Art Cologne 2017

Angriff ist die beste Verteidigung

Auf harsche Worte gegen die Schweizer Konkurrenz folgt ein überzeugender Auftritt. Sogar den wichtigsten amerikanischen Großgaleristen konnte Messedirektor Daniel Hug gewinnen – die Präsenz von Larry Gagosian scheint wiederum einige Kollegen anzustacheln. art-Korrespondent Michael Kohler mit ersten Eindrücken von der Kölner Kunstmesse.
Angriff ist die beste Verteidigung

"Medicine Interne" von Wang Du am Stand der Galerie Laurent Godin

Wenn dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Eis. Man könnte beinahe glauben, Daniel Hug habe das vergangene Jahr nach diesem Motto gelebt. Erst verlegte der Art-Cologne-Chef die Kölner Kunstmesse auf den Termin des Berliner Gallery Weekends, dann schoss er sich auf Schweizer Messegesellschaft, die Art Basel und deren Leiter Marc Spiegler ein. Pünktlich zur Eröffnung warf er diesem noch einmal vor, die gesamte Welt der Kunstmessen kolonialisieren zu wollen.

Immerhin hatte Daniel Hug für beides gute Gründe. Auf den neuen Termin weicht die Art Cologne wegen der Osterferien aus, die nach Hugs Beobachtung in der Vergangenheit regelmäßig den Umsatz der Galeristen drückten. Und die Basler Messegesellschaft MCH hat sich unlängst in die neue Art Düsseldorf eingekauft. Ob hinter diesem "Angriff" auf die Art Cologne tatsächlich Marc Spiegler steckt oder ob dieser von der neuen Basler Regionalmessen-Strategie gar nichts wusste, wie MCH und Art Basel ebenso unisono wie tapfer behaupten, müssen dereinst vielleicht die Kunsthistoriker klären. In jedem Fall ist es Hug gelungen, Köln als Gegenstück eines weltberühmten gallischen Comic-Dorfes zu inszenieren.

Durch den illustren neuen Nachbarn herausgefordert

Angriff ist die beste Verteidigung

Messe-Direktor Daniel Hug auf der Pressekonferenz

Der eleganteste Weg, den Basler "Angriff" abzuwehren, ist selbstredend eine gute Messe – und genau das scheint auch die 51. Art Cologne nach den ersten Eindrücken wieder zu sein. Einen nicht geringen Anteil daran hat möglicherweise Großgalerist Larry Gagosian, der zum ersten Mal zur Art Cologne kam und sich mit Chris Burdens monumentaler Straßenlaternen-Installation "Buddha’s Fingers" eindrucksvoll in einem Trump’schen Hochsicherheits-Amerika verschanzt. Vor allem schien sich die Konkurrenz aber durch den illustren neuen Nachbarn herausgefordert zu fühlen, ihrerseits nach Köln zu bringen, was gut und teuer ist.

Am deutlichsten zeigt sich das bei der zeitgenössischen Kunst im Mittelgeschoss. Hier empfängt etwa Sprüth Magers das Publikum mit einem aktuellen "Selbstporträt" von Cindy Sherman, um es anschließend mit einem Riesenformat aus Andreas Gurskys "Bangkok"-Serie zu erschlagen; nach so viel Starpower nimmt man Sterling Rubys fragiles Mobile mit Putzeimer beinahe mit Erleichterung zur Kenntnis. In diesem Takt geht es weiter: Daniel Buchholz zeigt eine wie gemalt wirkende abstrakte Dunkelkammer-Arbeit von Wolfgang Tillmans neben einem wie fotografiert wirkenden Gemälde von Isa Genzken; bei White Cube ist neben einem kribbelig-krabbeligen Rieseninsektenkasten von Damien Hirst eine feuerbehandelte Pseudo-Minimal-Skulptur von Theaster Gates zu sehen; und selbst Christian Nagel fühlte sich genötigt, mit Albert Oehlen, Heimo Zobernig und einer herrlichen frühen Arbeit von Reinhard Mucha "ein paar etablierte Positionen" zu präsentieren.

