Debatte: Wem gehört die Kunst?

Kunst für alle!

In den Siebzigern versuchten Künstler und Kulturpolitiker die Kunst für größere Bevölkerungsschichten zu öffnen. Was ist von der Idee geblieben? Autor Raimar Stange sieht die Kunst heute in der Luxusfalle und macht das Geschäft der Großgalerien dafür mitverantwortlich.
Kunst für alle!

Kunst für alle? Gästegruppe auf der Preview der diesjährigen Art Cologne.

Wie war es möglich, dass die "Kulturnation" Deutschland faschistisch wurde? Schriftsteller Max Frisch stellte sich diese Frage 1948, noch unter dem Eindruck des "Dritten Reichs". Seine Antwort: "Die säuberliche Trennung zwischen Kultur und Politik, zwischen Lesen und Leben, zwischen Konzert und Straße" sei verantwortlich dafür, dass Menschen, die sich mit "Geist und Inbrunst unterhalten können über Bach, Händel, Mozart, Bruckner, Beethoven ohne weiteres auch als Schlächter auftreten können".

In den siebziger Jahren knüpfte der Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann an diesen Gedanken an und prägte die Forderung "Kultur für alle!". Die neue Kultur, so schrieb Hoffmann, solle sich lösen von einer "Tradition, die den Kulturbegriff ausschließlich an die Institutionen der Kultur bindet, dem Museum, dem Theater ...", sie solle stattdessen herausführen auf die Straße, hin zum wirklichen Leben. Dazu solle ein "erweiterter Kulturbegriff" (Hoffmann) an die Stelle der säuberlich zwischen Kultur und Politik trennenden Elfenbein-Kunst treten. Und hierfür sei es nötig, dass tendenziell jeder, egal wie gebildet oder vermögend er ist, Zugang zur Kultur bekommt. "Der traditionell kleine Kreis der Kenner muss zu einem großen Kreis der Kenner" werden.

Raimar Stange
Raimar Stange ist freier Kurator und Kunstkritiker aus Berlin. Er schreibt für verschiedene Zeitschriften und Kunstmagazine. 2003 erhielt er den Preis des ADKV für Kunstkritik.

Was ist aus diesem engagierten Anspruch geworden? Sind Kunst und Kultur heute "für alle"? Nein, die Bilanz knapp 50 Jahre nach Hoffmanns basisdemokratischer Kulturoffensive fällt nüchtern aus, denn immer noch sind es überwiegend Bessergebildete, die Museen besuchen. Aktuelle Untersuchungen in den Museen Essens belegen, dass auch heute noch weniger als 1 Prozent der Museumsbesucher einen Hauptschulabschluss besitzen, gut 66 Prozent aber eine Fachhochschulreife oder ein abgeschlossenes Studium vorweisen können.

Zum Problem für viele Museen wird zudem, dass sie einem etwaigen Bildungsauftrag immer weniger gerecht werden können. Statt "Kunst für alle" sind sie zunehmend eingebunden in den Funktionszusammenhang "Kunst als Stadtmarketing", sollen also mit spektakulären Blockbuster-Ausstellungen eine Stadt oder Region interessant machen für Touristen. Über 70 Prozent der Museumsbesucher in Berlin sind mittlerweile Touristen. Und auch wenn es darum geht, für Spitzenkräfte der Wirtschaft ein interessantes Umfeld für sich und ihre Familien zu schaffen, gelten aufsehenerregende Kultureinrichtungen als schlagendes Argument.

Der Direktor des Kunstmuseum Bonn Stephan Berg hat dieses Problem so beschrieben: "Häuser, die nicht bei der Eventlogik mitmachen wollen oder können, drohen marginalisiert zu werden". Kulturinstitute werden immer öfter unter dem Gesichtspunkt ihrer Wirtschaftlichkeit beurteilt und die Schließung "unrentabler" Häuser gefordert, wie zuletzt im Fall des Leverkusener Museum Morsbroich. "Dem Haus wird das zum Vorwurf gemacht, was politisch zumindest früher erwünscht war", nämlich: "relativ geringe Eintrittsgebühren", sagt Berg. "Kunst für alle" gerät als kulturpolitisches Ziel mehr und mehr in den Hintergrund.

