dem Metropolitan in New York, der National Gallery in Washington, dem Boston Museum of Fine Arts, der Tate Britain, dem Louvre und dem Israel Museum in Jerusalem. Auch das Amsterdamer van Gogh- und das Rijksmuseum fehlten nicht.

Zwar wurde die Eröffnung durch den dreisten Diebstahl eines Colliers im Wert von 1,2 Millionen Euro überschattet – aber gleich am ersten Tag wurden auch die wichtigsten Verkäufe vereinbart. So konnte Dickinson aus London das "Opfer der Iphigenie" von Jan Steen verkaufen, das für acht Millionen Euro angeboten worden war. Es hing zuletzt im Amsterdamer Rijksmuseum, doch da es zur Kollektion des jüdischen Sammlers Jacques Goudstikker gehörte, hatte es die niederländische Regierung zusammen mit rund 200 weiteren Werken an die Erben zurückgegeben. Die konnten es über Maastricht nun erfolgreich verkaufen.

"Rein kommt man nur, wenn jemand rausfällt!"

Kunsthändler Johnny van Haeften, ebenfalls London, verkaufte ein wichtiges Werk von Jan Brueghel dem Jüngeren mit einer Äneas-Darstellung von 1598, Noortman aus Maastricht ein Werk von Manet und Haboldt & Co. aus Paris gleich vier Blumenstillleben – die Werke gingen alle an Privatsammler. Das gilt auch für eine Winterlandschaft von Hendrick Averkamp, die für 1,6 Millionen Euro in amerikanischen Privatbesitz ging. Das Los Angeles County Museum of Art erwarb ein Werk von Jan Boeckhorst und das Amsterdamer Historische Museum die "Judengasse in Amsterdam" von Max Liebermann.

"Tefaf"-Vorsitzender Janssens, der selbst asiatische Kunst handelt, ist ebenfalls zufrieden: Er hatte eine große Holzfigur des Gottes Guanyin aus amerikanischem Privatbesitz im Angebot, die 50 Jahre lang auf dem Chrysler-Gebäude in New York über Manhattan geguckt hatte. Einer seiner Stammkunden, der sich in Florida gerade ein großes Haus bauen lässt, erwarb es: "Seine Frau bat mich noch, ein Foto an ihren Innenarchitekten zu schicken", so Janssens. "Jetzt landet die Skulptur von New York über Maastricht in Palm Beach!"

Auch in der Abteilung moderne und zeitgenössische Kunst wurden gute Geschäfte gemacht: "Viele Händler haben einen besseren Umsatz erzielt als im Vorjahr", erzählt James Roundell, der Leiter dieser Sektion. Eine von Andy Warhol entworfene Armbanduhr wechselte für 20 000 Euro den Besitzer. Das 1946 entstandene abstrakte Frühwerk "The Magic Flame" des US-Künstlers Jackson Pollock ließ sich ein europäischer Sammler acht Millionen Dollar kosten. Ein titelloses Gemälde von Willem de Kooning von 1996 wurde für fünf Millionen Dollar verkauft. Und Bill Violas Videoarbeit "Isolde’s ascension“ aus 2005, das "Tefaf"-Newcomer Haunch of Venison aus London angeboten hatte, konnte schon gleich zu Messebeginn verkauft werden.

Insgesamt boten 227 Händler ihre Schätze an, gut 100 weitere stehen auf der Warteliste. "Doch rein kommt man nur noch, wenn jemand rausfällt", so Kunsthändler Konrad Bernheimer. Und während andere Messen mit sinkenden Besucherzahlen kämpfen, hat Maastricht bereits im letzten Jahr die Eintrittspreise von 40 auf 55 Euro erhöht, um Besucher abzuschrecken und den exklusiven Charakter der Messe zu wahren – mit langen Warteschlangen vor dem Klo ist dem Image der "Tefaf" nicht gedient.

"Bloß kein Neid, bloß kein Neid!"

Dass manche deutsche Messen, wie etwa in Düsseldorf, ums Überleben kämpfen, wundert die "Tefaf-Händler" nicht sonderlich. Offiziell will es zwar keiner sagen, aber Kenner munkeln, dass man in Deutschland viel zu plump versucht habe die Art Basel zu kopieren – und das, obwohl der Markt für moderne Kunst längst übersättigt ist. Insider wie der Münchner Kunsthändler prophezeien bereits ein Ende des Hypes moderner Kunst: "Für ein Kerzchen von Gerhard Richter muss man 10 Millionen hinblättern!", sagt Bernheimer aufgebracht. Dagegen sei der kapitale Lucas Cranach, den er selbst in Maastricht für 4,5 Millionen Euro angeboten hatte, "ein wahres Schnäppchen!"

Für das Geld, das für moderne und zeitgenössische Kunst gezahlt werde, könne man sich sein Wohnzimmer regelrecht mit alten Meistern tapezieren. Das findet auch Kunsthändler Heinrich zu Hohenlohe vom Londoner Kunsthaus Dickinson: "Für eine zwei Jahre alte Skulptur von Jeff Koons werden 26 Millionen Euro hingeblättert!" Auch der Chef der Dresdner Kunstsammlungen Martin Roth fragt sich, wie lange der Hype noch anhalten wird und "Strichmännchen zu perversen Preisen verkauft werden". Der Trend, da ist sich Roth sicher, gehe wieder "Richtung klassische Kunst und Alte Meister".

Der Dresdner Museumsmann musste sich in Maastricht aufs Schauen beschränken: Im Gegensatz zu vielen Kollegen, die rege Ankäufe tätigten, erschien Roth mittellos, ohne Ankaufsbudget. Zwar habe er es inzwischen gelernt, sich auch so zu freuen und ohne Scheuklappen entlang der Meisterwerke zu laufen. Aber, so muss er bekennen, ohne das nötige Kleingeld tue man sich auf dieser Messe doch ziemlich schwer: "Ich spritze mir jeden Morgen um sieben die Droge: 'Bloß kein Neid, bloß kein Neid!'."

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