Gallery Weekend Berlin

Berliner Buletten 2017

Schrilles und Stilles, Video-Höllen und Reichenbespaßung, schwindelerregende und politische Kunst – in Berlin steppte wieder der Kunst-Bär. art-Autoren berichten vom Kunstwochenende in der Hauptstadt.
Berliner Buletten 2017

Zum Gallery Weekend hat Société ihre Belle Etage in eine psychedelische Geisterbahn verwandelt, inklusive Foltervideo-Game und aufblasbarem Riesenkopf im Berliner Zimmer. Blick in die Ausstellung: "Welcome to Lu Yang Hell", Berlin, 2017

Erklärungsversuche: Christian Jankowski bei Michael Fuchs

Was aussieht wie von Straßenkünstlern gemalte Porträts sind von Straßenkünstlern gemalte Porträts. Bei Michael Fuchs? Ja. Naja nicht so richtig. Na wie denn nun? "Das ist kompliziert", sagt eine Galeriemitarbeiterin auf Nachfrage. Es geht, wie in der gesamten Ausstellung "Behind the screen" um eine Homage an Isabelle Huppert. Soweit so gut.

Die durfte 14 Porträtfotos von sich auswählen, die von 14 Montmartre-Künstlern auf eine Bildhälfte gezeichnet wurden. Auf die andere Hälfte malten sie wiederum 14 berühmte Schauspielkollegen wie Jacky Chan, Klaus Kinski und Nina Hoss. "Aber mit vielen von denen hat Isabelle Huppert doch gar nicht zusammengespielt?", fragt der Besucher. "Darum geht es nicht", so eine zweite Mitarbeiterin. Es geht um M.C. Eschers Werk der sich gegenseitig zeichnenden Hände. Wie bitte? "Tja, bei dem Werk hatten auch wir unsere Schwierigkeiten", gibt die erste Mitarbeiterin zu. "Also: Auf den Zeichnungen trägt Isabelle Huppert immer die Kleidung des Straßenkünstlers, der gerade den anderen Promi malt. Und der Promi trägt die Klamotte des Straßenkünstlers, der die Huppert malt", versucht es die andere Mitarbeiterin. Hä? Das ist mindestens so oft um die Ecke gedacht wie Eschers Endlostreppen die Richtung wechseln. Und wer hat diese Ping-Pong-Idee ausgeheckt? Christian Jankowski. Macht es das jetzt besser – zumal jedes Bild soviel kostet wie eine fünfwöchige Maledivenreise für Zwei? Naja was soll’s: Kunst soll man ja eh nicht erklären, sondern auf sich wirken lassen! Nur – hier wirkt nichts. CP

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Isabelle Huppert durfte für Christian Jankowskis Serie "Me in the Eyes of another Actor" 14 Porträtfotos von sich auswählen, die von 14 Montmartre-Künstlern auf eine Bildhälfte gezeichnet wurden. Auf die andere Hälfte malten sie wiederum 14 berühmte Schauspielkollegen wie Jacky Chan, Klaus Kinski und Nina Hoss. Ausstellungsansicht in der Galerie Michael Fuchs

Stimmabgabe: Candice Breitz in der Galerie KOW

Eine der politischsten Ausstellungen zeigt einmal mehr die Galerie KOW, denn Candice Breitz' Videoinstallation "Love Story" behandelt die Flüchtlingskrise auf so ungewöhnliche wie eindrucksvolle Weise. Die Hollywoodstars Julianne Moore und Alec Baldwin sprechen da ihre Interpretationen von Interviews, die Breitz mit sechs Flüchtlingen geführt hat. So sehen und hören wir deren Geschichten im perfekten Filmgestus gesprochen und aufgeführt. Und diese "Stimmabgabe" der beiden Hollywoodstars an die Flüchtlinge, unter ihnen eine homosexueller Mann und eine Transfrau, gelingt es, deren Geschichten mit der medienwirksamen Autorität von Filmstars zu vermitteln. Dass geht uns nahe – stellt aber auch die Frage danach, warum es diesen Tricks bedarf, damit wir den Flüchtlingen Gehör schenken. Darum auch sind die Flüchtlinge selbst einen Stockwerk tiefer auf großen Bildschirmen zu sehen und zu hören. Ungeschminkt, mit fehlerhaftem Englisch und "wie im richtigen falschen Leben".  RST

