Art Berlin 2017

Gute Kunst, schreckliches Publikum

Ein Galerist schimpfte ganz unverhohlen über die Besucher, andere freuten sich über gute Umsätze. Als Verkaufsshow hat die neue Art Berlin noch Luft nach oben. Trotzdem freuen sich alle, dass es in der Haupstadt wieder eine große klassische Kojenmesse gibt.
Gute Kunst, schreckliches Publikum

Wuchernde Installation von John Bock bei Sprüth Magers

So, jetzt ist es also amtlich. Berlin hat wieder eine Kunstmesse! Eine, die aussieht, wie eine stink normale Kunstmesse: weiße Stellwände, kleine und große Kojen, bunt zusammengewürfelte Gegenwartskunst in mittlerer und gehobener Preisklasse, Galeristen aus nah und fern mit iPads und Preislisten, lässiges Publikum, altbekannte Gesichter (Eva & Adele lassen grüßen), überteuerter Gastroservice.

Und darüber scheint man in der Hauptstadt so beglückt, dass man das Ganze sogleich als großartigen Neustart feiert. Dabei ist die Art Berlin – ein Zusammenschluss von Art Cologne und ABC – die am Sonntag in der Station am Gleisdreieck mit 33 000 Besuchern und "guten Verkäufen" zu Ende ging, keine Neuerfindung, sondern der Wiedergänger des Art Forum Berlin, einer anderen, gar nicht so schlechten Kunstmesse, die irgendwann eingestampft wurde, weil sie Teilen der Berliner Szene plötzlich nicht mehr cool und edgy genug erschien. Zu messemäßig eben.

Gute Kunst, schreckliches Publikum
Endlich wieder Kojen: Installationsansicht Art Berlin

Sechs Jahre später nun siegt die Einsicht, dass eine Kunstmesse aussehen muss wie eine Kunstmesse – und nicht vortäuschen sollte, eine kuratierte Ausstellung zu sein. Die ABC, das Vorgängerformat der Art Berlin, wollte genau das. Sie forderte von den Galerien Einzelpräsentationen ohne Kojenstruktur, was zu einem unübersichtlichen Kunstparcours führte, auf dem es viel zu Gucken gab, aber wenig verkauft wurde. Jetzt durften die Aussteller wieder mitbringen, was ihnen beliebt.

Gute Kunst, schreckliches Publikum

Schlackefeld von Galeriekünstlerin Luisa Clement – eine der wenigen politischen Arbeiten auf der Art Berlin

Von den 110 teilnehmenden Galerien entschieden sich die meisten für einen bunten Mix aus dem Galerieprogramm. Johann König hatte Arbeiten von Alicia Kwade, Camille Henrot und Norbert Bisky im Gepäck, Eigen & Art präsentierte Bilder von Tim Eitel, Martin Eder, David Schnell und Nicola Samori. Und Jan Wentrup zeigte Werke der Documenta-Künstlerin Nevin Aladag, eine Säule aus gebogenen Vinylplatten von Gregor Hildebrand und ein Schlackefeld von Galeriekünstlerin Luisa Clement – eine der wenigen politischen Arbeiten auf der Messe. Die schrundigen Gesteinsbrocken sind Überreste von vernichtetem Giftgas aus dem Arsenal des syrischen Herrschers Bashar Al-Assad.

Was die Verkäufe anging, lief das Geschäft wohl eher mäßig

Einzelpräsentationen waren die Ausnahme. Die Galerie Sprüth Magers etwa nutzte ihre Koje für eine wild wuchernde Installation von John Bock. Die Leipziger Galerie Hempel überraschte mit Konkreter Malerei im poppigen Op-Art-Look von Horst Bartnig und bei Crone erzeugten Constantin Lusers dreidimensionale Drahtzeichnungen schöne Schattenspiele.

Gute Kunst, schreckliches Publikum

Eines der teursten Exponate der Messe bei Aurel Scheibler: Alice Neel, "Nancy", 1966

Was die Verkäufe anging, lief das Geschäft wohl eher mäßig. Einige Galeristen berichteten von guten Umsätzen, andere saßen mit langen Gesichtern in ihren Kojen, einer schimpfte ganz unverhohlen über das "schreckliche Publikum", dass sich vom Galeristen bespaßen lassen will, aber dann nicht mal einen Druck für 800 Euro kauft.

Bekannt ist in der Branche allgemein, dass in Berlin Verkäufe über 10 000 Euro schwierig seien. So dürfte es wohl auch eher ein Werbestatement für die nächste Ausstellung gewesen sein, dass Aurel Scheibler bewogen hat, an seinem Stand ein Porträt der New Yorker Malerin Alice Neel zu zeigen, dass mit einem Preis von rund einer Million Dollar zu den teuersten Exponaten der Messe zählte. Als Fazit lässt sich sagen, Berlin hat lange – vielleicht zu lange – gebraucht, um zu lernen, dass es einen richtigen Marktplatz braucht, wenn man als Kulturmetropole nicht nur Kunst produzieren sondern auch verkaufen will. Dieses Jahr wurde noch geübt, nächstes Jahr wird’s ernst.