Messebericht zur Art Basel

Muskelspiele

Die Art Basel behauptet auch mit ihrer 48. Ausgabe ihre Führungsrolle für die Kunst seit der Moderne. Die Stimmung ist seriös, die Geschäfte boomen. Schweizer Zuverlässigkeit halt - es gibt aber auch schöne Überraschungen
Muskelspiele

Der Schweizer Künstler Urs Fischer hat Rodins berühmte PLastik "Der Kuss" mit Knete nachgebildet. Besucher dürfen das Werk verändern: "The Kiss", 2017, Sadie Coles HQ

Eigentlich könnte man einen Bericht über die 48. Auflage der Art Basel mit denselben Erfolgsmeldungen bewenden lassen, die jedes Jahr fällig werden. Nach 95 000 Eintritten im letzten Jahr hofft man diesmal die Hunderttausendermarke zu knacken. 291 Galerien wurden aus einem viel größeren Bewerberfeld ausgewählt. Alle Teilnehmer vom letzten Jahr bewarben sich wieder, 17 neue Bewerber hat man aufgenommen. Die Händler kommen aus 35 Ländern, über 50 Prozent jedoch aus Europa. Will die Art Basel an ihrem Stammsitz doch vor allem eine Plattform für diesen Kontinent sein, Während Miami und Hongkong andere Weltregionen favorisieren.

Und die Teilnehmer brachten wieder beste Ware mit, vielleicht noch einen Tick mehr als im Vorjahr, die Delle im Auktionsmarkt könnte der Messe zum Vorteil gereichen. Sammler wollen vielleicht lieber hier ihre Werke anbieten, als die Unsicherheiten im Auktionssaal auf sich zu nehmen. Diese Entscheidung wurde denn auch belohnt. Der Sekundärmarkt war dieses Jahr bullenstark. Gleich am ersten Tag wurde von Aquavella ein Basquiat für 18 Millionen Dollar verkauft, Hauser & Wirth hatte für die beiden ersten Tage einen Umsatz von 50 Millionen Dollar, und bei Gagosian ging anscheinend alles weg, was über zwei Millionen Dollar kostete. Kleinere und mittlere Galerien mit ausgefeilten Programmen wie Esther Schipper oder Annemarie Verna sind in einer deutlich anderen Situation, berichten aber ebenfalls über Verkäufe.

Art Basel 2018
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Wer sich mehr Zeit nimmt und nicht nur die Trophäen abholen will, die wohl weitgehend vorbesprochen waren, darf jedoch einige schöne Entdeckungen machen, die auch den nicht kauffähigen Besucher erfreuen. Zunächst einmal scheint sich der Spruch zu bewahrheiten, dass gut Ding Weile haben will. Die vielleicht größte Überraschung hält die Berliner Galerie Neu bereit. Sie ist nicht unbedingt für Gender- und expressive Themen bekannt, ihr Stand bietet denn auch dieses Jahr viel konzeptuelle Hardware. Von einer Wand knallen jedoch schwere Jungs mit prallen Ärschen und gigantischen Penissen. Und sie kommen von niemand anderem als der Modelegende Yves Saint Laurent. Der Designer hat auf diesen Zeichnungen seine homoerotischen Phantasien und auch die Widerstände, mit denen er in sich kämpfen musste, hemmungslos und direkt zum Ausdruck gebracht.

Sein Partner Pierre Bergé hat sich gegen die Veröffentlichung dieser Werke lange Zeit vehement gesperrt. Saint Laurent hat sie zu Beginn der neunziger Jahre einem ehemaligen Lover aus der Firma geschenkt. Dieser hat sie später einem badischen Investor aus Monaco weitergegeben, um sich von der Geschichte zu befreien. Der wiederum suchte nach Möglichkeiten, sie zu vermarkten, und kontaktierte ART. Wir konnten Teile des 360 Blätter starken Konvoluts in einem Basler Safe einsehen und berichteten im Februar 2010 über die spektakuläre Entdeckung. Trotz globalisierten Kunstmarktes dauerte es noch bis in diesem Jahr, dass ein Händler eine kleine Auswahl der Blätter auf den Markt zu bringen wagte, für 28 000 Euro das Stück. Sicher ein Fall für Liebhaber. Aber auch der umtriebige Udo Kittelmann hat sich mit den Galeristen ausführlich unterhalten.

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Donna Huanca: "Bliss (Reality Check)", 2017

Aber auch andere Händler warten mit Überraschungen auf, und man fragte sich, wie sie auf die Großereignisse dieses Sommers reagieren würden. Erstaunlicherweise für eine Verkaufsplattform ist der Boom der Performance auch auf die Messe übergeschwappt. Von den Statements für junge Künstler über die "Art Unlimited" bis zum normalen Geschäftssektor für Galerien waren Performer am Werk. Am meisten Zulauf hatten wohl die beiden ziemlich nackten und rundum bemalten Damen, die Donna Huanca aus Chicago zu brummenden Basstönen auf Sand turnen ließ. Gelegentlich durften sie mit den Händen Farbpaste auf eine Glasscheibe oder die endlosen Haarzöpfe verstreichen. Am anspruchsvollsten war die Arbeit von Tino Sehgal am Stand von Esther Schipper. Die Berliner Galeristin räumte dem Künstler einen Drittel ihrer Standfläche ein. Sehgal griff die Anime-Figur Ann Lee auf, die Pierre Huyghe und Philippe Pareno geschaffen haben. Gespielt werden sie von Kindern, die teilweise mit Texten Marcel Duchamps arbeiten und danach fragen, wie real eine künstliche Figur sein kann. Eine der intensivsten und vielschichtigsten Arbeiten dieser Messe.