Apple Store: Anri Sala bei Esther Schipper

Esther Schipper hat zum Gallery Weekend nicht nur neue Räume auf dem Tagesspiegel-Areal bezogen, sondern präsentiert im schicken Dachgeschoss-Space einen prominenten Galerieneuzugang: Venedig-Biennale und Documenta 13-Künstler Anri Sala zeigt "Take Over", eine furiose Sound- und Videoinstallation, in der die Melodien der französische Nationalhymne Marseillaise und der Internationale vermixt werden. Im dunklen Videoraum sieht man Klaviertasten in Großaufnahme, die wie von Geisterhand automatisch spielen. Gebrochen und überlagert wird das Bild von Reflexionen in dicken Glasscheiben, die die Leinwand schräg durchschneiden. Das ist visuell reizvoll, aber auch gefährlich. Weil die Besucher im Dunkeln vor die Scheiben rennen, müssen Aufseher daneben stehen und werden so unfreiwillig zum Teil der Installation. Draußen hängen dann auch noch 44 Tuschezeichnungen von angebissenen Äpfeln, angeblich wie Noten arrangiert, die die deutsche Nationalhymne repräsentieren. Im Pressetext steht, dass für die Apfelbilder Flüchtlinge echte Äpfel angebissen hätten und alles in einem Workshop in Moabit entstanden sei. Und dass die Äpfel "ein dicht gewobenes Netz von Bedeutung zwischen dem Individuem und der Nation, neue Anfänge und große Unsicherheit, Identität und Integration repräsentieren, sowohl durch die Ambivalenz des Apfels als Symbol des Wissens, der Versuchung und Erlösung...“ Sorry, danach bin ich leider ausgestiegen. UT

 

Unaufgeregt: Irmel Kamp bei Thomas Fischer und Grey Crawford in der Galerie Taik Persons

Wer etwas Erholung von der schicken Überwältigungsmaschinerie bei Blain Southern, Esther Schipper und dem Murkudis Concept Store sucht, muss sich einmal über den mit Rolls Royce und Porsche-Cayennes zugeparkten Hof in der Potsdamer Straße schlängeln. Wunderbar unprätentiös geht es in der Galerie Thomas Fischer zu. Das abgetretene, knarzende, historische Intarsienparkett und die verwinkelten Räumen bilden einen stimmungsvollen Rahmen für Irmel Kamps schlichte aber vielschichtige Fotografien von Dreissiger-Jahre-Architektur in Tel Aviv und Brüssel (siehe Tipp in unserer Highlights-Strecke). Die mittlerweile 80-jährige Fotografin stellt in den aufwendig recherchierten Projekten Beispiele des Neuen Bauens nicht als isolierte Architekturikonen dar, sondern dokumentiert Spuren des Lebens und der Zeit, ohne in bekannte typologische Muster zu flüchten. Ähnlich zurückhaltend und ebenfalls eine echte Entdeckung sind die minimalistischen Schwarzweiß-Fotos von Grey Crawford in der Galerie Taik Persons im Galerienhaus Lindenstraße. Die reduzierten Stadtszenen des amerikanischen Künstler aus den siebziger Jahren erinnern an die strenge Bildsprache eines Lewis Baltz. Es sind Bilder von geometrischen Schattenmustern auf Mauern und Häuserwänden einer Vorstadt von Los Angeles. Zur Vollendung finden die Arbeiten aber erst in der Dunkelkammer. Mit dort hinzugefügten weißen und schwarzen Balken verstärkt Crawford dezent die grafische und kraftvolle Erscheinung seiner Motive. TH

Berliner Buletten 2017

Grey Crawford bei Taik Persons: "Umbra #20", 1976, Silbergelatine-Abzug

Videohölle in der Belle Etage: Lu Yang bei Société

Jenseits des neuen Szene-Hotspots Potsdamer Straße, hinter dem Straßenstrich der Kurfürstenstraße, gibt es noch ein Stück Schöneberg, das im wahrsten Sinne des Wortes abgerockt ist. Zwischen Billigmöbellager und Getränkemarkt klaffen Baulücken, in der Genthiner Straße 36, einem in die Jahre gekommenen Altbau, residiert neben "Herz Bodenwelten" und "Funk Taxi Berlin" im ersten Stock die Galerie Société. Ebenso unkonventionell wie die Location ist auch das Programm des Kunstraums von Hans Bülow und Daniel Wichelhaus. Zum Gallery Weekend haben sie die Belle Etage in eine psychedelische Geisterbahn verwandelt, inklusive Foltervideo-Game und aufblasbarem Riesenkopf im Berliner Zimmer, durch dessen schlauchartige Haarpracht man sich zu einem weiteren Videomonitor kämpfen muss, auf dem man dann denselben Kopf wie einen Drachen am Himmel über Shanghai flattern sieht. Die Installation ist das Werk der chinesischen Bad-Girl-Künstlerin Lu Yang, die sich mit schrägen Videos im Manga-Stil und Superhelden wie dem "Uterus Man" über Religösität und Gender-Konventionen lustig macht. Im Kuratoren-Sprech nennt man das wohl Post-Internet-Kunst. Doch Internet hin oder her, es ist einfach eine wunderbar überbordende, grell blinkende Wundertüte. UT

