Neue Kunstmesse "art berlin"

»Die Zukunft liegt in Berlin«

Diese Woche eröffent erstmal die "art Berlin". Die Macher Maike Cruse und Daniel Hug sprechen im Interview über die neue Kunstmesse, das Erbe der "abc", neue Berliner Kunstkäufer und die Erzrivalen aus Basel.
»Die Zukunft liegt in Berlin«

2016 hieß die Messe noch "abc" fand aber auch schon inder Station am Gleisdreieck statt

Die Veranstalter von art berlin contemporary und Art Cologne haben zusammengelegt und eröffnen im September in der Station am Gleisdreieck mit rund 110 teilnehmenden Galerien die erste "art berlin".

art: Frau Cruse, Sie haben mal gesagt, Berlin brauche keine normale Kunstmesse. Jetzt wird aus der abc die Art Berlin. Haben Sie sich eines Besseren belehren lassen?

Maike Cruse: Die Zeiten ändern sich. Die abc begann als kleine Begleitveranstaltung einer großen Kunstmesse, dem Art Forum. Dann ist das Art Forum eingegangen, und wir sahen uns in der Situation, die Messe ersetzen zu müssen, und wollten zugleich an unserem speziellen Format, der Präsentation einzelner Positionen, festhalten.

»Die Zukunft liegt in Berlin«

Maike Cruse, Jahrgang 1975, leitete seit 2010 die "abc" und ist seit 2013 Direktorin des Gallery Weekends

Das funktionierte einige Jahre ziemlich gut. Seitdem der Kunstmarkt aber insgesamt schwieriger geworden ist, auch wegen der auf Bundesebene entschiedenen Gesetze, wünschen sich die Galeristen eine stärker am Verkauf orientierte Messe. Mit unserer Ministruktur war es nicht möglich, eine große klassische Kunstmesse langfristig aufzubauen – dazu braucht man einen Partner.

Wie sah denn Ihre Zusammenarbeit etwa bei der Auswahl der Galerien aus?

Daniel Hug: In diesem Jahr hatten wir nicht genug Zeit, ein Auswahlgremium zusammenzustellen, und haben Galerien eingeladen. Das wird sich ändern. Eine Messe entwickelt sich am besten organisch: Wir mussten die Art Berlin erst mal ins Leben rufen, damit sie jetzt wachsen und ein eigenes Profil gewinnen kann.

Wie war die Resonanz bei den Berliner Galeristen?

Cruse: Sehr gut. Wir haben die Art Berlin ja nicht gemacht, ohne uns vorher umzuhören. Es freut auch alle Galeristen, dass wir mit der Koelnmesse GmbH einen großen Partner mit reingeholt haben, der das Projekt auf Jahre stabilisiert und für eine nachhaltige Entwicklung sorgt. Davon wird der Berliner Kunstmarkt profitieren.

Wäre die abc sonst eingestellt worden?

Cruse: Nein, wir hätten auf alle Fälle weitergemacht, denn der Herbsttermin ist für die Galerien wichtig. Aber eben nur so klein, wie es immer war.

»Die Zukunft liegt in Berlin«

Daniel Hug, 1968 in Zürich geboren, leitet seit 2008 die Art Cologne

Herr Hug, und warum steigen Sie in den Berliner Markt ein?

Hug: Berlin hat ungefähr 250 professionelle Galerien, davon arbeiten 90 auf einem Niveau, das für eine große Kunstmesse interessant ist. So eine Vielfalt gibt es sonst nirgendwo – außer in New York. Ich glaube, dass in Berlin die Zukunft liegt. Es macht für uns Sinn, da einen Fuß in die Tür zu kriegen.

Wie viel abc steckt denn noch in der Art Berlin?

Cruse: Von den 110 Teilnehmern waren 70 schon auf der abc dabei. Es gab also bereits eine gute Basis. Unter den Neuen sind ganz junge Galerien, denen wir günstige Standmieten anbieten können, und etablierte Galerien aus dem Bereich der Moderne. Die Idee zur Verbreiterung des Messeangebots wurde bei der Neugründung in unserem Kreis entwickelt und war auch der strategische Einfluss von Daniel Hug.