Ein von wenigen Künstlern dominiertes Starsystem

Ein weiteres Indiz für das Scheitern des Projekts ist die Entwicklung der Galerieszene seit den siebziger Jahren. Damals gab es durchaus noch Versuche, das Verkaufen von Kunst so zu handhaben, dass sich Kunst auch Menschen leisten können, die nicht zu den "lucky few" der Wohlhabenden gehören. Ein prägnantes Beispiel hierfür war die "Edition Hundertmark" des Berliners Armin Hundertmark. Der 1970 gegründete Verlag und die angeschlossene Galerie verkauften Kunst von Größen wie Joseph Beuys, Robert Filliou und Hermann Nitsch zu Preisen, die anfangs oft im dreistelligen D-Mark Bereich lagen. Heute mangelt es preisgünstigeren Angeboten oft nicht nur an Bedeutung, sondern auch an Qualität.

Editionen bekannter Künstler kosten dagegen längst ein Vielfaches, fünfstellige Summen sind keine Seltenheit. Das Multiple, als Genres in den Siebzigern "neu erfunden" um teuren Originalen preiswerte Optionen gegenüberzustellen, ist Teil eines Kunstbetriebes geworden, in dem, vor allem im Bereich der "potenten" Galerien und spektakulären Großausstellungen, eine "Siegerkunst" (Wolfgang Ulrich) den Ton angibt. Dessen Markt ist charakterisiert durch einen starken Verdrängungswettbewerb, der ein von wenigen Künstlern dominiertes Starsystem zum Resultat hat, in dem Kunstwerke zu obszönen Höchstpreisen gehandelt werden.

Trump als Metapher
Er bricht die Regeln des guten Geschmacks und bringt gewohnte Sicherheiten ins Wanken – beinahe wie ein Künstler. Wie Donald Trump die Methoden der Kunst kopiert und warum sie in der Politik nichts zu suchen haben

Preiswerte "Kunst für alle" gibt es heute immer seltener – dafür gibt es jetzt Innovationen wie den "Private Showroom" in großen Galerien. Dieser exklusive Raum ist ausgesuchten Sammlern vorbehalten, die dort hinter verschlossenen Türen ausgesuchte Kunst zu sehen bekommen, ohne von den Blicken des "normalen" Galeriebesuchers gestört zu werden. Der "Privat Showroom" ist das Gegenteil einer "Kunst für alle", an denen entsprechende Galerien offenbar immer weniger interessiert sind. Leider sind es jedoch gerade diese Großgalerien, die mit ihrer finanziellen Power eine enorme Definitionsmacht im Kunstbetrieb besitzen, also mitentscheiden, welche Kunst und welche Künstler in besagten Blockbuster-Ausstellungen vertreten sind und hernach in den großen Kunstmagazinen besprochen werden. Auf der Wikipedia-Seite der Galerie Larry Gagosian heißt es zum Beispiel lapidar, er vermittle weltweit Ausstellungen seiner Künstler an Museen. Als Beispiele werden das Museum of Contemporary Art in Los Angeles und das Frankfurter Museum für Moderne Kunst genannt.

Kunst wird wieder zu einem Luxus für Wenige

Was bedeutet es, wenn weder die großen Museen noch die einflussreichen Galerien willens oder in der Lage sind, die Idee einer "Kunst für alle"" voranzutreiben? Die Antwort ist so naheliegend wie erschreckend: Kunst wird wieder zu einem Luxus für Wenige – eine Aufklärung und Sensibilisierung für Viele findet nicht statt. Kunst und Straße, Lesen und Leben bleiben getrennte Sphären. In Europa und den Vereinigten Staaten grassieren derzeit gegenaufklärerische Vorstellungen in einem Maße wie es vor Jahren kaum denkbar war. Ungeachtet dessen wird sich auf der diese Woche stattfindenden Art Basel die Kunstwelt bei zahlreichen exklusiven VIP-Events wieder für ihre guten Geschäfte auf die Schulter klopfen. Nach den faschistischen Auswüchsen des 20. Jahrhunderts haben Menschen wie Max Frisch und Hilmar Hoffmann begonnen, Kunst und Kultur in größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen zu denken. Wir haben diese Zusammenhänge heute weitgehend aus den Augen verloren. Es ist Zeit, das zu ändern.

Art Basel 2018
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