Galerien in Basel

Basel abseits der Messe

Auch abseits der Art Basel lohnt sich ein Besuch der Stadt – manche würden sogar behaupten, man solle die Messe gleich links liegen lassen. Wir sprachen mit vier Galeristen darüber, was Basel bewegt, wie sich der Kunststandort entwickelt und wo sich das Ausstellungsmachen wie eine Geburtstagsparty anfühlt.
Basel abseits der Messe

Schaufenster für die Kunst: der Ausstellungsraum VITRINE in Basel. Installationsansicht von "Identify your limitations, acknowledge the periphery", 2017

Was wird nicht alles über die Art Basel geschrieben: Auf der Messe tauchen kaum noch lokale Galerien auf, die meisten Verkäufe werden schon vor der eigentlichen Verkaufsschau getätigt und nur noch die großen Player sind übrig geblieben. Viele Galerien können sich die Teilnahme nicht leisten. Die Auswahlgremien sind streng. Wer nicht ins Gesamtprogramm passt, darf im nächsten Jahr nicht ausstellen. Daher der Vorwurf, es gebe keine Vielfalt mehr auf der Messe. Das alles ist natürlich kein Grund, nicht nach Basel zu fahren. Denn es gibt noch die kleinen Galerien und Projekträume in der Stadt, mit oder ohne Verbindung zur Messe.

VITRINE

Eine Galerie, zwei Orte: VITRINE hat einen Standort in Basel und einen in London. Beide sehen sich ziemlich ähnlich, beide sind — der Name lässt es vermuten — Glaskästen. Am Vogesenplatz ist der vieleckige Raum unter eine Autobahnauffahrt gezwängt. Die Szenografie des Schweizer Studios PANTERAPANTERA erlaubt an manchen Stellen tiefe Einblicke in den Raum. Das hat dann etwas von Window Shopping, weil man gar nicht erst hinein muss. Und es ist wahnsinnig angenehm, weil man sich nicht an Öffnungszeiten orientieren muss. Selbst der nächtliche Heimweg in rührseliger Trunkenheit kann noch für einen Galeriebesuch genutzt und so die Liste der Must-Sees während der Art Basel abgearbeitet werden.

Basel abseits der Messe

 Installationsansicht "Identify your limitations, acknowledge the periphery", 2017, VITRINE, Basel

“Jedes Jahr im Juni kommen viele unserer Kunden zur Art Basel, einige der besten Ausstellungen weltweit werden hier in den Museen gezeigt”, sagt Alys Williams. Die Britin pendelt zwischen London und Basel, und sie weiß genau um ihren Standortvorteil: “Basel hat eine erstaunliche Hingabe zu zeitgenössischer Kunst.” Hier bewegt sich viel. Eben auch abseits der Messe und der großen Häuser. Bestenfalls maximal von der Kunst bewegt, mit einem Bier in der Hand vor der Bar gegenüber fühlt man hier, unter der Brücke zur Autobahn die Bewegung der Stadt. Das ehemals als sozialer Brennpunkt berüchtigte und nun domestizierte Viertel St. Johann ist dafür eine gute Gegend: kreativ und in Veränderung, so ähnlich wie der Bermondsey Square, wo Williams 2010 angefangen hat. Dort war auch der Ausgangspunkt für die Gruppenausstellung, die sie mit Chris Bayley ko-kuratiert hat: “Vergangenes Jahr in London und jetzt in Basel haben wir uns auseinandergesetzt mit den Begrenzungen und der Rolle der Vitrine beim Ausstellen”. Dabei gab es nur eine Regel für die Künstler: “Die Arbeiten müssen sich auf die Vitrine beschränken und Elemente des Raums mitbenutzen – das können der Boden, die Decke, die Beleuchtung, die Wände oder die Fenster sein. Diese Ausstellung wird zu einer neuen Form der Wunderkammer.”

Die Schau “Identify your limitations, acknowledge the periphery” mit 39 Arbeiten von 29 Künstlern ist noch bis zum 20. August zu sehen.

