Teile des Ratsschatzes aufgetaucht

Krimi um Dresdner Schiffspokal

Undercover-Beamten der BKA entdecken auf einer Antiquitätenmesse einen Schiffspokal aus dem verschollenen Dresdner Ratsschatz. Es folgt eine Anzeige und ein Prozess, den die Stadt Dresden gegen die jetzigen Besitzer des Pokals verliert. Wie kommt das wertvolle Stück auf die Messe – und wem gehört es jetzt? art traf Gisbert Porstmann und Erika Eschenbach von den Städtischen Museen Dresden und hat nachgefragt.

Silbern glänzt ein geblähtes Segel, in der filigranen Takelage turnen geschäftige Matrosen, auf Deck versammeln sich bewaffnete Männer. Der goldene Bauch des Miniaturschiffs schwebt auf einem nicht minder detailreich gearbeiteten Sockeltürmchen. Geschaffen hat diesen hinreißenden Pokal im 17. Jahrhundert wohl der Nürnberger Goldschmied Tobias Wolff. Anders als man vermuten möchte, gelangte die "Goélette", so der französische Begriff für "Schoner", nicht in adelige Hände, sondern bildete ein Prunkstück des Dresdner Ratsschatzes. 1945 mit vielen weiteren kostbaren Artefakten verschollen, tauchte der 37 Zentimeter hohe Schiffspokal im Frühjahr auf der Maastrichter Antiquitätenmesse TEFAF wieder auf. Die Sensation wäre nicht weiter aufgefallen, hätte die Bremer Kunsthandlung Neuse ihn für anvisierte 230 000 Euro an ein Hamburger Museum verkauft. Doch man hatte die Rechnung ohne das Bundeskriminalamt und dessen Kunstdetektive gemacht. Gisbert Porstmann, Direktor der Städtischen Museen Dresden und seine Kollegin Erika Eschebach, Direktorin des dortigen Stadtmuseums, glaubten ihren Ohren nicht zu trauen, als sie die Nachricht von dem Fund bekamen. Nun möchte man meinen, dass eine Kostbarkeit von diesem Rang und nachweislicher Provenienz umgehend restituiert würde. Doch so einfach ist es nicht.

Krimi um Dresdner Schiffspokal

 Aus dem Katalog des Londoner Auktionshauses Christie's zur Auktion am 8. Juli 2015

art: Zunächst einmal: Was hat es mit dem Dresdner Ratsschatz auf sich? War er eine Art bürgerliche Goldreserve?
 
Erika Eschebach: Viele Städte legten sich Sammlungen von wertvollen Kunstgegenständen zu Repräsentationszwecken an. Es ging darum, den Reichtum der Stadt und der Bürgerschaft zu demonstrieren. Das Dresdner Konvolut wuchs seit dem 17. Jahrhundert kontinuierlich an.
 
In Dresden mit seinen sammelwütigen Kurfürsten und deren Kunstkammer existierten ja direkte Anreize. Zumal es ja auch traditionell eine gewisse Konkurrenz zwischen dem katholischen Hof und der stolzen protestantischen Bürgerschaft gab.
 
Gisbert Porstmann: Man eiferte dem Hof sicherlich nach, denn die gesammelten monarchischen und städtischen Preziosen gleichen einander. So befanden sich auch im Ratsschatz venezianisches Glas, goldene und silberne Trinkgefäße, Wappenschilde oder Abendmahlskelche.
 
Der Laie könnte auch vermuten, dass die Goélette direkt aus dem Grünen Gewölbe stammt.
 
Eschebach: Im der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert stieg bekanntermaßen das Repräsentationsbedürfnis des Bürgertums sprunghaft an, wofür auch die vielen Museumsgründungen seinerzeit sprechen. So erging 1888 auch in Dresden ein Ratsbeschluss, dass der Ratsschatz dem Publikum in einem neugegründeten Stadtmuseum präsentiert werden sollte. Ab 1891 war das der Fall und als 1910 das neue Rathaus der Stadt eröffnet wurde, richtete man im Lichthof des Gebäudes das Stadtmuseum ein.
 
Anders als bei den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und ihren weltbekannten Kollektionen, weiß heute kaum mehr jemand etwas von diesem bedeutenden Ratsschatz. Wie kam das?
 
