Sammlung Jägers - Prozess

Ätsch, selber schuld!

Im Prozess um die Sammlung Jägers wurden vergangenen Freitag die Schlussplädoyers gehalten. Die Staatsanwaltschaft forderte die im Rahmen des "Deals" avisierten Höchststrafen und warb um Verständnis dafür, dass nur über die Schuld der Beklagten und nicht über eine etwaige "Mitschuld" des Kunsthandels befunden wurde. Die Verteidigung nahm die Anregung dankbar an und setzte Lempertz und Konsorten rhetorisch auf die Anklagebank.
Schlussplädoyers:Im Kunstfälscherprozeß wurde das Strafmaß debattiert

Angeklagter Wolfgang Beltracchi mit seinen Anwälten am ersten Prozesstagrechts der ehemalige Kachelmann-Anwalt Reinhard Birkenstock

Nachdem die achte Sitzung mit Verspätung begonnen hatte – einem der Anwälte waren auf dem Weg ins Gericht Hab und Gut gestohlen worden –, ließ die Staatsanwaltschaft die Aussagen der Angeklagten Revue passieren und forderte die im Rahmen des "Deals" in Aussicht gestellten Höchststrafen:

Sechs Jahre Haft für den "Initiator" des Betrugs, Wolfgang Beltracchi, fünf Jahre für Otto Schulze-Kellinghaus, vier für Helene Beltracchi sowie zwei Jahre auf Bewährung für Jeannette S. In ihrem Plädoyer wies Staatsanwältin Kathrin Franz darauf hin, dass wegen der Inhaftierung der Beklagten Eile geboten gewesen und deswegen nur ein Teil der ermittelten Informationen in den Prozess eingegangen sei. Sie gab zu, dass es den Beklagten durch einen Kunsthandel, der Fragen aus Angst vor den Antworten nicht gestellt habe, einfach gemacht worden sei, verwies aber auf die beträchtliche kriminelle Energie der drei Hauptbeschuldigten. Letztlich sei diesen wegen der Vielzahl an Beweisen nichts anderes übrig geblieben als zu gestehen.

Bei den folgenden Apologien überboten sich die Redner darin, dem Kunsthandel ein schlechtes Zeugnis auszustellen. Es schien geradezu die allgemeine Überzeugung zu sein, dass sich dieser den erlittenen Schaden im Wesentlichen selbst zuzuschreiben habe. Ferdinand Gillmeister, Verteidiger Helene Beltracchis, zog in seinen kulturkritischen Erwägungen Parallelen zur Finanzkrise und skizzierte den Kunsthandel als Branche, in der niemand genauer hinschaue und Kunstwerke wie "heiße Kartoffeln" weitergereicht werden. Wer derart fahrlässig gegen sich selbst arbeite, schloss er, verdiene nicht den gleichen Schutz wie eine honorige Branche. Abschließend charakterisierte er den Kunsthandel mit dem Merkspruch: "Nicht was wertvoll ist, wird handelbar, sondern was handelbar ist, wird wertvoll."

Sein Kollege Reinhard Georg Birkenstock ging gar bis zu Horaz zurück, um nachzuweisen, dass schon in der ersten bekannten literarischen Schilderung einer Kunstfälschung eine "windige Expertise" die Hauptrolle spielt. Dabei fiel ihm gleich der blamierte Max-Ernst-Experte Werner Spies ein, dessen Satz "Ich werde dieses Bild in das von mir erstellte Werkverzeichnis aufnehmen" für Birkenstock der eigentliche "Schöpfungsakt" der Fälscherangelegenheit war. Im Übrigen pries er die "malerische Genialität" seines Mandanten Wolfgang Beltracchi und argumentierte, dass der hohe Schaden, der durch diesen entstanden sei, charakteristisch für die allgemeine Überhitzung des Kunstmarkts sei und nicht seinem Mandanten zur Last gelegt werden dürfe. Selbst des Kaisers neue Kleider bot Birkenstock auf, natürlich nicht ohne zu erwähnen, dass der betrügerische Schneider im Märchen mit Ehren überschüttet wird.

Auch sein Kollege Christian Rode fand, dass sich die im Prozess zu Tage getretenen Strukturen des Kunsthandels strafmildernd auswirken müssten, und brachte eine weiter literarische Figur ins Spiel. Wie Eulenspiegel habe auch Beltracchi der Gesellschaft nicht – oder nicht nur – aus Gewinnsucht einen Spiegel vorgehalten, sondern aus einem anti-bürgerlichen, genuin künstlerischen Antrieb heraus. Er beschrieb den Hauptbeklagten als "vagabundierenden Kleinkriminellen", der durch sein Geständnis die Klärung des Falls überhaupt erst möglich gemacht habe. Wie seine Kollegen äußerte er Zweifel daran, dass es sich bei den Hauptbeklagten wirklich um eine Bande gehandelt habe, knabberte aber wie die übrigen Anwälte auch nur ein paar Monate am geforderten Strafmaß ab.

Nach teilweise bühnenreifen Monologen ging das letzte Wort an die Beklagten. Jeannette S. entschuldigte sich "von ganzem Herzen" für ihre Taten, Helene Beltracchi zeigte sich erleichtert, dass die "etwas surrealistische Epoche" ihres Lebens nun abgeschlossen sei, Otto Schulte-Kellinghaus murmelte Unverständliches. Das eigentliche Schlusswort kam wie an beinahe jedem Verhandlungstag Wolfgang Beltracchi zu. Er bedankte sich für den fair und locker geführten Prozess und entschuldigte sich für die Schmähungen, mit denen er die Staatsanwältin offenbar in seiner hinter Gittern verfassten Korrespondenz bedacht hat. "Ich weiß jetzt, dass Sie auch nur ihre Arbeit machen – und das leider sehr gut." Am 27. Oktober, dem Tag der Urteilsverkündung, wird sich zeigen, ob er damit richtig liegt.