Galerie Levy - Hamburg

Zur Pop Art bin ich durch Zufall gekommen

Die Hamburger Galerie Levy feiert ihr 40. Jubiläum mit einer Ausstellung zum Thema Surrealismus mit Werken von Meret Oppenheim bis Mariella Mosler. Ein Gespräch mit Thomas Levy über Giacomettis Ohr, Partys in Berlin und Hamburgs Abstieg in die Kulturprovinz.

Eigentlich wollte Thomas Levy, 63, Filmregisseur werden, er nahm Schauspielunterricht und arbeitete in der Bank seines Vaters, bevor er 1970 seine Galerie in Hamburg eröffnete. Die entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zur Topadresse für bedeutende Künstler wie Daniel Spoerri, Meret Oppenheim, Allen Jones und C.O. Paeffgen. Surrealismus und Pop Art sind auch heute noch Schwerpunkte der Galerie, wobei sich das Programm durch eine Dependance in Berlin deutlich verjüngt hat. Anlässlich des 40-jährigen Jubiläums sprach art mit dem Hamburger Galeristen über seine Anfänge, die wichtigsten Künstler und den Markt von damals und heute.

art: Herr Levy, Sie sind jetzt 40 Jahren im Galeriegeschäft. Können Sie mal kurz überschlagen, wie viele Ausstellungen Sie in dieser Zeit organisiert haben?

Thomas Levy: Ich würde sagen, ich habe zwischen 400 und 450 Ausstellungen gemacht. Sechs Ausstellungen pro Jahr, und das nicht nur in Hamburg. Ich hatte ja 15 Jahre lang, von 1987 bis 2002, auch eine Galerie in Madrid, zwei Jahre eine Galerie in Paris und jetzt habe ich einen zweiten Standort in Berlin. Und seit zehn, 15 Jahren organisiere ich auch sehr viele Museumsausstellungen.

Ist man nach so vielen Jahren eigentlich immer noch aufgeregt vor der Vernissage?

Nein. Das einzige, was mir Spaß macht, ist die Ausstellungen aufzubauen. Wenn sie fertig sind, dann war's das im Endeffekt.

Zum Jubiläum haben Sie eine besondere Ausstellung zusammen gestellt: "Das Ohr von Giacometti – (Post-)Surreale Kunst von Meret Oppenheim bis Mariella Mosler". Was darf man da erwarten?

Die Schau entstand in Zusammenarbeit mit der freien Kuratorin Belinda Grace Gardener. Wir haben bereits mehrere Bücher zusammen gemacht, auch über Meret Oppenheim, für mich die wichtigste Künstlerin in meinem Leben. So kam auch die Idee zustande. Der Titel bezieht sich auf ein Bronzeobjekt von Meret Oppenhein. Berühmt geworden ist sie ja durch ihre Pelztasse, die sie 1936 in der legendären "Exposition surrealiste d’objets" in der Pariser Galerie Ratton zeigte. Wir haben nun versucht, diese Ausstellung zu rekonstruieren, nicht originalgetreu, sondern mit rund 250 Werken von ausgewählten Künstlern, die durch den Geist des Surrealismus über die Epochen verbunden sind. Außerdem steckt hinter der Ausstellung eine meiner Lieblingsideen, das Thema Wunderkammer, dass auch die Surrealisten sehr interessiert hat.

Ist surrealistische Kunst eigentlich immer noch aktuell?

Surrealismus ist wieder im Kommen. Ich kriege jeden Tag einen Katalog geschickt von jemandem, der surrealistisch malt. Aber das ist alles ganz schrecklich. Ich würde das immer nur im historischen Kontext sehen. Die jüngeren Position, die wir hier zeigen, Künstler und Künstlerinnen wie Mariella Mosler, Thorsten Brinkmann oder Gavin Turk, haben mit Surrealismus eigentlich nichts zu tun, das hat was mit unserer Auswahl zu tun, da haben wir quasi um die Ecke gedacht. Zum Beispiel zeigen wir statt der Straußeneier, die in der Pariser Ausstellung zu sehen waren, zwei eiförmige Bronzeobjekte von Lucio Fontana.

Sie vertreten den Nachlass von Meret Oppenheim. Haben Sie sie noch persönlich gekannt?

Ja. Ich habe sie die letzten zehn Jahre bis zu ihrem Tod 1985 als Galerist betreut. Sie selbst hat sich übrigens gar nicht als Surrealistin gesehen. Sie mochte auch diese Frauenausstellungen nicht. Sie sagte immer, es gibt keine weibliche oder männliche Kunst, sondern nur gute und schlechte Kunst. Durch sie habe ich sehr viel über die Zeit gelernt, sie war ja mit Max Ernst und Giacometti befreundet. Die habe ich leider nicht mehr kennen gelernt. Dafür aber Man Ray, den ich für einen der wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts halte.

