Galerist Johann König im Interview

»Mütter müssen kämpfen«

Müssen Frauen wirklich nackt sein, um ins Museum zu kommen? Noch immer sind Künstlerinnen in großen Sammlungen und Institutionen unterrepräsentiert – bei Galerist Johann König allerdings ist das Geschlechterverhältnis ausgewogen. Zur Berlin Art Week zeigt er auch eine Gruppenausstellung mit Arbeiten von Camille Henrot, Alicja Kwade, Annette Kelm Kiki Kogelnik und Mariechen Danz. Ein Interview über Frauenquoten, Rollenbilder und was eigentlich passiert, wenn Künstlerinnen Kinder kriegen.
»Mütter müssen kämpfen«

Galerist Johann König

Der Anteil an Frauen unter den Künstlern Ihrer Galerie liegt bei über 50 Prozent. Das ist heute immer noch selten im Vergleich zu anderen internationalen Galerien.

Dahinter steckt keine Strategie. Ein befreundeter Galerist hat mir zwar mal geraten, mein Galerieprogramm auf Frauen zuzuspitzen. Das tue ich aber nicht bewusst, da das Geschlecht schließlich kein Auswahlkriterium darstellt. Ich habe immer die Positionen gezeigt, die ich für wichtig gehalten habe und die mir schlicht weg am besten gefallen haben; die in mir etwas auslösten. Bei mir geht es viel um emotionale, physische Erfahrungen, die ein Kunstwerk hervorrufen kann. Ich interessiere mich für konzeptuelle und raumgreifende Aspekte. Der Körper des Betrachters soll mit eingebunden werden.

Repräsentieren Frauen andere Künstlerrollen als Männer, spielen also mit anderen Künstlertypen? Das Modell des Geschäftsmannes wie bei Koons oder Hirst oder des genialen Kindes wie bei Meese werden ja selten von Frauen verkörpert.

Ich denke nicht, dass es sich hier per se um Rollen handelt. Koons ist einfach sehr authentisch. Wer ihn mal erlebt hat, spürt, dass er beglücken, geradezu bekehren will. Klar ist er ein knallharter Sales-Typ, aber das ist echt, nicht gespielt. Die Geste des oft bemühten Malerfürsten kann eben erst einmal nur die eines Mannes sein. Deshalb haben mich damals die Arbeiten von Katharina Grosse so stark beeindruckt. Sie nimmt sich einfach den Raum und stellt mit ihrer Sprühpistole eine riesige Behauptung auf. Das muss man erst mal machen, gerade als Frau und dazu über Jahrzehnte hinweg, in denen man eigentlich nicht malte. Aber natürlich gibt es immer bestimmte Künstlerimages. Jorinde Voigt zum Beispiel vereint die arbeitsbesessene Künstlerin, die – zugegeben - attraktive Frau sowie die erfolgreiche Mutter.

Beobachtungen des Kunstmarktes erwecken den Eindruck, dass Männer schneller Karriere machen, beziehungsweise höhere Preise erzielen als Frauen. Ist der aufsteigende Stern am Markthimmel ein männliches Phänomen?

In der jüngeren Kunstgeschichte stimmt das sicherlich, denkt man nur an Sigmar Polke, Gerhard Richter, Konrad Lueg oder Manfred Kuttner, alles Männer. Es gibt leider noch immer weniger Starkünstlerinnen als Starkünstler, durch deren Vergleich sich Käufer eine Wertsteigerung von noch jüngeren Künstlerinnen ausmalen könnten. Aber je mehr Frauen oben ankommen, desto schneller werden sich auch die Karriereoptionen für Nachfolgerinnen positiv verändern.

»Mütter müssen kämpfen«

Annette Kelm, Institut für Zeitgeschichte-Archiv, Bestand Hannelore Mabry/ Bayerisches Archiv der Frauenbewegung, Signatur ED 900, Box 403 Nr. 2. Körperüberhang: "Weder rot noch tot: Gewaltlos für den Feminismus kämpfen!" und "Mit Bertha von Suttner - Die Waffen nieder! Dafür kämpft DER FEMINIST.", 2014, 2 gerahmte C-Prints

Verlaufen Verkaufsgespräche über das Werk einer Künstlerin anders?

