Herbstauktionen - New York

Der Sexappeal des Kunstverkäufers

Wenn Tobias Meyer den Hammer senkt, hagelt es Rekorde. Der coole Chefauktionator von Sotheby’s hat Kunstversteigerungen zu heißen Society-Events gemacht. In diesen Tagen wird es aber nicht nur bei Sotheby’s, sondern auch bei Christie’s und Phillips hoch hergehen: In New York stehen gerade die großen Herbstauktionen mit Kunst des Impressionismus und der Moderne, sowie Gegenwartskunst auf dem Programm. Werke im Schätzwert von 1,5 Milliarden Dollar kommen unter den Hammer. Zu den Highlights gehören der "Düsenjäger" von Gerhard Richter. Christie’s erwartet für das 1963 entstandene Bild einen Preis von über zehn Millionen Dollar zu erzielen. Spitzenangebote sind außerdem Werke von Cézanne, Matisse und Modigliani. Sotheby’s hat Picassos Kopf der Dora Maar sowie das Gemälde "Die Lampe" im Angebot, außerdem Franz Marcs "Wasserfall", van Goghs "Weizenfelder" sowie eine Südseelandschaft von Paul Gauguin. Wie sagt Tobias Meyer selbst so schön? Sein Job sei es, Kunst teuer zu machen. Porträt eines Superstars der Szene
Rekord:Kunst für 1,5 Milliarden Dollar

Sotheby’s Chefauktionator Tobias Meyer in seinem New Yorker Büro

Schon als kleines Kind wollte er seine Mutter davon überzeugen, eine Arbeit von Cy Twombly zu kaufen. Vor einem Werk des spätgotischen Meisters Stefan Lochner fiel er in Ohnmacht. Und an den Moment, als er als Fünfjähriger sein erstes Warhol-Bild sah, kann er sich heute noch genau er-innern. Die Gabe, Farben zu fühlen und beim Anblick hoher Kunst in ekstatische Verzückung zu geraten, sei ihm quasi angeboren, sagt Tobias Meyer. Das allein erklärt zwar noch nicht den kometenhaften Aufstieg von Sotheby's charismatischem Chefauktionator - aber es erklärt seine Leidenschaft für den Job.

Im November wird Meyer, 44, bei den Herbstauktionen in New York wieder sein Verführungstalent unter Beweis stellen. Er wird in Sotheby's großem Verkaufssaal das Publikum bezirzen und ihm mit lässiger Handbewegung Millionen von Dollar aus der Tasche ziehen. Meyers Abendauktionen sind längst Kultevents des Kunstjetsets, nicht nur, weil man dort den Superreichen beim hemmungslosen Geldausgeben zusehen kann, sondern auch weil der jungdynamische Auktionator dem anbetungswürdigen Image der modernen Jeunesse dorée so perfekt entspricht. In der Presse erscheinen regelmäßig Elogen über den „Superstar unter den Auktionatoren" („Handelsblatt"), „das lebende Kunstwerk" („PM") oder „Sotheby's 007" („New York Times") - Titel, über die der gebürtige Hesse, der in Wien Kunstgeschichte studierte und heute in New York lebt, nur schmunzeln kann. „Ich habe das Glück, dort oben am Auktionspult zu stehen. Damit bin ich in der Öffentlichkeit zum Gesicht von Sotheby's geworden", sagt Meyer. Sein Erfolg sei nichts weiter als eine Sache des glücklichen Timings gewesen. „Schließlich habe ich in den Katakomben des Markts angefangen."

Tatsächlich startete Tobias Meyer seine Karriere 1989 im Keller von Christie's in London. Damals war der Beruf des Auktionators alles andere als sexy. Kunst-versteigerungen haftete etwas Muffiges an. Zudem brach 1990 der überhitzte Kunstmarkt zusammen, und die Öffentlichkeit hegte gebührende Skepsis gegenüber den Spekulationsgeschäften der Auktionsbranche. Meyer verbrachte drei frustrierende Monate in Christie's Uhrenabteilung und dann ein paar öde Jahre damit, im Lager des Auktionshauses mittelmäßige Bilder zu katalogisieren. So hatte er sich seinen Traumjob nicht vorgestellt.

Für den Kunsthandel hatte sich Meyer schon als Teenager begeistert. Als Austauschschüler in England begleitete er seine Gastmutter zu Auktionen und ersteigerte von seinem Taschengeld erstmals selbst etwas: einen Satz antiker Löffel für rund 15 Pfund. Andere Jugendliche lasen Popmagazine, Tobias interessierte sich für Zeitschriften über den Antiquitätenmarkt. Seine Eltern - der Vater hatte es als Wissenschaftler in der Industrie zu Geld gebracht, die Mutter einst selbst Kunst studiert - brachten den Jungen für ein einjähriges Kunstseminar bei Christie's in London unter. Zwar war der 18-Jährige im Vergleich zu den anderen Teilnehmern viel zu jung, doch Meyer überzeugte die Aufnahmekommission mit seinem erstaunlichen Wissen. „Dieser Kurs war mein Schlüsselerlebnis. Endlich konnte ich mich über Dinge austauschen, die mich interessierten", erzählt er. Inzwischen hatte sich die Familie in Wien niedergelassen, und Tobias studierte dort Kunstgeschichte.

