Gisela Capitain im Interview

Heute denken, morgen fertig

Wie tickte Martin Kippenberger? Gisela Capitain war eine der engsten Vertrauten des legendären Künstlers und feiert jetzt das 30-jährige Bestehen ihrer Galerie mit einer Kippenberger-Schau. Ein Gespräch über Spielschulden, Kalauer und warum der Weg des stärksten Widerstands für Kippenberger der richtige war.
Heute denken, morgen fertig

Gisela Capitain mit Martin Kippenberger in der Ausstellung "Petra", 1987

art: Sie waren Grundschullehrerin in Berlin als Sie 1977 Martin Kippenberger begegneten. Wie kam es dazu?

Gisela Capitain: Ich habe Kippenberger über meine ältere Schwester in einer Fabriketage beim Mau Mau-Spielen kennengelernt. Das war sein Lieblingsspiel und das wurde auch in diesem Moment mit Freunden gespielt.

Immer mit Einsätzen, oder?

Mit Einsätzen, die Rotwein hießen. Ich musste noch am selben Abend meine Spielschulden bezahlen, und zwar im heute legendären Restaurant "Exil" in Kreuzberg.

Haben Sie danach gleich angefangen, gemeinsam nach einer Bleibe für "Kippenbergers Büro" zu suchen?

Kippenberger wollte einen eigenen Ort haben, um das unternehmen zu können, was ihm vorschwebte. Er wollte zu dieser Zeit Entrepreneur sein, alles andere sein als ein traditioneller Maler. Wir sind in Berlin auf die Suche nach einem dafür passenden Raum gegangen und haben an einem Nachmittag das Beste gefunden, was uns begegnen konnte, eine Büroetage in einem sehr schönen Bauhaus-Gebäude von Max Taut. Damit begann das Programm: "Kippenbergers Büro".

War das eine Verballhornung von Warhols Factory?

Es war eine Hommage. Kippenberger war ein großer Verehrer von Warhol und dessen Factory-System. Ihm gefiel daran, dass alles sehr offen war, dass sich vieles integrieren ließ, dass viele daran teilnehmen konnten, dass man nicht nur eine Sache bediente und so seinen Namen in die Welt setzt.

Widerstandsfähig
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Waren sie dort so etwas wie Bürovorsteherin?

Eher Mitorganisatorin. Das lief nach einem scheinbar sehr simplen Prinzip: Heute denken, morgen fertig, wie Kippenberger das in einem seiner Bildtitel formulierte. Es gab eine Idee und die wurde ausgeführt, für ein Programm im "SO 36", für ein Plakat, einen Flyer oder ein Buch. Damit ging er zum Drucker, dann wurde das schnellstmöglich umgesetzt und verteilt. Ich habe geholfen, Ausstellungen vorzubereiten oder die Eröffnungsparty des Büros zu organisieren. Da gab es Konzerte, Kunst an von Kippenberger entworfenen Stellwänden, aber auch eine folkloristische Tanzaufführung meiner türkischen Schülerinnen. Seit dieser Zeit habe ich seine persönlichen und geschäftlichen Angelegenheiten betreut. 

Haben Sie die Kunst eigentlich durch Kippenberger kennengelernt?

Im Grunde ja. Ich hatte ein gewisses Gespür dafür, aber streng genommen keine Ahnung von Gegenwartskunst. Er war mein erster Lehrer und der beste.

Und was haben Sie von ihm gelernt?

Er hatte keine Scheu etwas zu riskieren, keine Angst vor dem Scheitern. Seine Devise war:  Man will es wissen, man macht es einfach mit der größtmöglichen Konzentration. Und man entwickelt auch etwas diametral anderes zu dem, womit man schon Erfolg hatte. Es gab genau diesen Moment, als er 1986 aufhörte zu malen und stattdessen 1987 seine ersten Skulpturen bei Max Hetzler ausstellte. Nur Wenige haben diesen Schritt verstanden, der Großteil der Kunstszene war entsetzt: Wie kann sich ein Künstler erlauben, auf diese Art und Weise Skulpturen "zusammenzuzimmern". Für mich war dabei extrem wichtig, wie bewusst er sich als Künstler war, in welcher Tradition er steht, wie klar und präzise er das analysieren konnte und wie er mit was darauf reagierte.

Wobei man beim kalauernden Kippenberger meist erst mal denkt, dem ist alles egal und nichts heilig.

Das schien nur so. Was ihm heilig war, war die Kunst, obwohl sein Werk offensichtlich die gegenteilige Wirkung hervorgerufen hat. Es war wie eine falsche Fährte, die er gelegt hat, und wenn man darauf reingefallen ist, hatte das mehr mit einem selbst als mit Kippenberger zu tun. Wenn Sie sein Werk als Ganzes betrachten, finden Sie auch dort, wo er kalauert, eine extrem vielschichtige Vorgehensweise. 

Sind sie Kippenberger eigentlich nach Köln gefolgt?

Nein. Max Hetzler, der damals Kippenbergers Galerist war, fragte mich 1983, ob ich in seiner neuen Galerie in Köln anfangen wollte mitzuarbeiten. Bei ihm und Bärbel Grässlin, seiner damaligen Geschäftspartnerin, habe ich das sogenannte Galeriegeschäft gelernt. 

art - Das Kunstmagazin
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