Art Cologne 2018
Hier finden Sie alle wichtigen Informationen, aktuelle Hallenpläne, dazu Berichte, Interviews und Bilder aus der reichen Geschichte der »Mutter aller Kunstmessen« – unsere umfangreiche Themenseite zur Art Cologne

Als Schaufenster der heimischen Kunstwelt sucht die Art Cologne ohnehin ihresgleichen. Und wenn man sich unter deutschen Galeristen umhört, soll das am besten genau so bleiben. Auf die Frage, was er sich von den Messeneugründungen in Düsseldorf und Berlin erwartet, zuckt Daniel Buchholz nur mit den Schultern: "Ich dachte, es gibt jetzt schon zu viele Messen." Christian Nagel sieht es ähnlich und kann in Daniel Hugs Mutmaßungen über die Basler Regionalmessen-Strategie zudem nichts "terroristisches" erkennen. Johann König lässt derweil die Sprayerin Katharina Grosse und Latzhosen-Bilder von Annette Kelm für die Stärke des deutschen Kunstmarkts sprechen; und bei Sies + Höhe befreit Julius von Bismarck wenigstens das Mobiliar vom lästigen Zwang der Schwerkraft.

Kaum Ausrutscher ins Beliebige

Bei der jungen Kunst im Obergeschoss, dem Neumarkt, gibt es ebenfalls kaum Ausrutscher ins Beliebige. Hier sucht das Publikum nach den Lieblingen von morgen und wird in der Berliner Future Gallery vielleicht bei einem aus SIM-Karten zusammengesetzten Tafelbild von Constant Dullaart fündig. Am Stand der kosovarischen Galerie Lambda Lambda Lambda malt Flaka Haliti Wolken mit Hilfe einer Computersoftware Krakelgesichter auf; ebenfalls sehr schön sind ihre nach Kinderzeichnungen gebauten Drahtfiguren, deren Füße in mit blauem Sand gefüllten Ikea-Taschen stecken. Eher eine Wiederentdeckung sind hingegen die bei Philipp Pflug präsentierten Roboter-Gemälde, auf denen Bettina von Arnim schon in den bonbonfarbenen siebziger Jahren vor der nahen "Machtergreifung der Technokraten" warnte.

Alle Infos zur Art Cologne 2017
Die Mutter aller Kunstmessen öffnet am 26. April ihre Türen. Wir haben für Sie alle relevanten Informationen – Termin, Adresse, Öffnungszeiten, Ticketpreise, Hallenplan – zusammengetragen. Dazu gibt es Listen der wichtigsten aktuellen Ausstellungen, Restaurants, Kneipen und Clubs in Köln

In einhundert Jahren werden einige Neumarkt-Künstler wohl ins Untergeschoss umgezogen sein, dorthin, wo die Klassiker und gereiften Zeitgenossen zu Hause sind – und wo einige Kölner Stammgäste der Art Cologne schon mal vorsorglich dem aus Rücksicht auf das Gallery Weekend gestrichenen Messesonntag hinterher trauern. Hier hat sich das Angebot ebenfalls noch einmal verbessert, wenn auch nicht unbedingt im Bereich der Klassischen Moderne. Maulberger zeigt einen sehr schönen Querschnitt durch die Kunst des deutschen Informel, einer nur scheinbar abgehakten Kunstrichtung, in der es zudem mit Herbert Zangs einen hartnäckig unterbewerteten Großmeister gibt. Ähnlich lohnend ist ein Besuch am Stand der Mailänder Galerie Lorenzelli Arte: Hier finden sich mit Max Bill und Günter Fruhtrunk Klassiker der geometrischen Malerei und dazu atelierfrische Werke zumindest geistesverwandter Künstler wie Luca Serra und Matteo Negri; letzterer baut unter anderem Mondrian-Gemälde mit seiner persönlichen Version von Lego-Steinen nach.

Am Ende könnte Daniel Hug also doch wieder alles richtig gemacht haben. Selbst aus dem Streit mit den Gallery Weekend-Machern ist ja mittlerweile eine wunderbare Zweckfreundschaft inklusive gemeinsamem Kind, der neuen Messe Art Berlin, erwachsen. Vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch Marc Spiegler dem Kölner Kollegen in die Arme fällt.

Kunst in Köln
Ihr Kunst-Navigator: die wichtigsten Ausstellungen, die schönsten Museen und Sehenswürdigkeiten der Stadt.