Wolfgang Ullrich im Interview

Sammler – die neuen Aristokraten

Der Hype auf dem internationalen Kunstmarkt hält an, aber nicht mehr die Kritiker, sondern hauptsächlich die Sammler bestimmen, was gut und teuer ist. Was heißt das für die Museen? Was bedeutet es für Sammler?
Sammler – die neuen Aristokraten

Wenn Kunstsammler die neuen Aristokraten sind, dann sind sie wohl die neuen Schlosser: Privatmuseen wie die von Frank Gehry gebaute Fondation Louis Vuitton bei Paris.

Längst sind private Sammler die Mächtigen im Kunstgeschäft, nicht mehr die öffentlichen Museen. Im Gespräch erklärt der Kulturwissenschaftler und Autor Wolfgang Ullrich («Siegerkunst»), warum er das so sieht.

Wie erklärt sich das hohe Ansehen von Sammlern?

Wolfgang Ullrich: Mein Verdacht ist, dass sie so eine Art role model für ambitionierten Konsum sind. Sie beschäftigten sich mit etwas relativ Kompliziertem, das noch nicht so ganz etabliert ist; sie gehen ein Risiko ein, mit dem man vielleicht auch sensationelle Gewinne machen kann; und sie etablieren neue Trends, die sich noch nicht durchgesetzt haben. Alle wollen solche tollen Konsumenten sein.

Berlin hat keine Ahnung vom Geldverdienen
Johann König und Max Mayer waren von Kindesbeinen an in der Kunstwelt zu Hause. Jetzt sind die Söhne von Kasper König und Hans Mayer junge Galeristen (in Berlin und Düsseldorf) und verrieten uns, was Köln Berlin noch immer voraus hat

Welche Rolle haben Sammler für die Kulturszene?

Die Sammler entziehen den öffentlichen Institutionen zunehmend die Deutungshoheit über die Kunst, weil sie das Geld haben und nicht die Museen. Heute bestimmen die privaten Sammler, welcher Künstler wie viel Ansehen hat, welchen Marktwert und welche Präsenz. Weil in unserer Gesellschaft immer am meisten gilt, wenn jemand auch Geld für etwas ausgibt, haben die Sammler eine so hohe Autorität: Sie legen durch ihr finanzielles Engagement die massivste Form von Bekenntnis ab.

Sammler – die neuen Aristokraten

Kulturwissenschaftler und art-Kolumnist Wolfgang Ullrich

Das klingt nicht gerade demokratisch...

Das Ansehen von Kunst bestimmt sich heute vor allem über den Preis, nicht über inhaltliche Kriterien. Und ich sehe nicht, dass es im Moment eine Gegenentwicklung dazu gibt. Es war ja bis weit ins 18. Jahrhundert hinein so, dass die Reichen und Mächtigen bestimmt haben, was Kunst ist. So etwas wie eine Kultur des Urteilens und des Rezensierens ist erst im 19. Jahrhundert entstanden. Und im Moment haben wir Indizien, dass diese Zeiten eher vorbei sind. Die Sammler werden die neuen Aristokraten dieser Welt.

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Wolfgang Ullrich

Wolfgang Ullrich, geboren 1967 in München, ist Autor, Kulturwissenschaftler und Berater. Nach Gastprofessuren in Hamburg und Karlsruhe war er von 2006 bis 2015 Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Seither ist er freiberuflich tätig. Im März erschien sein Buch "Siegerkunst. Neuer Adel, teure Lust". Für art - das Kunstmagazin schreibt er das monatliche "Bildseminar".

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