Der Fall Beltracchi - Buchrezension

Mit dem Auktionskatalog auf du und du

Ein halbes Jahr nach den Gerichtsurteilen erscheint das erste Sachbuch über den Fall des Kunstfälschers Wolfgang Beltracchi. Es liest sich leider nur selten wie der vom Verlag versprochene Krimi. Als solide Fleißarbeit dürfte es aber schwer zu übertreffen sein, denn es zeigt die außerordentliche Dimension des Falls
Fleiß statt Aufdeckungskunst:Der Fall Beltracchi – neu aufgerollt in Buchform

Stefan Koldehoff und Tobias Timm: "Falsche Bilder - Echtes Geld", Verlag Galiani Berlin, 275 Seiten, 16-seitiger Bildteil

Zu den Profiteuren des mutmaßlich größten Kunstfälscherskandals der abendländischen Geschichte zählten neben den Betrügern, einigen Kunsthändlern und Experten auch die dem Prozess beiwohnenden Journalisten.

Selbst die schönste Ausstellung bietet nicht so viel Erstaunliches wie der Beltracchi-Prozess, und vermutlich spielte jeder anwesende Kunstkritiker für einen Moment mit dem Gedanken, was für ein famoses Buch die ganze Geschichte ergeben würde. Stefan Koldehoff und Tobias Timm, die bereits in der "Zeit" ausführlich über das Verfahren und seine Hintergründe berichtet haben, setzten ihn nun mit "Falsche Bilder – Echtes Geld" als erste in die Tat um und haben dafür in der "Süddeutschen Zeitung" bereits die Quittung in Form einer sich leicht verschnupft lesenden Besprechung erhalten. Der Autor schickt deswegen sein großes Indianerehrenwort voraus, dass er weder an einem eigenen Buch zum Thema schreibt noch jemanden kennt, der dies tut, noch händeringend darauf wartet, von Wolfgang Beltracchi als Ghostwriter seiner Memoiren angestellt zu werden.

Der Verlag preist "Falsche Bilder – Echtes Geld" etwas vollmundig als "Doku-Krimi voller brisanter Fakten" an, der "jetzt die ganze Wahrheit aufdeckt". Daran stimmen lediglich die brisanten Fakten, wenn man davon absieht, dass diese schon weitgehend bekannt sind. In zwölf Kapiteln rollen Koldehoff und Timm den Kriminalfall akribisch auf und stützen sich dabei teilweise auf eigene Recherchen, zumeist jedoch auf Erkenntnisse des Prozesses und die ihnen offenbar vorliegenden Ermittlungsakten des Landeskriminalamts. So ergibt sich ein deutlich farbigeres Gesamtbild des Falles; bei seiner Übertragung auf den gesamten Kunstmarkt kommen die Autoren dagegen nicht über Gemeinplätze hinaus.

Es lassen sich vor allem drei Absichten der Autoren ausmachen: Sie wollen Beltracchis eitle Selbstdarstellung revidieren, die wahren Helden des Falls würdigen und schließlich erhellen, was sie die Usancen, also die Handelsgebräuche, des Kunstmarkts nennen. Wolfgang Beltracchi selbst hat nicht mit ihnen gesprochen, weshalb sie sich an vielen Stellen mit Zitaten aus einem Interview behelfen, das dieser dem "Spiegel" gegeben hatte. Für Koldehoff/Timm ist Beltracchi kein Genie, das sich in beliebig viele Maler einfühlen kann, sondern ein mittelmäßig begabter Handwerker, der sich eine Schwachstelle des Kunstmarkts – die allmächtigen Experten – auf gerissene Weise zu Nutze machte. Letzteres ist unstrittig, ersteres schwer zu beurteilen, solange Beltracchi nicht auf offener Bühne zu Pinsel und Palette greift.

Die stillen Helden des Buches sind schnell gefunden: der Kunsthistoriker Ralph Jentsch, der den angeblichen Aufkleber der Sammlung Flechtheim als Fälschung entlarvte, und René Allonge, Leiter der Abteilung Kunstdelikte beim Berliner Landeskriminalamt. Beide hatten maßgeblichen Anteil an der Aufklärung des Falls, wirken jedoch ein wenig blass gegen den Schurken dieses Stücks: den internationalen Kunstmarkt. Ihn schildern die Autoren als Luxusableger eines außer Kontrolle geratenen Finanzsystems, das dringend staatlicher Regulierung bedarf; entsprechende Vorschläge werden in einem Kodex für den Kunstmarkt unterbreitet. In der etwas moralinsauren Einleitung behaupten die Autoren zudem, zehn Prozent der am Kunstmarkt gehandelten Kunstwerke seien gefälscht. Einen Beleg für diese Zahl bleiben sie schuldig und zitieren stattdessen 70 Seiten später den LKA-Ermittler Ernst Schöller, der die Zahl der Fälschungen gar auf 30 Prozent schraubt; so lassen Koldehoff/Timm den eigenen Schätzwert vergleichsweise realistisch erscheinen, auch wenn der genauso aus der Luft gegriffen ist.

Zu Gunsten der Autoren lässt sich freilich anführen, dass es im Beltracchi-Skandal eine mutmaßlich besonders hohe Dunkelziffer nicht entdeckter Fälschungen gibt. Lediglich 14 Werke wurden im Prozess verhandelt, die Polizei ermittelte hingegen annähernd 50 Fälle, von denen die Mehrzahl bereits verjährt war. Gestützt auf die Unterlagen des LKA recherchieren die Autoren in emsiger Fließarbeit die Spur einiger dieser Werke und listen sie im Anhang auf. Überhaupt ist das Buch immer dann sehr lesenswert, wenn sich Koldehoff und Timm an die Sache halten. Sobald sie sich in Kriminalprosa versuchen, wird es dagegen ziemlich "flach" – um die auf Wolfgang Beltracchis malerisches Talent gemünzte Lieblingsvokabel der Autoren zu zitieren.

Und was gibt es Neues? Die Autoren greifen einige amüsante Passagen aus den polizeilichen Abhörprotokollen heraus und spießen peinliche Einträge in Katalogen des Kölner Auktionshauses Lempertz auf. Offenbar muss man diese zu lesen verstehen wie einen Urlaubsprospekt: "Geheimnisvoll ist auch die Herkunft dieses Bildes…" Ansonsten spekulieren Koldehoff und Timm über weitere Komplizen und darüber, ob die Beltracchi-Bande den Kunstmarkt auch mit Papierarbeiten beliefert hat. Es spricht manches dafür, doch Genaues erfährt man nicht. Es gibt also noch genug zu klären. Liebe Kollegen: An die Tastaturen!

Stefan Koldehoff, Tobias Timm: Falsche Bilder – Echtes Geld

Verlag Galiani Berlin, 304 Seiten, mit Bildteil, gebunden 19,99 Euro.
http://www.galiani.de/buecher/stefan-koldehoff-und-tobias-timm-falsche-bilder-echtes-geld.html