Februarauktionen 2014 - London

Paukenschlag trotz Rückzug in letzter Minute

Politische Diskussionen in Portugal waren das große Thema bei den Auktionen von Christie`s und Sotheby`s in London.

Die Londoner Februarauktionen sind jedes Jahr der erste Lackmustest für den Markt – wie gesund ist er?

Beide Auktionshäuser bestanden ihn in diesem Jahr schon bei den Versteigerungen von Impressionismus und Klassischer Moderne. Marktführer Christie's erzielte bei der Abendauktion, bei der auch Kunst des Surrealismus unter den Hammer kam, mit 176,9 Millionen Pfund (212,7 MIllionen Euro), mehr als jemals zuvor bei einer Londoner Auktion eingenommen wurde, ein Anstieg von 35 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch bei Sotheby's fiel ein Rekord, obwohl es nicht ganz so viel einnahm. Die erzielten 163,4 Millionen Pfund (196 Millionen Euro) bedeuteten die höchste Einnahme bei einer Versteigerung im eigenen Haus.

Christie's eröffnete den Reigen mit einem Paukenschlag: Gleich Los 9 erzielte einen unerwarteten Rekord. "Stillleben mit karrierter Tischdecke" (1915) von Juan Gris wechselte bei einem Schätzpreis von 12 bis 18 Millionen Pfund für 34,8 Millionen Pfund (41,8 Millionen Euro) den Besitzer, mehr als doppelt so viel wie der bisherige Rekord für ein Werk des spanischen Kubisten. Zwei Bieter im Auktionssaal trieben sich im Kampf um das großformatige Stilleben mit Zeitung, Gitarre und Weintrauben, das zum ersten Mal auf einer Auktion erschien, gegenseitig hoch, der Londoner Kunsthändler Alexander Corcoran von der Lefèvre Gallery war angeblich der glückliche Gewinner. Es war eines von sechs Werken aus einer Schweizer Privatsammlung, die das Auktionshaus als "einmalig" bezeichnete, und die insgesamt 50 Millionen Pfund (61 Millionen Euro) einspielte.

Toplos bei Sotheby's war eine Pariser Straßenansicht von Camille Pissarro, "Le Boulevard Montmartre, matinée du printemps" (1897), aus der Sammlung des Breslauer Unternehmers Max Silberberg, die im Jahr 2000 an dessen Erbin Gerta Silberberg zurückerstattet wurde. Das Gemälde erzielte 19,6 Millionen Pfund (23,6 Millionen Euro), fast zweimal soviel wie der obere Schätzwert und ein neuer Rekord für ein Werk des Künstlers. Einen erstaunlichen Preis, den sich auch die Experten von Sotheby's nicht so ganz erklären konnten, erbrachte "Le Passage" (1956). Der weibliche Rückenakt der etwas in Vergessenheit geratenen amerikanischen Surrealistin Kay Sage war auf 50 bis70 000 Pfund geschätzt, kletterte jedoch in einem erbitterten Gefecht zweier Bieter auf sagenhafte 4,3 Millionen Pfund (5,2 Millionen Euro).

Beide Häuser streuten Arbeiten aus je einer Sammlung in die Auktionen ein. Sotheby's versteigerte einige Werke aus dem Nachlass des 2008 gestorbenen Genfer Kunsthändlers Jan Krugier. Ein erster Block aus diesem Nachlass war im vergangenen Jahr bei Christie's in New York unter den Hammer gekommen, aber weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Der Konkurrent schnitt da wesentlich besser ab. Die 37 auf der Abendauktion versteigerten Lose erbrachten 53,3 Millionen Pfund (63,9 Millionen Euro), und so zeigte sich Marie-Anne Poniatowski, die Witwe des Kunsthändlers, die im Auktionssaal anwesend war, auch äußerst zufrieden. "Ich war sehr traurig", sagte sie nach der Auktion, "doch es war ein wundervoller Tribut an meinen verstorbenen Mann." Toplos nach Schätzung war Alberto Giacomettis Plastik "Homme traversant un place par un matin de soleil", auf 3 bis 5 Millionen Pfund geschätzt. Sie brachte 8,4 Millionen Pfund (10,2 Millionen Euro). Übertroffen wurde sie noch von Pablo Picassos "Composition au Minotaure" von 1936: Sie erzielte bei Sotheby's 10,4 Millionen Pfund und verfünffachte damit den mittleren Schätzwert

Bei Christie's sollten eigentlich insgesamt 85 Arbeiten des Spaniers Joan Miró aus der Firmensammlung der portugiesischen Bank Banco Portugues de Negocios (BPN) unter den Hammer kommen. Die Bank war in der Finanzkrise vom Staat vor dem Bankrott gerettet worden, und eben dieser Staat hatte nun die Werke eingeliefert, um den Steuerzahler etwas zu entlasten. Auktionator Jussi Pylkkanen musste allerdings zu Beginn der Auktion mit Bedauern mitteilen, dass der Einlieferer wegen eines rechtlichen Disputs das Konvolut zurückgezogen hatte. Experten hatten ohnehin Zweifel angemeldet, ob es sinnvoll sei, so viele Werke eines Künstler auf einmal zu versteigern, die Preise würden bei einem solchen Überangebot notgedrungen leiden.

Die Experten beider Häuser waren sich nach den Abendauktionen einig: Der Markt für Impressionismus, Klassische Moderne und Surrealismus, der in letzter Zeit der zeitgenössischen Kunst hinterherhinkte, ist robust und lebendig. Solange man frische Ware von Top-Qualität anbiete, werde diese auch gekauft. In verstärktem Maße interessieren sich neue Käufer für diesen Sektor des Markts, so hieß es, auch solche, die normalerweise nur zeitgenössische Kunst sammeln.