Ich erinnere mich an ein Gespräch vor einigen Jahren mit einem Sammler bezüglich eines Werks von Annette Kelm. Es ging ganz allgemein um Fragen des Wertzuwachses, dann aber eben auch um das Risiko, dass ihre Kariere ein jähes Ende nehmen könnte, würde sie demnächst Kinder kriegen. Der Sammler hat das Bild schlussendlich nicht gekauft, was ich nicht bedauert habe. Manche sehen in Müttern leider noch wenig Geniehaftes, aber der biologische Unterschied des Kinderkriegens ist nun mal der einzige Faktor, den wir nicht ändern können. Künstlerinnen, die bereits Mütter sind, müssen leider oft mehr kämpfen als Künstler-Väter, dafür aber sind sie häufig besser organisiert und reflektiert. Ich kenne Frauen, die gerade durch das Kinderkriegen noch mehr Ehrgeiz entwickelt haben. Gar nicht so selten werden sie dabei auch von ihren Partnern aufgefangen und unterstützt, um mehr Zeit für ihre Arbeit zu haben. Das gibt es alles. Vielleicht an dieser Stelle noch mal kurz zurück zu Annette Kelm: Sie hat mittlerweile zwei Kinder, feiert nächstes Jahre eine große Ausstellung in der Kestnergesellschaft und ist in den Sammlungen von Guggenheim, MoMA, Centre Pompidou und Tate vertreten! Bis auf das Kunstmuseum Stuttgart aber haben die deutschen Museen hingegen bisher geschlafen.

Ingvild Goetz und Julia Stoschek
art sprach mit Julia Stoschek und Ingvild Goetz – ein Gipfeltreffen der Supersammlerinnen in München

Gender-Ausstellungskonzepte sind gerade groß in Mode. Handelt es sich dabei um fortschrittliche Ideen oder doch wieder nur um positiv verpackte Diskriminierung?

Ich glaube nicht, dass uns der spezifische Frauen-Fokus langfristig weiterbringt, wobei es da natürlich Ausnahmen gibt, denken wir beispielsweise an bedeutende historische Ausstellungen wie "Power Up – Female Pop Art", die genau das nachholten, was bis dato übersehen wurde. Frauen hatten, das muss man klar sehen, keinen leichten Stand. Die Popart-Künstlerin Kiki Kogelnik, deren Nachlass ich vertrete, war in einer Peergroup mit Roy Lichtenstein, Andy Warhol und Claes Oldenburg, aber eben als Frau. Künstlerinnen waren viel zu häufig die sexy Maskottchen der Künstler, die man seinem Galeristen vorstellte, oder auch nicht, und die dafür zu sorgen hatten, dass die Künstlerpartys hübsch wurden. Das klingt jetzt vielleicht etwas respektlos, aber genau so formulierte es mal die Atelierkollegin von Kiki Kogelnik, Carolee Schneemann.

Wie sieht es denn mit der anderen Seite aus – treten mehr männliche oder weibliche Käufer an Sie heran?

Das ist wirklich ziemlich ausgewogen. Nur Monumentalkunst wird häufiger von Männern produziert und auch häufiger von Männern gesammelt.

Muss man dann überhaupt noch über Frauen und den Ausstellungsbetrieb, beziehungsweise den Kunstmarkt sprechen? Wo gibt es noch Veränderungsbedarf?

Eigentlich bin ich kein Freund der Frauenquote, aber ich fände es okay, wenn es sie solange gibt, bis sich das Verhältnis normalisiert hat. In jedem Fall sollten die deutschen Museen mehr Frauen sammeln. Das steht fest. Denn in den institutionellen Einkäufen sind sie noch immer unterrepräsentiert. Wie fragten die Guerrila Girls? “Do Women Have To Be Naked To Get Into the Met Museum?” Vielleicht liegt es daran, dass diese Entscheidungen größtenteils von Männern getroffen werden? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, aber eine temporäre Quote könnte ein Ansatz sein.

Galerie Johann König

Neben Präsentationen von Daniel Turner und Andreas Schmitten in St. Agnes zeigt Johann König zur Berlin Art Week unter dem Titel "Other People's Feelings" in der Dessauer Strasse eine Gruppenausstellung mit Arbeiten der Künstlerinnen Camille Henrot, Alicja Kwade, Annette Kelm, Kiki Kogelnik und Mariechen Danz.

  • St. Agnes, Alexandrinenstr. 118–121, 10969 Berlin
  • Dessauerstr. 6–7, 10963 Berlin