Messecheck: Art Basel Miami 2016

Miami zeigt Zähne

Knallbunte und gemusterte Anzüge sind auf der diesjährigen Art Basel Miami allgegenwärtig – aber trotz Glamour und Party geht es in diesem Jahr wesentlich politischer zu als gewöhnlich. Unser Messecheck
Miami zeigt Zähne

Glenn Kaino: "Invisible Man", 2016

Titel: V.I.P.-Faktor (von 1 "Vorsicht Ballack!" bis 5 "Brangelinaaah!"):

Sex-and-the-City-Star Sarah Jessica Parker trug bei der Eröffnung eines Nachtclubs ein Liebesgedicht vor. Ansonsten wurden bei Partys Katie Holmes, die Tennis-Schwestern Serena und Venus Williams, Heidi Klum oder Boxer Wladimir Klitschko gesichtet. Madonna gibt für ihre Stiftung "Raising Malawi" ein Benefizkonzert im neu eröffneten "Faena" Hotel-Komplex. Wer von den VIPs sich wirklich für Kunst interessiert, bleibt natürlich fraglich. Es wird dennoch eine satte 5 vergeben: Courtney Love besuchte den öffentlichen Skulpturenpark und P Diddy und der coolste Star von allen, Kim Gordon (Sonic Youth), ließen sich auf der Messe blicken.

Das euphorische Galeristenzitat:

"Nach der Wahl sind wir in eine tiefe Depression verfallen. Die Sorge ist nach wie vor zu spüren. Aber ich fühle erstmals wieder etwas Positives, die Leute sind engagiert. Sie protestieren, sie sind angefeuert. Eine Leuchtbox auf der Messe sagt an prominenter Stelle: End White Supremacy (Endet die weiße Vorherrschaft) – eine deutliche Botschaft", sagt Olivia Graham McManus von der Rhona Hoffman Gallery in Chicago, die Fotos von Deana Lawson und neue Bilder von Derrick Adams mitgebracht hatte. Afroamerikanische Künstler sind so viel nie zuvor auf der Messe vertreten. Was im Staat Florida, in dem die Republikaner haushoch gewonnen haben, wie ein stiller Protest gegen die neue Welle des Rassismus in den USA und gegen den neu gewählten Präsidenten wirkt. Das Leuchtzeichen "End White Supremacy" stammt von Sam Durant und ist für 75000 Dollar bei Blum & Poe zu haben.

Mein Eindruck:

Sicher, es geht ums Geschäft – und das lief zumindest in den ersten Stunden bei vielen Galerien prächtig. Aber vor allem war diese Messe, die ja sonst für locker sitzende Dollars, Cocktails und dekadente Partys steht, ungewohnt politisch. So einige Kunsthändler brachten als Reaktion auf den schockierenden Wahlausgang neue Arbeiten mit. Darunter vor allem Rirkrit Tiravanijas "The tyranny of common sense has reached its final stage" – der Künstler bedruckte Zeitungsseiten nach der Wahl mit dem Satz. Die afroamerikanische Künstlerin und Black-Lives-Matter-Aktivistin Nina Chanel Abney, die weiße Männer auf dem Rücken von zwei Schwarzen reiten lässt. Sanford Biggers schwarze Zeugen in Form von afrikanischen Figuren, die einen langen Schatten aus Paillettenstoff werfen oder eine neue Arbeit von Barbara Kruger, auf der sie Demagogen und ihr Publikum anprangert.

Die Frauen kommen
Euphorische Galeristen, ein quietschvergnügtes Publikum und bemerkenswert viele Präsentationen von Künstlerinnen – die Londoner Messe zeigt gute Kunst und macht Spaß. Nur einer beweist, dass auch Mega-Galeristen mal mächtig daneben liegen können.

Der protzigste Preis:

Geht dies Mal an ein Werk, das nicht auf der Hauptmesse und auf keiner der 17 Nebenmessen, sondern in einem privaten Lagerhaus präsentiert wird: Es handelt sich um das 20 Meter lange Glas-Wandgemälde "Revolution: Frieden unserem Erdenrund", das 1979 von Erich Mielke für das Hauptgebäude der Stasi in Auftrag gegeben wurde. Das gewaltige Werk von Richard Otfried Wilhelm lagerte jahrelang im Stasi-Museum, bis es der deutsche Kunsthändler und Historiker Thilo Holzmann kaufte. Er bietet das Lenin-Fenster für 21,4 Millionen Dollar an.

Für Einsteiger:

Ein Stück Himmel von der britischen Künstlerin Tacita Dean bei Gemini G.E.L. aus Los Angeles für 4000 Dollar.

Das Glas Sekt gab's für: 22 Dollar.

Bester Stand:

Michele Maccarone fing mit ihrem Messestand die finstere Stimmung im Land am besten ein. Der schwere Vorhang von Rodney McMillian, den die Farben wie Adern durchlaufen, schirmte die Galerie vom Messebetrieb ab und bildete außerdem eine dunkle Höhle. Dazu stellte Maccarone Fotos, die John Divola von Abrisshäusern in Los Angeles schießt.

Ging gar nicht:

Diese Auszeichnung geht dies Mal an zwei Künstler: Mel Bochner mit seinen sinnfreien Wortspiel-Bildern ("Yes! No! Maybe"), die auf jeder Messe im Angebot sind, und Tom Sachs, der meint, dass ein Chanel-Logo, das in Sperrholzplatten gebrannt wird, oder eine Designertasche aus Holz noch in irgendeiner Form provokant sein soll.

Show-Time:

Das Duo hinter der Publikation und Kollaboration Toiletpaper, der Fotograf Pierpaolo Ferrari und der eigentlich in den Ruhestand getretene Maurizio Cattelan, stellten auf dem Stand der Schweizer Fondation Beyeler eine richtig schön geschmacklose Sauerei an. Die Messegäste schmissen sich vor Spiegeln und Spaghetti-Schüsseln in Pose und bezeichneten die Trash-Installation als "witzig" oder "süß". Insofern war das Ganze ein voller Erfolg. Beyeler-Direktor Sam Keller, der damals die Schweizer Messe nach Miami gebracht hatte, legte sich mit zwei Damen in ein Bett und beschloss, dass die besten Jahre seines Lebens gerade begonnen hatten.

Ich hätte selbst gerne gekauft:

"Das Mädchen hinter dem Vorhang", ein neues Bild von dem Chicagoer Maler Kerry James Marshall, der gerade mit einer starken Retrospektive im New Yorker Met Breuer gefeiert wird. Preis: 600000 Dollar – das Bild war bereits in der ersten halben Stunde bei Jack Shainman verkauft.

Es reichte aber nur für:

Ein T-Shirt für 20 Dollar von den Künstlern Tomas Vu und Rirkrit Tiravanija, die auf der Nebenmesse "Untitled" gemeinsam mit Studenten einen Stand betrieben. Es standen diverse Redewendungen und Motive zur Auswahl. Ich entschied mich für David Bowie und: "Do We Dream Under the Same Sky".

Installationsansicht von der Art Basel
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