Eine alte Weisheit über Berlin lautet: Es gibt viel Publikum, aber wenige Käufer …

Cruse: Der Markt ist im Rheinland viel stärker als in Berlin. Aber das kommt allmählich. Es gibt mittlerweile viele Sammler aus der ganzen Welt, die ihre Wochenendwohnungen in Berlin haben, und immer mehr junge Leute, die anfangen, bei den Berliner Galerien einzukaufen.

Hug: Bei so vielen Galerien muss es auch Sammler geben. Die können nicht alle nur ins Ausland verkaufen. Als ich noch als Galerist auf dem Art Forum war, habe ich immer gut verkauft. Das war eine tolle Messe, solange die Berliner Schwergewichte dort teilgenommen haben. Ich glaube, dass es einen funktionierenden Berliner Kunstmarkt gibt. Man muss ihn nur hervorlocken.

Frau Cruse, Sie haben lange für die Art Basel gearbeitet. Teilen Sie Daniel Hugs Sorge, dass die Basler Messegesellschaft gerade versucht, den internationalen Kunstmarkt zu kolonialisieren?

Cruse: Je mehr funktionierende regionale und globale Kunstmessen es gibt, desto besser ist dies für den Kunstmarkt insgesamt – das sieht auch die Art Basel so und macht da ausgesprochen gute Arbeit.

 

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Warum regen Sie sich dann so über den Einstieg der Basler bei der Art Düsseldorf auf, Herr Hug?

Hug: Bisher kann man ja über die Art Düsseldorf nur spekulieren, und ich bin gespannt, zu sehen, welches Profil sie entwickeln wird. Natürlich könnte eine andere Messe im Rheinland uns aber langfristig auch gefährlich werden. Auch deswegen ist die Art Berlin wichtig. Wir können uns über solche Kooperationen weiterentwickeln. Eine französische Galerie, die ich seit Jahren erfolglos nach Köln holen wollte, hat für Berlin sofort zugesagt. Zwischen Berlin und Köln können wir die ganze Welt abdecken. Das wird eine neue Ära!

Die Achse Köln–Berlin wurde in diesem Jahr schon mal auf die Probe gestellt, als das von Maike Cruse gemanagte Gallery Weekend und die Art Cologne auf dieselbe Woche fielen.

Hug: Da hatte ich nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Es gab für uns vonseiten der Koelnmesse lediglich einen Alternativtermin während der Osterferien – das wäre ein Desaster geworden, denn die Rheinländer lieben ihren Urlaub und sind dann einfach weg. Aber das ist jetzt geregelt und wird nie wieder vorkommen.

Und was passiert, wenn die Art Berlin der Art Cologne den Rang abläuft?

Hug: Ich glaube nicht, dass es so weit kommt. Aber ganz sicher kann man nie sein …

Cruse: Bei den unterschiedlichen Profilen der beiden Messen wird es eine solche direkte Konkurrenz nicht geben. Ich glaube wie Daniel Hug, dass die beiden Messen einander befruchten und ergänzen werden. Außerdem haben wir’s ja selbst in der Hand, das in die richtigen Bahnen zu lenken.

Hug: Das ist vielleicht das Wichtigste: Wir wollen gemeinsam den deutschen Kunstmarkt stärken.

Berlin Art Week (13.-17.9.2017)

Messen: Art Berlin, Station Berlin, 14.-17.9.2017. Positions Berlin Art Fair, Arena Berlin, 14.-17.9.2017

Ausstellungen (Auswahl): Festival of Future Nows 2017, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, 14.-17.9.2017; Monica Bonvicini, Berlinische Galerie, 16.9.2017-26.2.2018; Harun Farocki Retrospektive, n.b.k., 13.9.2017-28.1.2018; Willem de Rooij, KW Institute for Contemporary Art, 14.9.-17.12.2017; Danny Lyon, C|O Berlin, 16.9.-3.12.2017; Portrait of a Nation. Zeitgenössische Kunst aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Me Collectors Room, 13.9.-29.10.2017; Daria Martin: A Hunger Artist, Schering Stiftung, 14.9.-10.12.2017; Geoffrey Farmer, The Care With Which the Rain Is Wrong, Schinkel Pavillon, 17.9.-12.11.2017

Performance: A Dancer’s Day. Boris Charmatz. Musée de la danse, Volksbühne Berlin/Tempelhof, 14.-17.9.2017.