Kim Heirston - Interview

Ich weiß, wo das Fleisch und die Milch stehen

Kim Heirston, 44, gilt weltweit als eine der einflussreichsten Kunstberaterinnen. Schon bevor die großen Kunstmessen ihre Türen öffnen, weiß die Yale-Absolventin, was auf jedem Stand gezeigt wird. Nach einem erfolgreichen Messetag hat sie Dutzende Werke vermittelt. Die Kunsthistorikern hat bei Pace Wildenstein gearbeitet, war Direktorin der Stux-Galerie und führt seit 1992 als selbständige Beraterin durch den Kunst-Dschungel. Ihren Kunden verschafft sie Zugang zu Spitzenwerken. 1995 riet sie einem von ihnen, ein Formaldehyd-Schaf von Damien Hirst zu kaufen– für 45 000 Dollar. 2006 wurde das Werk bei Christie’s für 3,4 Millionen Dollar versteigert. art traf Kim Heirston am Rande der Londoner Kunstmesse "Frieze" zum Interview.

art: Wie fühlen Sie sich nach drei Messe-Tagen auf der "Frieze"?

Müde. Aber es war extrem erfolgreich für mich. Und ich habe nebenbei noch zwei Kunstwerke in New York verkauft, ohne dass ich selbst dort war. Ein Kunde in Washington hat sich für eine Arbeit von Richard Diebenkorn entschieden, die ihm die Galerie zum Probehängen geschickt hatte. Ein anderer Kunde in New York hat ein Gemälde gekauft, ohne es live gesehen zu haben. Ich habe ihm vor ein paar Tagen eine Email mit dem Bild geschickt. So soll es sein! (lacht).

Wie haben Sie sich auf die "Frieze" vorbereitet?

Mein Team und ich haben alle Galerien kontaktiert.

Alle?

Na ja, das ist leicht übertrieben. Aber ich mache Witze darüber, dass ich schon vor der Eröffnung weiß, wo welcher Stand ist und was ausgestellt wird. "Frieze" ist vorhersehbar, kein Ort für große Entdeckungen. Ich meine das nicht negativ, aber es ist fast wie in einem Supermarkt: ich weiß wo das Fleisch und die Milch steht. Ich finde gute Arbeiten von Thomas Struth und Garry Hume – für jemanden wie mich ist das hilfreich.

Welche Kunden haben Sie?

Industrielle, Wall Street-Spekulanten, Oligarchen oder Hollywood-Mogule. Aber auch Kreative wie die Autoren Salman Rushdie, Tom Clancy und die Modedesignerin Kate Spade. Die meisten von ihnen sind extrem busy. Aber: Ich bin nicht im Spekulations-Business. Wenn ich merke, dass jemand spekulieren will, zögere ich, ihnen Spitzenwerke vorzustellen. Sie könnten sie zu schnell auf den Auktionsmarkt werfen und so Galerie und Künstler schaden.

Was macht Sie unersetzlich?

Es gibt steinreiche Menschen, die ein bestimmtes Bild kaufen möchten. Wenn ich es reserviert habe, nützt ihnen ihr Geld nichts. Manchmal fragen mich meine Kunden, warum ich ihnen so wenig Vorschläge mache. Ich treffe eine sehr kleine Auswahl wirklich guter Werke die genau zum Sammlerprofil passen.

Gehen sie mit einer Einkaufsliste auf die Messe?

Nein, ich habe eine wage Vorstellung, auf welche Kunstwerke ich mich konzentriere – diesmal mit Erfolg. Ich mache mal einen Rundumschlag: ich habe einige Arbeiten von Thomas Struth gekauft, einen Jeff Wall, ein Streifenbild von Ugo Rondinone, den ich 1998 für den amerikanischen Markt entdeckt habe, Silvie Fleury, Gary Hume und zwei Franz West. Ich selber habe einen türkisfarbenen Franz West. Außerdem habe ich eine Video-Projektion von Jennifer Steinkamp bei Lehmann-Maupin gekauft – fantastisch!

Und ihre Kunden haben Sie dabei ständig am Telefon?

Ja, in einigen Fällen schon. Aber bei der Preview der "Frieze" hatte ich persönlich Termine mit sieben meiner Kunden. Museumskuratoren, Sammler, aber auch Menschen, die gerade anfangen zu sammeln wie ein junger Russe. Für ihn war es die erste Kunstmesse überhaupt.

War auch etwas für Sie dabei?

Ja, ich habe eine Arbeit von Vincent Tavenne bei Giti Nourbakhsch gekauft. Er war mir völlig unbekannt. Aber mein Instinkt hat mich noch nie im Stich gelassen. Ebenso überzeugt war ich, als ich eine der ersten „drawing restraint“-Installationen von Mathew Barney sah, lange bevor er eine Ausstellung bei Barbara Gladstone hatte. Ich kenne ihn aus Studienzeiten in Yale. Im Moment ist viel von ihm auf dem Markt. Und sobald ich mit dem Interview fertig bin, laufe ich zu seiner Show in der Serpentine Gallery.