Kunst für alle!
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Freymond-Guth Ltd. Fine Arts

Was man auch mal machen kann: Einfach an der Messe vorbeilaufen. Zu behaupten, dass man nichts verpasst, wäre vielleicht übetrieben. Aber man verpasst auf jeden Fall etwas, wenn man nicht mal an der Messe vorbeiläuft. Und dann rechts abbiegt, Richtung Freymond-Guth Ltd. Fine Arts.

Dass Basel ein besonderer Ort für gute Architektur ist, das weiß man. Die Architekten Herzog & de Meuron bauen viel in der Stadt – und manchmal auch um. Zum Beispiel kauften die Architekten und Brutalismus-Fans ein Wohnhaus an der Messe nebst Keller, der einst als Bierlager diente und später von der Denkmalschutzbehörde als Depot genutzt wurde. Damit sie das Gebäude der Galerie zur Verfügung stellen konnten, musste aber noch ein wenig verändert werden. Es wurden Fenster in den Beton gesägt und eine Künstlerwohnung eingerichtet. Vorher war die Galerie auf dem Löwenbräu-Areal in Zürich. “Da gab es irgendwann nur noch Hauser & Wirth”, sagt Roger Meier, Freymond-Guths Assistent, “und es war klar, dass das Wunder von Zürich vorbei ist.” Deshalb hat der Gründer Jean-Claude Freymond-Guth im Juni 2016 seine Galerie im Zwischengeschoss gegen den rauen Charme Basels eingetauscht.

Der Galerist, bei Basel aufgewachsen, ist kein Neuling im Geschäft. Als er vor ungefähr sieben Jahren mit Mitte zwanzig seine Galerie in Zürich eröffnete, fand die NZZ, er sei einer der umtriebigsten Galeristen einer neuen Generation. Erst war er Künstler, dann Kurator, schließlich gründete er die eigene Galerie. Er ist mittlerweile der geborene Gastgeber, der Typ, der alle Gäste persönlich begrüßt. Und das sind bei seinen Eröffnungen viele. Als Besucher geht man nicht einfach durch eine Tür und steht vor der Kunst. Dorthin muss man erst einmal kommen. Der Weg führt über eine sehr lange und sehr schmale Wendeltreppe hinab in die Tiefe des Betonbunkers – man könnte es eine Konfrontationstherapie für Menschen mit Höhen- und Platzangst nennen. Unten angekommen, steht man dann in der geräumigen Betonhöhle mit den Herzog & de Meuron-typischen Neonröhren an der Decke. Dazu Nebenräume, eine eingezogene Wand und ein großes Lager. “Ein Gegenmodell zum White Cube”, erklärt Roger Meier, “mit genug Platz für großformatige Malerei, Plastik und Performances.”

Zur Art Basel und bis zum 22. Juli zeigt die Galerie “Qui est Madame QUIÉ?” von Anne Roger Lacan.

Unterm Weihnachtsbaum
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Trikot

Basel abseits der Messe

Claudio Vogt, Betreiber des Projektraums Trikot

Die Geschichte der kleinen Räume und Galerien ist meistens eine der Zwischen- und Umnutzungen. Ein Ecklokal in Kleinbasel auf der nördlichen Rheinseite beherbergte einst eine Käsetheke, dann sollte ein Starbucks rein. Bevor aber dieser Albtraum aller Gentrifizierungsgegner wahr wurde, ist dort ein kleiner Projektraum namens Trikot eingezogen: “Ein Gefäß für Experimente”, wie Claudio Vogt seinen Raum nennt.

