Highlights der Art Unlimited

Unterm Weihnachtsbaum

Für spektakuläre Großinstallationen ist der Messesektor Art Unlimited in Basel bekannt. Und auch dieses Jahr wird der Besucher nicht enttäuscht. Auf der VIP-Eröffnung am Montag zeigte sich ein gutes Niveau. Hier sind unsere acht Highlights.
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Geschirr-Hütte von Subodh Gupta auf der Art Unlimited: "Cooking the World", 2017, Galleria Continua, Hauser & Wirth

Auch Basel befindet sich wieder im Kunstrausch. Nach den Eröffnungen in Kassel und Münster trafen am Montag viele Kunst-Aficionado in der Stadt am Rheinknie ein. Empfangen wurden sie von strahlendem Sonnenschein. Nach den Previews zu den Swiss Art Awards, zu den Alternativmessen Liste und die Volta Show standen um 16 Uhr die VIPs vorm Eingang der Halle 1 der Art Basel Schlange und ließen die strengen Sicherheitskontrollen geduldig über sich ergehen, bevor sie in die Art Unlimited stürmen konnten.

Batterien von Champagnergläsern mussten erst einmal warten. Auf 10 000 Quadratmetern wollten 76 Werke begutachtet werden. Gianni Jetzer, der sonst für's Hirshorn Museum and Sculpture Garden in Washington DC arbeitet, hat sie dieses Jahr in eine ungewöhnlich stimmige Abfolge gebracht. Großes wirkte nicht klotzig, Stilles erhielt Raum zum Atmen, der Rhythmus aus Video-Kojen und offenen Räumen stimmte. Wenn die Besuchermassen die Gänge und Plätze nicht verstopft hätten, wäre es eine Freude gewesen zu flanieren.

Natürlich ist das Angebot heterogen, besonders auffallend sind die hohe Anzahl von Werken der Arte Povera und der sechziger und siebziger Jahre. Hier sind acht Werke, die man auf keinen Fall verpassen sollte. Und wenn wir hier schon beim Thema Rückblick sind, muss auch zuerst auf zwei Entdeckungen aufmerksam gemacht werden.

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Reenactment von Goran Trbuljaks Installation in der Galleria del Cavallino, Venedig, 1977

1. Goran Trbuljak

Trbuljak wurde 1948 in Varazdin in Kroatien geboren und war 1977, bei seiner ersten Ausstellung in der Galleria del Cavallino in Venedig, ein gänzlich unbekannter Künstler. Die Galerie dagegen zeigte sonst Weltstars wie Klee, Miró und Pollock. Das Missverhältnis fiel Trbuljak auf, und er machte es zum Thema seines Debüts. Bei der Vorbereitung sah er, dass die Galerie die Bekanntheit der Künstler über die Größe der Buchstaben auf Katalogen und Plakaten ausdrückte. Er fotografierte eine Reihe von Katalog-Covern in Schwarzweiß und zeigte sie in Vergrößerungen. Seine Einladungskarte schrieb er klein, aber in derselben Größe wie den Namen der Galerie. Der unbekannte Künstler und die renommierte Galerie waren so auf Augenhöhe gegenwärtig. Eine subtile Arbeit über die Macht des Kunsthandels, die Abhängigkeit der Künstler und mögliche Strategien der Interaktion. Trbuljak hat die Werke seiner ersten Ausstellung bei Cavallino erst kürzlich wieder entdeckt, seine Galerien Gregor Pdonar und P420 haben sie zu einem der stillsten, aber auch stärksten Auftritte der Art Unlimited gemacht.

