Art Basel Miami 2008 - Kunstmesse

Mit leichtem Gepäck

Wie jedes Jahr wimmelt es auf der Art Basel Miami Beach auch dieser Tage von Prominenz. An Glamour und Dekadenz hat die Kunstmesse nicht verloren. Nur: Wie ist es mit der Kauflust in der Kunstmarkt-Krise bestellt? art-Autorin Claudia Bodin über die Stimmung bei den Galeristen, den US-Präsidenten Barack Obama als Verkaufsschlager und einen verkleideten Takashi Murakami.
Dekadenz und Prominenz:Champagner statt Kunstkauf

Buntes Treiben auf der Art Basel Miami Beach

Während die Rezession Amerika in diesen Tagen offiziell seit einem Jahr überschattet, machten die Sparmaßnahmen auch vor der Messe in Miami nicht halt. Um die Kosten für Barkeeper einzusparen, wurden auf manchen Veranstaltungen keine Cocktails mehr ausgeschenkt – sondern nur Champagner.

Ansonsten lief auch bei der siebten Neuauflage alles so dekadent ab wie in den guten, fetten Vorjahren. 800 Galerien stellten bei der Hauptveranstaltung und den fast 20 Satellitenmessen aus. Zwar sprang auf Grund des eisigen Windes niemand beim Messe-Empfang im "Delano Hotel" in den Pool, und die Kellner trugen T-Shirts mit der Aufschrift "Fuck the Recession". Aber die neuen Uhrenmodelle von Designerstar Mark Newson, die in einem Sperrholz-Pavillon vor dem "Raleigh Hotel" für Preise von 7000 bis 25 000 Dollar präsentiert wurden, gingen weg, als wären Swatch-Uhren im Angebot. Bei der Afterparty zur Eröffnung der "Design Miami" mit Gästen wie Messechef Marc Spiegler, Maler Chuck Close oder Galerist Jay Joplin von White Cube aus London ließ sich Model Naomi Campbell, die in Begleitung eines Kleiderschranks von Bodyguard auflief, mit Tony Shafrazi und Benedikt Taschen fotografieren. Alle strahlten, alle tranken und waren zum Messestart nervös. Denn obwohl die private Fluggesellschaft NetJets wie gehabt den betuchten Kunst-Jet-Set einflog, Cartier wieder seinen Kuppelbau mit millionenschwerem Schmuck errichtet hatte und für Luxus-Penthouses in Messenähe geworben wurde, machten Gerüchte von erschreckend vielen Stornierungen in den Hotels die Runde. Es wurde diskutiert, ob die Kunstwelt wirklich eine Messe in New York und in Miami braucht und welche der beiden Veranstaltungen in Zukunft überleben wird. Und alle fragten sich bange: Kommen die Sammler? Werden sie kaufen?

„Die Sammler zögern – aber sie sind da.“

Zuerst gab es aufmunternde Nachrichten: Die Schweizer Messegesellschaft hat den Vertrag mit der Stadt Miami auf weitere drei Jahre verlängert. Auch der Sprecher der Schweizer Investmentbank UBS, die herbe Verluste verkraften musste, beteuerte immer wieder, dass das Unternehmen sich weiterhin als Sponsor der "Art Basel Miami Beach" verpflichtet hat. Kurz nach der Eröffnung strömten deutlich weniger Interessenten als im Vorjahr in die Halle, aber die Messe war dennoch gut besucht. 14 Dollar für das Glas Champagner wurden weiterhin gerne bezahlt.

Präsentiert wurde solide Qualität. Auffällig war, dass viele Galerien im Zuge des neuen Sparkurses weniger Kunst im Gepäck hatten. So bestätigte auch Miamis Messe-Dienstleister Gander & White, der für den Transport von Kunstwerken zuständig ist, einen Rückgang der Geschäfte. Der Franzose Emmanuel Perrotin, der eine Galerie in Paris und Miami betreibt und sonst für seine bunten Inventurshows bekannt ist, setzte am ersten Tag auf ganze zwei Arbeiten von Fahrhad Moshiri, die verloren an den Wänden hingen. Immerhin ging eine davon mit dem Titel "Run Like Hell" in den ersten Stunden für 250 000 Dollar weg. In den vergangen neun Monaten seien die Sammler in New York wie vom Erdboden verschwunden gewesen, meinte der in Chelsea ansässige Galerist Zach Feuer, der junge, hoch gehandelte Künstler vertritt und neue Arbeiten von Nathalie Djurberg und Jules de Balincourt mitgebracht hatte. "Wir sind vom Schlimmsten ausgegangen." so Feuer, der sichtlich erleichtert in den ersten zwei Stunden zwei Arbeiten verkauft hatte.

