Art Forum Berlin 2009 - Höhepunkte

Flanierstimmung statt hektischer Kaufdruck

Auf dieses Art Forum hatten alle mit Spannung gewartet. Das erste Mal unter der Leitung von Eva-Maria Häusler und Peter Vetsch, den Neuen aus Basel. Ein Neustart also, aber unter erschwerten Bedingungen.
Flanierstimmung statt hektischer Kaufdruck:Höhepunkte des Art Forum Berlin 2009

Messebesucher – natürlich mit aktuellem art-Magazin – vor "International Channel (Twins)" von Yang Yong, 2009 – in der Galerie Alexander Ochs, Berlin/Beijing

Kurz nachdem das Schweizer Team, Eva-Maria Häusler und Peter Vetsch, ihre Verträge unterschrieben hatte, wurde der Kunstmarkt von der Finanzkrise erfasst. Die Verkäufe brachen ein, einige Galerien mussten schließen, andere überdachten zumindest ihre kostspieligen Messebeteiligungen. In solchen Zeiten ist es natürlich noch schwieriger, Spitzenhändler und -sammler an die Spree zu locken.

Denn das darf man bei aller Berlin-Seligkeit nicht vergessen: Die Stadt mag zwar ein unwiderstehlicher Magnet für Künstler und Kreative sein, ein Spitzenstandort für die großen Kunstgeschäfte ist es nicht. Vor diesem Hintergrund darf man den neuen Machern gratulieren. Sie haben nicht nur die launische Berliner Galerienszene befriedet, die vor zwei Jahren noch mit Abspaltungsideen drohte. Sie haben auch ein paar spannende Neuzugänge in die Messehallen unter dem Funkturm geholt.

Gleich am Eingang durfte sich Xavier Hufkens, Großgalerist aus Brüssel, breit machen. Er präsentierte Skulpturen von Erwin Wurm und Antony Gromley und clowneske Gemälde von George Condo. Contemporary Fine Arts zeigte eine Solo-Schau der Kölner Holzschnitt-Künstler Gert und Uwe Tobias, die sie unlängst von der Galerie Michael Janssen abgeworben hatten. Max Hetzler präsentierte Arbeiten des Venezolaners Arturo Herrera. Eigen+Art setzte dagegen auf eine bunte Mischung aus dem Galerieprogramm. Die größte Überraschung dabei: eine Skulptur von Matthias Weischer. Der Leipziger Maler hat beim Studienaufenthalt in der Villa Massimo die dritte Dimension entdeckt. Das raumhohe Werk, bestehend aus einem Lattenraster, vor dem sich vier halbabstrakte Holzobjekte auf weißen Sockeln räkeln, greift Weischers gemalte Raumkonzepte auf.

Kicken überforderte die Besucher mit einem überbordenden Angebot von Fotografien quer durch die Fotogeschichte. Unter der neuen Leitung öffnet sich die Messe, die ursprünglich nur aktuellste Kunst ab 1980 zuließ, erstmal auch der klassischen Moderne. Ein Gewinn, zumindest, wenn man am Stand der Galerie Haas so schöne Gemälde wie Christian Schads "Fräulein Mulino von Kluck" von 1930 oder Philip Pearlsteins "Lying Female Nude on Purple Drape" von 1968 zu sehen bekommt, oder am Stand des frisch in Berlin vertretenen New Yorker Galeristen Achim Möller, der eine Mini-Retrospektive des skandinavischen Expressionisten Gunnar Örn zeigte.

Nur wenige Galeristen wagten konsequente Einzelpräsentationen. Herausragende Ausnahme war die Koje der Berliner Galerie Neugerriemenschneider. In einer abgedunkelten Zelle mit stylischen Deckenlampen ratterte ein Filmprojektor und warf Bilder einer seltsamen Maschine an die Wand. Eine Serie von Schwarzweiß-Fotos an der Außenwand verdichtete die magische Installation von Turner-Preisträger Simon Starling. Guido Baudach wiederum hatte seinen Stand im Stil eines modernistischen Wohnzimmers eingerichtet, einschließlich einer coolen Couch von Bjarne Melgaard. Der Künstler hat ein Originalsofa des Wiener Jugendstildesigners Josef Hoffmann mit einem selbst entworfenen Bezug neu aufgepolstert. Auf gelben Grund verkünden schwarze Strichmännchen nun frohgemut den AA-Spruch "I’m Brad and I’m an alcoholic". Das praktische Kunstwerk kostet bescheidene 15 000 Euro.