Eschebach: Als 1944 die Frontlinien des Zweiten Weltkriegs näher rückten, wurden alle dreidimensionalen Exponate des Stadtmuseums sorgfältig in nummerierte Kisten verpackt und im Keller des Rathauses hinter feuersicheren Türen aufbewahrt. So überstanden sie unversehrt das Bombardement am 13. Februar 1945.
 
Das war die gute Nachricht. Dennoch ist dann alles verschwunden und wird heute als Kriegsverlust geführt.
 
Eschebach: Als am 8. Mai 1945 die Sowjetarmee das Rathaus als Kommandozentrale bezog, dürfte sich alles noch an Ort und Stelle befunden haben. Doch ab diesem Moment, so auch in den fünfziger Jahren von dem damaligen Magazinverwalter bezeugt, hatten Zivilisten keinen Zutritt mehr zu dem Gebäude. Als der Mitarbeiter dann im Februar 1946 gemeinsam mit dem Kunsthistoriker und kommissarischen Museumsleiter Fritz Löffler die Räume wieder betreten durfte, waren diese vollkommen leer und standen unter Wasser.

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Nun wäre es ein Leichtes anzunehmen, dass auch der Ratsschatz als Beutegut gen Osten verbracht wurde.
 
Porstmann: Anders als bei den meisten Beutekunst-Transaktionen existieren dafür überhaupt keine Belege. Wir fahnden jetzt seit 2002 intensiv nach dem Verbleib der Sammlung und haben gerade letztes Jahr im Rahmen des deutsch-russischen Museumsdialogs Zugang zu einem Großteil jener russischen Akten gehabt, in denen die geregelten Transporte erfasst waren. Dort fand sich nicht ein einziger Hinweis.
 
Wann gab es erste Verdachtsmomente, dass Russland vielleicht doch nicht die richtige Fährte war?
 
Eschebach: Schon 1950 wollte eine Dame aus Dresden zwei goldene Becher in Frankfurt am Main an die Amerikaner verkaufen. Der von ihr aufgesuchte Experte wurde aufmerksam, kaufte die Trinkgefäße selbst für 500 DM und übergab sie dem Frankfurter Magistrat, der sie nach Dresden zurückführte. In den siebziger Jahren tauchte, ebenfalls in Dresden, ein Abendsmahlskelch von uns bei einem Restaurator auf. Auch den bekamen wir zurück. Daher wusste man, dass zumindest Teile des Schatzes in der Stadt verblieben sein mussten. Dafür spricht auch, dass 1980 ein junger Dresdner seine Großmutter veranlasste, die heimlich in ihrem Besitz befindliche Dresdner Stadtrechtsurkunde von 1403 zurückzugeben oder dass wir 2000 beziehungsweise 2010 zwei Zunftpokale der Elbfischergilde zurückkaufen konnten, die in Süddeutschland angeboten wurden. Letztere Fälle betreffen zwar nicht direkt den Ratsschatz, die Objekte gehörten aber ebenfalls zum Bestand des Stadtmuseums, der im Rathaus verlorengegangen ist.
 
Von solchen glücklichen Zufallsfunden abgesehen, wie sieht Ihre aktive Suche nach dem verschollenen Konvolut aus?
 
Eschebach: Leider können wir auch nur in begrenztem Umfang recherchieren, denn die alten Inventare, selbst wahre Museumsstücke, sind ebenfalls verlorengegangen. Unser einziges Glück ist, dass der Dresdner Kunsthistoriker Cornelius Gurlitt 1903 in seinem Werk "Die Kunstdenkmäler Dresdens" wichtige Arbeiten erfasst hat, und dass sogar einige Fotografien vorliegen, darunter auch unser Schiffspokal. Wir können also bei den fast 180 verschwundenen Exponaten aus Ratsschatz, Schützen- und Zunftbestand nur gezielt nach denen suchen, die wir auch sicher kennen. Und nur diese können wir in der Datenbank für Kulturgutverluste, dem Lost Art Register, anmelden.

Krimi um Dresdner Schiffspokal

Inventarkarte des Stadtmuseum Dresden, 1911

Nun also der Krimi um die Goélette, an deren Herkunft ja zunächst auch nichts auf ein klassisches Beutekunst-Schicksal hinweist.
 