Wo bleiben die Russen?

Ob an den Ständen der großen etablierten Galerien oder der kleineren Häuser, es war überall das gleiche zu hören. "Langsame Geschäfte", bestätigte David Zwirner. Von zugenähten Hosentaschen war die Rede. Und davon, dass die Amerikaner im Vergleich zu den Europäern auf Grund der Krise wie unter Schock stehen würden. Auch die viel beschworenen kauffreudigen Russen blieben fern. Die russischen Sammler mit unendlich viel Geld seien eine Legende, so die Moskauer Galerie XL, die mit einer starken gemeinsamen Arbeit von zwei heimischen Künstlern angereist war. Während Striche und Kreise auf der Leinwand beim Sex aufeinander losgingen, hockte eine Truppe von Zuschauerfiguren aus Styropor teilnahmslos in ihren Kinositzen. So mancher Galerist hatte auf Roman Abramovich oder Leonid Friedland gehofft, der mit seiner Luxusgüter-Firma Mercury gerade das Auktionshaus Phillips de Pury übernommen hat. Doch wie schon im Vorjahr gab es eine nicht besonders stilvolle Russen-Party mit Teigtaschen statt Kaviar, bei der Tänzerinnen auf Sockel im Pool verfrachtet wurden.

Das hier ist die Realität

Reserviert wurde eifrig, spontan zugeschlagen nur selten. "Die amerikanischen Sammler halten still", meinte Gerd Harry Lybke von Eigen + Art. Er zählte zu den Glücklichen, die bereits früh Erfolge vermelden konnten. Eine neue Arbeit von seinem Star Neo Rauch und ein Gemälde von Tim Eitel fanden schnell Käufer. Arbeiten wie Editionen der beliebten Schmetterlings-Bilder von Damien Hirst, die noch vor Monaten förmlich von den Wänden flogen, hatten bei einem Preis von mehr als 900 000 Dollar am Nachmittag bei Van de Weghe Fine Art aus Chelsea keinen Käufer gefunden. "Alle Leute sprechen mich darauf an, was für verrückte Zeiten wir gerade durchleben", erwiderte Mike Quinn von Van de Weghe. "Verrückt waren die Zeiten, in denen wir so unglaublich schnell und viel verkauft haben. Das hier ist die Realität. Es geht wieder darum, Beziehungen zu Sammlern aufzubauen und zu pflegen." Jeder könne in guten Zeiten gut abschneiden. Jetzt würde es um wirklichen Kunsthandel gehen, befand auch John Good von der Gagosian Gallery. Manche Galeristen räumten Rabatte von bis zu 30 Prozent ein. Andere klagten über Sammler, die aggressiv die Preise drücken wollten.

Julian Schnabel führte Faye Dunaway durch die Hauptmesse. Adam Weinberg, Direktor des New Yorker Whitney Museums, war trotz Finanzkrise bester Laune. Barbara Becker schaute mit Naomi Campbell vorbei, Modedesignerin Jil Sander schlenderte durch die Gänge. Gelegentlich verschreckten zwei von dem chinesischen Künstler Xu Zhen angeheuerte Assistenten in Affenkostümen die Besucher. Ungebeten umarmten die beiden Plüschtiere potentielle Sammler. "Mama", "Daddy" jaulten sie und gingen auf Schmusekurs. Ein weiterer chinesischer Künstler lehrte mit seinem "Lehman Brothers Gate" Besucher das Fürchten. Die Wände waren mit Bildern von verzweifelten Wall-Street-Bankern und fallenden Aktienkursen gepflastert. Durch Bewegungsmelder ausgelöst, schlossen sich Schiebetüren wie von Geisterhand, so dass die Besucher in der Misere festsaßen.

