Messebericht zur Frieze

Schau! Mich! An!

Mit höchst aufwendigen Präsentationen werben dieses Jahr Großgalerien um die Aufmerksamkeit der Frieze-Besuche. Nicht alles überzeugt, verkauft wird gut. Der Messerundgang von ART-Korrespondent Hans Pietsch begann mit Nervenkitzel und endete mit einem Schock.
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Stand von Marian Goodman aus New York mit “Under the Surface”, 2011, von Cristina Iglesias und einer Wandarbeit von Leonor Antunes

Einfach die Rosinen aus ihrem Bestand herauszupicken und an die Wand zu hängen, scheint vielen Galerien heute nicht mehr zu genügen. "Wir wollen eine Geschichte erzählen", sagt Stefan Ratibor, einer der  Direktoren bei Larry Gagosian. Und so versucht der amerikanische Großgalerist mit 16 Dependancen in aller Welt, den Nervenkitzel nachzustellen, den ein Raum in der bahnbrechenden Schau "Bilderstreit" 1989 im Kölner Museum Ludwig auslöste, in dem Arbeiten von Georg Baselitz und Roy Lichtenstein nebeneinander gehängt wurden. Und siehe da: der Kitzel stellt sich erneut ein, die beiden so unterschiedlichen Künstler kommen miteinander ins Gespräch, wenn auch schreiend und unter Protest.

Auch andere Galeristen lassen sich da nicht lumpen. Hauser & Wirth tat sich mit der bekannten Altertumsforscherin Mary Beard zusammen und stellt "The Wirth Bronze Collection" vor. Der Stand wurde zum etwas verstaubten Provinzmuseum umfunktioniert, wo in Glasvitrinen Bronzen zu sehen sind, von der Bronzezeit bis heute. Da geben sich ein Bronzekopf aus Benin, eine Arbeit von Louise Bourgeois und eine schrundige Plastik des Schweizers Josephsohn die Hand – dazwischen bei eBay erstandene Billigware aus der Legierung. Ein Audioführer stellt den Kontext bereit, und in einem winzigen Museumsshop kann man Bleistifte für ein Pfund erstehen.

Was hat das mit einer Kunstmesse zu tun?

Londons alteingesessene Galerie Waddington and Coustot ging noch einen Schritt weiter und verfrachtete das gesamte Atelier des englischen Popkünstlers Sir Peter Blake in das Messezelt. Was der nicht alles gesammelt hat - ausgestopfte Tiere, Zirkusplakate, Kinderspielzeug. Und der gemütlich aussehende Künstler sitzt während der Laufzeit der Messe inmitten seines Sammelsuriums auf einem Sofa und beantwortet geduldig die Fragen der Besucher.

Was diese aufwendigen und sicher auch teuren Präsentationen mit einer Kunstmesse zu tun haben, ist nicht so ganz auszumachen. Erfolgreicher scheinen da Bemühungen von Galerien wie Londons Victoria Miro, deren Stand sich nächtliche Magie und Intrigen zum Thema machte, mit Arbeiten von Doug Aitken, Tal R und Sarah Sze, oder Marian Goodman aus New York, die mit Werken von Giuseppe Pennone und Christina Iglesias das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt untersucht.

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Lee Bul bei Lehmann Maupin: "Untitled (Mekamelencolia - Velvet #4 DDRG15NF)", 2017

Doch natürlich geht es auch bei Frieze London und Frieze Masters in ihren Zelten im Regents Park hauptsächlich ums Geschäft. Das schien gut zu laufen, die Galeristen berichteten von viel Interesse und guten Verkäufen. Sammler aus Korea und Deutschland kauften schon am Preview-Tag mehrere Arbeiten der Südkoreanerin Lee Bul bei Lehmann Maupin, und die ebenfalls New Yorker Galerie Jack Shainman, zum ersten Mal bei Frieze, wurde neben Werken englischen Malerin Lynette Yiadom-Boakye auch eine neue Arbeit von Kerry James Marshall für 875 000 US-Dollar los. Die Ansicht, dass sich Sex nicht gut verkauft, wurde von Richard Artschwagers großformatiger, dreiteiliger und pornografischer Grisaille "Fucking Painting" (1967-68) widerlegt, die von Hauser & Wirth bei Frieze Masters für 2,8 Millionen Dollar verkauft wurde.

Alles ist viel zu brav

Aber wo ist die neue, in die Zukunft weisende Kunst? Jahr für Jahr trifft man auf dieselben vertrauten Namen wie Damien Hirst und Jeff Koons, die natürlich das große Geld bringen. Selbst die junge Sektion Focus für Galerien, die nicht älter als 12 Jahre alt sein dürfen, enttäuscht. Da ist alles viel zu brav, niemand schlägt über die Stränge. Die vielleicht interessanteste Präsentation stammt von der kleinen Londoner Galerie Hollybush Gardens, die gleich zwei der vier für den diesjährigen Turner Preis nominierten Künstler vorstellt: die aus Tansania stammende Lubaina Himid und die Deutsche Andrea Bütztner. Beide sind schon über 40.

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"Sex Work", eine von der Amerikanerin Alison M. Gingeras kuratierte Minischau über feministische Künstlerinnen der siebziger Jahre

Da freut man sich über eine von der Amerikanerin Alison M. Gingeras kuratierte Minischau, an der etwa ein Dutzend Galerien beteiligt sind. "Sex Work" wirft einen interessanten Blick zurück auf feministische Künstlerinnen der siebziger Jahre wie Marilyn Minter und die Österreicherin Renate Bertlmann, deren transgressive Kunst damals von Museen gemieden wurde. Und man freut sich auch über einen Stand wie den von Simon Dickinson, der bei Frieze Masters eine beachtliche Schau mit Werken des europäischen Expressionismus zusammenstellte. Einige der Gemälde von Nolde, Pechstein und Kirchner verkauften sich schnell, doch der Star der Schau, Kirchners "Nächtliche Phantasielandschaft in Grün und Schwarz" (1930-32) war bei Redaktionsschluss noch für 3,5 Millionen Pfund zu haben.

Zum Schluss ein Schock: ein Triptychon von Francis Bacon! Soviel Geld hängt man doch auf einer Kunstmesse nicht einfach so an die Wand! Doch bei Galleria Franco Noero aus Turin ist nicht alles das, was es scheint. Schon der Titel hätte einen stutzig machen sollen: "Marlene Dietrich in einem Pool". Der Bacon und die Dietrich? Schwer vorstellbar. Das Ganze ist ein nicht besonders guter Witz des Malers Francesco Vezzoli, der vorgibt, wie Bacon zu malen. Was er leider nicht kann.