"Ein Kunstwerk ist erst vollendet, wenn es einen Käufer gefunden hat"

Natürlich zeigen die Händler wann immer möglich Werke, die zu den Großausstellungen dieser Saison in Bezug stehen. Daniel Knorr, der weißen Rauch über dem Kasseler Fridericianum aufsteigen ließ, ist mit seinen schillernd bunten Wandkörpern präsent, die "Depression Elevations" heißen und ihre Formen Wasserlachen verdanken. Er zeigte sich am Stand von Rosemarie Schwarzwälder äußerst zufrieden und kannte keinerlei Berührungsängste mit dem Handel. "Ein Kunstwerk ist erst vollendet, wenn es einen Käufer gefunden hat, hat Barnett Newman einmal gesagt", gab er zum Kommentar. Spannend war auch zu sehen, wie die hoch gelobte Performerin Anne Imhof vermarktbare Ware mit der Spur von Bewegung zu verbinden suchte. Von ihr wurden verschiedentlich große Metallplatten angeboten, die wenige Kratzspuren aufwiesen, die sich als Protokolle von schmerzhaft anstrengender Handlung ebenso lesen ließen wie als minimalste Zeichnungen mit expressiver Geste.

Radikal und brutal
Mit gleich zwei Preisen dominiert Deutschland bei der Kunst-Biennale in Venedig. Besonders der Beitrag für den deutschen Pavillon spaltet. Der Künstlerin Anne Imhof ist der internationale Durchbruch mit einem düsteren Werk gelungen

Malerei ist wie jedes Jahr Trumpf auf der Art Basel. Von glühenden Köpfen Alexej von Jawlenskys bei Thomas aus München über die ruppigen Schnellmalereien, die heute bei vielen Jungen den Ton angeben, bis zu den reduzierten Setzungen einer Agnes Martin konnte, war alles zu haben, was das Herz begehrte. Besonders raffiniert war ein großflächiges Werk von Bertrand Lavier, dessen Spiel aus französischer Delikatesse und knatschigem Pop erst so langsam wieder die gebührende Beachtung findet: Die Leinwand war ein in Streifen eingefärbtes Textil, das der Maler als Streifenbild aufgezogen und in einem mittleren Feld mit breiten Pinselstrichen in den Lokalfarben ergänzt hat. Hoffnung geben zwei Gemälde von Rémy Zaugg, die Victor Gisler von Mai 36 und Claes Nordenhake zeigen: Zwei Textbilder, die einmal in schmerzhaften Komplementärfarben zum Wegschauen zwingen und das andere Mal in der letzten Lebensphase des Künstlers in dunklen Grautönen eine Endzeitstimmung anklingen lassen. Es wäre zu wünschen, wenn die verschwundenen Teile des Nachlasses endlich wieder auftauchen und der Öffentlichkeit zugänglich würden. Denn für die umliegenden Kojen wirkten die beiden Malereien wie eine Kampfansage, so frisch waren sie.

Unterm Weihnachtsbaum
Für spektakuläre Großinstallationen ist der Messesektor Art Unlimited in Basel bekannt. Und auch dieses Jahr wird der Besucher nicht enttäuscht. Auf der VIP-Eröffnung am Montag zeigte sich ein gutes Niveau. Hier sind unsere acht Highlights

Und natürlich gab es wie jedes Jahr auch diesmal fabelhafte Werke zu sehen, für die man in jedes Museum reisen würde. Dazu zählen eine Bravourzeichnung des Turms zu Babel von Los Carpinteros bei Peter Kilchmann. Aber auch ein Gemälde, das Fernand Leger 1939 für Nelson Rockefeller gemalt hatte und von Gmurzynska aus Zürich angeboten wird. Da es über dessen Kamin passen sollte, ist ein entsprechendes Stück ausgespart. Es befand sich laut Provenienz zuletzt im Besitz des New Yorker Museum of Modern Art und wurde dem Hörensagen nach in Zahlung gegeben, um anderes, dringlicheres Werk erstehen zu können. Stolze 6 Millionen Dollar soll das schöne Stück kosten. Dafür hat es sich gelohnt, die einstige Situation in der Galerie nachzubauen.

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Rémy Zaugg: "Über die Blindheit 12", 1999, Galerie Nordenhake

Bemerkenswert sind auch die 70 Fotografien, die August Sander noch selbst aus seinem Bildatlas "Menschen des 20. Jahrhunderts" abgezogen und zusammengestellt hat. Ihre Größe wechselt, ihre Position ist auffällig zentriert, die Gesichter dieser Menschen sind so lebendig, dass in ihnen fast eine Epoche wieder lebendig wird, die wir in die Geschichtsbücher verbannt oder ganz vergessen haben. Die Abzüge befanden sich bisher im Besitz eines Sammlers, der sie nun weitergeben will. Das Ensemble soll zusammenbleiben und bei Berinson 2.8 Millionen Euro kosten. Eine Wand Fotografie-Geschichte.

