Saisonstart - Frankfurter Galerien

Marathon durch Frankfurts Galerien

Das lange Wochenende zum Beginn des Kunstherbsts bewies: Frankfurt ist für Kunstliebhaber nach wie vor eine interessante Adresse
Die Herbstsaison hat begonnen:Eröffnungs-Marathon der Kunsthändler

Vernissage bei Parisa Bouchet (Galerie Parisa Kind) mit der Ausstellung von Trenton Duerksen

„Was geschah am 86. Tag in Frankfurt und welche Rolle spielte Marko E., männlich, dabei?“ Wir wissen es nicht. Fraglich ist auch, ob Marko Lehanka es weiß, dessen Arbeit die Galerie von Martina Detterer zum 13. Saisonstart Frankfurter Galerien präsentiert – eine alljährliche, dreitägige Veranstaltung.

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Strecken Teaser

Zwar ist der Computer, der hier (ganz ähnlich wie derzeit auch in Münster bei den "Skulptur Projekten") eigene Geschichten kreiert, von dem Frankfurter Künstler eigens programmiert worden. Auf das Ergebnis hat Lehanka jedoch nur bedingt Einfluss. „Im Speiselokal zum ängstlichen Seeadler gibt es heute marinierte Fleischbällchen von der Lachsforelle auf Schwertlilien“, heißt es grammatikalisch korrekt an anderer Stelle, und das passt ganz ausgezeichnet zum schrägen Universum Lehankas, das sich – wie stets – aus absonderlichen Skulpturen zusammensetzt. Da kackt zum Beispiel eine Krähe auf eine gigantische Kartoffel, und ein Gipseichhörnchen präsentiert ein Ortsschild namens „I very like Marko Lehanka“ (bis 13.10.).

Ähnlich charmant ist womöglich allenfalls eine Arbeit namens „Psycho“, die Franz West zusammen mit Marcus Geiger und Otto Kobalek hervorgebracht hat. „Ehe Sie sich im Spiegel betrachten, benetzen sie sich mit ,Psycho’, Sie werden ein Wunder erleben“, verspricht ein Schild auf einem Spiegelsockel. Präsentiert wird das Werk derzeit in der Galerie von Bärbel Grässlin, die Spiegel-Arbeiten von Künstlern wie Herbert Brandl, Tobias Rehberger und Martin Kippenberger zusammengestellt hat (bis 8.9.). Die neuen imposanten Galerieräume in der Schäfergasse, die Bärbel Grässlin erst vor wenigen Monaten bezogen hat, spiegeln und vervielfachen sich so auf das Effektvollste. Und machen die nicht gerade glamouröse Innenstadtlage voller billige Fast-Food-Buden auf Anhieb vergessen.

Parisa Bouchet (ehemals Parisa Kind) hat sich aus ihrem Domizil in der Fahrgasse verabschiedet, um in Sachsenhausen eine luftige Hinterhofgalerie zu eröffnen. Derzeit zeigt dort der Amerikaner Trenton Duerksen eine Auswahl seiner verspielten Figuren, die irgendwo zwischen Barock und geometrischen Minimalismus angesiedelt sind.

Umgezogen ist auch die Galerie Bernhard Knaus Fine Arts – und zwar von Mannheim nach Frankfurt. Dass die stilvollen Altbau-Räume mitten im Bahnhofsviertel liegen, stört den Kunsthändler überhaupt nicht. Generell ist ja in Frankfurt ein Trend zur Dezentralisierung zu beobachten: Galt vor zehn Jahren noch die Braubachstraße als Kunstmeile, die dann im Laufe der Jahre von der Hanauer Landstraße und schließlich von der Fahrgasse abgelöst wurde, so legen vor allem die bedeutenderen Galerien mittlerweile mehr Wert auf die Raumwirkung als auf Adresse und Synergieeffekte.