Wenn ein Deal zustande kommt, berechnen Sie der Galerie eine Vermittlungsgebühr: 10 Prozent vom Verkaufspreis des Kunstwerks. Wie finanzieren sie davon Ihren glamourösen Lebensstil?

Glamourös - ich weiß nicht was Sie damit meinen. Ich arbeitet sehr hart und kaufe sehr viel. Ich bin außerdem seit drei Jahren verheiratet, mit einem australischen Bauunternehmer. Früher war es leichter, höhere Kommissionen zu bekommen. Heute haben die Galerien das nicht mehr nötig. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Jede Galerie, die ein sehr gutes Werk anbietet, findet viele Käufer.

Wie viel nehmen sie durchschnittlich im Monat ein?

Ganz ehrlich, ich schaue mir die Zahlen nicht an – das weiß meine Buchführung.

Sie sind die erste, die außergewöhnliche Werke einer Galerie sieht, sie haben ein Vorkaufsrecht auf Messen, können Arbeiten reservieren. Sind das nicht Faktoren, die Sie an bestimmte Galerien binden?

Sicherlich gibt es Galerien, deren Programme ich anderen vorziehe. Wer würde Barbara Gladstone oder Marian Godmann nicht mögen – sie vertreten großartige Künstler. Aber ich habe keine Insider-Konditionen. Ich habe zeitliche Vorteile, keine finanziellen. Das möchte ich klar stellen. Ich habe einem Kunden zum Beispiel einen Thomas Struth aus einer Galerie angeboten, mit der ich oft zusammenarbeite und einen aus einer anderen, mit der ich kaum kollaboriere. Mein Kunde wollte den Struth aus der mir vertrauten Galerie. Ich fand den anderen besser. Ich bin dafür, Wohlstand zu verbreiten.

Was passiert, wenn ein Kunde nach wochenlanger Arbeit einen Rückzieher macht?

Ich gehe leer aus.

Um dem vorzubeugen, berechnen andere Kunstberater wie die New Yorkerin Thea Westreich Beratungsprovisionen...

Ich bin kein Anwalt. Ich möchte nicht für jede Minute meiner Zeit bezahlt werden. Ich habe nie das Gefühl mit einem Kunden, der nicht kauft, Zeit vertan zu haben. Denn jedes Mal wenn mir jemand eine Frage stellt, lerne ich etwas dazu.

Wer sind Ihre Konkurrenten?

Sie meinen, wer sind die Kunstberater, deren Arbeit ich schätze? Philippe Ségalot und Allan Schwartzman zum Beispiel. Thea Westreich ist mein großes Vorbild. Ich bin nie neidisch auf sie. Außer auf ihren Richard Prince, eines seiner Witz-Gemälde, das im Guggenheim hängt (lacht).

Bei Christies und Sotheby’s sieht man sie häufig in den ersten Reihen...

Ich bin kein besonderer Freund von Auktionen. Ich sitze nur im Saal wenn mich viele Arbeiten interessieren. Man nennt mich übrigens „the underbidder“, weil ich keine neuen Preisrekorde für Künstler setze. Amy Cappellazzo von Christie’s New York hat mal zu mir gesagt: Kim, du musst aggressiver sein! Worauf ich antwortete: „nein, meine Aufgabe ist es, einen guten Deal zu machen.“ Aber manchmal ist der Nervenkitzel, ein Werk zu besitzen mit dem man den Rest seines Lebens verbringt, stärker als die Vernunft.

Der Kunstmarkt ist zur Kunstindustrie geworden. Sollten Sammler Kunst nicht wieder in einer Umgebung erleben, die nicht marktdominiert ist?

Sicher. Messen sind wichtig, aber nicht optimal, um etwas über das Ouevre eines Künstlers zu lernen. Weil man die Arbeit eines Künstlers nicht im Dialog mit anderen seiner betrachten kann. Und weil man sich viel zu schnell entscheiden muss.

Wo liegt Ihr Fokus?

Auf Kunst nach den 60er Jahren und Vorkriegskunst. In letzter Zeit habe ich mich mit Joan Mitchell and Lee Krasner beschäftigt, zwei Künstlerinnen die lange unterschätzt wurden und noch erstaunlich günstig sind. Ich würde eher ein Krasner-Gemälde von 1957 für eine halbe Million Dollar kaufen als eine Arbeit von Elisabeth Pyton oder John Currin für die gleiche Summe. Es sind Künstler, an die ich glaube. Aber wenn ein Werk eines solchen Künstlers die Million-Dollar-Marke erreicht, sage ich: mal sehen, ob ich nicht etwas anderes für diesen Betrag bekomme.