2. Paolo Icaro

Eine ähnliche Entdeckung dürfte die Installation von Paolo Icaro sein. Der 1936 geborene Turiner ist mit der Arte Povera vertraut, man könnte ihn auch in ihrem Umkreis situieren, er ging aber einen eigenen Weg. 1966 zog er nach New York um und wollte dort seinen Arbeitsplatz, sein Atelier zu einem "Ort der Erfahrung" machen. Für die Skulptur "Metallic Forest" verband er ein Jahr später Stahlstangen in verschiedenen Winkeln zu einer Art Labyrinth, durch das man seinen Weg finden musste. Die per Hand giftgrün bemalten Stangen bemessen den Raum seines Ateliers an der Greene Street oder jetzt in Basel eben der Koje. Sie durchschneiden den Raum, verstellen und entmaterialisieren ihn zugleich. Ein Vergnügen für turnlustige Erwachsene und Kinder und eine intellektuelle Übung, die die Grenzen zwischen Skulptur, Architektur und dem damals beliebten Environment verschwimmen lässt und mit einem Minimum an Mitteln auskommt.

3. Subodh Gupta

Erfahrung, Aktivierung der Besucher ist etwas, das Künstler heute anstreben und Kuratoren in früheren Werken suchen. Besonders unmittelbar und überzeugend bewerkstelligt das Subodh Gupta. Der 1964 geborene Inder ist für seine Auseinandersetzung mit den Alltagsutensilien seiner Heimat bekannt. Besonders angetan ist er vom einfachen Kochgeschirr aus Aluminium, das an jeder Straßenecke zu finden ist. In Basel hat er daraus eine stattliche Hütte gebaut, in der er zumindest während der VIP-Vernissage die Besucher bekochte. Wer das Glück hatte, an den charmant strengen Aufpasserinnen vorbei ins Innere zu gelangen, konnte an einem langen Tresen Platz nehmen und zuschauen, wie eine ganze Kochriege köstliche Gerichte zubereitete und sie nach einem undurchschaubaren System immer mal wieder vor einen stellte. Zu teilen, mit existenziellen Bedürfnissen Gemeinschaft herzustellen und dabei vergnügt zu sein, hat kein Künstler so direkt als Notwendigkeit unserer Zeit vermittelt wie Gupta.

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Chris Burden: "Ode to Santos Dumont", 2015, Gagosian

4. Chris Burden

Wer bei Guptas Hütte angelangt war, hat das grösste Spektakel der Ausstellung bereits hinter sich: Chris Burden lässt in der letzten Arbeit, die er vor seinem Tod 2015 entwickelt hat, einen Zeppelin in einem Kreis mit einem Durchmesser von knapp 20 Metern fliegen. Feinste Fäden zum Boden und zur Decke halten das Gefährt in der Spur, der Ballon ist mit Helium gefüllt. Ein Fluggerät ist eine Skulptur, eine Skulptur fliegt sachte im Kreis. Ein Werk, das nur Chris Burden so entwickeln konnte. Auslöser war der Kindheitstraum, funktionierende Maschinen zu erfinden. Anregungen fand Burden bei dem Flugpionier Alberto Santos-Dumont. Ihm ist das Werk als "Ode" gewidmet. Ebenso leicht wie monumental, ein Symbol für Verschwendung in einem utilitaristischen Zeitalter, ein Resultat präziser Ingenieurskunst und ein Anlass, von Freiheit zu träumen.

5. Dough Aitken

Nicht die Luft, sondern das Wasser erobert Dough Aitken mit seiner dreiteiligen Videoinstallation "Underwater Pavilions". Im Dezember befestigte der 1968 geborene Künstler drei vieleckige kapselartige Strukturen am Meeresboden vor der Insel Catalina in seiner Heimat Kalifornien. Manche Oberflächen sind verspiegelt, andere eher rau wie Felsen, wieder andere Seiten sind offen und erlauben es Tauchern und Tieren hinein zu schwimmen. Zur Wasseroberfläche leuchten die drei Körper wie magische Laternen nach oben. Die Videoinstallation zeigt die Einrichtung der Pavillons und ihre Besiedlung, wir sehen Fischschwärme, Robben und Pflanzen, Veränderungen von Licht, Gezeiten und Rhythmen. Sie sind wie Augen, durch die man in die Unterwasserwelt hineingezogen wird, und sie erinnern ebenso sehr an Tauchkapseln aus der Meeresforschung, wie an utopische Architekturen. Wir glauben Natur zu erfahren, indem wir sie einfach nur anschauen. Das ist schön und trügerisch zugleich.