Verrückte Schere: Eva Kot’átková in der Galerie Meyer Riegger

Urbane Tristesse prägt den Weg von der U-Bahn-Station Hallesches Tor zur Galerie Meyer Riegger, und das Beklemmende setzt sich auf seine Art im Inneren der Galerie fort: Eva Kot’átková stellt Collagen, Zeichnungen und käfigartige Gebilde aus, die Begrenzungen, Einschränkungen, Zwänge und Zwangsmaßnahmen, aber durchaus auch die Befreiung daraus reflektieren. Objekte, die die Künstlerin mit dem Magen entnommenen Unverdauten vergleicht: "ein Haufen von verrottendem Plunder", "Schädliches" und "Unbrauchbares", das raus musste und sich jetzt den Blicken der Kunstpublikums stellt. An einem niedrigen Tisch sitzen zwölf kindliche Wesen, die Köpfchen in in blechernen Kochutensilien, die Oberkörper unbequem in aufrechter Haltung fixiert. Leibhaftige Kinder toben hier unterdessen fröhlich und frei durch den Ausstellungsraum, gleich wird sie eine BMW-Shuttle-Limousine zur nächsten Galerie transportieren. Und just in dem Augenblick, in dem man auf eine Collage blickt, die einen mit einem undefinierbaren Stück Fleisch verwachsenen Vogelkopf zeigt, dessen Schnabel eine filigrane Zeichnung brutal zuschnürt, hört man hinter sich eine Besuchern in ihr Telefon flüstern: "Du musst zu einem Vogelspezialisten gehen. Zu einem Arzt, der sich mit den Herztönen von Vögeln auskennt." Ist denn das möglich? Teil der Kunst ist es hier auf jeden Fall offiziell nicht. Aber so öffnet sich einmal mehr die verrückte Schere, in der man sich während des Gallery Weekends häufiger sieht: zwischen Kunst, die sich aus inneren Zwängen und schädlichen Verschlingungen freikämpft, und einer zumindest nach außen hin weich gepolsterten Welt, in der Kinder per Limousine aus der verkommenen südlichen Friedrichstraße wegchauffiert werden und einem mutmaßlich innig geliebten Haustier der Luxus einer Herzspezialistenbehandlung zuteil wird. MR

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Reichenbespaßung: Olaf Nicolai bei EIGEN + ART

An manchen Orten gibt sich das Gallery Weekend auch selbstkritisch. Olaf Nicolais Ausstellung "Der 673. Morgen" in der Galerie EIGEN + ART nämlich stellt das Problem "Kunst als Prestigeobjekt" zur Diskussion. Dazu hat der Documenta-14-Teilnehmer eine Kette aus Kristalglas-Perlen in den ansonsten leeren Ausstellungsraum ausgelegt und zwar so, dass die Kette direkt vor den Wänden liegt und dadurch die Fläche des Raumes präzise markiert. Dass diese Fläche, die ja als Verkaufsdisplay für lukrative Kunst dient, "Gold wert" ist, deuten die teuer anmutenden Perlen an. Im Eingangsbereich steht zudem eine Vitrine, in der ein von Nicolai gestaltetes Magazin präsentiert wird, in der "Das Märchen der 672. Nacht" von Hugo von Hofmansthal mit edlen Lifestyle-Anzeigen kombiniert wird. Das Märchen erzählt genau wie die Anzeigen von einem luxuriösen Reichtum, der sich vor allem in der ästhetischen Veredelung des Lebens ausdrückt. Ehrlich hinterfragt die Kunst hier ihre Funktion der "Reichenbespaßung". RST

