Kiefer-Ausstellung in China

Skandal, Missverständnis oder Verschwörung?

Nach dem Wirbel um die umstrittene Anselm-Kiefer-Schau in Peking, die ohne Einverständnis und Beteiligung des Künstlers ausgerichtete wurde, richten sich nun auch Vorwürfe gegen Kiefers Galeristen.
Skandal, Missverständnis oder Verschwörung?

Besucher in "Anselm Kiefer Coagulation": Die Ausstellung im Museum der Zentralen Akademie der Künste in Peking läuft noch bis Anfang Januar

Ist es ein Skandal, ein großes Missverständnis oder die Verschwörung mächtiger Galerien gegen die Freiheit einer Kuratorin? Um die Anselm Kiefer-Ausstellung in der Zentralen Akademie der Künste (Cafa) in Peking ist ein hitziger Streit darüber entbrannt, welche geschriebenen und ungeschriebenen Rechte Künstler an ihren Werken haben und ob man eine Ausstellung auch ohne die Einwilligung des betroffenen Künstlers zeigen sollte.

Kiefer selbst sah sich durch die Organisatoren der Schau "vergewaltigt" und für tot erklärt und forderte kurz vor Eröffnung deren Absage. Sein Galerist Thaddaeus Ropac assistierte mit Vorwürfen gegen Beate Reifenscheid, Direktorin des Koblenzer Museum Ludwig, die für die in Hamburg ansässige Kunstagentur Bell Art Center die Cafa-Ausstellung betreute: Reifenscheid habe weder ihn noch Kiefer kontaktiert und seine "dutzendfachen" Anrufe ignoriert. Reifenscheid behauptete im SWR das Gegenteil, ohne allerdings preiszugeben, mit wem sie gesprochen haben will. Die Bell Art GmbH schreibt dazu in einer Stellungnahme: "Seit März 2016 wurden etliche Versuche von den Organisatoren unternommen, Herrn Kiefer zu kontaktieren und ihn zur Unterstützung der Ausstellung und für eine Mitwirkung zu begeistern. Herr Kiefer entschied sich jedoch dazu, die Veranstaltung weder zu unterstützen noch an ihr teilzunehmen. Von einer Ablehnung war jedoch zu keiner Zeit die Rede."

Ist die Museumsdirektorin Opfer der großen Kunstgalerien

Rechtlich ist die Lage eindeutig: Da Kiefer die ausgestellten Werke nicht mehr besitzt, hat er keine Handhabe dagegen, wann und wo sie gezeigt werden. Und auch die Tatsache, dass die von Bell Art finanzierte Ausstellung einer Privatsammlung, der MAP Collection, eine große Bühne bereitet und hinter der Schau möglicherweise kommerzielle Interessen stehen, mag man anrüchig finden; ersteres ist jedoch so ungewöhnlich nicht und letzteres weder bewiesen noch verboten. Zudem könnte es auch bei den Vorwürfen gegen die Ausstellung ums Geld gehen – das glaubt jedenfalls Montieth M. Illingworth, Präsident der New Yorker Kommunikationsberatungsfirma Montieth & Company. Illingworth berät Beate Reifenscheid in der Kiefer-Affäre und sieht die Koblenzer Museumsdirektorin als Opfer der großen Kunstgalerien, die Anselm Kiefer vertreten: "Eine Ausstellung mit mehr als 80 Werke aus einer Privatsammlung bedroht das offenkundige Interesse dieser Galerien, den Markt für Kiefers Kunstwerke in China zu monopolisieren. Es geht den Händlern einzig und allein darum, die Kontrolle zu behalten."

Skandal, Missverständnis oder Verschwörung?

Beate Reifenscheid, hier auf einer Pressekonferenz zur kommenden Beijing-Biennal, organisierte die Kiefer-Ausstellung

Für Illingworth ist der gesamte Vorgang ein Angriff auf die kuratorische Freiheit und auf die Freiheit der Museen, Ropacs Anschuldigungen nennt er "faktisch falsch"; sie seien "ein Versuch, von den wahren Motiven abzulenken". Reifenscheid selbst wollte sich wie auch Thaddaeus Ropac gegenüber art nicht äußern. Larry Gagosian und White Cube Gallery, die Kiefer ebenfalls vertreten, haben in der Sache öffentlich nicht Stellung genommen. Unterdessen hat Reifenscheids Ruf durch die Affäre bereits deutlich gelitten: Michael Henker, aktueller Präsident der deutschen Sektion des Internationalen Museumsrats (ICOM) legte Reifenscheid, seiner designierten Nachfolgerin, nahe, ihren Posten nicht anzutreten.

Vertane Chance

Bleibt die grundsätzliche Frage, ob es opportun ist, eine Ausstellung, die einem einzelnen Künstler gewidmet ist, ohne dessen Beteiligung zu organisieren? Eine salomonische Antwort darauf gibt Yilmaz Dziewior, Direktor des Kölner Museum Ludwig: "Wenn es möglich ist, sollte man den Künstler in eine Ausstellung involvieren. Alles andere wäre für mein Empfinden eine vertane Chance. Allerdings ist es für mich kein Muss, dies in jedem Fall zu tun, so wie es auch im Umkehrschluss keine Verpflichtung des Künstlers gibt, sich bei jedem Ausstellungsprojekt einzubringen."

art - Das Kunstmagazin
Deutschlands missverstandener Meister lädt selten zum Interview. Wir besuchten Anselm Kiefer vor seiner großen Retrospektive im Centre Pompidou in Paris. Ein Gespräch über Geschichte, über den Nutzen des Spiels – und warum kluge, engagierte Kunst ohne Gefühle nichts taugt

Dass Museen und Sammler, die große Konvolute einzelner Künstler besitzen, diese bei Ausstellungen nicht hinzuziehen, ist in Deutschland bislang die Ausnahme. Es sei denn, die Künstler wollen es so: Sigmar Polke etwa hielt sich bewusst heraus, als Frieder Burda, Reiner Speck und Josef Froehlich 2007 ihre Privatsammlungen zu einer Polke-Retrospektive zusammenlegten.