Gezielte Frischzellenkur

Bei Gebrüder Lehmann hat Olaf Holzapfel das Standkonzept entwickelt und die ganze Koje mit Holzpanelen verkleidet. Da werden Erinnerungen an Partykeller der siebziger Jahre wach, und dazu passen dann auch wieder Holzapfels elegant gefaltete Acrylglasobjekte. Auch Mehdi Chouakri hat ein breites Angebot aus seinem Galerieprogramm dabei. Hingucker war eine Bodenarbeit von Gitte Schäfer aus verschiedenfarbigen Marmorplatten, Zitronen und grünen Hühnereiern. Trotz Erkältung strahlte der Berliner Galerist am Eröffnungsabend. Denn er hatte bereits eine großformatige Arbeit von John Armleder für 88 000 Euro verkauft. Gute Verkäufe vermeldet auch die Galerie Jürgen Becker aus Hamburg, die mit Arbeiten von Fred Sandback, Richard Prince und Allen Ruppersberg angereist ist.

Insgesamt wirkt die Messe aufgeräumt und professionell durchgestylt, allerdings auch etwas beliebiger als vorangegangene Ausgaben. Das liegt vor allem an der vorsichtigen Mischung, mit der die Galerien möglichst alle Geschmacksrichtungen abdecken wollten. Eigenwilliger und lebendiger ging es in der Sektion "Fokus" zu, wo die jüngsten Galerien in verbilligten Einheitskojen untergebracht waren. Zwar ist es grundsätzlich zu bedauern, dass die jüngsten Positionen immer in einer Art Frischlings-Ghetto gezwungen werden anstatt sie als gezielte Frischzellenkur zwischen die etablierten Galerien zu platzieren. Dafür ging es im hinteren Teil der Halle 20 rund, im wahrsten Sinne des Wortes. Hier zeigte die holländische Galerie West einen drehbaren Metallzylinder von fünf Metern Durchmesser, den die Besucher im mit eigenem Körpereinsatz in Bewegung setzen mussten. Die Berliner Kunstagenten wiederum präsentierten eine teuflisch-schöne Installation von Att Poomtangon. Der thailändische Künstler, derzeit auch mit einer Schau im Frankfurter Portikus vertreten, hat Hunderte von Treibholzästen zu Pferde- und Ziegenbockhufen geschnitzt. Herausragend auch der krude Holzverschlag der Galerie September, in dem sich auf engsten Raum intime Begegnungen mit Künstlern wie Kerstin Drechsel, Bettina Allamoda, Dorothy Iannone und Carsten Fock vollzogen. Die Koje wurde zu Recht zum "besten Stand" der Fokus-Sektion gekürt – gemeinsam mit der Rodeo-Galerie aus Istanbul.

Braucht Berlin eine Kunsthalle?

Generell ist die Fieberkurve wohl um einige Grade abgesunken. Auf der Messe herrscht eher entspannte Flanierstimmung als hektischer Kaufdruck. Man nimmt sich wieder Zeit für ausführliche Gespräche und sich selbst nicht mehr ganz so wichtig. Viele Begegnungen und Diskussionen finden ohnehin längst außerhalb der Messehallen statt. Tobias Rehberger und Olafur Eliasson laden zum Mitternachts-Barbeque in ihren neuen "Kunstgarten" im Friedrichshain, Ingeborg Wiensowki und Harald Falckenberg bitten zum Empfang für die Art Cologne, Berliner Privatsammler öffnen ihre Gemächer für exklusive VIP-Brunchs, und so mancher Galerist stellt einfach ein Paar Biertische und eine Soundskulptur vor die Tür und wartet, dass die richtigen Leute irgendwann vorbeikommen.