Obama, der Hoffnungsträger

Gleich mehrere Künstler, darunter Marlene Dumas, der Chinese Yan Pei Ming und der Amerikaner Kurt Kauper, hatten den neuen Präsidenten als Thema gewählt. Kaupers heroisches Porträt wurde bei Jeffrey Deitch für 65 000 Dollar verkauft. Der in Los Angeles ansässige Graffitikünstler Mr. Brainwash (a.k.a. Thierry Guetta) steckte Obama in ein Superman-Outfit und erklärte ihn zum Maskottchen der neuen "Art Asia" und der "Scope"-Messe. Dort sorgte Hoffnungsträger Obama bei dem deutschen Galeristen Stephan Keszler, der eine Galerie in den Hamptons betreibt, für gute Geschäfte. Zwei mit Diamantenstaub besetzte Obama-Porträts von Russell Young hatte er bereits zu Messebeginn für jeweils 22 000 Dollar verkauft. Er würde das ganze negative Gejammer nicht mehr hören können, meinte Keszler. "Ich habe Freunde, die sich darüber beklagen, dass sie statt drei nur noch eineinhalb Milliarden besitzen, da komme ich nicht mit. Wer überzeugende Kunst bietet, macht auch nach wie vor Geschäfte."

Auch Superstar Takashi Murakami bejammerte mit einem Lächeln, kein Geld mehr zu haben. Tatkräftig startete er einen Laden mit Murakami-Sofas (50 000 Dollar), Schmuckanhängern und seinen berühmten Blumenbällen (je nach Größe bis zu 256 000 Dollar) in der Nähe der Design Messe und war sich nicht zu schade, in einem Blumenball-Kostüm herumzulaufen, um Werbung zu machen. Verkauft hatte er nach zwei Tagen jedoch eher wenig. Miamis Designer-Truppe "Friends With You" gehört zu den eifrigen Schülern des Marketingmeisters. Auf der Nebenmesse "Scope" im Wynwood Art District verwandelten sie die Kantine mit Hüpfburg (für 50 000 Dollar), bunten Bänken und Türmchen in ein Spielzimmer für Erwachsene. Natürlich konnte man auch ihre Stofftierchen und Originalzeichnungen kaufen. Direkt von der Künstlertruppe, ohne Galeristen. Dass die Übergänge zwischen Design und Kunst sowieso immer fließender werden, zeigte auch eine Ausstellung von Tapisserien von Künstlern wie Kara Walker und Paul Noble.

Eine lange Durstrecke

"Einige Galeristen setzten mit ihrem Angebot dieses Jahr auf Nummer sicher", befand "Pulse"-Messechefin Helen Allen. Die Nebenmesse hatte sich ausgerechnet in diesem Jahr dazu entschlossen, von 81 auf mehr als 100 Galeristen zu wachsen. "Nach der Finanzkrise wollten einige Galeristen absagen oder auf einen kleineren Stand umsteigen, aber letztlich haben sich alle dazu entschlossen, zu kommen und es nicht bereut", sagte Allen. "Wir werden die Zeit der Kunstkenner wieder erleben. Doch leider liegt eine lange Durststrecke vor uns, die einige nicht überstehen werden."

Eine der Erfolgsgeschichten der Messe war der Verkauf der Turmglocke ("For Whom..." von 2008) von Kris Martin bei den Düsseldorfern Sies + Höke . Die fast 30 000 Kilo schwere Arbeit war samt Sockel aus Betonplatten per Schiff nach Miami verfrachtet worden. Für 200 000 Euro ging sie an einen amerikanischen Sammler, der sich die gigantische Arbeit in den Garten stellen will. Die Glocke wurde 1929 fertig gestellt: das Jahr des großen amerikanischen Börsencrashes und der Weltwirtschaftskrise.

Art Basel Miami Beach 2008

Termin: bis 7. Dezember, Miami Beach Convention Center, Miami Beach, Florida, USA
http://www.artbaselmiamibeach.com