Wissen Sie woran New Yorker Künstler gerade in ihren Ateliers arbeiten?

Jeff Koons lebt in meiner Nachbarschaft. Wenn ich ihm begegne, erzählt er mir, woran er gerade arbeitet. Aber generell wahre ich Distanz zu Künstlern. Ich verabrede mich nicht zum Lunch mit ihnen oder kaufe ihnen extra ein Bild ab, weil sie gerade ein Baby erwarten.

Für einen britischen Geschäftsmann haben Sie eine Arbeit von Cindy Sherman gekauft, die er nie gesehen hat. Vertrauen Ihnen Ihre Kunden blind?

Das hoffe ich. Das erhöht aber auch den Druck auf mich, exzellente Arbeit zu leisten. Ich habe den Punkt meiner Karriere erreicht, an dem ich entscheiden kann, mit wem ich arbeite. Die Chemie muss stimmen. Ich verbringe schließlich viel Zeit mit meinen Kunden.

Und wenn die Chemie nicht stimmt?

Dann sage ich, mach lieber alleine weiter. Ich möchte keine Nachmittage damit verbringen, jemanden von einem Künstler zu überzeugen. Das ist erschöpfend.

Also raten sie auch Kunden von einem Kauf ab.

Oh ja, ständig. Besonders seit der Markt so aufgeheizt ist, sage ich häufiger „nein“. Für einige klingt das so, als würde ich mir selbst ins Knie schießen.

Empfehlen sie Ihren Kunden chinesische Kunst?

Nein. Mein Verständnis und Zugriff für den chinesischen Markt ist noch nicht ausgereift. Ich habe einige der großen Namen wie Fang Lijun schon vor über zehn Jahren gekauft aber nur weil ich aus persönlichen Gründen in China war. Aber im Moment würde ich kein Millionen Dollar-Werk kaufen, weil ich nicht einschätzen kann, wie viele Bilder produziert werden und wie Galerien kontrolliert werden.

In Amerika ist es schick, sich von Spezialisten beraten zu lassen. Man lässt sich sein Apartment komplett einrichten und die Kunstsammlung zusammenkaufen. Haben Sie auch deutsche Kunden?

Nein, komischerweise nicht. Sie sind skeptisch gegenüber Kunstberatern. Ich habe britische Kunden, Italiener und natürlich Amerikaner. Ich glaube, die Deutschen schmücken sich damit, dass sie das Sammeln selbst in die Hand nehmen. Ich hoffe, ich beleidige jetzt keine ganze Nation, aber sie scheinen sich zwanghaft eine Unabhängigkeit bewahren zu wollen.

Glauben Sie, dass in zehn Jahren noch über die Leipziger Schule gesprochen wird?

Über Neo Rauch? (lacht). Oder Matthias Weischer? Das sind gute Künstler. Aber in zehn Jahren wird man kaum mehr über sie sprechen. Die Geschichte zeigt, dass aus jeder Kunstbewegung zwei, drei Leute hängen bleiben. Ich befürchte, dass die Anzahl der Künstler, die aus der Masse hervorstechen, abnimmt, je schnelllebiger die Bewegungen werden.

Apropos schnelllebig: Noch sieben Wochen bis zur Art Basel Miami. Wie bereiten Sie sich vor?

Wir recherchieren jetzt schon, was die Galerien mitbringen. Und ich organisiere eine Dinner Party für meine Kunden. In den letzten drei Jahren hatte ich Parties mit 60 bis 90 Gästen – eine Art Jahresmeeting. Diesmal mache ich etwas kleineres. Wahrscheinlich eine Party in der Privatvilla eines Kunden aus Miami, der mir gnädigerweise sein Estate angeboten hat.

Haben Sie eine eigene Sammlung?

Ja, in meinen Townhouse auf der Upper East Side füllen sich langsam die Räume.

Arbeiten Sie noch an Ihrem eigenen Ratgeber-Buch?

Oh, das liegt auf Eis, aber einige Kapitel sind schon geschrieben.

Welchen Rat geben Sie jemandem, der das erste Mal auf der Art Basel Miami ist?

Pace yourself! Finde Dein Tempo. Miami ist hektisch. Es sind weniger Galerien auf der Messe, keine Sadie Coles, keinen Jay Jopling. Vieles spielt sich in den Privatresidenzen wichtigen Sammler ab wie den Rubells. Und: Nie Hals über Kopf entscheiden! Der Druck ist oft so überwältigend, dass Menschen große Fehler machen.

Was ist ihr Ziel für 2008?

Der Kunst noch näher kommen, viel lesen, recherchieren, mehr Zeit in Ateliers verbringen und noch ehrgeiziger werden. Ach ja, und Kunden von mir bebauen ein großes Grundstück am Mittelmeer und wir haben Anish Kapoor, James Turell und John McCracken beauftragt, Skulpturen zu fertigen. Das wird spannend.