Und – neue Harmonie hin oder her – die Messe bietet auch noch Stoff für typisch Berliner Grabenkämpfe. So gehörte zum Programm der "Art Forum Berlin Talks" auch eine aufschlussreiche Diskussion zum Thema "Braucht Berlin eine Kunsthalle?" Sie fand im Museum Hamburger Bahnhof am Donnerstagabend statt, vor nicht ganz voll besetztem Saal. Zuletzt war der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Klaus Wowereit vorgeprescht und hatte eine Kunsthalle für Berlin angekündigt, die möglichst am Humboldthafen, in direkter Nachbarschaft zum Hauptbahnhof, entstehen solle. An diesem Abend saß Wowereit auf dem Podium, um seinen Plan zu erläutern, und wie sich herausstellte, auch zu verteidigen. Es hat sich nämlich bereits eine Front gebildet zwischen den Humboldthafen-Befürwortern und der "Initiative Berliner Kunsthalle", die schon sehr detaillierte Pläne für den ehemaligen Blumengroßmarkt in Kreuzberg vorgelegt hat. Vertreten wurde diese von dem Soziologen Florian Schmidt, der eine Art Investoren-Broschüre zur Unterstützung seines Anliegens hatte verteilen lassen. Schmidt warf Wowereit vor, Kreuzberg als Standort bereits verworfen zu haben, Wowereit gab zu, dass ihm der Humboldt-Hafen besser gefalle, er wolle aber keineswegs so tun, als sei die Standortfrage schon geklärt.

"Warum nicht mehrere Kunsthallen schaffen?"

So kam einem die Diskussion schon nach kurzer Zeit wie ein typischer Berliner Kleinkrieg vor, in dem sich Lobbygruppen und Bezirksvertreter bekämpfen. Zum Glück saßen noch einige Diskutanten auf dem Podium, die ihre Interessen noch nicht so klar definiert hatten. Der nahe liegende Gedanke, sich erstmal über ein Konzept zu verständigen, bevor man über Gelder, Mehrheiten und Standorte streitet, gewann im Laufe der Debatte immer mehr an Bedeutung. Klaus Biesenbach, Gründer der Kunst-Werke und Kurator am MoMA in New York, warb für Klarheit: "Man muss sehr genau wissen, was an so einem Ort geschehen soll." Man dürfe auch bestehende Strukturen nicht außer acht lassen: "Ich kann mir eine Kunsthalle gut als Scharnier zwischen Hamburger Bahnhof und Kunst-Werken vorstellen." Der FAZ-Redakteur Niklas Maak hob die Bedeutung der Architektur hervor, und forderte ein Haus, in dem auch die kleinteilig-experimentelle Szene Berlins unterkommen könnte: "porös" sollte es sein, also durchlässig, und nicht museal.

Die Künstler auf den Podium setzten die Effekte: Monica Bonvicini sagte, sie brauche nicht unbedingt eine Kunsthalle, aber wenn schon mal Geld da wäre... Wowereit lächelte mokant: Es ist natürlich kein Geld da, sondern es muss welches beschafft werden. Bonvicini ließ sich dann noch zu dem Gedanken hinreißen, eine mobile, projektorientierte Institution könne ihr durchaus gefallen. Olafur Eliasson plädierte für Pluralismus: "Warum nicht mehrere Kunsthallen schaffen?" Aufstöhnen unter den Politikern.

Am Ende war man sich immerhin einig, dass man das Wort Kunsthalle wohl in Anführungszeichen setzen müsse: Berlin braucht ein Schaufenster für zeitgenössische Kunst, einen weiteren White Cube braucht es nicht. Als negatives Beispiel dafür, wie es nicht wieder laufen sollte, wurde permanent die glücklose Temporäre Kunsthalle am Schlossplatz angeführt. Sie hat bisher mit monografischen Ausstellungen im Berliner Kunst-Theater nicht durchdringen können. Entsprechend gequält gab sich deren ehemaliger Mit-Leiter Thomas Eller auf dem Podium: "Ich kriege hier bald ne Depression!"

"Art Forum Berlin"

Termin: 24. bis 27. September, Messehallen Berlin. Weitere Termine: Art Berlin Contemporary: drafts establishing future (abc-def), 23. bis 27. September, Akademie der Künste; Berliner Liste, 23. bis 27. September, Palais am Tiergarten; Preview Berlin, 25. bis 27. September, Flughafen Tempelhof; Berliner Kunstsalon, 22. bis 27. September, Humboldt Umspannwerk
http://www1.messe-berlin.de/vip8_1/website/Internet/Internet/www.art-forum-berlin/deutsch/index.html

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