Interview mit Johann König

»Es ist ein Experiment«

Der Berliner Galerist Johann König wagt den Sprung über den Kanal und eröffnet einen Showroom in London – im Interview spricht er über die Angst vor dem Brexit und den politischen Wert von T-Shirts
»Es ist ein  Experiment«

Galerist Johann König

Vom 5. bis zum 8. Oktober findet in London die Kunstmesse Frieze statt. Der deutsche Galerist Johann König hat dort diesmal besondere Pläne – wir sprachen mit ihm darüber.

Art: Herr König, Sie eröffnen parallel zur Frieze neben einem temporären Ausstellungsprojekt mit dem Künstler Jeremy Shaw auch eine dauerhafte Dependance in London. Warum gerade jetzt?

Johann König: Es gibt viele pragmatische Gründe, die für London sprechen. Wir leben fast in derselben Zeitzone. Die Stadt ist schnell zu erreichen. Wir sprechen alle Englisch. Durch die Frieze haben wir eine langjährige Beziehung zu London, weil wir uns dort von Anfang an beteiligt haben. Und London bietet eine Internationalität und Multikulturalität, die Berlin in dieser Dimension nicht hat. Dort treffen unterschiedliche Welten aufeinander – die arabische, russische, osteuropäische Welt, die Finanzwelt oder auch die Geschäftswelt.

Der Brexit stört Sie nicht?

Wir haben uns sehr für den Verbleib von Großbritannien in Europa engagiert. Womöglich bringt der Brexit aber auch Vorteile. London ist nicht mehr so teuer. Großbritannien wird ein Drittland sein wie die Schweiz – aber international wird es bleiben. Andererseits glaube ich auch immer noch nicht daran, dass der Brexit tatsächlich kommt. Irgendwann werden die Briten merken: Er ist eigentlich nicht finanzierbar.

»Mütter müssen kämpfen«
Müssen Frauen nackt sein, um ins Museum zu kommen? Künstlerinnen sind in großen Sammlungen unterrepräsentiert – bei Galerist Johann König ist das Geschlechterverhältnis ausgewogen

In Berlin betreiben Sie in der brutalistischen Düttmann-Kirche einen der schönsten Ausstellungsräume der Stadt. Die Messlatte für London liegt hoch.

Langfristig würde ich natürlich gerne so was machen wie hier. Aber das braucht Zeit, wenn es überhaupt geht. Daher haben wir uns überlegt, den Raum in London, der sich in einer Tiefgarage in der Marylebone Road Ecke Edgware Road befindet, fußläufig zum Regent’s Park, nicht direkt als Galerie zu führen, sondern als "König Archiv und Souvenir". Dort soll es kein klassisches Ausstellungsprogramm geben. Wir planen stattdessen eine Art Showroom, der als zeitgenössische Begegnungsstätte funktioniert – ein Ort, wo alles Mögliche passieren kann. Dort soll eine Mischung aus Performances, öffentlichen Filmvorführungen, Lesungen, Diskussionsrunden und anderen Aktivitäten stattfinden. In diesem Showroom werden auch Kunstwerke präsentiert oder mal zusammenhängende Werkgruppen.

»Es ist ein  Experiment«

KÖNIG London: eine Tiefgarage unweit des Regent's Park, wo auch die Frieze stattfindet

Gibt es dafür Vorbilder?

Nicht so sehr im Kunstbereich. Das orientiert sich eher am Modell des Concept Stores – obwohl ich das für unser Vorhaben als einen schwierigen, unzureichenden Begriff empfinde. Aber so unterstreichen wir übrigens auch, dass wir uns ausdrücklich als Berliner Galerie definieren, in Berlin finden die großen Ausstellungen statt.

Was ist das eigentlich, König Souvenir? Galerie-Merchandising?