6. Yuri Ancarani

Die Wüste der Golfstaaten ist der Schauplatz von Yuri Ancaranis Videoinstallation "The Challenge". Der 1972 geborene italienische Filmemacher begleitet darin einen Falkner zu einem Wettbewerb in Katar. In Europa hat die adlige Jagdform mit einem Falken ihre Bedeutung mit dem Mittelalter verloren, in der arabischen Welt ist sie dagegen bis heute noch ein hoch geschätztes Vergnügen, das der Oberschicht vorbehalten ist. Ancarani zeigt ein Wochenende in der Wüste als eine abgeschlossene Welt der Scheichs und ihrer Freizeitaktivitäten. Dazu zählen Motorradrennen in der Wüste, Karawanen von SUVs, die über Dünen preschen, und eine Fahrt in einem Lamborghini, neben dessen Fahrer ein Leopard mit rotem Halsband sitzt und sich in aller Ruhe die Landschaft betrachtet. Skurriler und fremder wurde uns die Andersartigkeit dieser Kultur selten vor Augen geführt. Die Scheichs, die zu sehen sind, pflegen einen westlichen Lebensstil und eine Nähe zur Wüste und ihren Traditionen, eine Nähe, die wir uns nicht vorstellen könnten.

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Still aus Yuri Ancaranis Video "The Challenge", 2016

7. Arthur Jafas

So gelassen geht es in Arthur Jafas Bildinstallation "Apex" nicht zu. Ganz im Gegenteil: Mit einem einpeitschenden Soundtrack lässt der 1960 geborene Amerikaner Hunderte von Bildern vor den Augen der Betrachter vorbeizucken. Darunter sind Aufnahmen von brutalen Morden, von Musikern, Models und Comics, von Raumfahrt, Kunst und Sport. Auf den schnellen Rhythmus, auf die Heterogenität der Abfolge reagiert man mit Atemlosigkeit, bisweilen auch mit Schrecken. Darin sieht der Filmemacher ebenso ein Element schwarzer Lebenswirklichkeit wie in dem fehlenden Zusammenhang. In Amerika eine dunkle Hautfarbe zu haben, bedeutet für ihn, ein Leben zu führen, das wenig Leichtigkeit kennt und ohne Konsistenz oder Ziel auskommen muss. Die schwarze Musik, ihre Kraft und Schönheit, sind ein Anhaltspunkt für das, was er mit seiner Filmarbeit erreichen will. Für den unbedachten Besucher wirkt die Arbeit zumindest hochemotional, weil sie in der ganzen Bandbreite und ohne Distanz zeigt, wozu wir Menschen fähig sind.

8. Philippe Parreno

Ein ironisches Friedenssymbol kommt von Philippe Parreno. Der 1964 geborene Franzose begann 2008 mit der Serie "Fraught Times". Insgesamt elf Christbäume sind seither entstanden, alle sind unterschiedlich, jeder steht für einen Monat im Jahr außer Dezember. Der Titel gibt an, dass das Kunstwerk abhängig von der Jahreszeit ist und an Weihnachten seinen Status ändert: "Fraught Times: For Eleven Months of the Year it’s an Artwork and in December it’s Christmas (July)" heisst die Version, die jetzt am Ende des Unlimited-Parcours auf die Besucher wartet. Es ist die größte, bis hin zu den Baumnadeln realistischste und mit über hundert Christbaum-Dekors am reichsten geschmückte Version dieser Christbaum-Reihe. Belustigt bis andächtig stehen die Kunstfans davor. So schön kriegt das zu Hause kaum einer hin. So hinterhältig ist ohnehin kein Weihnachtsbaum: Der bleibt nämlich immer nur, was er ist. Parrenos Werk dagegen macht deutlich, dass Kunst in vielen Fällen mit dem Ort und der Zeit ihren Charakter und ihre Bedeutung ändert. Das ist Marcel Duchamps altes Spiel mit dem Flaschentrockner im Museum. Das ist aber auch ein Hinweis auf die hybride Natur der Kunst in einer vielschichtigen Gegenwart.

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