Frieze Art Fair 2008 - London

Letzter Tanz auf dem Vulkan

In London hat heute die Frieze Art Fair eröffnet – und gibt sich trotz globaler Finanzkrise betont gelassen. Doch es fehlt die aufgepeitschte Jagdstimmung der letzten Jahre. Ein erstes Fazit.
Letzter Tanz auf dem Vulkan:das Fazit zur Kunstmesse Frieze Art Fair 2008

Fussmassage für ermüdete Messebesucher: die "Performance" des US-Künstlers Bert Rodriguez auf der Frieze Art Fair 2008

Die hippste Kunstmesse der Welt eröffnete gestern bei leichtem Nieselregen. Das trübe Wetter passte zur Stimmung der Veranstaltung. Die Londoner Frieze, seit ihrer Gründung 2003 trendiger Marktpatz und Fieberthermometer der zeitgenössische Kunstszene, gab sich zur Vernissage verschnupft, was allerdings weniger mit den Regenwolken zu tun hatte, als mit der allgemeinen Finanzkrise, die im britischen Banken- und Handelszentrum besonders spürbar ist.

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Zwar war auch diesmal der Andrang in der weißen Zeltanlage am Regent's Park wieder groß, die Kojen aufwändig gestaltet und die Absätze der Frauen schwindelerregend hoch. Doch es fehlte die aufgepeitschte Jagdstimmung, die in den vergegangenen Jahren die ersten Messestunden zur Nahkampfübung ehrgeiziger Sammler und Galeristen machte, die um die besten Kunstwerke, höchsten Preise und schnellsten Ausverkäufe feilschten.

Diesmal ging alles etwas ruhiger zu. Auch die Celebrity-Sichtungen hielten sich in Grenzen. Gwyneth Paltrow, Emma Watson und George Michael sollen unter den Gästen gewesen sein. Doch viel Aufsehen erregten sie nicht. Bei der Lisson-Gallery fotografierten sich die Leute lieber selbst in Anish Kapoors neuster Spiegelkulptur oder erkundigten sich ganz vorsichtig nach dem Preis für Jonathan Monks Flakgeschütz aus Altmetall. Bei David Zwirner hingen am Abend noch zwei Bilder von Neo Rauch unverkauft an der Kojenwand. Und Ursula Krinzinger erklärte Besuchern schon zum wiederholtem Mal, dass die ausbrannte Feuerstelle an ihrem Stand kein Kommentar zur allgemeinen Wirtschaftslage sei, sondern eine Bronzeskulptur von Gavin Turk, die sie gern verkaufen würde (Auflage 1/8, 50000 Pfund). "Diesmal muss ich viel mehr reden", sagt die Wiener Galeristin, die auch Kunststars wie Erwin Wurm im Gepäck hat. "Die Sammler überlegen länger und kaufen weniger." Dennoch ist sie optimistisch, dass sich bis zum Ende der Messe noch Geschäfte anbahnen werden.

Sonderprojekte zum Schauen und Staunen

Zweckoptimismus ist das Motto der Stunde. Die meisten der rund 150 teilnehmenden Galeristen bleiben angesichts der zurückhaltenderen Kaufstimmung erst mal cool. Oder versuchen gar, der Situation etwas Gutes abzugewinnen: Jetzt gäbe es weniger Spekuationskäufe, dafür könnte man sich wieder mehr den ernsthaften Sammlern widmen, hört man. "Natürlich läuft es nicht so verrückt wie in den letzten Jahren, als unser Stand innerhalb von zwei Stunden leergekauft war", sagt Bruno Brunnet. Doch auch diesmal konnte seine Galerie Contemporary Fine Arts in London Bilder von Marc Brandenburg, Katja Strunz und Tal R absetzen, und eine große Bronze von Jonathan Meese sei auch schon verkauft. "Es ist nicht alles so düster und untergangsmäßig", meint auch der New Yokrer Galerist David Zwirner. Zwar seien viele amerikanische Sammler wegen des starken Euros und der schwachen Wirtschaft diesmal zu Hause geblieben. Doch er setze auf die Kaufkraft der Europäer.

Auch Friedhelm Hütte empfindet die Lage nicht als bedrohlich. Als Leiter der Deutsche-Bank-Collection streifte er schon frühmorgens über die Messe, um Werke für die Sammlung zu erwerben, darunter auch ein zwölfteiliges Mappenwerk der Leipziger Konzeptkünstlerin Birgit Brenner. "Wir haben auch diesmal wieder eine Reihe von Arbeiten auf Papier im Rahmen von 800 bis 15 000 Euro gekauft – in diesem Bereich macht sich die Krisenstimmung nicht so bemerkbar", so Hütte.

Jenseits des merkantilen Aspekts gibt es auf der Frieze natürlich auch in diesem Jahr ein paar aufwändige Sonderprojekte, die einfach nur zum Schauen und Staunen einladen. Zum Beispiel einen Papageienkäfig mit lebenden Aras, die den Messebetrieb mit ohrenbetäubenden Krächzen stören, eine Arbeit von Agnieszka Kurant. Oder eine unheimliche, dunkle Kammer des dänischen Künstlers Tue Greenfort, in der die Körperausdünstlungen der Besucher zu Wasser kondensiert und in Flaschen abgefüllt wird. Da macht das Schwitzen doch plötzlich wieder Sinn!

Lieblingsbar aus Island

Das schönste Projekt aber kommt aus Reykjavik. Das isländische Künstlerkollektiv "Kling&Bang" hat seine Lieblingsbar mitgebracht. Da steht nun im Londoner Kunstzelt, gleich hinter dem Restaurantbereich ein bunt beleuchteter Schuppen, auf dem der Schriftzug "Sirkus" glüht, und lädt zum fröhlichen Besäufnis ein. Im schummerigen Innenraum riecht es nach Bier und Rauch, und schon am Morgen gehen reichlich Drinks über den Tresen. Dass Island wegen der Bankenkrise jetzt tatsächlich fast pleite ist, konnten die Frieze-Kuratoren bei der Planung zwar noch nicht wissen. Doch die verpflanzte Kneipe wirkt wie ein punktgenauer Kommentar.

Überhaupt die Partys: Wenn die Angst vorm Absturz umgeht, greifen die Leute ja bekanntlich zur Ablenkung gern zur Flasche und tanzen noch ein letztes Mal auf dem Vulkan. Bei der Christie's-Party, die gute Stimmung für die bevorstehenden Auktionen machen sollte, stürzten sich die Gäste jedenfalls beherzt auf den Champagner und ließen die Wassergläser stehen. Und die New Yorker Galerie Lehmann-Maupin, feierte ihre Frieze-Teilnahme mit illustren Gästen, darunter die Künstler Tracey Emin, Teresita Fernández und Jürgen Teller sowie die Mode-Kultkritikerin Suzy Menkes, mit einem großen Fest im Aspinalls – einen plüschigen Spielcasino, in dem auch Londons Halbwelt verkehren soll. Da amüsierte man sich prächtig bis zum frühen Morgen. Denn was ist die Kunstwelt anderes als ein großes Roulettespiel: Faites vos jeux, rien ne va plus.

"Frieze Art Fair"

Termin: bis 19. Oktober, Regent’s Park, London.
http://www.friezeartfair.com/