Was war Meret Oppenheim denn für eine Person?

Sie war eine kreative, sehr intelligente Person, die genau wusste, was sie wollte. 1977, als sie hier in Hamburg eine Gastprofessur hatte, kannte man von ihr fast nur die Pelztasse und das berühmte Man-Ray-Foto an der Druckerpresse. Doch das hat sich durch spätere Museumsausstellungen geändert. Als sie gestorben ist, wollten ihre Erben den Nachlass zunächst selbst verwalten und die ganze Verbindung brach für mich erstmal wieder ab. Doch dann haben die festgestellt, dass ich der einzige bin, der sich wirklich auskennt, und sind zu mir zurück gekommen.

Ein anderes Standbein Ihrer Galerie ist die Pop Art. Wie verträgt sich das mit Ihren Surrealisten?

Zur Pop Art bin ich eigentlich nur durch Zufall gekommen. Die Galerie Wentzel in Hamburg hat Allen Jones vertreten. Und als die Galerie aufgelöst wurde, war die Frage, wer übernimmt welche Künstler. Da habe ich Jones übernommen. Der wiederum war befreundet mit Mel Ramos. Und so vertreten wir heute diese beiden Künstler weltweit. Was nicht schlecht ist, weil die Pop Art zumindest vom kommerziellen Standpunkt aus wieder sehr en vogue ist.

Ein Künstler, den Sie seit vielen Jahren vertreten, ist Daniel Spoerri, ein Vertreter der Nouveaux Réalistes und Erfinder der Eat Art, der Tischgelage komplett mit Essenresten, Flaschen und Gläsern als Readymades auf Bilder bannte. Ist der heute noch gefragt?

Spoerris wichtigste Schaffensphase waren sicher die sechziger Jahre. Danach hat auch er seine Ideen immer wieder repetiert. Inzwischen ist er 80, lebt in Wien und hat ein starkes skulpturales Alterswerk entwickelt. Große Bronzen von Fundstücken, bei denen er die Gusskanäle stehen lässt. Einige davon sind hier draußen im Garten aufgestellt und man sieht, dass der Zufall, ein wichtiges Element in seiner Arbeit, wieder eine größere Rolle spielt.

Als Galerist für zeitgenössische Kunst vertritt man meist die Künstler seiner Generation. Wie erschließt man sich neue Künstlergenerationen?

Ich bin in dieser Hinsicht wohl ein bisschen frühreif gewesen. Denn die Künstler der Generation, die ich zuerst vertreten habe, Meret Oppenheim, Man Ray und später Allen Jones und Mel Ramos, waren alle älter als ich. Spaßeshalber sage ich immer: Ich bin im Antiquitätenhandel, während sich um die Künstler, die heute um die 40 sind, mein Mitarbeiter Alexander Sairally kümmert, der auch in diesem Alter ist. Und seit einem Jahr macht mein 26-jähriger Sohn die Galerie in Berlin, die sich den ganz jungen Positionen widmet. So muss es auch sein, dass sich jeder um seine eigene Generation kümmert. Das hält den Laden jung. Aber eines darf man dabei nicht vergessen: Die alten Herren zahlen hier im Grunde auch die Jungen.

Wie hat sich die Galeriearbeit in den letzten 40 Jahren geändert?

In den siebziger Jahren gab es noch das Grafik-Geschäft. Da machte man mit dem "Zeit-Magazin" eine Edition und verkaufte hunderte von Grafiken. Das geht heute überhaupt nicht mehr. Ich finde auch extrem, wie die Besucherzahlen zurückgegangen sind. Das liegt sicher an den Medien, aber auch an der Masse an Galerien. Allein in dem Viertel rund um das Galeriehaus Kochstraße, wo sich unsere Berliner Galerie befindet, gibt es 50 Galerien. Zum gemeinsamen Vernissage-Termin im September kamen zwar hunderte von Leute, aber gekauft hat keiner etwas, es ging nur ums Party-Machen. Da muss man sich schon viel einfallen lassen. Wenn wir nicht diesen alten Stamm von arrivierten Künstlern hätten, könnten wir den ganzen Apparat nicht aufrecht erhalten. Man kann heute nicht mehr in der Galerie sitzen und warten, dass jemand kommt und etwas kauft. Deshalb gehe ich auf Messen. Eine Zeitlang habe ich sehr viele Messen gemacht, dann gar keine mehr, und jetzt gehe ich gezielt auf einige wenige: die "Art Cologne", "Art Basel Miami Beach" und "Armory Show" in New York. Das mache ich vor allem für die jungen Künstler, damit die überhaupt gesehen werden.

Muss man heute als zeitgenössische Galerie in Berlin präsent sein?