Porstmann: Wir wissen jetzt, dass die Goélette 1960 in München durch das Auktionshaus Weinmüller versteigert wurde und zwar aus der Sammlung von Otto Bernheimer. Bernheimer war ein jüdischer Kunstsammler und -händler, der nach seiner KZ-Inhaftierung nach Argentinien emigrieren musste, 1945 nach München zurückkehrte und dort begann, eine neue Sammlung aufzubauen. Nach seinem Tod 1960 kam das Schiff in Schweizer Privatbesitz. Für unsere Recherchen wäre es natürlich hilfreich zu wissen, wie der Pokal überhaupt in Bernheimers Besitz gelangte – diese 15 Jahre sind ein blinder Fleck.
 
Die Bremer Kunsthändler der Galerie Neuse nun erwarben das Stück letztes Jahr bei Christie’s in London. Zu dem Zeitpunkt war der Pokal schon drei Jahre im Lost Art Register gelistet. Gibt man den Begriff "Goélette" dort ein, so wird man sofort zu einer detaillierten Beschreibung inklusive Ursprungsstandort geleitet. Die Galerie Neuse freilich ließ verlauten, dass man sich gewöhnlich auf eine seriöse Provenienzrecherche verließe, wenn man bei namhaften Auktionshäusern kaufe. Es wirkt skandalös, dass sich weder in London noch in Bremen jemand die Mühe gemacht hat, eine derart unkomplizierte digitale Recherche anzustellen. Das müsste doch Routine sein.
 
Eschebach: Das haben wir uns natürlich auch gefragt, als das BKA anrief. Seltsam war auch, dass die Goélette weder im Katalog der Tefaf oder auf der Website von Neuse auftauchte. Auf alle Fälle glichen die Undercover-Beamten der BKA-Sonderkommission Kunst- und Kulturgutkriminalität nach ihrem Besuch auf der Messe verdächtige Objekte mit den Verlustlisten ab und waren sofort im Bilde. Aus Erfahrung rieten sie uns ausdrücklich davon ab, einen Kontakt mit dem Anbieter herzustellen. Also stellten wir Strafanzeige wegen Hehlerei. Jetzt war es der Bremer Staatsanwaltschaft möglich, eine Hausdurchsuchung bei Neuse durchzuführen und das Corpus Delicti zu beschlagnahmen.

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Nun lagert das Prunkstück in einer norddeutschen Asservatenkammer und sieht einer ungewissen Zukunft entgegen. Denn die Stadt Dresden hat das Strafverfahren zunächst verloren, weil der Vorwurf der Hehlerei nicht haltbar war, die Kunsthandlung also der rechtmäßige Eigentümer ist. Das hat auch mit der Rechtslage zu tun, wonach sich ein Gegenstand, der mehr als zehn Jahre im Besitz einer gutgläubigen Person war, als Eigentum dieser gilt. Sehen Sie eine Lösung für diese vertrackten Situation?
 
Porstmann: Der von der Stadt mit dieser Angelegenheit betraute Rechtsanwalt, Stefan Heinemann, hat die Entscheidung angefochten und zudem wird noch eine zivilrechtliche Klage eingereicht. Wir haben diesen Vorfall bewusst öffentlich gemacht, denn wir wollen, dass im Kunsthandel allgemein ein gewisses Nachdenken zum Umgang mit derlei Fällen einsetzt. Nicht zuletzt, weil wir annehmen, dass durch den Generationswechsel in naher Zukunft noch viel mehr Objekte auf dem Markt erscheinen, von denen die Erben nicht wissen, woher sie stammen. Vielleicht kommt ja dann der eine oder andere Kunsthändler auf die Idee, sein Gewissen zu befragen. Denn bisher gibt es ja keine rechtliche Vorgabe dafür, sondern nur eine freiwillige Selbstverpflichtung des Handels. Falls allerdings die neue Gesetzesvorlage zum Kulturgutschutz in Kraft treten würde, dann wäre die sorgfältige Recherche gesetzlich erforderlich und niemand könnte sich mehr damit herausreden, dass ein Vorbesitzer seine Hausaufgaben nicht gemacht habe.
 
 
Dank an die Dresdner Kulturjournalistin Adina Rieckmann, deren umfangreiche Langzeitrecherche diesen Beitrag maßgeblich unterstützt hat.

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