Er macht Ausstellungen hier und leitet die Presseabteilung der Kunsthalle Basel. “Die Stadt hat mir viel geschenkt, ich möchte was zurückgeben”, sagt er. Dieses Pathos nimmt man ihm ab. Denn: “Die Vorbereitungen auf eine Ausstellung im Trikot fühlen sich nie wie Arbeit an, sondern vielmehr wie die Vorbereitungen einer Geburtstagsparty.” Das liegt sicher an der selbstauferlegten Regel: “Es darf nicht aussehen wie in einer Galerie.“ Claudio Vogt macht das nicht, um Kunst zu verkaufen, aber er ist schon vom Beruf her gut im Knüpfen von Netzwerken. Er kennt hier alle aus dem Kunstbetrieb. Auch sonst kennt hier jeder jeden. Das merkt man schnell, wenn man mit einem Glas Wein unter den Bäumen vor den gepflegten Altbauten steht. Erinnert dieses Idyll nicht allzusehr an die kinderwagenfreundlichen Viertel anderer Großstädte – geschlossene Gemeinschaften, wo sich alle einig sind? Der Eindruck täuscht. Wahrscheinlich ist Kleinbasel eins der wenigen Viertel der Stadt, in dem unterschiedliche soziale Milieus aufeinandertreffen. Beim Imbiss Aziz stehen tiefergelegte BMWs, um die Ecke ist ein Wohnheim für Flüchtlinge. Vogt findet, dass es keinen besseren Fleck fürs Trikot gibt. Die Kunstszenegänger fühlen sich hier genauso wohl wie der Wirt aus dem Restaurant gegenüber. Auch wenn der gerne mal Witze über die modischen jungen Leute macht.

Während der Art Basel ist die Schau “… it’s like athletics” zu sehen, mit Arbeiten von Tanja Weidmann, Marlen Letetzki, Olive Martin & Patrick Bernier, Aleksey Miroshnichenko und Onur Gökmens, kuratiert von Claudio Vogt und Rahel Schrohe.

SALTS

Samuel Leuenberger ist der Kurator des unkommerziellsten Projekts der Art Basel. Wie schon im Vorjahr hat er den Art Basel Parcours in der Altstadt drüben auf dem Münsterhügel kuratiert, und wie er sagt, ist es das I-Tüpfelchen der Messe, denn mit der Kunst im öffentlichen Raum richtet es sich an die Öffentlichkeit. Samuel betreibt aber auch seit vielen Jahren mit dem Kunstraum Salts einen Off-Space in Birsfelden. Das ist nur ein paar Stationen mit der Tram von Basel entfernt, aber man fühlt sich ganz weit weg vom mondänen Treiben der Messe. Der Vorort lässt eher an triste westdeutsche Innenstädte denken. “Metzgerei Leuenberger” steht auf einer grauen Fassade gegenüber einem Einkaufszentrum. “Salts ist in der alten Metzgerei meiner Großeltern und Eltern, am Stadtrand zu Basel, entstanden.

Basel abseits der Messe

Aktuell zeigt Salts eine Installation von Melodie Mousset: "A Fresh Burn like a Double Tree"

Der Raum liegt im Hinterhof, hat einen großen Garten und zwei sehr unterschiedliche Ausstellungsräume”, erzählt Samuel. Wenn man hinaus nach Birsfelden fährt, hat das während der Art Basel etwas von einer Art Flucht – vor der Kunst in die Kunst. Mit den Katzen schleicht man im Hinterhof und erwischt sich selbst dabei, wie man vielleicht etwas zu pathetisch, weil erleichtert, ebenfalls die Gliedmaßen streckt und in die Sonne blinzelt. “Hier draußen fühlt es sich leicht urban an”, sagt Leuenberger, “wir können uns zurückgezogen fühlen und sind gleichzeitig sehr nah an allen wichtigen Institutionen.” Seit Oktober 2014 arbeitet er gemeinsam mit Elise Lammer am Ausstellungsprogramm im Salts, sie haben Gasträume und Gastkuratoren. “Momentan, also für die kommende Art Basel, zeigen wir gleich zwei junge französische Künstlerinnen, Melodie Mousset und Caroline Mesquita. Und unser Gastkurator Harry Burke präsentiert einen jungen chinesischen Künstler, der zur Zeit in New York lebt, Ho King Man, auch bekannt als Bill.”

Art Basel 2018
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