Messe-Check: Frieze 2016

Die Frauen kommen

Euphorische Galeristen, ein quietschvergnügtes Publikum und bemerkenswert viele Präsentationen von Künstlerinnen – die Londoner Messe zeigt gute Kunst und macht Spaß. Nur einer beweist, dass auch Mega-Galeristen mal mächtig daneben liegen können.
Die Frauen kommen

Portia Munson: "Pink Project: Table", 1994/2016, am Stand der P.P.O.W Galerie aus New York, Frieze London 2016

V.I.P.-Faktor (von 1 "Vorsicht Ballack!" bis 5 "Aaaah! Brangelina-Alarm"):

Unter 5 geht bei Frieze eigentlich nichts, alle kommen. Lediglich die jetzt getrennt zu schreibenden Br-Angelina, sonst immer mit dabei, glänzten aus erfindlichen Gründen mit Abwesenheit.

Das euphorische Galeristenzitat:

Sie waren alle gleichermaßen euphorisch und nur wenige erwähnten den Brexit.

Mein Eindruck:

Nicht nur mir fiel auf, wie viel mehr Künstlerinnen zu sehen waren als noch im Vorjahr. Besonders beeindruckend: Goshka Macugas monumentale Arbeit bei der Münchner Galerie Rüdiger Schöttle in Frieze London, die Soloschau von Anni Albers bei Alan Christea in Frieze Masters und die Rekonstruktion der Arbeit "Fountain of Youth", mit der die Amerikanerin Karen Kilimnik in der 303 Gallery 1992 auf sich aufmerksam machte. Sie ist eine von fünf bahnbrechenden Galerieausstellungen, die Kurator Nicholas Trembley für einen Rückblick auf die einflussreichen Neunziger zusammenstellte. Etwa bei Esther Schipper in Köln Dominique Gonzalez-Foersters "R.W.W." (1993), die ein Appartment in einen Filmset frei nach Rainer Werner Fassbinder verwandelte. Oder der maßstabsgetreue Nachbau von Wolfgang Tillmans' erster Schau bei Buchholz&Buchholz, in einem winzigen Raum, den sich Junggalerist Daniel Buchholz im Buchladen des Vaters eingerichtet hatte. Rahmenlose Fotos direkt auf die Wand geklebt, edle handgefertigte Abzüge neben Magazinseiten. Wie aufregend die Neunziger doch waren!

Der protzigste Preis:

"L'Empire des Lumières" von René Magritte, die 1949 entstandene erste von 17 Versionen der berühmten Tag-Nacht-Straßenszene, die kurze Zeit auch im Besitz von Nelson Rockefeller war. "Mitte 20", flüstert mir ein junger Mann mit Hornbrille ins Ohr. "25 Millionen Pfund?", flüstere ich zurück. Er nickt.

 

Für Einsteiger:

Die Preise für die farbigen Ölbilder von tanzenden jungen Mädchen der Malerin Grace Weaver bei Kopper Astner aus Glasgow in der dieses Jahr erweiterten jungen Sektion Focus beginnen bei 3000 Pfund.

Das Glas Sekt gab's für:

Zwischen 13 und 20 Pfund Pfund, je nach Qualität. In der VIP Lounge des Hauptsponsors Deutsche Bank, trotz Krise voll dabei, bekommt man es umsonst. Man muss aber erst eingelassen werden.

Größter Hype:

Die weißen und schwarzen, kunstvoll auf gerahmten Regalen angeordneten Porzellangefäße des Töpfers Edmund de Waal lassen mich so kalt wie das verwendete Material, wenn man es anfasst. Dass der erfolgreiche Autor nun als Künstler bei Larry Gagosian gelandet ist, zeigt, dass auch Mega-Galeristen daneben greifen können. Aber sicher verkauft er sich gut.

Nackt zum Jubiläum
Der 50. Geburtstag ist ja oft ein problematisches Ereignis. Doch die Art Cologne zeigt sich als Best-Ager in Top-Form – und traut sich sogar eine Nackt-Führung zu. Wir haben den Messe-Check gemacht und trafen auf gut gelaunte Galeristen

Mein Stand des Jahres:

"L'atelier d'artistes" bei Hauser & Wirth. Die köstlich-ironische Nachbildung eines fiktiven Künstlerateliers in einem Museum, sagen wir Giacomettis im Centre Pompidou. Vollgestopft mit Krimskrams, überall Farbspritzer, sogar eine angefangene Dose Pilzsuppe steht auf dem Boden. Aber ist das nicht eine Plastik von Louise Bourgeois, dies ein Gemälde von Leon Golub, und stammt der blutende "San Sebastian" nicht von Berlinde de Bruyckere? Das sich drängelnde Publikum quietscht vor Vergnügen, denn es macht großen Spaß, die Spreu vom Weizen zu trennen - was ist echt, gefälscht oder schlicht Gerümpel?. Alle Kunst ist natürlich verkäuflich, und der für die Inszenierung verantwortliche Direktor Neil Wenman freut sich, dass auch gekauft wird.

Installationsansicht von der Art Basel
Übersicht mit allen Berichten zu Kunstmessen in London, Paris, New York und Basel

Was sonst noch geschah:

Natürlich kann man durch die vielen Nebenmessen wie Moniker oder Sunday Fair wandern. Aber ist das nicht ein bisschen Overkill? Warum nicht stattdessen ein Besuch in der Tate Modern, wo sich während der Messetage die Guerilla Girls eingenistet haben. Die amerikanischen Kunstaktivismus-Veteraninnen, die gerade in der Whitechapel Art Gallery ausstellen, wollen in ihrer "Beschwerde-Abteilung" Besuchern dabei helfen, ihren Zorn über den Kunstbetrieb loszuwerden.

Ich hätte selbst gerne gekauft:

Die als Triptychon angeordneten drei Gouachen "Colour Studies for Entice 1/2/3'"(1974) von Bridget Riley bei Richard Green kosten 275 000 Pfund.

Es reichte aber nur für:

Einen Schwatz mit einer befreundeten Galeristin - über Brexit und die Folgen.

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