Am Anfang der Künstlerkarriere

Wie angle ich mir einen Galeristen?

Ohne Galerie ist es für junge Künstler fast unmöglich auf dem Kunstmarkt Fuß zu fassen. Aber wie findet man eigentlich einen guten Galeristen? Wichtigster Tipp: Bloß keine Initiativbewerbungen!
Wie angle ich mir einen Galeristen?

Künstler Damien Hirst und Galerist Larry Gagosian in innigen Umarmung auf einem Gala-Dinner in Miami-Beach

„Wir sind voll!“, der Galerist eines poppigen, frisch geputzten White Cubes im Düsseldorfer Stadtteil Flingern antwortete hastig auf die unverfängliche Frage, welche Künstler er im Programm habe. Alle Initiativbewerbungen, die wöchentlich reinkämen, lehne er ausnahmslos ab. Gerne dürfe man aber an den weißen Stehtischen vor der Galerie eine Zigarette rauchen.

Andere werden auch schon mal wütend, wenn man ihnen eine Mappe zeigen möchte. Ein Berlin-Mitte-Galerist blaffte kürzlich eine junge Künstlerin an, wie sie überhaupt auf die Idee käme, dass er für so etwas Zeit hätte. Er stand draußen vor dem Eingang und trat ärgerlich seine Zigarette aus. Und wehe sie würde ihm jetzt noch ein PDF schicken! Die neue Galerie von Philipp Haverkampf beugt solchen Situationen bereits auf ihrer Homepage vor. Dort heißt es direkt unter der Angabe der Öffnungszeiten, dass Künstlerbewerbungen nicht akzeptiert werden.

Larissa Kikol
Larissa Kikol ist freie Kunstwissenschaftlerin und lebt in Berlin. Sie promovierte an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe zum Spiel in der Kunst der Moderne. 2015 gewann sie den internationalen Talents-Wettbewerb von C/O Berlin im Bereich Kunstkritik.

Für einen Künstler ist es nicht einfach eine Galerie zu finden. Wer sich ungefragt selbst anbietet, gilt als verdächtig. Der Weg in die Galerie ist gepflastert mit Tabus. Dazu gehören auch biografische Brüche und kreative Krisen der Künstler. Was vielleicht einst auch für eine gewisse Ernsthaftigkeit der künstlerischen Auseinandersetzung bürgte, bedeutet heute vor allem, dass der Kandidat nicht in der Lage ist, auf Abruf Werke produzieren zu können – ein Platz auf der schwarzen Liste ist ihm sicher. Darin gleicht die heutige Galerie jedem anderen Wirtschaftsunternehmen: Die Produktion muss lückenlos verlaufen. Künstler werden immer stärker danach beurteilt, wie zuverlässig sie ihre Ware liefern können und wie stark ein verlässliches Markenzeichen durch diese Ware erkennbar wird.

Eine Auszeit können sich nur die erlauben, die bereits einen Wiedererkennungswert etabliert haben, Anselm Reyle zum Beispiel. Bei den meisten anderen wäre ein Jahr ohne Ausstellungen verheerend. Schon 30-Jährige weisen Ausstellungsbiografien auf, die so lang sind wie das Literaturverzeichnis einer Doktorarbeit. Natürlich auch mit internationalen Stationen und mit coolen Projekttiteln. Dass sich dahinter oft nur Cafés, Produzentengalerien oder einfach Ausstellungen in der eigenen Ateliergemeinschaft verbergen – geschenkt.

Auch der Hamburger Künstler Stefan Marx registriert einen hohen Ausstellungsdruck, den schon Kunststudenten ausgeliefert sind. Er begegne Galeristen eher schüchtern und ließ sich ansprechen, sagt er. Man solle den Dingen Zeit geben, sich kennen lernen, die Galeristen über die eigenen Arbeiten auf dem Laufenden halten. Aber bitte nicht fordernd oder zu selbstüberzeugt auftreten. Auch Zuhören-Können sei eine wichtige Eigenschaft für einen Künstler, erklärt Marx.

Ein heroischer Lebenslauf sei ihm nicht so wichtig, sagt ein Galerist

Der angenehmste Ort, von einem Galeristen entdeckt zu werden, ist für junge Künstler wohl die Abschlussausstellung an der Kunstakademie. Aber auch renommierte Kulturzentren wie das Künstlerhaus Bethanien können als Trainingscamp fungieren, aus denen sich Galeristen ihre Nachwuchsriege zusammenstellen. An Kunsthochschulen, in Off-Spaces oder auf Messen sucht auch Philipp Haverkampf. Denn trotz Warnhinweis auf der Website, sucht der Galerist durchaus noch junge, unverbrauchte Künstler für sein neues Programm. Der heroische Lebenslauf sei ihm dabei nicht so wichtig, sagt er, aber das Werk und vor allem das Zwischenmenschliche müssen stimmen. Auch interessiert ihn der Rat von vertrauten Künstlern, Sammlern und Kunstkritikern. Eine Eigenbewerbung führte bei ihm noch nie zum Erfolg, er folgt entweder einer Empfehlung oder seinem eigenen Entdeckergeist.

Auch das Malerpaar Abetz und Drescher wurde oft von anderen Künstlern an Galeristen empfohlen, die sie dann im Atelier besuchten oder zu einem Vernissage-Dinner einluden. Ihre bisher 20 Jahre lange Karriere lässt sich chronologisch in fünf Galerievertretungen einteilen, von Berlin über Paris nach New York und wieder zurück nach Berlin. Für Abetz und Drescher war Freundschaft stets ein wichtiger Faktor: Man lernte sich langsam, manchmal über ein ganzes Jahr hinweg im Kunst- und auch im Nachtleben kennen und vertrauen.

Muskelspiele
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Übrigens geben die meisten Galerien und Künstler an, dass die Vertrauenswürdigkeit der anderen Seite und die zwischenmenschliche Ebene eine der wichtigsten Entscheidungshilfen für eine Zusammenarbeit sei. Je nach Galerist fungieren durchfeierte Nächte wie Abenteuerreisen als wichtige Prüfungen. Gemeinsame Erlebnisse scheinen besonderes Vertrauen zu schaffen.

Dass gerade im Fall minimalistischer Konzeptkunst auch der verschwörerische Konsum illegaler Substanzen Erfolg verspricht, bleibt offiziell zwar unbestätigt. Aber die Gerüchte halten sich hartnäckig: Wo die Kunst sinnlich und ästhetisch eher wenig aufregend wirkt, muss die dahinter stehende Idee möglichst dramatisch und selbstbewusst verkauft werden. Nach genügend Koks wird jeder Marmorblock zum intellektuellen Ereignis mit dem man jeden gleichermaßen gepuschten Galeristen für sich gewinnen kann. Angeblich bildet der Ko-Ko-Markt (Koks und Konzeptkunst) hier eine leuchtende Symbiose.

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