Großaufmarsch der italienischen Nachkriegsklassiker

Auffallend waren dieses Jahr die vielen modernen Klassiker Frankreich. Da scheinen die fünfziger Jahre wieder entdeckt zu werden. Pierre Soulages mit seinen großen schwarzen Leinwänden dominiert. Leila Heller bietet ein ganzes Ensemble von Armans Boxen mit Abfall an. Wer sich diese angeschaut hat, warf einen anderen Blick auf die Assemblagen und Materialakkumulationen, die viele jüngere Künstler wieder schätzen. Dazu passte die rostige Maschinerie "Attila", die Hans Mayer als Standattraktion vom Wahlpariser Jean Tinguely anbietet.

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Enrico Castellani: "Spazio Ambiente", 1970, Lévy Gorvy, Magazzino

Vor allem aber sehen die Messebesucher dieses Jahr einen Großaufmarsch der italienischen Nachkriegsklassiker. Enrico Castellani, Piero Manzoni, Dadamaino, Salvatore Scarpitta, Alberto Burri, die ganze Garde der späten fünfziger und frühen sechziger Jahre, waren an vielen Ständen zu finden. Am einfallsreichsten vielleicht bei Luxembourg & Dayan: Dort hat man nicht nur ein schönes Ensemble versammelt. Es ist auch durch eine hinreißende Arbeit von Maurizio Cattelan von 2009 ohne Titel ergänzt: Der Trickster schiebt den Faltungen der Leinwand eines Manzonis "Acromes" nachempfundenen Bild einen Besen unter, so als hätte er die Falten gerade hochgeschoben. Die abstrakte Bildidee einer Suche nach Entgrenzung aus der Enge der Kriegs- und Nachkriegszeit, die kosmische Sehnsucht, die Manzoni mit Yves Klein teilte, erhält eine sehr pragmatische Brechung.

Vielleicht ist diese Überfülle einem Generationenwechsel geschuldet, und Sammler versuchen die Werke noch auf den Markt zu bringen, bevor der Kulturgüterschutz nach einer Frist von 50 Jahren greift und sie nurmehr in Italien handelbar sind und somit einen Großteil ihres Wertes verlieren. Deutschland kann da schauen, was es sich mit dem neuen Gesetz eingebrockt hat. Vielleicht wurden aber auch Positionen im Genfer Zollfreilager geräumt, weil die Preise inzwischen der Position der Klassiker entsprechen. Hauser & Wirth, die vor wenigen Wochen den Manzoni-Nachlass übernahmen, gaben immerhin bekannt, dass sie für eines seiner klassischen Bilder 10 Millionen Franken erhielten.

Weiß ist schlichtweg die Farbe dieser Messe

Es sind aber nicht nur Manzoni & Co, die man im Erdgeschoss der Rundhofhalle auf Schritt und Tritt findet. Ebenfalls hoch präsent sind Günther Uecker, Otto Piene, Heinz Mack und andere Künstler der Düsseldorfer Zero-Gruppe. Sie teilen mit den Italienern eine gemeinsame Geisteshaltung, die nach den Wirren der Realität nach einem eher idealistisch orientierten Aufbruch suchte. Ihre Neu-Vermarktung wurde durch eine Reihe von großen Ausstellungen in den letzten Jahren vorbereitet. Dazu gehören selbstverständlich auch die Niederländer, die mit den Düsseldorfern in regem Kontakt standen. Die Galerie Borzo bietet einen regelrechten Querschnitt von Jan Schoonhoven bis Ad Dekkers. Am Stand verweist man darauf, dass diese Generation sich in ihren Anfängen mit De Stijl auseinandergesetzt hat. Und diese konstruktive Richtung wird ja dieses Jahr mit großen Ausstellungen gefeiert.

Das alles führt dazu, dass Weiß schlichtweg die Farbe dieser Messe ist, wenn man denn danach suchen möchte. Weiß sind die zehn Marmorquader, die James Lee Byars für seine Todesstele verwendete. Weiß sind Gemälde von Blinky Palermo und die Pusteblumen-Wolke von Christiane Löhrs. Und ihren Triumph feiert die Farbe schließlich in der Kabinettausstellung der Reihe Feature, die Peter Blum Robert Ryman gewidmet hat. Aus einer Sammlung konnte er eine Reihe von Papierarbeiten bekommen, die das Frühwerk in seiner ganzen Vielfalt abdecken und fast wie im Atelier die Auseinandersetzung des Künstlers mit dem was ein Bild sein kann, aus welchen Elementen es besteht und wie es sich zur Wand und zum Umraum verhält.

Die Messe dürfte am Sonntagabend zufrieden die Türen schließen und optimistisch in die Zukunft schauen. Von einer heraufziehenden Krise ist da jedenfalls diesmal nichts zu spüren.

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