Frankfurt allerdings ist für Kunstliebhaber offenbar nach wie vor einen interessante Adresse. Die meisten seiner Sammler seien schlicht häufiger in Frankfurt als in Mannheim, erklärt Bernhard Knaus seinen Umzug, da habe man halt die Stadt gewechselt. Im Gepäck hat der Kunsthändler, der nun als einer von 43 Galeristen beim Saisonstart dabei war, nicht nur weltweit renommierte Künstler wie Daniele Buetti, sondern auch weniger bekannte Maler und Fotografen wie Christan Hagemann, dessen Fotografien zersplittertes Eis auf der Straße, einen ausgeschütteten Eimer voller Kippen und Kronkorken oder benutzte Servietten zeigen, Fotomotive also, die ein vergangenes Geschehen suggerieren.

Gerade eben noch scheinen hier Menschen einer alltäglichen Tätigkeit nachgegangen zu sein. Dann, so scheint es, haben sie ihre Häkelarbeit, die Servietten am Tisch oder ihre zerwühlten Schlafsäcke einfach liegen gelassen. In Wahrheit sind die Motive des Kölner Fotokünstlers sorgfältig arrangiert und verweisen auf die Tradition der Stilllebenmalerei des Barocks. Die Fotografien von Ralf Peters wiederum leben von dem Kontrast zwischen Motiv und Format. Eine Wiese mit Baum presst Peters zum Beispiel an den unteren Rand eines extremen Hochformats, so dass der blasse Himmel wirkt wie ein großes Farbfeld (bis 29.9.).

Ähnlich wie Ralf Peters verwendet auch Jörg Sasse den Computer, um die Bildaussage noch stärker auf den Punkt zu bringen. Und forciert damit nur, was ohnehin im Wesen der Fotografie liegt: die Inszenierung – oder die Lüge, wenn man so will. Allerdings sind die Bildmotive des Becher-Schülers häufig so banal, dass man zunächst gar nicht darauf käme, dass hier jemand einen Eindruck zugespitzt haben könnte, eine Rolltreppe zum Beispiel oder ein Stück Wald. Ausgangsmaterial für seine Bilder sind gefundene Amateur-Schnappschüsse, die er digitalisiert und bearbeitet. In seinen aktuellen Arbeiten, die derzeit in der Galerie von Wilma Tolksdorf zu sehen sind (bis 31.10.), ist die Manipulation meist ungewohnt schnell zu erkennen. Etwa, wenn ein offensichtlich still stehender Zug mit Verwischungen an den Gleisen kontrastiert oder eine farbig seltsam überzeichnete Burg auf einem unscharfen Ackerfeld voller Traktorspuren steht.

Auch Begoña Montalbán bedient sich für ihre Fotoarbeiten ganz offensichtlich des Computers. Bei ihren weiblichen Modellen entfernt die Spanierin sämtlich Haare. So kommt es, dass die an den Körpern komplett weiß geschminkten Figuren aussehen wie geisterhaft-entrückte Schaufensterpuppen, die man in vergitterte Kulissen gestellt hat. Es verwundert einen nicht, zu erfahren, dass die Künstlerin früher einmal als Krankenschwester gearbeitet hat. Zu sehen sind die Fotoarbeiten in der Galerie Raphael 12 (bis 6.10.).

Farbenfroh und gar nicht aseptisch wirken hingegen die wunderbaren Wandmalereien Monique van Genderens in der Galerie Voges + Partner. Wenngleich Malerei vielleicht nicht ganz der passende Ausdruck ist. Stellenweise handelt es sich nämlich um glänzende, leuchtende oder auch glitzernde Folien, die in abstrakte Formen geschnitten und auf die Wände appliziert wurden, wo sie ein dynamisches Eigenleben entfalten. Ein Problem, mit dem sämtliche Künstler bei Uli Voges konfrontiert werden, hat die amerikanische Malerin übrigens souverän gelöst. In den imposant-repräsentativen Altbauwohnräumen befindet sich ein Piano. Van Genderen schuf kurzerhand einen Hocker dafür – aus Walnussholz und mit einem in den Sitz integrierten Skizzenbuch (bis 13.10.) voller floraler Aquarelle.