1992, nach drei Jahren in Christie's Kellerarchiv kam der erlösende Anruf: Lucy Mitchell-Innes, damals Chefin der zeitgenössischen Abteilung vom Rivalen Sotheby's, warb den jungen Mann ab. Meyer hatte bis dahin zwar noch nicht viel im Lebenslauf zu bieten, aber Mitchell-Innes erkannte seine verborgenen Talente. Meyer wurde Leiter von Sotheby's zeitgenössischer Abteilung in London. Und nicht nur das. Kurze Zeit später ermunterte Mitchell-Innes ihren Neuzugang, sich als Auktionator zu versuchen.

1992, mit gerade mal 29 Jahren steht Meyer erstmals hinter dem Versteigererpult - und beweist mit kühlem Kopf und starken Nerven sein Verkäufertalent. Als Sternstunde gilt seine Auktion im Juni 1994. Um dem Event mehr Glamour einzuhauchen, setzt Meyer die Veranstaltung am Abend an. Und er stellt Werke von Georg Baselitz, Gerhard Richter, Joseph Beuys, Francis Bacon und Bruce Nauman, also zeitgenössische Kunst, die seit dem Kunstcrash von den Auktionshäusern eher widerwillig gehandelt wird, in den Mittelpunkt. Meyers Motto: „Let's make it sexy!" Sein Plan ist erfolgreich. An diesem Abend explodieren die Preise, die Versteigerung bringt 5,11 Millionen Pfund (7,5 Millionen Euro) - das beste Ergebnis seit dem Zusammenbruch des Marktes 1990.

Seitdem gilt der „coole Teutone" als Wunderwaffe gegen dahindösende, zögerliche Sammler. Als Auktionator entwickelt er seinen eigenen Stil. Er strahlt Distanziertheit aus und schafft es gleichzeitig, das Gefühl zu vermitteln, dass er mit vollem Elan dabei ist. Mühelos lässt er den Ball zwischen den Bietern hin- und herhüpfen. Die Stimmung im Saal, jede noch so kleine Bewegung, jeden Finger, der wie beiläufig zum Gebot erhoben wird, registriert er wie der Jäger auf der Pirsch. Wenn sich hitzige Bietgefechte abkühlen, lässt er die Frage „Are we all done?" gekonnt im Raum hängen.

1997 zieht Meyer als neuer Chefauktionator und weltweiter Leiter der Abteilung zeitgenössischer Kunst in Sotheby's Hauptquartier nach New York. Und erobert mit seinem frischen Auktionsstil die Amerikaner im Sturm. Meyer pokert gern hoch. So ergattert er Andy Warhols „Orange Marilyn" (1962) von dem Frankfurter Sammler Karl Ströher und legt den Schätzwert auf die damals unerhörte Summe von 16 Millionen Dollar fest. Tatsächlich wird das Bild für 17 Millionen Dollar verkauft - ein neuer Rekord für ein Warhol-Bild.

Derweil splittert der Lack von der Glitzerfassade. Die beiden großen Auk-tionshäuser Sotheby's und Christie's werden im Jahr 2000 angeklagt, durch illegale Preisabsprachen jahrelang Gewinne maximiert und ihre Kunden betrogen zu haben. Meyers Chefin Diana Brooks wird unter Hausarrest gestellt und zu drei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Auch Sotheby's damaliger Vorstandschef Alfred Taubman landet hinter Gittern. Außerdem müssen beide Auk-tionshäuser je 256 Millionen Dollar Strafe zahlen. Plötzlich stehen Versteigerungen nicht mehr für edle Kunst und Glamour, sondern für so niedere Dinge wie Geldgier und betrügerische Geschäfte.

In dieser Situation hilft ein frischer, unbelasteter Frontmann, um das angeschlagene Image zu reparieren. Wobei auch Tobias Meyer nicht nur die feingeistige Lichtgestalt ist, als die ihn die Medien gern verklären. Als Chef einer Abteilung mit 33 Mitarbeitern, die permanent neuen, versteigerungsfähigen Kunstwerken nachjagt, wendet er manchmal rüde Methoden an, um sich ein attraktives Stück zu ergattern. Besonders, wenn man es dadurch der Konkurrenz abjagen kann. Einst habe er sogar einen Lieferwagen mit teuren Bacon-Bildern stoppen lassen, der auf dem Weg zu Christie's war, um die Fracht in letzter Minute für Sotheby's zu sichern.