Ich bin mir da nicht so sicher. Alle Künstler wollen in Berlin ausstellen und wollen da leben, viele Galerien sind dort hingegangen. Wir testen das jetzt mal aus. Zu Events wie dem Gallery Weekend hat man einen unglaublichen Besucherandrang, aber die Verkäufe laufen doch über andere Kanäle. Ich sehe das vor allem als PR. Welche Anziehungskraft die Stadt hat, merkt man, wenn man sich mit Kuratoren treffen will und sie vor die Wahl stellt, Berlin oder Hamburg. Alle wollen nach Berlin.

Hamburg macht dagegen gerade Negativschlagzeilen mit abenteuerlichen Sparmaßnahmen im Kunst- und Kulturbereich. Chistina Weiss, einst selbst Kultursenatorin hier, sieht die Hansestadt schon auf dem Weg zurück in die "Kulturprovinz". Wie sehen Sie das?

In Hamburg drehte sich schon immer alles zuerst um Musik, Musik, Musik. Das hat seinerzeit schon Alfred Lichtwark kritisiert. Das hat sich allmählich geändert, wir bekamen sogar ein Museum für zeitgenösssiche Kunst. Und auch was die Deichtorhallen in den neunziger Jahren machten, war absolutes Weltniveau. Doch jetzt sinken wir wieder ins Provinzielle ab. Dass etwa die Galerie der Gegenwart wegen eines Fehlbetrags von 200 000 Euro vorübergehend geschlossen werden sollte, das ist für eine Weltstadt ein Skandal. Da passiert in Berlin, wo auch kein Geld da ist, viel, viel mehr. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es sich in Hamburg wirklich nur um ein Geldproblem handelt und nicht vielleicht um ein Managementproblem.

Als Sie ihre Galerie eröffnten, waren Sie da die einzige Adresse für Avantgarde in Hamburg?

Es gab damals tatsächlich nur eine Handvoll Galerien: Brockstedt, Kammer, Dröscher. Wir haben zunächst im Hofweg aufgemacht, sind dann in die Magdalenenstraße gezogen und dann immer wieder in Pöseldorf umgezogen. Der größte Standort war an der Moorweide, wo sich heute das türkische Konsulat befindet. Dort habe ich auf der Wiese sogar große Skulpturenausstellungen mit Henry Moore veranstaltet. Aber das war langfristig nicht finanzierbar. Anfangs gab es noch mehr Sammler, die etwas im klassischen Bereich suchten. Die jüngere Generation kauft eher, was hip ist, das verändert sich ständig, hat aber nicht unbedingt mit Kultur zu tun. Und dann gibt es natürlich auch Youngsters, die mit der Kunst spekulieren wollen.

Man sagt den Hamburgern ja generell ein eher unterkühltes Verhältnis zur aktuellen Kunst nach. Können Sie das bestätigen?

Die Hamburger mögen zurückhaltender sein, aber sie sind auch nicht so krisenanfällig. Die kaufen in guten und in schlechten Zeiten. Als anderswo der große Kunstboom war und einem die Bilder nur so von den Wänden gerissen wurden, war das in Hamburg nie so. Die sind nicht so spontan.

Wie sind Sie überhaupt Galerist geworden?

Ich bin in Hamburg geboren, war aber seit meinem 16. Lebensjahr permanent in Paris und habe dort die Arbeiten von Sonia Delaunay, Man Ray und Wifredo Lam kennen gelernt. Eigentlich wollte ich Filmregisseur werden. Das hat aber nicht geklappt. Stattdessen habe ich eine Schauspielausbildung gemacht und in der Bank meines Vater gearbeitet. Studiert habe ich nicht.

Sie erstellen für Ihre Künstler aufwändige Publikationen. Ist das im Zeitalter von Facebook, pdf-Katalogen etc. eigentlich noch nötig?

Ich liebe es einfach, Bücher zu machen. Es gibt zu jeder Ausstellung einen Katalog, natürlich auch zu dieser Jubiläumsschau. Denn die Ausstellungen sind so schnell vorbei. Natürlich könnte man das heute alles auch nur am Computer machen, doch da bin ich halt altmodisch. Und meine Künstler schätzen das auch. Ein gutes Geschäft ist es allerdings nicht, denn Kataloge kosten viel Geld und die meisten verkaufen wir ja nicht, sondern verschenken sie.

Sie sagten anfangs, dass Sie Ihre eigenen Ausstellungen, wenn sie erstmal aufgebaut sind, nicht mehr sonderlich reizen. Was planen Sie als nächstes?

Mein Herzensprojekt ist 2013 eine große Meret Oppenheim-Museumsausstellung in Berlin. Dann wäre sie 100 Jahre geworden. Sie ist in Berlin geboren, hat dort aber seit 30 Jahren keine Ausstellung mehr gehabt.

"Das Ohr von Giacometti – (Post-) Surreale Kunst von Meret Oppenheim bis Mariella Mosler"

Termin: 2. November bis 18. Februar 2011, Galerie Levy, Osterfelder Straße 6, 22529 Hamburg,
http://www.levy-galerie.de