Auktion von David Bowies Kunstsammlung

Basquiat und Plattenspieler

Der britische Ausnahmemusiker David Bowie besaß eine beachtliche Kunst- und Designsammlung, die jetzt bei Sotheby’s in London versteigert wird. Unter den Losen ist neben Kunst von Jean-Michel Basquiat, Marcel Duchamp und Henry Moore auch eine ungewöhnliche Musikanlage.
Basquiat und Plattenspieler

Popstar und Kunstsammler: David Bowie starb Anfang 2016, jetzt wird seine Kunst- und Designsammlung versteigert

Es waren die magischen Maschinen des 20. Jahrhunderts. Das Radio und der Phonograph (wie der Vorläufer des Plattenspielers genannt wurde) brachten fremde Stimmen in den privaten Raum: Plötzlich sangen Enrico Caruso oder Elvis Presley im eigenen Wohnzimmer. Damit war automatisch ein fremder Körper anwesend, die Geräusche, die er erzeugte, konnten sogar seinen Tod überdauern. Heute, im Zeitalter des digitalen Streaming, ist dieses Phänomen lapidar geworden – doch im 20. Jahrhundert wurde die Magie dieser Geisterbeschwörung noch aufwendig zelebriert.

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Strecken Teaser

Zu den schönsten Geräten der analogen Epoche zählt die Musikanlage RR126 des Mailänder Herstellers Brionvega. Das Designer-Brüderpaar Achille und Pier Giacomo Castiglioni hatte eine Anlage entwickelt, die den Plattenspieler endgültig von seiner Statik und Truhenhaftigkeit befreite. Die RR126 konnte man auf Rollen frei im Raum umherschieben; die Boxen waren abnehmbar, konnten sowohl auf die obere Fläche als auch auf den Boden gelegt werden; mit einem Knopfdruck wechselte man zwischen Radioempfang und Plattenspielerbetrieb. Hinzu kam das freundliche Gesicht, in das man in der Frontansicht zu blicken glaubte: Die halbrunden Skalenfenster wirkten wie die Augen, die Lautsprecherraster wie Ohren. Die RR126 erzählte die Geschichte der Kulturrevolution der sechziger Jahre in einem einzigen Objekt: Es ging um Lockerung, um eine neue, freie Form von Eleganz, um Flexibilität in allen Lebensbereichen.

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Entworfen von den italienischen Brüdern Pier Giacomo und Achille Castiglioni: "Radiophonograph RR126" von 1965
 

Schon für sich genommen ist RR126 ein Designklassiker, der hohe Preise erzielt. Brionvega verkauft bis heute eine modernisierte Version mit CD-Player für 5850 Euro. Welchen Wert hat dann erst eine RR126, die David Bowie gehört hat? Der Anfang dieses Jahres im Alter von 69 gestorbene britische Popsänger war geradezu eine Verkörperung jener Epoche. Seine Musik und seine mit Maskeraden und Projektionen inszenierten Auftritte trieben die Idee des Pop weit über die jugendliche Rebellion hinaus. David Bowie skizzierte schon den postmodernen Menschen, der jede Identität nur als Facette begreift.

Kunst hat David Bowie ein Leben lang inspiriert

Wenn Sotheby’s nun insgesamt 400 Werke aus Bowies Kunst- und Designsammlung versteigert, können wir sozusagen in seine Werkstatt gucken. Kunst hat ihn ein Leben lang inspiriert, in der Sammlung findet sich Düsteres wie die Malerei von Frank Auerbach, Rätselhaftes wie ein Readymade von Marcel Duchamp ebenso wie wilde Popkunst von Jean-Michel Basquiat. Ein etwas überraschender Schwerpunkt liegt auf britischer Nachkriegsskulptur, mit Werken von Henry Moore und William Turnbull. Hinzu kommt eine Sammlung von Designobjekten, darunter Möbel des Designers Ettore Sottsass aus seiner Memphis-Zeit. Und es findet sich eben dieser gut erhaltene "Radiophonograph". Er trifft den Kern von Bowies Künstlertum vielleicht noch genauer als die vielen teuren Gemälde und Möbelobjekte. Denn trotz aller visuellen Kompetenz sah sich David Bowie in erster Linie als Musiker. Mehr als ein Originalgenie, der Neues erfunden hätte, war er ein genialer Adept. Er konnte blitzschnell Dinge aufnehmen und sie in etwas eigenes verwandeln. Auf dieser Anlage also hat er die Musik gehört, die ihn beeinflusste, von altem Rock ’n’ Roll bis hin zu deutschem Krautrock, von Igor Strawinsky bis Steve Reich.

Basquiat und Plattenspieler

Erich Heckel: "Weiße Pferde", 1912, Holzschnitt

Dass er sich beim Kauf des eigenen Plattenspielers für ein verspieltes italienisches Modell entschied, spricht für seinen Humor: Ein selbstironisches Lächeln, ganz ähnlich dem freundlichen Gesicht der RR126, hat auch Bowies Inszenierungen begleitet. So wird hier eine sehr britische Auffassung von Pop von einer italienischen Musikanlage verkörpert. Ihr Startpreis liegt bei 800 bis 1200 Pfund (rund 950 bis 1400 Euro).

Ein Interview mit art-Redakteur Ralf Schlüter über David Bowie und die Versteigerung seine Sammlung läuft heute Abend in der Sendung "Fazit. Kultur vom Tage", um 23.05 Uhr auf Deutschlandradio Kultur.

Die David-Bowie-Auktionen

Die Termine der Versteigerung vom Bowies Sammlung bei Sotheby’s in London

  • 10. November: Moderne und zeitgenössische Kunst 1
  • 11. November: Moderne und zeitgenössische Kunst 2
  • 11. November: Design