Der viel beschriebene Zauber, den Meyer am Auktionsabend versprüht, ist ohnehin nur Teil eines komplexeren Systems, mit dem Auktionskunden gehegt und geködert werden. Für Uneingeweihte mag es so aussehen, als entscheide sich der Preis eines Kunstwerks wie durch einen magischen Sog spontan im Saal. Tatsächlich aber stehen die Ergebnisse oft schon lange vorher fest. Meyer lotet in unzähligen Vorgesprächen aus, wie hoch potenzielle Käufer gehen werden, er weiß, wer bietet und wo im Saal die wichtigen Leute sitzen.

Dann orchestriert er wie ein Dirigent das Ritual des öffentlichen Verkaufs, das eine Life-Auktion so unwiderstehlich macht: Der berstend volle Saal, das Sehen und Gesehenwerden, das stakkatohafte Ausrufen der kletternden Preise, die Leichtigkeit, mit der 100 000-Dollar-Sprünge getätigt werden und auch die angespannte Stille, wenn plötzlich kein Gebot mehr kommt. Bei der legendären Auktion von Picassos „Junge mit Pfeife" im Mai 2004 bewies Meyer, dass er Nerven aus Stahl besitzt. Bei 80 Millionen Dollar war plötzlich das Bietgefecht ins Stocken geraten. Der Auktionator erkannte, dass der New Yorker Galerist Larry Gagosian Probleme mit seinem Mobiltelefon hatte und die Kommunikation mit seinem Auftraggeber unterbrochen war. „Innerlich dachte ich, das darf doch alles nicht wahr sein", erinnert sich Meyer. „Äußerlich blieb ich seelenruhig." Er rettete die Situation, indem er mit besänftigender Stimme verkündete: „Hier können wir uns ein wenig Zeit lassen." Gagosian schnappte sich das Telefon eines Nachbarn und bot weiter. Bei 104 Millionen Dollar gab Tobias Meyer schließlich den Zuschlag - allerdings nicht an Gagosian, sondern an einen bis heute unbekannten Käufer. Die Arbeit ging damals als das teuerste Werk, das bei einer Auktion versteigert wurde, in die Kunstgeschichte ein.

Bei den diesjährigen Frühjahrsversteigerungen in New York landete der Chefauktionator wieder den großen Coup. Mit „White Center" (1950) von Mark Rothko aus der Sammlung des betagten David Rockefeller ging Sotheby's mit einer auf 46 Millionen Dollar geschätzten Garantiesumme auf volles Risiko. Der Rothko brachte 72,8 Millionen Dollar (53,6 Millionen Euro) ein. Ein neuer Weltrekord, der dazu beitrug, dass das Auktionshaus im ersten Halbjahr 2007 ein absolutes Spitzenergebnis von 486,9 Millionen Dollar (354 Millionen Euro) einfuhr. Ein Ende des Booms ist nach Meyers Meinung nicht in Sicht. Neue Käufer - seien sie aus Russland und Asien oder amerikanische Hedgefund-Manager, die sich Kunst aus Prestigegründen zulegen - treiben die Preise weiter an. „Der Markt ist klug, er strebt nach Qualität", glaubt Meyer. An den Wänden seines Büros im Glasturm der New Yorker Sotheby's-Zentrale hängen derzeit die Attraktionen für die kommenden Herbstauktionen. Darunter Andy Warhols Campbells-Suppendose („Pepper Pot", 1962) und ein Werk von Jean-Michel Basquiat - ohne Titel (Elektrischer Stuhl, 1981/82).

Auch privat umgibt sich Meyer mit teurer Kunst. Mit Mark Fletcher, einem einflussreichen New Yorker Kunstberater und seit zehn Jahren sein Partner, lebt er im 66. Stock eines der Time Warner Hochhäuser, einem luxuriösen Neubau am Central Park. Die Wohnungseinrichtung vereint im exzentrischen Mix Barockmöbel mit Warhol-Werken, und schrille Wandmalereien des brasilianischen Künstlerduos „Assume Vivid Astro Focus". Im Flur strahlt ein Dollar-Zeichen aus Glühbirnen von den Briten Sue Webster und Tim Noble. Meyer lebt seinen Beruf. Mit seinem polierten Savile-Row-Chic und dem Jetset-Lifestyle verkörpert er genau den Typus junger, statusbewusster Sammler, den Auktionshäuser, Kunstmessen und große Galerien heute gern umwerben. Zu seinen Freunden zählen Prominente wie der Filmmogul David Geffen, der Maler John Currin und der Modedesigner Tom Ford, der über Meyer sagt, er gehöre zu den wenigen Menschen, die selbst nackt noch Stil hätten.

Die endgültige Heiligsprechung erfuhr der Auktionator letztes Jahr durch das renommierte Magazin „The New Yorker". Drei Monate lang ließ sich Meyer von einem Reporter begleiten. An einer Stelle dieser zwölfseitigen Huldigung fasst Meyer frappierend klar zusammen, welche Aufgabe er bei Sotheby's wirklich hat: Sein Job sei es, Kunst teuer zu machen.

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