Galerienrundgang - Zürich

Vernissagen-Marathon in drei Etappen

Kühlen Weißwein schlürfen, mit anderen Besuchern diskutieren und jede Menge Kunst schauen – das ist der traditionelle Galerienrundgang in Zürich

Hinter Bergen verglüht die Sonne, der Nebel leuchtet giftgrün über den Tälern, vom Himmel strahlen die Sterne. „Fluoreszierende Nebelmeere“ hat Andreas Züst die Fotografien genannt, die er zumeist im Zürcher Oberland gemacht hat. Der Fotograf, der nebenher auch die halbe Schweizer Kulturszene porträtiert hat, ist 2000 mit 53 Jahren gestorben. Die surreal übersteigerten Farben seiner Bilder strahlen zur Eröffnung der Zürcher Kunstsaison in der Galerie Marlene Frei (bis 13.10.). Rechtzeitig zum jährlichen Rundgang, zu dem knapp 50 Galerien an drei Tagen eingeladen haben, hat sich der Sommer zurückgemeldet. Vor dem Hinterhofgebäude sind Tische und Bänke
aufgestellt, wo die Vernissagegäste ihren gekühlten Weißwein schlürfen und diskutieren können.

Die Galerie liegt im ehemaligen Arbeiterviertel Aussersihl, gleich hinter dem Gleisfeld des Hauptbahnhofs. Hier wohnen Afrikaner neben Indern und Schweizern, Muslimas mit Kopftuch sind ebenso in den Straßen wie Sexarbeiterinnen aus vielen Ländern. In dem heutigen Rotlichtviertel um die Langstraße, einst ein berüchtigter Drogentreff, wechseln Sexshops und Striplokale mit Cafés, Boutiquen und Trendläden. Die Seidenfirma Fabric Frontline hat hier einen Shop mit japanischen Textil-Katzen im Schaufenster.

Stargalerist Ivan Wirth (Hauser & Wirth) baute ein paar Ecken weiter eine Festung aus Glas und Beton, bevor er mit seiner Familie ins noch angesagtere London zog. In dem bunten Gemisch haben ein Dutzend Galerien Räume bezogen, die ihr Programm noch suchen oder die rauere Atmosphäre dem gepflegten Schick des internationalen Kunstbusiness vorziehen, der das Löwenbräu-Areal um Kunsthalle und Migros-Museum prägt.

Stephan Witschi zeigt in einer Wohngalerie doppelfigurige Frauenakte mit Mehrfachgesichtern in Öl von Chantal Wicki, die den Auftakt zu einer Trilogie der Künstlerin bilden sollen (bis 19.9.). In der früheren „Römerapotheke“ zeichnet und malt Simon English „The sweetest hangover“ auf cartoonartige Bilder, und Christian Weihrauch lässt mit Farbstiften Naturfantasien aus Badewannen und Interieurs wachsen; eine gezeichnete Unterhose ist mit einer unberührten Landschaft mit Fluss und Eingeborenem gefüllt (bis 20.10.). Noch exotischer geht es ein paar Straßen weiter bei Haas & Fischer zu: Da lässt die New Yorker Künstlerin Chitra Ganesh in süßlichen Wandbildern und derben digitalen Collagen die hinduistische Mythologie in weiblichen Verführungsszenen aufgehen (bis 20.10.).

Bei Susanna Kulli findet weniger die Exotik als die Fremdheit der sozialen Realität einer anderen Kultur ins Bild. Die in Seoul geborene und in Antwerpen arbeitende Fotografin Vanessa van Obberghen zeigt auf teilweise in Bildkästen mehrfach übereinandergelegten Schwarz-Weiß-Fotografien Zimmer und Straßensituationen aus Dakar, die auf eine religiöse Zeremonie bezogen sind (bis 6.10.). Klodin Erbs schnell gemalte Bilder geben bei Staubkohler dem bürgerlichen Interieur und seinen Bewohnern eine ungemütliche Fremdheit (bis 13.10.). Bei Beatrice Liaskowski (Havana Galerie) bringen José Emilio Fuentes und Ruslan Torres mit Blechkörpern und Bildern, welche abstrakte Formen und Figuren mischen, ein Gefühl der Beklemmung aus dem kubanischen Alltag zum Ausdruck (bis 17.11.).

Der gestandene Schweizer Künstler Anselm Stalder fängt bei Elisabeth Kaufmann in vielschichtigen Textbildern auf eher poetische Weise gesellschaftliche Widersprüche ein (bis 13.10.). San Keller, der Aktionist unter den jungen Schweizer Künstlern, trägt diesmal keine Besucher durch die Gegend, sondern zeigt bei Brigitte Weiss Fotos von Schleckereien, die er in den Auslagen von Konditoreien in Italien aufgenommen hat (bis 6.10.). Ihren Preis setzte er gleich mit ins Bild, indem er den Punkt zwischen Euro und Cent vom Preisschild retouchiert hat.