Luft Hansa Tickets zum Wunschziel: Robert Kusmirowski bei Zak Branicka

Den Sonnenuntergang in Rio erleben? Oder zur Kirschblüte nach Japan jetten? Auch das war auf dem Gallery Weekend möglich – wenn man sich mit Robert Kusmirowski auf Zeitreise begab. Der polnische Künstler hat die Galerie Zak Branicka in ein Luft-Hansa-Büro der dreißiger Jahre verwandelt – komplett mit Globus, Schreibmaschinen, gemalten Werbeplakaten und holzvertäfelten Wänden. Und weil sich der Künstler gerne auf historische Orte bezieht, musste es auch nur in den Räumen von Zak Branicka stattfinden. Denn genau hier, im Parterre der Lindenstraße 35 residierte vor 85 Jahren das Hauptbüro der Fluggesellschaft. Wie war das also damals ohne Flug-Suchmaschinen-Verwirrung, E-Ticket und Online Check in? Es war schön! Die Fliegerei war noch ein Erlebnis, das wohl betuchten Bürgern vorbehalten war. Und das spürt man hier. Freundliche Damen in adretten weißen Blusen, mit Perlenketten und gelegten Locken eilen herbei, bitten Platz zu nehmen in eleganten Sesseln und beraten über die neuesten Flugziele. Auf Wunsch wird auch gleich ein Ticket ausgestellt und von Hand Name und Lieblingsdestination eingetragen. Neun Stück sind zu vergeben. Handgezeichnete Kopien der Originaltickets von damals. 3000 Euro kostet der Spaß. Komisch nur, dass die blonden Damen auf dem sepiafarbenen Foto vor der Propellermaschine verblüffende Ähnlichkeit mit den Galeristinnen Asia Zak und Monika Branicka haben. Robert Kusmirowski hat eben gleich das ganze Team mit eingebunden und zum Retro-Fotoshooting ins Technische Museum Berlin geladen, wo in Original-Outfits vor der Junkers 52 posiert wurde. Kurz mal abheben und dem Galerien-Trubel entschwirren - herrlich Pilot Robert Kusmirowski! CP

 

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Der polnische Künstler Robert Kusmirowski hat die Galerie Zak Branicka in ein dreißiger Jahre Büro der "Luft Hansa" verwandelt

Ketten sprengen: Melvin Edwards bei Galerie Buchholz

Schmiedeisernes und derbe Schweißarbeiten sieht man beim Gallery Weekend eher selten. Umso überraschender sind die Werke, die in Daniel Buchholz’ gediegenen Räumen in der Fasanenstraße hängen: zackige Stahlobjekte aus grob verschweißten Meißeln, Hufeisen, Vorhängeschlössern und immer wieder geschmiedeten Ketten. Dass da bei einigen Assoziationen an Bondage, Folterkeller oder “Game of Thrones“ aufblitzen, spricht für die Arbeiten, auch wenn sich ihr Erschaffer sicher nicht extra an den Zeitgeist ranschmeißen will. Melvin Edwards gehört zu den Pionieren der zeitgenössischen afroamerikanischen Kunst. Der 1937 in Texas geborene Bildhauer schweißt seit den sechziger Jahren Metallgegenstände und Maschinenteile zu ausdrucksstarken Skulpturen zusammen, die sich auf Rassismus, Gewalt und Krieg beziehen. Seine bekannteste Serie heißt “Lynch Fragments“. In New York ist der Künstler und Aktivist auch für seine großen Metallarbeiten im öffentlichen Raum bekannt. Das Modell einer dieser Skulpturen, ”Marquette for Confirmation“, die Edwards einst vor der Rentenversicherungsanstalt im New Yorker Stadtteil Queens errichtete, ist Teil der Ausstellung. Dass der Black-Power-Schweißer jetzt auch außerhalb Amerikas entdeckt wird, zeigt nicht nur seine Teilnnahme and der "Postwar"-Ausstellung im Münchner Haus der Kunst. Im Sommer ist er auch in der Schau "Soul of a Nation: Art in the Age of Black Power" in der Tate Modern in London zu sehen. UT

Schwindelerregend: Paolo Chiasera in der Galerie PSM

Alle Künstler des Gallery Weekends gemeinsam in einer Show – dieses Kunststück gelingt dem italienischen Künstler Paolo Chiasera in seiner Ausstellung "Frankenstein" in der Galerie PSM. So wie die legendäre Romanfigur "Viktor Frankenstein" sich nämlich einen künstlich geschaffenen Menschen zusammencollagiert hat, so fügt Chiasera jetzt Versatzstücke aus den Werken von 54 Künstlern zu neuen zeichnerischen Gebilden zusammen. Auf den sämtlichst in blau und orange ausgeführten Werken verschmelzen dann z. B. Motive der Videokünstler Candice Breitz und Guan Xiao zu einem "doppelmündigen" expressiven Gesicht. Auf einem anderen Bild liegen Totenschädel auf einer Trommel, an der Toilettenpapierrollen befestigt sind – Anri Sala, Andreas Slominski und Caleb Considine lassen grüßen! Da geht bei der Wahrnehmung schnell so manches durcheinander, genau so, wie nach dem "reizüberflutenden" Besuch aller 47 Galerien dieses Gallery Weekends. RST

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