Da geht es nicht so sehr um den Verkauf, sondern um die Beobachtung, dass wir sehr viel Besuch haben. In Berlin wird oft das Fehlen der Sammler bejammert. Aber hier gibt es ein ernsthaftes Kunstinteresse und eine große, auch internationale Szene wie nirgendwo sonst. Ein Beispiel: Am letzten Tag unserer Julian-Rosefeldt-Ausstellung hatten wir 600 Besucher. Wer hierherkommt, kommt nicht, weil er zufällig vorbeiläuft. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass wir durchgängig Ausstellungen auf Museumsniveau zeigen. Solange das so ist, können wir auch in anderen Feldern experimentieren. "König Souvenir" bietet eine gewisse Form von Teilhabe und die Möglichkeit der Identifikation, die auch von vielen unserer Besucher gesucht wird.

Wie sieht das aus?

Weil dieser Ort eher wie ein Museum als wie eine Galerie funktioniert, betreiben wir eben auch seit diesem Sommer einen kleinen Shop und bieten nicht limitierte Produkte an, die eine Sinnhaftigkeit besitzen. Mit dem blauen, der europäischen Flagge nachempfunden »EUnify«- Hoodie zeigt man seine Haltung zur politischen Situation. Auch das Norbert-Bisky-Handtuch ist als Reaktion darauf entstanden, dass es jetzt hier in Berlin-Neukölln in letzter Zeit immer wieder Übergriffe auf Homosexuelle stattgefunden haben. Mit diesem Accessoire bezieht man Position für eine offene und tolerante Gesellschaft. Mein Vorbild ist Jenny Holzer, die in den Achtzigern die sogenannten "Truisms" als T-Shirt-Aufdruck produzierte, zum Beispiel "Raise Boys and Girls the Same Way". Das wird bis heute kopiert – ohne dass die Leute unbedingt das Original kennen.

Mit der London-Filiale folgen Sie dem Trend zur Expansion. Viele mittlere und kleine Galerien bleiben bei dieser Entwicklung auf der Strecke.

Das ist die Grundessenz von Kapitalismus, der keinen Stillstand duldet. Man kann natürlich immer anders fokussieren, aber ich glaube, man muss sich internationalisieren. Der Sprung nach London ist ein Experiment, bei dem wir versuchen mit einem eigenen Ort – dessen Charakter zwischen Büro und klassischer Galerie liegt – und einem eigenen Team an der Szene und am dortigen Marktgeschehen teilzuhaben. Eine ganze Reihe von Galeristen scheint ähnlich zu denken. Ja, und ich finde natürlich interessant, welche Schlussfolgerungen gezogen werden. Mein Kollege Kamel Mennour aus Paris hat im vergangenen Jahr etwa einen sehr  kleinen Raum in London eröffnet, der im Grunde eine Art Passage in einem berühmten Fünf-Sterne-Hotel in Mayfair ist. So ist es ihm möglich, sein Pariser Programm in London in Miniatur zu spiegeln. In solchen Räumen findet man ja für gewöhnlich Blumenläden oder Uhrengeschäfte. An so einem Ort eine kleine Zweigstelle für Ausstellungen ohne Büro zu unterhalten, das ist ein radikaler Ansatz.

Sie sind auch dabei, ein eigenes Magazin zu gründen, das zweimal im Jahr in einer Auflage von 10 000 Exemplaren erscheinen soll. Warum?

Neulich titelte der "Economist" gegen den deutschen Exportüberschuss mit "The German Problem". Das lässt sich ja durchaus auch auf die deutsche Malerei übertragen: Es gibt Baselitz, Richter, Polke, Kiefer. Wir vertreten quasi eine Generation später: Wasmuht, Grosse, Bisky, Reyle. Auf der Frieze zeigen wir jeden Tag eine andere deutsche Malereiposition. Passend dazu bringen wir parallel unser Heft zum Thema Berlin heraus mit Einblicken in die Künstlerateliers und anderen Themen. Für uns bietet das Heft die Möglichkeit, die Themen, die uns beschäftigen, für unser Publikum noch einmal anders zu durchdringen, als das vielleicht im Alltag möglich ist.

Wird es das Heft nur in London geben?

Nein, das Heft wird es natürlich sowohl bei uns in der Galerie in Berlin geben, als auch in ausgewählten Läden.

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