Diese ironische Selbstreflexion auf Kunst finden die Kunstwanderer wieder, wenn sie sich auf die andere Seite der Gleise begeben und die Stufen der ehemaligen Löwenbräu-Brauerei emporsteigen. Hier, im weltweit bewunderten Zentrum für Gegenwartskunst in der Stadt, zeigt die Kunsthalle Fotografien von Christopher Williams und eine Installation der Künstler von Reena Spaulings (bis 28.10.), die bis hin zur Teilnahme an der Art Basel eine Galerie als Kunstprojekt betreiben, dazu verschiedene Künstler einladen und unter meist weiblichen Namen präsentieren; in Zürich ist eine Suite von Galeristenporträts zu sehen. Williams, der in Los Angeles lebt, geht dagegen subtiler vor und spielt mit 28 betont nüchternen Fotografien die Geschichte des Mediums wie der zeitgenössischen Kunst durch; ein tägliches Radioprogramm greift über die Ausstellung hinaus in den Alltag. Zu Williams’ auf den Punkt exakter Inszenierung könnte der Gegensatz nicht größer sein, den Olaf Breuning einen Stock tiefer im Migros-Museum schafft (bis 21.10.): Eine Überfülle aus Transportkisten umrahmt Skulpturen aus Baumstämmen, Sushi-Männchen aus Wachs und einer Schaukel mit Skelett und Frau aus Keramik. Der Zeitgeist offenbart sich hier als drängende Masse einstürmender Impressionen.

Besonders eindrücklich sind die Arbeiten, die der albanische Video- und Fotokünstler Adrian Paci bei Peter Kilchmann zeigt: Immigranten warten dicht gedrängt auf einer Gangway, die einsam auf einem Flughafen steht, während ringsum die Flieger starten und landen (bis 29.9.). Danach betrachtet man die totemistischen Arbeiten Jimmie Durhams in den edlen Räumen von De Pury und Luxembourg eher distanziert auf ihr handwerkliches Geschick (bis 27.10.). Und der türkische Künstler Haluk Akakçe wirkt bei Bob van Orsouw mit seinen Bildobjekten aus Spiegelglas und hellblauen und grauen Kunststoffflächen extrem unterkühlt, als sollte der Designtouch einen Schutzschild bilden (bis 13.10.).

Dieser Effekt stellt sich umso mehr ein, wenn man die grottenartigen Aushöhlungen in Erinnerung behält, die Rachel Kheedori in ihren neuen Skulpturen bei Hauser & Wirth gleich beim Eingang des Löwenbräu zeigt (bis 13.10.). Eine ähnliche Körperlichkeit spürt man in Dieter Roths manischen Zeichnungen, für die Eva Presenhuber einen eigenen Raum eingerichtet hat (bis 13.10.). Sie legen eine innere subjektive Intensität des Künstlers offen, von der die Gemälde von spärlich bekleideten Partygästen des Amerikaners Terry Rodgers, die man schräg über die Straße bei Nicola von Senger vorfindet (bis 20.10.), so frei bleiben, dass ihr Kitsch schon fast wieder melancholisch stimmt.

Da ist man froh über die Luft, die einem am nächsten Tag die Malerei und Fotografie lässt, die einige Galerien im Zentrum zeigen. Marcus Knupps nähert sich auf den Bildern bei Arndt & Partner als Kind amerikanischer Eltern der deutschen Heimat mit Rückgriffen auf die Pop Art (bis 29.9.). Der Schweizer Uwe Wittwer gibt seinen gemalten Personen bei Haunch of Venison durch das Umkehrprinzip der Fotografie etwas Geheimnisvolles (bis 29.9.).

Das erzielt auch der Fotograf Roe Ethridge bei Mai 36, indem er Alltagssujets auf Großformate aufbläst (bis 29.9.). Und Jamileh Weber lässt von Michael Biberstein bis zu Hanspeter Hofmann eine ganze Garde Schweizer Maler paradieren (bis 29.9). Wer Klassiker sucht, wird dagegen bei Andrea Caratsch fündig (bis 19.10.): Der Kunsthändler zeigt von Picasso Variationen zum Thema Maler und Modell. Und nicht zuletzt bietet Louise Nevelson, eine Grand Old Lady der amerikanischen Kunst, bei Gmurzynska am Paradeplatz den Bankern der Geldinstitute gegenüber Gelegenheit, selber einmal Kunstwerke anzuschauen (bis 29.9.), für die sie ihren Kunden sonst eher nur die Mittel beschaffen.